Efeu - Die Kulturrundschau

Das Fanatische fehlt komplett

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02.12.2020. Solange Wien so viele Zumutungen aushalten muss, wird Katharina Cibulka die Stadt schonen, erfährt der Standard von der Interventionskünstlerin. Der Tagesspiegel reist mit dem Omniversal Earkestra durch Mali. Die FAZ erkundet mit Tomohiko Itôs Animationsfilm "Hello World" die Liebe in Zeiten des Quantencomputers. Die stets kunst- und sachverständige Literaturredakteurin Angela Schader verabschiedet sich in edito.ch von der NZZ mit einem besorgten Blick auf die Zukunft der Kritik und der freien Mitarbeiter.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2020 finden Sie hier

Kunst

"Solange..." Foto: Katharina Cibulka

Die Künstlerin Katharina Cibulka hat eine neue Baustelle für ihre Interventionen gefunden, freut sich Katharina Rustler im Standard. Über dem Künstlerhaus am Karlsplatz prangt jetzt ein besticktes Transparent mit der Botschaft: "As long as the hope we spread is stronger than the fear we face, I will be a feminist.": "Anders aber als bei ihren bisherigen feministischen Baustellen-Installationen, in denen sie gesellschaftliche Missstände viel konkreter angesprochen hatte - wie beispielsweise 'As long the art market is a boy's club, I will be a feminist' auf dem Gebäude der Akademie der bildenden Küste -, ändert sich der Tonfall bei der neuen Intervention. Und wendet sich in eine hoffnungsvollere Richtung. 'Die Zumutungen der Pandemie fordern uns alle maximal. Das Attentat in Wien erschüttert mich zutiefst. Angesichts dessen, was wir in diesem Jahr durchleben, ist es mir derzeit unmöglich, eine weitere feministische Forderung zu stellen', erklärt Cibulka."

Auf Seite 3 der SZ befasst sich Renate Meinhof noch einmal mit den Ölanschlägen auf der Museumsinsel. Die Museen sind noch immer betroffen von der Missachtung öffentlicher Kunst; das LKA ermittelt ohne konkrete Spuren, wie etwa der Ermittler René Allonge einräumt: "Im Fall der Öl-Anschläge ist der Erfolg bis jetzt ausgeblieben, und das treibt ihn um. Die 'Begehungsweise' der Orte und das Spurenbild seien in allen drei Fällen vollkommen gleich. Kein 'massiver Auftrag' sei das, nichts Plakatives. Zögerlich sei der Täter vorgegangen, immer in der Furcht vor Entdeckung. 'Das Fanatische fehlt komplett', sagt René Allonge, 'das Skrupellose. Hier ist ein ängstlicher Typ umhergezogen.'"

Weiteres: Sonja Zekri schreibt in der SZ zum Tod der Kunsthistorikerin Irina Antonowa, die als Direktorin des Puschkin-Museum wie selbstverständlich die Kunstschätze verwahrte, die die Rote Armee aus Deutschland mitnahm: "Deutschland habe der Sowjetunion so vieles genommen, Schlösser und Paläste und Kirchen vernichtet, von Menschen ganz zu schweigen, da sei die Beutekunst nicht mehr als eine Kompensation." Im Tagesspiegel verabschiedet Frank Herold die "Hüterin der sowjetischen Beutekunst". In der FAZ betont Kerstin Holm, dass sich Antonowa um die Kunst in der Sowjetunion sehr verdient gemacht habe: "In der Breschnew-Zeit war Irina Antonowa eine Pionierin gewesen." Monopol meldet mit dpa, dass Athens schönes Benaki-Museum mit einer Online-Auktion gestifteter Kunstwerke um seinen Erhalt kämpft. In der FAZ porträtiert Brita Sachs die  Schmuckkünstlerin Bettina Dittlmann, die statt mit Gold, Silber und Rubinen mit Narrengold, Eisen und Granat arbeitet.

Besprochen werden der Bildband "Accidentally Wes Anderson" (ZeitOnline) und die Ausstellung "Uninvited Guests" im Madrider Prado (Hyperallergic).
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Literatur

Angela Schader, Literaturredakteurin der NZZ tritt frühzeitig ihre Pensionierung an, berichtet Nina Fargahi im Medienmagazin edito.ch. Sie hat mit Schader gesprochen, die auch über die Entwicklungen in der Literaturkriitk und bei den Zeitungen nachdenkt. Besondere Sorgen macht sie sich über die Lage der feien Journalisten: "Ohne Mitarbeitende mit Sachwissen in spezifischen Gebieten wäre es nicht möglich gewesen, große Zuständigkeitsgebiete angemessen abzudecken. 'Leider wird der Boden für Freie immer karger, die Honorare schrumpfen und Corona war nochmals ein massiver Einschnitt.' Ohne Freie verliere die Kulturberichterstattung an Breite und Tiefe; infolge der Sparmaßnahmen auf den Redaktionen schwinde zudem der Raum, um Bücher aus kleineren Verlagen oder von weniger bekannten Autoren vorzustellen." Die Stelle von Angela Schader wird nicht neu besetzt, so Fargahi: "Der Zeitung wird somit über Jahrzehnte aufgebaute Kompetenz verloren gehen."

Claudia Schwartz ärgert sich in der NZZ über die Maron-Debatte der letzten Wochen: Früher wurde in Deutschland debattiert, heute werde feindselig gerichtet, lautet ihr von harschen Verdikten allerdings auch nicht völlig freier Befund: "'Umstritten' aber heißt - absurderweise - das Zauberwort, mit dem ein konstruktiver Dialog in Deutschland mittlerweile erstaunlich erfolgreich verhindert werden kann. Und: Wer oder was erst einmal mit dem Stempel 'umstritten' versehen ist, muss nach der einhelligen Mehrheit weg. Im Jahr 2020 hat dieser Versuch gesellschaftlicher Ausgrenzung bereits einige prominente Dichter und Denker eingeholt wie Lisa Eckhart, Thilo Sarrazin, Dieter Nuhr." So einhellig ist die Mehrheit dann ja aber vielleicht doch nicht, wenn man sieht, dass die Medienpräsenz aller Genannten eher steigt als fällt.

Weitere Artikel: Für den Freitag geht Lennart Laberenz mit der Schriftstellerin Zora del Buono spazieren. In der Coronareihe der SZ denkt die Schriftstellerin Anja Kampmann darüber nach, wie es ist, dass andere jetzt beschließen, was am besten für einen ist. Eine Goncourt-Verleihung ohne Restaurant-Gelage ist irgendwie keine zünftige französische Preisverleihung, seufzt Jürg Altwegg in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Michel Houellebecqs Essayband "Ein bisschen schlechter" (Tagesspiegel, SZ), Benjamin Mosers Biografie über Susan Sontag (Tagesspiegel), Iris Wolffs "Die Unschärfe der Welt" (Freitag), Christophe Carpentiers Dystopie "Cela aussi sera réinventé" (ZeitOnline), Ali Smiths "Winter" (taz), Kurt Steinmanns Neuübersetzung von Aischylos' "Der gefesselte Prometheus" (NZZ) und der erste Band aus Henrik Schrats geplanter, illustrierter Gesamtausgabe der Märchen der Brüder Grimm (FAZ).
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Bühne

Mit Petitionen und Offenen Briefen protestiert Kölns Kulturszene gegen die Pläne der Stadt, den Vertrag mit Opernintendantin Birgit Meyer nicht zu verlängern, wie Judith von Sternburg in der FR berichtet. Besprochen werden das Weihnachtsmärchen "Alaaddin und die Wunderlampe" im Stream vom Staatstheater Darmstadt (FR) und die gestreamte Balletproduktion "Art*House der Oper Halle (NMZ).
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Stichwörter: Meyer, Birgit

Film

Das perlt visuell und intellektuell: "Hello World" von Tomohiko Itô (Koch Films)

Niemand in Deutschland bespricht japanische Animationsfilme so wie Dietmar Dath in der FAZ. Tomohiko Itôs "Hello World" füllt dem Science-Fiction-Experten aber auch reichlich den Teller mit dessen Leib- und Magenspeise: Es geht um Liebe in Zeiten des Quantencomputers, mithin um Abgründe der Physikgeschichte, und somit steht der Film ganz dicht an gegenwärtigen Debatten der Naturwissenschaft über die Beschaffenheit der Realität. Dies "aber auf einem Anschaulichkeits- und zugleich Abstraktionsniveau, das man einem Zeichentrickfilm (zumal einem, dessen Stab beim Dreh wohl nicht über den Etat von Megaproduktionen des Genres wie 'Your Name' oder 'Weathering With You' verfügen konnte) kaum hat zutrauen dürfen. Allzu trocken wird das hier nie, denn als Wachmacher-Kaffeekrokant hat man lauter visuelle und intellektuelle Perlen und Edelsteine über die Handlung verstreut, die immer wieder Neugier zünden, vom Spiel mit dem Atomgewicht des Eisens bis zu den Reichtümern japanischer Kultur (die unheimlichen Refaktorierungs-Agenten des Quantenrechners, die für Programmkohärenz sorgen sollen, tragen wunderschöne, sehr unheimliche traditionelle Theater-Fuchsmasken)."

Außerdem: In der NZZ gratuliert Nina Jerzy Julianne Moore zum 60. Geburtstag, den die Schauspielerin morgen feiert. Besprochen werden die Miniserie "The Undoing" mit Nicole Kidman und Hugh Grant (taz) und der von der ARD online gestellte True-Crime-Mehrteiler "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt ("kein Eventfernsehen", meint Elmar Krekeler in der Welt, sondern "ein Fernsehereignis").
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Musik

Andreas Hartmann konnte für den Tagesspiegel schon mal einen Blick auf das Filmmaterial werfen, dass das Berliner Big-Band-Avantgarde-Projekt The Omniversal Earkestra von seiner Reise nach Mali mitgebracht hat, wo die Musiker mit der von Islamisten unterdrückten lokalen Szene zusammenarbeitete. Man kann ahnen, "was für ein Abenteuer der Trip gewesen sein muss. Die 14-köpfige Band reiste samt Kamerateam durch ein Land, das sich immer noch im Kampf gegen den Islamismus befindet, ein Bürgerkrieg, in dem das französische Militär genauso präsent ist wie die Bundeswehr. Tuareg-Musiker erzählen, dass die Islamisten Musik verbieten wollten. Sie schnappen sich eine Gitarre und spielen ihre Lieder - erleichtert, dass der Spuk vorbei ist. Ein paar Konzerte hat die Bigband in Mali gegeben, übernachtet habe man teilweise auf den Dächern der Hotels, um Geld zu sparen." Musik aus der Kollaboration gibt es auch, wir werfen auch schon mal einen Blick auf das Filmmaterial:



Weitere Artikel: Van Morrison echauffiert sich über die Lockdown-Maßnahmen, berichtet Harry Nutt in der FR. Nick Cave ärgert sich ganz gewaltig über die Entscheidung der BBC, das Wort "Faggot" aus dem Weihnachtslied "Fairytale of New York" von den Pogues und Kirsty MacColl zu streichen, meldet der Guardian. Hier die unzensierte Version des wunderschönen Achtziger-Weihnachts-Hits:



Und in der FAZ gratuliert Michael Gassmann dem Orgelbauer Hans Gerd Klais zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden eine staatskritische Pop-Performance von Fehler Kuti und Die Polizei an den Münchner Kammerspielen (taz), Miley Cyrus' neues Album "Plastic Hearts" (taz, Standard, mehr dazu bereits hier und dort) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter eine Edition mit Entspannungsöl von Sigur Rós, die dazu aber immerhin auch ein Album veröffentlicht haben (SZ).
Archiv: Musik