Der Junge
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498007386
Gebunden, 256 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Jeden Donnerstag geht der alte Nicasio zum Friedhof und besucht das Grab seines Enkels Nuco. Er spricht mit ihm, erzählt dem Jungen, was vor sich geht in der Welt. Am 23. Oktober 1980 gab es im Keller der Schule, die der sechsjährige Junge besuchte, eine gewaltige Propangasexplosion, die das gesamte Erdgeschoss zerstörte. Fünfzig Kinder und drei Lehrer kamen bei dem Unglück ums Leben; darunter auch Nuco. Der ganze Ort Ortuella steht unter Schock. Die Eltern des Jungen verarbeiten das Ereignis auf unterschiedliche Weise. Während José Miguel alle Erinnerung kappen und nach vorne schauen will, um nicht an Trauer zu zerbrechen, lässt Mariaje das Geschehene nicht los. Irgendwann versuchen die beiden, wieder ins Leben zu kommen. Doch eines Tages verschwindet José Miguel.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2025
Vom "Zusammenhang von kollektiver Tragödie und privaten Emotionen" liest Rezensent Jobst Welge im neuen Roman des spanischen Autors Fernando Aramburu: Ausgangspunkt ist ein Unfall, bei dem in einer baskischen Schule eine Propangasflasche explodiert und vier Dutzend Menschen tötet, unter anderem Nuco, dessen Großvater Nicasio diesen Verlust kaum akzeptieren kann. Die Gefahr, dabei ins Melodramatische abzurutschen, nimmt Aramburu laut Welge zwar wahr und versucht, sie durch eingeschobene Reflexionen über den Text zu bannen, kann sie aber nicht ganz umgehen. Dass es für die Mutter des toten Kindes "eine der größten Herausforderungen" sei, mit dem Geschehenen umzugehen, sei keine raffinierte Innensicht, sondern recht banal, seufzt er. Überzeugend findet der Kritiker jedoch all die Passagen, in denen die konkreten Zwischenräume ausgelotet werden, in denen sich die Figuren bewegen, zwischen Neuanfängen, Verdrängung und Erinnerung. Auch die Übersetzung liest sich für ihn trotz einiger Schnitzer flüssig, wie er schließt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 02.04.2025
Wieder einmal gelingt es Fernando Aramburu "Schmerz in große Literatur" umzuwandeln, lobt Rezensent Dominik Bloedner. Sein Roman "Der Junge" thematisiert ein tragisches Unglück im Baskenland 1980, bei dem durch eine Gasexplosion 50 Schulkinder starben. Aramburu konzentriert sich auf das Leid der Hinterbliebenen: Im Mittelpunkt stehen der Großvater Nicasio, der den Tod seines Enkels Nuco verleugnet, und Nucos Eltern, Mariaje und José Miguel, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem Verlust ringen und sich zunehmend entfremden, so der Kritiker. Die Frage, ob sie ein zweites Kind bekommen sollen wird zur Zerreißprobe der Beziehung. Aramburu schildere einfühlsam, aber ohne Sentimentalität, den Schmerz und die Sprachlosigkeit der Figuren. Dabei wird die beklemmende Atmosphäre im Baskenland dieser Zeit durch eine nüchterne und zugleich eindringliche Sprache erzeugt, ähnlich seinem Erfolgstitel "Patria", findet der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.02.2025
Der sechsjährige Nuco ist gemeinsam mit über fünfzig weiteren Menschen bei einer Explosion in seiner Schule ums Leben gekommen. Diese Explosion, die der Baske Fernando Aramburu hier als Ausgangspunkt seines Romans nimmt, hat es 1980 wirklich in Nordspanien gegeben, weiß Kritikerin Karin Janker. Der Großvater Nicasio will nicht akzeptieren, dass sein Enkelsohn tot ist, er hält ihn mit der "Kraft der Fiktion am Leben", während die Eltern versuchen, die Trauerphase hinter sich zu bringen, erfahren wir. Janker lobt die "wunderbare Übersetzung" von Willi Zurbrüggen, die auch die besonderen narrativen Störungen bewahre, die Aramburu eingefügt hat - Einschübe, in denen etwa der Text seinen Verfasser lobt. Das ist wichtig, findet Janker, denn Aramburu will den Leser nicht einfach nur rühren, er will auch die Distanz zum Text, erklärt die von diesem Konzept überzeugte Janker.