Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Königsberg, die verschlafene Kleinstadt und einstige Residenz von Immanuel Kant, wird in den späten 1830er-Jahren zum Schauplatz eines spektakulären Skandals, der zwei lutherischen Predigern zum Verhängnis werden soll. Sensationelle Anschuldigungen und dunkle erotische Geheimnisse erschüttern das Vertrauen der Gemeinschaft und versetzen die preußischen Behörden in Aufruhr. Clark erzählt, wie religiöser Eifer, sexuelle Ausschweifungen und menschliche Unberechenbarkeit die Stadt ins Chaos stürzen, zu einer Zeit, in der moralische Fehltritte als Vorboten neuer Unruhen gefürchtet wurden. Eine kaum bekannte Episode aus dem alten Preußen - und ein Skandal, der überraschende Parallelen zur Gegenwart aufweist.
Ziemlich interessant findet Rezensent Dirk Schümer diese "Mikrohistorie", die der auf preußische Geschichte spezialisierte Historiker Christopher Clark da ausgegraben hat: 1835 befindet sich Preußen mitten im Vormärz, alles, auch die Kirche, unterliegt Reformen, die nicht bei allen gleich gut ankommen. Auf den "Vernunftsprotestantismus" hatte nicht jeder Lust, erfahren wir, viele "Konvertikler" hielten eigene Bibelzirkel ab, in denen die Sexualität eine große Rolle spielte. Zwei der Abweichler, Johann Wilhelm Ebel und Georg Heinrich Diestel, sind letztlich vor Gericht gelandet: Angeklagt wurden sie von Männern, die selbst etwas zu verbergen hatten und für ihre Anklage keine Beweise vorbringen mussten. Es reichte etwa die Anschuldigung, Ebel habe Paare beim Sex beobachtet, resümiert Schümer. Ihm gefällt, wie Clark aufzeigt, dass im vermeintlich frommen Preußen doch das ein oder andere unter der Oberfläche brodelte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 29.11.2025
Ein Christopher Clark vermag sogar "scheinbar abseitige" Kapitel der Geschichte im großen Rampenlicht erstrahlen zu lassen, staunt Rezensent Hans von Trotha. In gewohnter Kombination von historischer Expertise und Sinn für Dramatik widmet sich der australische Historiker hier einem "Stellvertreterkonflikt" im provinziellen Königsberg zu Anfang des 19. Jahrhunderts: es geht im Größeren um die (Un-)Vereinbarkeit von Glauben und Wissenschaft, im Kleineren um zwei Prediger, die sich in einer brodelnden Gemengelage aus Gerüchten, medialer Hysterie und Machtstreitigkeiten zwischen Kirche und Staat verstricken; sexuelle Ausschweifungen inklusive. Wie Clark diesen Stoff wieder geradezu Netflix-reif aufarbeitet, aber nicht auf Kosten einer scharfen Analyse des Zusammenhangs von Theologie, Zeitgeschichte, Verwaltungsfragen und Öffentlichkeit, scheint dem Kritiker zu imponieren. Ein gewohnt großkalibriges, vielleicht ganz leicht überladenes Buch, lässt von Trotha abschließend durchblicken, bleibt aber prinzipiell anerkennend.
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