Bücherbrief

Hier sagt sich die ganze Welt im Kopf Hallo

12.08.2024. Unser zweiter Sommerbücherbrief in diesem Jahr kommt nicht ohne Bücher aus, die sich der aktuellen Weltlage widmen: Marion Messina beschreibt angriffslustig, wenn auch etwas klischeehaft den Zerfall der bürgerlichen Mitte in Frankreich, Yevgenia Belorusets blickt mit absurdem Humor aus Tierperspektive auf den Krieg in der Ukraine, Manfred Berg analysiert die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Heiterer geht es bei Martina Hefter zu, die ihr Paar Juno und Jupiter "mit göttlichen Vorschusslorbeeren" in die Arena von Dating-Plattformen schickt, während Sanam Mahloudji in "Die Perserinnen" die Frauen einer iranischen Großfamilie im Exil bei der Selbstfindung und beim Shopping beobachtet.
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Weitere Anregungen finden Sie in in der Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot", in der Kolumne "Vorworte", in unseren Büchern der Saison, den Notizen zu den jüngsten Literaturbeilagen und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Jose Henrique Bortoluci
Was von meinem Vater bleibt
Roman
Aufbau Verlag. 175 Seiten. 20 Euro

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Zwei besondere Bücher, die aus der Masse an Werken über Väter herausstechen, gilt es diesen Monat zu annoncieren: Der brasilianische Soziologe José Henrique Bortoluci erinnert sich in seinem essayistischen Memoir an seinen Vater, der sich als Lkw-Fahrer auf der Transamazonica im brasilianischen Urwald fast zu Tode arbeitete. Faszinierend findet die FAS-Kritikerin Elena Witzeck dabei vor allem, wie der Autor die persönliche Geschichte des Vaters mit einem soziologischen Blick auf die Entwicklung Brasiliens verbindet, auf den Fortschrittswillen, der auch hinter dem Bau der Transamazonica und den damit einhergehenden katastrophalen Abholzungen und Eingriffen in den Regenwald stand. Auch, wie sich in dem Buch dieser Blick auf die Vergangenheit mit dem Eindruck des Ausgeliefertseins während der Präsidentschaft Bolsonaros verknüpft, findet die Kritikerin spannend. Allein der Übersetzung gelinge es leider nicht, Sprachrhythmus und Dialekt des Vaters überzeugend aus dem Portugiesischen ins Deutsche zu übertragen, räumt sie ein. Eine klare Leseempfehlung spricht auch Victoria Eglau im Dlf Kultur aus. Dem Vater widmet auch die Schweizer Autorin Zora del Buono ihren Roman "Seinetwegen" (bestellen): Buono sucht nach Spuren ihres Vaters, der bei einem Autounfall starb, als sie ein Säugling war, und nach dem Unfallverursacher. Eine gelungene Mischung aus sensiblem Memoir, soziologischem Blick auf die Siebziger und treffsicherer Sprache, loben die Kritiker.

Sanam Mahloudji
Die Perserinnen
Roman
Piper Verlag 2024, 448 Seiten, 24 Euro

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Die iranisch-amerikanische Autorin Sanam Mahloudji erzählt in ihrem Roman "Die Perserinnen" von einer wohlhabenden iranischen Familie, die sich im amerikanischen Exil entscheiden muss, wie sie weiterleben will: Immer im Rückblick auf Ereignisse vor der Emigration, beschreibt Mahloudji vor allem die Frauen der Familie als treibende Kraft für Veränderungen, so in der FR Stefan Michalzik, der dieses Debüt so unterhaltsam wie literarisch anspruchsvoll fand. Auch FAZ-Kritikerin Laura Albermann hat gern gelesen, wie sich die Frauen peu a peu von Lügen und Mythen um ihre Familie befreien, wozu beitragen mag, dass die stolze und reiche Shirin in Aspen wegen Prostitution verhaftet wird. Die Fremdheit in Amerika und die "widersprüchlichen Gefühle" zum Iran laut Albermann ebenso Thema wie die aktuelle Situation im Iran. "Mahloudjis Figuren sind vielschichtig, sie sind bitter, aber voller Humor, schrill, aber erhaben", lobt Duygu Özkan in der Presse, sie "beten Hierarchien an und brechen sie. Sie sind dramatisch und selbstbestimmt." Um den Islam geht es dabei überhaupt nicht, sondern um Familie, Schönheitsideale und gesellschaftliche Stellung. Es gibt zwar ein paar kitschige Passagen, räumt FR-Kritiker Michalzik ein, aber insgesamt ist es ein "lesenswertes Buch", urteilt er.

Martina Hefter
Hey guten Morgen, wie geht es dir
Roman
Klett-Cotta Verlag. 224 Seiten. 22 Euro

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Geradezu hymnisch besprochen wurde Martina Hefters neuer Roman, der von dem Paar Juno und Jupiter erzählt: Juno ist Tänzerin, sie lebt in Leipzig mit ihrem Mann Jupiter zusammen, der an Multipler Sklerose leidet und zunehmend auf ihre Hilfe angewiesen ist. Sie vertreibt sich ihre Zeit damit, Betrügern auf Dating-Plattformen zu schreiben, wobei nicht klar ist, wer da eigentlich wen betrügt. Ein "Kammerspiel mit unendlicher Reichweite" liest ein hingerissener Zeit-Kritiker Ronald Düker, voll und ganz in den Bann gezogen von der Geschichte, die sich auf kleinem Raum abspielt, aber von Liebe und Einsamkeit bis Krankheit, Kunst und Älterwerden doch die großen Themen abdeckt: Hier sagt sich die "ganze Welt im Kopf Hallo", staunt Düker, der dem Roman Bestseller-Potenzial attestiert. Ähnlich drückt es Paul Jandl in der NZZ am Sonntag aus: Dieser brillante autofiktionale Roman zeige "was Selbstbezüglichkeit in der Literatur eben auch sein kann: keine Verkleinerung der Wirklichkeit auf das Format des eigenen Ichs, sondern Weltvergrößerung". Für FAZ-Kritiker Andreas Platthaus sind Hefters Figuren "mit göttlichen Vorschusslorbeeren ins Leben geschickt" - und genauso "göttlich" findet er den so intimen wie ironischen Roman, den er nicht zuletzt als spannendes Spiel um Fragen nach Einsamkeit und Zuneigung empfiehlt. Für den br hat Marie Schoeß mit der Autorin über den Roman gesprochen.

Marion Messina
Die Entblößten
Roman
Carl Hanser Verlag. 176 Seiten. 23 Euro

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Marion Messinas Debütroman "Fehlstart" (bestellen) über das soziale Leben junger Franzosen hatten wir vor zwei Jahren vorgeblättert, ihren neuen, in Frankreich bereits im vergangenen Jahr erschienenen Roman hat der Verlag angesichts der Ereignisse in Frankreich einen Monat früher als geplant veröffentlicht. Zu Recht, meint Paul Jandl in der NZZ, denn dies ist nicht nur das Buch zur Stunde, sondern "zur Lage": Messina zeigt in ihrer äußerst realistischen Dystopie nicht weniger als die "Erosion der bürgerlichen Mittelschicht", lobt der Kritiker. Hauptfiguren sind Paul, der obwohl promoviert, nur einen Job als Metzger findet, die alleinerziehende, an der Armutsgrenze lebende Lehrerin Sabrina, die aus Verzweiflung einen Schüler gegen die Wand schubst, und der Kastanienbauer Aurelien, der sich mit dem Preisdumping der Kartelle herumschlägt. Als sich ein Medizinstudent, der sein Studium aus Geldnot aufgeben muss, nach einer Vergewaltigung durch eine Gruppe von Politiker-Sprößlingen öffentlich selbst verbrennt, entlädt sich die aufgestaute Wut der Massen, woraufhin die Präsidentin das Kriegsrecht verhängt und den Überwachungsstaat einführt. Messinas "kraftvoll-atmosphärische Sprache", vor allem aber ihr "angrifflustiger Blick" auf Missbildungen der Gesellschaft macht sie für Jandl zu einer Nachfolgerin Michel Houellebeqs, nur ohne dessen Zynismus. In der FAZ ist Lena Bopp zwiegespalten: in ihren besten Momenten gehört Messina für sie zu den "großen Autoren der gesellschaftlichen Landvermessung" in der Tradition von Nicolas Mathieu und Virginie Despentes. Aber Genaueres über die Wut der Protagonisten erfährt sie nicht, weil Messina ihre Figuren klischeehaft in den "Dienst der Sozialkritik" stellt, die für Bopp - mit Blick auf die stramm kapitalistische rechte Präsidentin - in ein "ungutes Raunen" mündet. Eine Lesung steht in der ARD-Mediathek online.

Zdena Salivarova
Ein Sommer in Prag
Roman
Mitteldeutscher Verlag. 372 Seiten. 30 Euro
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1978 wurde Zdena Salivarová die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft aberkannt. Mit ihrem Mann hatte sie einen der bedeutendsten Verlage für Exilliteratur in Kanada gegründet, wohin sie nach der Niederschlagung des Prager Frühlings geflohen war. Schon vorher trat sie den sowjetischen Machthabern auf die Füße, unter anderem auch mit diesem Buch, dessen Protagonistin Jana Honzlová, Sängerin und Tänzerin beim staatlichen Folklore-Ensemble in Prag, einen heißen Sommer im Büro verbringen muss, weil sie nicht mehr mit auf Tournee darf. Seit ihr Vater vor den Kommunisten ins Ausland floh, werden der jungen Frau Steine in den Weg gelegt. Nicht nur der Geheimdienst, sondern auch ihre schwierige Familiensituation halten Jana in Atem. Dem sowjetischen Regime war Salivarovás Kritik an den Zuständen in der Tschechoslowakei zu direkt, schreibt Jonathan Böhm bei SWR Kultur, deshalb konnte der Text, den sie 1968 verfasste, erst im Exil veröffentlicht werden. Dlf zeigt sich begeistert von dem leichten, frischen Ton der jungen Erzählerin, die es schaffe, über Intrigen, Denunziation, Wut und die Qualen, die eine junge Sängerin in der Konfrontation mit der Partei erlebt, unterhaltsam zu erzählen. Souverän und detailreich findet auch Christian Pöhlmann in der FAZ, wie Salivarová die Frage nach zwischenmenschlicher Aufrichtigkeit stellt. Übersetzerin Sophia Marzolff hat außerdem gute Lösungen für die Umgangssprache gefunden, lobt die Kritikerin. 1990 wurde Salivarová für ihren Mut schließlich der Orden des Weißen Löwen der Tschechischen Republik verliehen.

Yevgenia Belorusets
Über das moderne Leben der Tiere
Matthes und Seitz. 209 Seiten. 22 Euro

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Die Erzählungen in diesem Band hat die ukrainische Schriftstellerin Yevgenia Belorusets bereits kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 fertiggestellt, begonnen hat sie mit dieser "fiktiven Vorlesungsreihe", so der Verlag, seit der Besetzung der Krim im Jahre 2014. So wie in den Texten der ukrainischen Schriftstellerin wurde der Krieg noch nie in Worte gefasst, staunt Ilma Rakusa in der NZZ:  Die Autorin nähert sich ihm nämlich über das Leben und Sterben der Tiere und deren Verhältnis zum Menschen, mitunter nimmt sie dabei auch Tierperspektiven ein. Rakusa bewundert vor allem den absurden Humor, mit dem hier Dialoge, Reflexionen, Märchen und Vorträge angereichert und Realität und Erfindung vermengt werden, bis schließlich fast ganz alltäglich Menschen mit Krähen spazierengehen, Schweine durchs Dorf gejagt werden und Fische eine Predigt kommentieren. Auch SZ-Kritikerin Ekaterina Kel empfiehlt den von Claudia Dathe umsichtig übersetzten Band gern. Im Dlf bewundert Sieglinde Geisel darüber hinaus die Fotografien, die Belorusets ihren enigmatischen Texten beigefügt hat. Der Krieg, das Elend und das Leid sind immer im Hintergrund sichtbar, allerdings "nicht ideologisch oder aufrüttelnd", wie etwa bei Serhij Zhadan, sondern "in magischen Fragmenten, Splittern und Szenen, die leuchten und verblüffen und verwirren", lobt Uli Hufen im WDR.


Sachbuch

Siddarth Kara
Blutrotes Kobalt
Der Kongo und die brutale Realität hinter unserem Konsum
Harper Collins. 352 Seiten. 26 Euro

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Nicht nur für Smartphones und Laptops, auch für Elektroautos braucht es Kobalt: Fast drei Viertel der Weltproduktion des Rohstoffs kommt aus dem Kongo. Wer dieses Buch gelesen hat, kann fortan nicht mehr behaupten, er wisse nicht, wie viel Blut am Smartphone klebt, warnt uns im Dlf Michael Wolf vor. Denn der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Aktivist Siddarth Kara weist in seiner laut Wolf hervorragend recherchierten Studie unter anderem darauf hin, wie wenig von dem Reichtum, der durch den Kobaltabbau gewonnen wird, bei den Minenarbeitern ankommt: Die internationalen, vor allem chinesischen, aber auch Schweizer Firmen, die an Kobalt verdienen, kooperieren mit der kongolesischen Regierung und behaupten, dass sie sich beim Abbau an Menschenrechte hielten. Tatsächlich aber werde mehr als ein Drittel der kongolesischen Kobalt-Ausfuhr von Hand abgebaut, was de facto auf Kinderarbeit unter katastrophalen Umständen hinaus laufe. Die "Unnachgiebigkeit", mit der Kara auch unter Morddrohungen Schicksale kongolesischer Minenarbeiter aufdeckt, bewundert Susanne Billig im Dlf Kultur, für einen wichtigen Weckruf hält das Buch Judith Raupp in der SZ - auch wenn sie gern etwas mehr über den Widerstand der kongolesischen Bevölkerung und die Verantwortung der Konsumenten in Industrieländern erfahren hätte. Dominic Johnson den Band in der taz als einfühlsam geschriebenes "Dokument des Grauens", dem er allerdings Bildmaterial gewünscht hätte. Für weiterführende Informationen: npr resümiert ein Gespräch mit Kara über moderne Sklaverei im Kongo, und auch bei Youtube steht ein 90-minütiges Gespräch mit Kara online.

Shashi Tharoor
Zeit der Finsternis
Das Britische Empire in Indien
Die andere Bibliothek. 480 Seiten. 48 Euro

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2020 gab in einer repräsentativen Umfrage des Guardian etwa ein Drittel der Briten an, dass sie nicht glauben, sich für die britische Kolonialvergangenheit schämen zu müssen. Vor allem was Indien angeht steckt das wirkmächtige Narrativ von der humanen britischen Herrschaft immer noch in den Köpfen fest. Eine offizielle Entschuldigung für die britischen Kolonialverbrechen gab es bisher noch nicht. Shashi Tharoor räumt in seinem neuen Buch mit dem Mythos von der guten Herrschaft auf, die Indien angeblich Moderne und Zivilisation brachte. Katharina Döbler zeigt sich im Dlf Kultur beeindruckt, wie der indische Jurist, Schriftsteller und Politiker Tharoor die Apologeten des britischen Kolonialismus widerlegt. Tatsächlich zerstörten sie nicht nur systematisch die indische Wirtschaft und waren für schwere Hungerkatastrophen verantwortlich, sie verstärkten auch die Undurchlässigkeit des ursprünglich fluideren Kastensystems, weil sie es an ihre eigenen sozialhierarchischen Strukturen anpassten, erfährt sie. In der SZ graust es David Pfeiffer nur so, wenn ihm die die Dimension der Menschenverachtung und Gier der Briten klar wird, die Tharoor hier aufzeigt. Auch Dlf-Kritikerin Alexandra Wach erachtet Shashi Tharoors Buch als eine gut argumentierte und zurecht zornige Abrechnung mit dem britischen Kolonialismus - und einen eindringlichen Aufruf zu postkolonialer Verantwortungsübernahme.

René Aguigah
James Baldwin
Der Zeuge
C.H. Beck Verlag. 233 Seiten. 24 Euro

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James Baldwin wäre dieses Jahr einhundert Jahre alt geworden, aber seine Texte klingen "als seien sie von heute", schreibt René Aguigah in seinem Buch über das Leben des schwulen schwarzen Aktivisten, der, aufgewachsen im Ghetto in Harlem, zu einem der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts avancierte. Daniel Haas freut sich in der NZZ, Leben und Werk Baldwins mit Aguigah wiederentdecken zu können, denn dieser verstehe es, Baldwins Romane und Essays sowohl als kritisch-genaue Darstellung ihrer Zeit wie auch als wichtige literarische Neuerungen zu lesen. Texte wie der Essay "Nach der Flut das Feuer" von 1962 oder das späte Prosawerk "Beale Street Blues" sind dem Rezensenten zufolge kluge, scharfe Plädoyers gegen Rassismus und Homofeindlichkeit, zugleich aber sei es ihr ästhetischer Reiz, der den darin enthaltenen Ruf nach Freiheit greifbar mache. Im "besten Sinne disziplinlos" findet Diedrich Diederichsen in der taz James Baldwins Texte und freut sich ebenfalls, ihn mit Aguigah neu lesen zu können, denn dieser arbeitet gekonnt zentrale Motive heraus, die sich in vielen Schriften Baldwins finden, lobt er. So etwa die Erkenntnis, dass nicht nur schwarze Amerikaner unter Rassismus leiden, sondern auch weiße, da ihr Rassismus ihnen den Zugang zu Freiheit in einem existentialistischen Sinne verwehrt.

Philip Manow
Unter Beobachtung
Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde
Suhrkamp Verlag, 252 Seiten, 18 Euro

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Kaum ein Autor eines politischen Buchs ist in den letzten Wochen so häufig interviewt worden wie Philip Manow. Er äußert in "Unter Beobachtung" den Verdacht, dass Demokratien immer mehr versuchen, ihre Konflikte durch Verfassungsgerichte zu regeln und diese gleichzeitig noch zu stärken, um sie vor diesen Konflikten zu beschützen. Die Rezensenten finden das Buch sehr anregend: Ist vielleicht doch nicht einfach die AfD die Gefahr? Liegt es auch an den Gegenreaktionen? Im Gespräch mit Philipp Bovermann und Felix Stephan (SZ) sagt Manow: "Ich glaube, wir kommen nicht weiter, wenn wir immer fragen, ob es der Demokratie schlecht geht. Es wäre besser zu verstehen, woher unsere Krisen rühren, und das nicht auf die schlichte Diagnose zulaufen zu lassen, es gebe halt immer mehr Gegner der liberalen Demokratie. Denn das verstellt den Blick dafür, dass eine Demokratie, die vieles nicht mehr über Mehrheiten und Wahlen regelt, sondern über Gerichtsentscheidungen, also eine liberale Demokratie, aus sich selbst heraus Krisentendenzen zeitigt." Für Zeit-Kritiker Ijoma Mangold ist gerade das "Tolle", dass Manow nie über politische Inhalte spricht. Statt dessen geht es um das Prozedere, die Verfahrensregeln einer Demokratie. Das werde all jene zur Weißglut treiben, für die Politik in erster Linie Ausweis von Moral und Ethik sein soll. Wer lesen will, wie Manow seine Thesen begründet, wird über die Perlentaucher-Suche eine ganze Reihe Interviews mit ihm finden.

Manfred Berg
Das gespaltene Haus
Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von 1950 bis heute.
Klett-Cotta Verlag, 544 Seiten, 35 Euro.

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Wie konnte sich die amerikanische Gesellschaft derart spalten, dass manche sie am Rande des Bürgerkriegs wähnen? Viele Bücher haben sich diese Frage gestellt, eines der beeindruckendsten war "Fantasyland" von Kurt Andersen, der die Spur der Populisten und Faktenleugner bis zu den Schlangenölverkäufern der Pionierzeit zurückverfolgte. Etwas nüchterner dürfte es in "Das Gespaltene Haus" des Historikers Manfred Berg zugehen. Der Autor schildert das Zerbrechen des liberalen Konsens nach dem Krieg und geht dann auf die diversen immer schärferen Kulturkämpfe ein, die Amerika seit Jahrzehnten prägen, erzählt Rezensent Klaus-Dieter Frankenberger  in der FAZ. Ausdrücklich lobt der Rezensent, dass Berg auch auf die Perspektiven derer eingeht, die heute für Trump stimmen. Aber zu trösten vermag ihn das Buch nicht - Berg scheint einen Bürgerkrieg in den USA für möglich zu halten. Als begleitende Lektüre wäre das Buch "Armut" (bestellen) des amerikanischen Soziologen Matthew Desmond zu nennen, das die New York Times gerade erst zu einem der hundert besten Bücher des 21. Jahrhunderts gekürt hat. Auch die deutschen Kritiker empfehlen die Lektüre dieser Sozialstudie des für den Vorgänger "Zwangsgeräumt" mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Desmond - nicht zuletzt aufgrund ihrer Aktualität. Desmonds Grundthese lautet: Armut in den USA existiert vor allem, weil die Reichen davon profitieren.