Yevgenia Belorusets

Über das moderne Leben der Tiere

Cover: Über das moderne Leben der Tiere
Matthes und Seitz, Berlin 2024
ISBN 9783751809672
Gebunden, 209 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen und Ukrainischen von Claudia Dathe. Voll lakonischem Humor und bitterer Wahrheit handeln diese Vorlesungen und Berichte, Erzählungen und Dialoge von möglichen und unmöglichen tierlichen Begebenheiten - etwa von einem Tiger im Keller eines Kiewer Cafés, vom Absturz eines Hasen im Kaukasus oder vom Zusammenleben unzähliger Hunde und Katzen in einer winzigen Wohnung -, sodass die Grenzen zwischen Mensch und Tier zunehmends verwischen. Es sind die kleinen Begebenheiten, die stillen Anekdoten und die kurzen Sätze, mit denen Yevgenia Belorusets' Prosa das Wesen des Menschen offenbart. In ihrer ethnografisch präzisen und nüchtern-poetischen Sprache entsteht in dieser fiktiven Vorlesungsreihe ein Raum für marginalisierte Erfahrungen in der heutigen Ukraine, die mindestens seit 2014 auch von Gewalt geprägt sind. In der strengen Form der wissenschaftlichen Abhandlung, die überhöht, ironisiert und mit jedem Text weiter unterlaufen wird, fügen sich die Stimmen unterschiedlicher Erzählerinnen und Erzähler zu einem Chor, bei dem nicht immer eindeutig auszumachen ist, wer hier spricht - und zu wem. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.07.2024

Rezensentin Ekaterina Kel zeigt sich begeistert von Yevgenia Belorusets Erzählungsband "Über das moderne Leben der Tiere". Die darin versammelten Texte wurden kurz vor der Ausdehnung des Krieges Russlands in der Ukraine auf das ganze Land im Februar 2022 fertiggestellt. Beim Lesen, so die Rezensentin, denkt man den Krieg mit, und die Erzählungen halten der neuen Realität stand. Denn das Buch stelle, abgesehen von dem offensichtlichen Gedanken, dass im Krieg das Tierische im Menschen hervortrete, immer wieder die Frage, ob Tiere nicht die besseren Menschen seien - so zum Beispiel, wenn ein Huhn nach dem Tod seiner Besitzerin deren Seele in sich aufnimmt und nunmehr zwei hat. Dabei bediene sich die Autorin einer unzuverlässigen Erzählinstanz, von der oft unklar sei, ob es sich um Tier oder Mensch handle. Belorusets' Erzählungen werfen laut Kel Rätsel auf, die ungelöst bleiben und zum Nachdenken anregen. In der umsichtigen Übersetzung von Claudia Dathe aus dem Russischen und Ukrainischen kann sie den Band sehr zur Lektüre empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.05.2024

Rezensentin Ilma Rakusa findet, so wie in den Texten von Yevgenia Belorusets wurde der Krieg noch nie in Worte gefasst. Die Autorin nähert sich dem Krieg  im Donbass nämlich über das Leben und Sterben der Tiere und deren Verhältnis zum Menschen. Manchmal nimmt sie auch die Tierperspektive ein, so Rakusa erstaunt. Bemerkenswert erscheint der Rezensentin der absurde Humor, mit dem hier Dialoge, Reflexionen, Märchen und Vorträge angereichert, Realität und Erfindung vermengt werden, bis schließlich fast ganz alltäglich Menschen mit Krähen spazierengehen, Schweine durchs Dorf gejagt werden und Fische eine Predigt kommentieren. Emphase und nüchterne Reflexion wechseln sich dabei ab, vermerkt Rakusa.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.03.2024

Ziemlich unergründlich, aber auf enigmatische Weise interessant schreibt Yevgenia Belorusets über Tiere vor dem Hintergrund des seit 2014 schwelenden Krieges in der Ostukraine, so Rezensentin Sieglinde Geisel. Tiere sind in den Textminiaturen "Gegenstand des Nachdenkens", aber auch Akteure, so gibt es beispielsweise ein Huhn, das die Seele eines Toten zurück in seine Heimat bringt, erfahren wir. Der Bezug zum Krieg etwa kommt zum Vorschein, wenn Belorusets darüber nachdenkt, wie Menschen dabei zu Tieren werden, wenn es ums Töten geht. Die Verbindung zwischen den einzelnen Texten sieht Geisel vor allem in den Fotografien sieht, die die Autorin geschossen und angefügt hat.

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