Die Entblößten
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2024
ISBN
9783446280144
Gebunden, 176 Seiten, 23,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Marion Messina erzählt vom gesellschaftlichen Pulverfass, auf dem wir alle sitzen. Die alleinerziehende Lehrerin Sabrina stößt einen ihrer Schüler gegen die Wand. Und fragt sich später, wohin das System sie getrieben hat. Der parismüde Literaturwissenschaftler Paul gibt die Hoffnung auf einen prekären Job an der Uni auf und wird Fleischer in einem Großsupermarkt in der Ardèche. Seinen Freund Aurélien, Kastanienbauer in siebter Generation, zwingen die staatlichen Auflagen indes langsam in die Knie. Als der öffentliche Selbstmord eines Studenten zum Symbol aller Missstände wird und die Armee auf die protestierenden Massen schießt, stehen alle drei vor der Frage: In welcher Zukunft wollen wir leben - und zu welchem Preis?
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.09.2024
Für Kritiker Stefan Michalzik hat Marion Messina den plötzlichen Ruhm und den Vergleich mit Michel Houellebecq verdient. Denn nach ihrem Überraschungserfolg mit dem Debütroman "Fehlstart" von 2017 demonstriere die Autorin nun auch in ihrem zweiten Buch ihr Talent zur effektvollen Zuspitzung der gesellschaftspolitischen Verhältnisse in Frankreich: Im Setting einer sehr nahen Zukunft werde die Schraube des zunehmenden Rechtspopulismus um eine Windung "weitergedreht", so Michalzik, wenn unter einer rechten Präsidentin die Wirtschaft zwar blüht, die Schicht der Wenigerverdienenden jedoch leidet. Davon erzählt Messina durch drei Figurenperspektiven und kommt dabei einer Mentalität "fernab des urban-akademischen Milieus" sehr nahe, lobt Michalzik. Einzig manche Passagen stoßen ihm als etwas "papieren", auf, hier merkt er Messina den journalistischen Hintergrund an. Dass die Schilderung der katastrophalen Situation an anderer Stelle wiederum "kabarettistische" Züge annehme und der Kritiker ein verstecktes "Pamphlet" vermutet, scheint für ihn letztlich dem Roman und seinem Wahrheitsgehalt keinen Abbruch zu tun - er bezeichnet ihn abschließend als insgesamt "sehr gelungen".
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 30.08.2024
Rezensent Nils Schniederjann scheint zu bedauern, dass in Marion Messinas zweitem Roman das Literarische hinter das Politische zurücktritt. Wie die Franzosen unter einer radikal neoliberalen Präsidentin leiden, vermag die Autorin ihm zwar mit scharfer Kritik am Neoliberalismus zu vermitteln, wirklich lebendig werden die Figuren im Roman aber nicht, findet er. Ein nüchtern-bürokratischer, beinahe pamphletistischer Stil und ein Mangel an Gefühlen und echten Auseinandersetzungen machen das Buch für Schniederjann zu einer ziemlich trockenen literarischen Angelegenheit, wenngleich manch interessante politische Beobachtung darin steckt, wie er zugibt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 14.08.2024
Rezensentin Sigrid Brinkmann liest Marion Messinas Gesellschaftsroman als "Zeitkommentar" der gegenwärtigen politischen Lage in Frankreich. In Messinas Roman wird Frankreich in naher Zukunft von einer Technokratin regiert, die keinen Blick für die Probleme der Arbeiterklasse hat. Als sich ein durch Mitglieder der Bourgeoisie vergewaltigter Student vor der Nationalversammlung anzündet, gerät das ganze Land in Aufruhr, resümiert die Rezensentin. Die Autorin sei nicht um "nuancierte Charaktere" bemüht, sondern nutzt eindeutige Rollenverteilungen in ihrem Roman und seziert diese "Soziotypen" bis ins kleinste Detail, erfahren wir. Es sind vor allem die Charaktere, die dauerhaft an ihren Überzeugungen festhalten, die Messina in einem mitunter ermüdenden, "dauerengagierten Ton" als sehr positiv zeichnet, moniert die Kritikerin. Trotzdem erschrickt die Kritikerin angesichts dieses Zukunftsszenarios, das Messina von Frankreich ausführt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.08.2024
Es geht ziemlich hoffnungslos zu in Marion Messinas Roman, hält Kritiker Hilmar Klute fest: Zum einen gibt es da die Lehrerin Sabrina, die in ihren Klassen niemanden mehr zum lernen motivieren kann, zum anderen Paul, Bürgertum, der anerkennen muss, dass all seine Bildung und seine Ideale ihn nicht davor bewahren, am Ende als ungelernter Arbeiter sein Geld zu verdienen. Anhand dieser Figuren entfaltet sich statt einer von der Erzählung getragenen Geschichte eher eine "heißlaufende Dramatisierungsmaschine", die alle momentanen Aufreger in der französischen Gesellschaft aufnimmt, aber wenig "poetischen Wert" hat, seufzt Klute.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2024
Da kann Rezensent Paul Jandl nur inständig hoffen, dass Marion Messinas dystopischer Roman zur Lage der französischen Nation Literatur bleibt. So gnadenlos genau und drastisch zugespitzt legt die Autorin den Verfall der Bildung und die Selbstzerstörung der bürgerlichen Mitte in Frankeich offen. Das "Horrorszenario" des großen Knalls, ausgelöst durch die Selbstverbrennung eines Studenten, inszeniert Messina laut Jandl so atmosphärisch wie kaleidoskopartig aus mehreren Perspektiven und ganz ohne Links-rechts-Schema. Greller Realismus a la Houellebecq, nur ohne Zynismus, meint Jandl begeistert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2024
Marion Messina hat ein Gespür für die großen sozialen Fragen Frankreichs, hält Rezensentin Lena Bopp angesichts dieses Buches fest, das mit der Selbstverbrennung eines Medizinstudenten beginnt, der sich die Fortsetzung seines Studiums nicht mehr leisten kann. Auch ihre anderen Figuren werden von ihrem Millieu bestimmt und können, wie der Kastanienbauer, der sich mit dem Preisdumping der Kartelle herumschlägt, nicht entkommen, so Bopp, die am Ende zwiegespalten bleibt: in ihren besten Momenten gehört Messina für sie zu den "großen Autoren der gesellschaftlichen Landvermessung" in der Tradition von Nicolas Mathieu und Virginie Despentes. Aber Genaueres über die Gründe für die Wut der Protagonisten erfährt sie nicht, weil Messina ihre Figuren klischeehaft in den Dienst einer Sozialkritik stellt, die für Bopp - mit Blick auf die stramm kapitalistische rechte Präsidentin - in ein "ungutes Raunen" mündet.