Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
12.04.2004. Diese Woche lesen Sie: Warum die Lübbe Verlagsgruppe plötzlich in einer besseren Marktposition ist. Wem eine Umsatzexplosion ins Haus steht. Wer für die Frankfurter Buchmesse noch nicht bezahlt hat. Wer der neue Vorstand des Börsenvereins wird. Von Sandra Evertz

Börsenblatt

Die Bedeutung von Schulbuchzentren (zurzeit sind es bundesweit rund 170) wächst - das "Thema der Woche" im Börsenblatt. Besonders die bevölkerungsreichen Bundesländer und die Stadtstaaten sind mit verlagseigenen Informationszentren der führenden Schulbuchverlage zugepflastert. Als Umsatzbringer spielen sie eine untergeordnete Rolle, "viel wichtiger ist ihre Aufgabe in Sachen Marketing". Dass immer mehr Bundesländer die Lockerung der Lernmittelfreiheit in Betracht ziehen und Eltern mehr an den Kosten beteiligen wollen, begrüßen die Schulbuchverlage. Unterm Strich bringt das mehr Geld. In NRW und Sachsen-Anhalt hat sich der private Zukauf auch positiv auf den überfälligen Innovationsschub ausgewirkt, so das Börsenblatt.

Über den Sinn von Literatur hat sich der Schriftsteller Dzevad Karahasan in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung Gedanken gemacht. "Die Literatur ist die höchste Form der Erkenntnis", sagte Karahasan, "weil sie zeigt, dass es nicht so wichtig ist ans Ziel zu kommen, aber unendlich wichtig, dieses Ziel aus allen Perspektiven anzuschauen." Sie entspreche nicht dem in unserer Zeit so hoch bewerteten Kriterium Nutzen. Deshalb sei sie unersetzlich.

Die Reform des Urheberrechts betrifft besonders Hörbuch-Produktionen. Denn, so erinnert das Börsenblatt an die neue Gesetzesnovelle, hier haben "Urheber (Schriftsteller) und ausübende Künstler (Sprecher) Anspruch auf eine angemessene Vergütung". Im Segment der urheberrechtsfreien Werke bei Hörbüchern - im Jahr 2004 sind das die Stücke, deren Autoren bis zum 31. Dezember 1933 gestorben sind - ziehe der Wettbewerb mächtig an. Konkurriert werde dabei verstärkt über den Preis.

Die Umstrukturierung der Lübbe Verlagsgruppe ist abgeschlossen, 200 Arbeitsplätze wurden abgebaut - jetzt will Geschäftsführer Karlheinz Jungbeck expandieren. Die Aufspaltung der Ullstein Heyne List-Gruppe habe Lübbe im Taschenbuch zu einer besseren Marktposition verholfen. Noch mehr Marktmacht wollen die Bergisch Gladbacher in dieser Sparte mit Zukäufen und Kooperationen mit anderen Verlagen, ähnlich dem Maretaschenbuch in der Reihe Serie Piper (startet im Mai), erreichen. Darüber hinaus sei die Einführung eines Niedrigpreislabels geplant, erzählte Jungbeck dem Börsenblatt, im Marketing werde künftig in Ergänzung zu Printkampagnen auf Radio- und Fernsehwerbung gesetzt.

Personalien
aus der Branche.

Meldungen: Der Münchener Matthes & Seitz Verlag, bekannt geworden mit Autoren wie Artaud und Bataille, hat sich unter der Leitung von Andreas Rötzer in der Hauptstadt als Matthes & Seitz Berlin Verlag neu gegründet. 160 Millionen Euro zahlt Bertelsmann an die Ex-AOL-Deutschland-Manager Jan Henric Buettner und Andreas von Blottnitz - sie hatten Gewinnanteile aus dem Verkauf von AOL-Europe eingefordert und sich mit dem Konzern außergerichtlich geeinigt. Nach der Zwangspause im vergangenen Jahr ist die Finanzierung des Berliner Bücherfests für 2004 so gut wie gesichert - es findet am 19. und 20. Juni am Pariser Platz, zwischen Adlon und Brandenburger Tor, statt. Der Deutsche Literaturfonds (mehr) fördert elf Autoren halb- und ganzjährig mit Arbeitsstipendien für insgesamt rund 333.000 Euro. In Anlehnung an das Label btb (Bertelsmann Taschenbuch) wird aus dem Jugendbuchlabel C. Bertelsmann cbj - mit dem Relaunch der Marke wollen die Gütersloher es in die Top 3 der Kinder- und Jugendbuchverlage schaffen.
Archiv: Börsenblatt

buchreport.express

Brechen noch schlechtere Zeiten für die Sortimenter an? Eine "Umsatzexplosion" sagt jedenfalls eine Studie von Forrester Research dem Onlinehandel voraus. Nicht nur, dass der europäische Internetumsatz in den nächsten fünf Jahren um das Vierfache auf dann 167 Mrd. Euro steige, Deutschland werde in 2009 mit 42,75 Mrd. Euro sogar an erster Stelle in Europa sein. Und: Bücher blieben eines der Spitzenprodukte auf der Internet-Vertriebsschiene. "Treffen die Zahlen ein, wird sich ein nicht unerheblicher Teil der Buchumsätze, die bisher vom stationären Buchhandel gemacht werden, auf den Onlinehandel verlegen", vermutet der Buchreport. Einzige Chance für die Sortimenter sei, auf den Zug aufzuspringen und selbst ins Internetgeschäft einzusteigen.

Noch nicht in trockenen Tüchern ist die Finanzierung des Gastlandauftritts bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Derzeit fehle noch das Geld von mehr als der Hälfte der insgesamt 22 Teilnehmerländer der arabischen Welt, meldet der Buchreport unter Berufung auf eine Agentur. "Einige Länder der Arabischen Liga unterschätzen die kulturpolitische Bedeutung der Frankfurter Buchmesse", fürchtet Ibrahim El-Moallem, Präsident des ägyptischen und arabischen Verlegerverbandes. Buchmessechef Volker Neumann wollte "die internen Fragestellungen auf arabischer Seite" im Buchreport nicht kommentieren, hat aber "ein sehr gutes Gefühl", was den derzeitigen Stand der Vorbereitungen betrifft.

Die Branchenkrise hat vergangenes Jahr gehäuft Lektoren in die Selbstständigkeit getrieben: Die Interessenvertretung der Freelancer, der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren, bekam auf einen Schlag 100 neue Mitglieder. Als Konsequenz wolle der Verband sein branchenpolitisches Gewicht stärken und Qualitätsstandards einführen, schreibt der Buchreport. Bisher seien Vereinbarungen zwischen freiberuflichen Lektoren und Verlagen in der Regel auf mündlicher und individueller Basis erfolgt.

Auf den ersten Blick stimmt das Ergebnis des Buchreport-Umsatztrends für den März optimistisch: 3,58 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahresmonat. Allerdings zeigte das Branchenbarometer im März 2003 ein Minus von 19,37 Prozent an. Das war "der verheerendste Umsatzeinbruch in der Nachkriegszeit".

Personalien: Markus Klose, Vertriebsleiter Verlage bei Random House, wechselt in die Geschäftsführung von Hoffmann und Campe - über den Zeitpunkt des Dienstantritts in Hamburg wird noch verhandelt.

Meldungen: Unter dem neuen Namen "Parlando" strahlt der Hessische Rundfunk ab September einmal im Monat Bodo Kirchhoffs Literatursendung "Cult.date" aus. Die US-Verlage schlossen das Jahr 2003 trotz Irak-Kriegs und schwächelnder Gesamtwirtschaft mit einem Umsatzplus von 4,6 Prozent ab. Nichts hat sich auf den ersten Rängen getan und neue Titel konnten sich auch nicht platzieren - zum Gähnen also diesmal: die Bestsellerlisten.

BuchMarkt

Einen Ausblick auf die Vorstandswahl des Börsenvereins im Mai gestattet sich Heinz Gollardt im BuchMarkt. Dieter Schormann, das steht so gut wie fest, wird gewählt werden. Weil es keinen Gegenkandidaten gibt. "Unbefriedigend" findet das Gollardt, "in einer Zeit des Kulturwandels, der wirtschaftlichen Probleme, der radikalen politischen Rahmenbedingungen und einiger immer noch ungelöster verbandsinterner Probleme". Hier wäre seiner Ansicht nach der Elan eines jungen und einfallsreichen Menschen mit Charisma - Mann oder Frau - gefragt.

Über die Kampagne (hier) zum Welttag des Buches (zur Erinnerung: 23. April) ärgert sich Peter Jakobeit im BuchMarkt. Keinen Sinn sieht er darin, dass sich die Buchbranche hier mit "fremden" Prominenten schmücke, "zumal die wenigsten Buchhändler und Kunden wissen, um wen es sich auf dem Plakat handelt. Zu sehen ist da nur ein Zausel im Tetzlaff Outfit." Zu allem Unglück laufe die Kampagne nicht nur ästhetisch, sondern auch konzeptionell aus dem Ruder. "Was ist denn ein Lesekopf, bitte schön?" fragt sich Jakobeit. Die Buchbranche dokumentiere mit dem Plakat, wie sehr sie auf den Hund gekommen sei.

Vielversprechend, was den Umsatz betrifft, ist die Aktion SZ-Bibliothek (siehe Archiv) angelaufen. Unter den Kritikern der Billig-Hardcover waren und sind nicht nur Buchhändler, sondern auch Verleger. Nach wie vor würde DVA-Chef Jürgen Horbach keine Lizenzen für solch ein Unternehmen vergeben: "Diejenigen Sortimenter, Versender und Verlage, die derzeit als dezidierte Billigheimer auftreten, erreichen den Teil des Marktes, in dem inhaltliche wie Ausstattungsqualität keine Rolle mehr spielen." Es sei absolut falsch, dass dieselben Billig-Verfechter - angeblich im Kundeninteresse - öffentlich propagierten, es gäbe keinen Qualitätsmarkt mehr, in dem Bücher auch noch etwas kosten.

Die Zentrale des Börsenvereins in Frankfurt platzt, so hört man es aus den eigenen Reihen, aus allen Nähten. Seit einigen Monaten wird deshalb über einen Häusertausch mit der Stadt Frankfurt nachgedacht. Die mit Umzug, Um- und Ausbau verbundenen Kosten würden in die Millionen gehen, schreibt Christian von Zittwitz im BuchMarkt. Und gleichzeitig rufe eine andere Immobilie des Börsenvereins, das Haus des Buches in Leipzig, das sich anschicke, ein Milionen-Grab für den Börsenverein zu werden, nach sinnvollerer Nutzung. Offene Worte des Börsenverein-Vorstehers wünscht sich von Zittwitz zu diesem Dilemma - und zwar bald.

Meldungen: Rotbuch soll in den kommenden Programmen als Sublabel bei Aufbau Taschenbuch geführt werden. Christian Krüger und Marc Wnuck haben in Köln den Designbuchverlag 12Ender gegründet.
Archiv: BuchMarkt
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