Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Berlinale 2019 - 31 Artikel - Seite 1 von 3

Wagner Mouras Film "Marighella", Apologie des Terrorismus zum Abschluss Berlinale 2019

Außer Atem: Das Berlinale Blog 15.02.2019 Als krönender Abschluss dieses Berlinale-Wettbewerbs war Zhang Yimous Film "One Second", eine Auseinandersetzung mit der Kulturrevolution, geplant. Endlich, so stand zu hoffen, kehrt Zhang zu den großen Filmen seiner Anfangszeit zurück, die man als politische Kritik am Regime lesen konnte. Aber der Film wurde sang- und klanglos abgesetzt. Die chinesischen Behörden hatten ihn in letzter Minute nicht freigegeben. Die Berlinale schützt in einer dürren viersätzigen Pressemitteilung technische Probleme bei der Postproduction vor. Mag sein, dass man Zhang Yimou nicht gefährden will, bestimmt aber sollen die chinesischen Behörden nicht vergrätzt werden, mit denen man auch künftig vertrauensvoll zusammenarbeiten möchte. Die Berlinale hat eine lange Geschichte politischen Lavierens. Von Thierry Chervel

Melodram mit Starbesetzung: Wang Xiaoshuais "So long, my Son" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2019 Nicht nur Zhang Yimous Film "One Second" über die Kulturrevolution ist von den chinesischen Behörden zensiert worden. Auch Derek Kwok-cheung Tsangs "Better Days", der in der Reihe Generation laufen sollte, hat keine Freigabe bekommen. In  Variety gibt Rebecca Davis einen guten Einblick in die Lage des chinesischen Independent-Kinos, das Davis zufolge so gut wie tot sei. Wenn Filme heute Indie aussähen, würde damit nur einem Publikumsgeschmack Rechnung getragen, der für das kommerzielle Kino nicht zu haben sei. Die Zensur passiert hätten aber auch diese Filme. Von Thekla Dannenberg

Poeten des Alltags: Sho Miyakes "And Your Bird Can Sing" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2019 Ich bin schon etwas müde von den vielen Filmen, vielleicht dauert es deshalb fast eine Stunde, bis ich kapiere, dass ich gerade den schönsten Film auf der Berlinale sehe. Boku ist ein unglaublich schluffiger junger Mann, der in einem Buchladen arbeitet. Wenn er nicht gerade verpennt. Er hebt kein müdes Augenlid, als Sachiko, eine hübsche Kollegin ihn anspricht, und dass er beim Essen mit ihr Krümel am Mundwinkel hängen hat, kümmert ihn auch nicht. Warum soll man dem bei seinem langweiligen Leben zusehen? Aber dann gewinnt die Geschichte mit dem Sachiko an Fahrt. Sein Freund Shizuo kommt dazu, dem man nur die Ohren leicht anspitzen müsste, dann wäre er ein perfekter Elf. Und schon ist man den dreien verfallen. Von Anja Seeliger

Kiffen, Skaten, Rumhängen: Jonah Hills "Mid90s" (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2019 Die neunziger Jahre waren das letzte Jahrzehnt, in dem Schule keine Rolle spielte. Woraus es ankam, waren Stil, Musik und ein paar gute Skateboard-Tricks: "Keep a positiv attitude." Die coolsten Typen in "Mid90" sind die aus den Ghetto von Los Angeles. Von Leuten wie Ray, Fourth Grade, Ruben und Fuckshit lernt man alles, was man fürs Leben braucht: Rumhängen, Kiffen, Skaten. Und ab und zu auf einer Party Mädchen aufreißen. Stevie vergöttert sie. Von Thekla Dannenberg

Man kann ja auch mal träumen: Marwa Zeins Doku "Khartoum Offside" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2019 Marwa Zeins "Khartoum Offside" stellt uns eine Gruppe prachtvoller junger Frauen im Sudan vor, die nichts mehr wollen als professionell Fußball spielen. Unterstützung haben sie keine, im Gegenteil: Die Fifa gibt dem Fußballverband im Sudan zwar Geld für die Förderung des Frauenfußballs, aber es kommt nicht an bei ihnen. Wenn sie trainieren, müssen sie den Platz selbst bezahlen. Später hören wir über Radio das Verdikt der religiösen Autorität: Frauen sollen keinen Fußball. Es "gefährdet ihre Gesundheit, macht sie agressiv und verwischt den natürlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen". Von Anja Seeliger

A ma facon: Agnes Vardas "Varda par Agnès" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2019 Erstaunlich, was alles in ein Leben passt. Agnes Varda ist Filmemacherin, Installationskünstlerin, Fotografin, Dokumentarin, sie interessiert sich für neue Musik, Politik, und Menschen, die ausgemusterte Kartoffeln vom Acker sammeln. Ihr Film "Varda par Agnès", der im Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, zeigt die 90-Jährige auf der Bühne eines Theaters sitzend, wo sie Filmstudenten von ihrem Leben und ihrer Arbeit erzählt. Dazwischen sind Filmszenen geschnitten, oder Szenen, in denen sie an den Drehorten über ihre Arbeit spricht. Unprätentiös, engagiert, witzig und ungemein lebendig. Es geht bei ihr immer um beides: Warum sie etwas gemacht hat und wie sie es gemacht hat, welche Form sie sich dafür ausgedacht hat. Von Anja Seeliger

Mit der Erde verbinden: Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber" (Wetbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Es kann sein, dass dieser Film ein Meisterwerk ist. Jedenfalls beschleicht mich beim Sehen das Gefühl, dass er eines sein möchte. Vielleicht ist es aber auch so, dass man als ein über Sechzigjähriger nicht über einen solchen Film schreiben sollte. Es bedrängen einen zu viele Referenzen, die vielleicht nicht mal gemeint sind: Der Esel am Anfang, der mit der späteren Handlung nichts zu tun hat, das ist doch Bresson, oder? Die tonlos von Schülern vorgetragenen "Hamlet"-Szenen erinnern mich an Stunden der Qual mit Straub und Huillet. Die Schauspieler, die sich ins Gestrüpp legen, als sei es das eigentlich ersehnte Bett: ganz klar Tarkowski, nur dass er die entsprechenden Bilder aparter Weise am liebsten bei Schneeregen arrangierte. Die Tonnen des Ungesagten: Antonionis incommunicalibità. Von Thierry Chervel

Huis Clos vor Bergkulisse: Emin Alpers "Kiz Kardesler - A Tale of Three Sisters" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2019 Es vergeht im Grunde keine Berlinale, in der nicht ein elegischer türkischer Autorenfilm vor Bergkulisse die archaischen Verhältnisse in Zentralanatolien anprangert. Auch "Kiz Kardesler" (Tale of Three Sisters) ist so ein Film, der mit den Lebensverhältnissen von 99 Prozent der Kinogänger nichts zu tun hat - was ja nichts Schlechtes sein muss. Gleich vorn im Vorspann prangen auch die Signets von ZDF und Arte. Die Allgemeinmenschlichkeit solcher Sujets ist immer bestens kompatibel mit den Förderkriterien. Fast fragt man sich, ob eine urbane Komödie das größere politische Risiko wäre. Von Thierry Chervel