Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Dokumentarfilm
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Flucht in die Poesie: Sylvain L'Espérances 'Combat au bout de la nuit' (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2017 Ganze fünf Stunden lang widmet sich der kanadische Filmemacher Sylvain L'Espérance in seiner Dokumentation der Krise in Griechenland. Kein europäischer Regisseur hat je ein solch ambitioniertes Projekt zustande gebracht. Das muss man gleich in mehrfacher Hinsicht bedauern. Denn diese tiefgreifende Krise hat ja nicht nur das griechische Staatswesen, seine Ökonomie, seine Politik und seine Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs geführt, sondern auch die EU. Es ist fast schon beschämend, dass sich der europäische Dokumentarfilm so wenig für Griechenland interessiert wie die Medien, die sich mit dem Land nur dann befassen, wenn es wieder einmal vor der Zahlungsunfähigkeit steht oder wenn gerade keine andere Krise zur Hand ist. Von Thekla Dannenberg

Bühne frei für Shirley Clarkes 'Portrait of Jason' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2013

Wie verstörend ein Lachen sein kann, unter anderem davon handelt Shirley Clarkes großartiger Film "Portrait of Jason" aus dem Jahr 1967. Jason Holliday ist ein selbsterklärter "Hustler", einer, der mal hier und mal dort arbeitet, einer, der auf alle möglichen Weisen Geld verdient – etwa als Haushälter bei reichen weißen Damen, manchmal aber auch mit illegaleren Aktivitäten. Eigentlich träumt Jasons davon, durch kleine Clubs und Bars zu tingeln, zu schauspielern, auf der Bühne zu stehen. "Portrait of Jason" ist genau das: eine Bühne für Jason.
Von Elena Meilicke

Heroischer Kampf der Arbeiterklasse: Ken Loachs 'Spirit of 1945'

Außer Atem: Das Berlinale Blog 11.02.2013

Natürlich hat niemand einen solch zärtlichen Blick auf die britischen Arbeiter wie Ken Loach, aber bei Sam Watts übertrifft sich Loach selbst. In wunderbarstem Arbeiterklasse-Akzent lässt er diesen 90-jährigen Mann erzählen, wie er in den dreißiger Jahren mit seinen sieben Geschwistern in einem Slum in Liverpool aufwuchs, wie er mit vier Brüder in einem Bett voller Ungeziefer schlief. Immer wieder starben Geschwister von ihm an Hunger, Kälte oder Krankheit. Mit etwas über 20 Jahren las Watts sein erstes Buch, "The Ragged-Trousered Philanthropists", die Bibel der Arbeiterklasse, und er begriff, dass England gar kein armes Land ist, sondern das größte Empire der Welt, ein Land voller Reichtum, der nur anders verteilt werden müsste. Klar war Sam Watts dabei, als Labour sich 1945 daran machte, das Land umzukrempeln.
Von Thekla Dannenberg

Waffen, Nutten, Koks: Shaul Schwarz' 'Narco Cultura' (Panorama Dokumente)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2013

Der im Norden Mexikos tobende Drogenkrieg ist uns nicht fremd. Wir wissen von den Tausenden Toten in Ciudad Juárez und den anderen Grenzstädten zu den USA. Wer nicht
Roberto Bolano oder Alma Guillermoprieto gelesen hat, der kennt Don Winslows Thriller. Und doch fällt es schwer, sich ein Bild zu machen von einer Stadt, in der jährlich 3000 Menschen getötet werden - ohne dass Polizei oder Armee in der Lage oder willens wären, diese Morde aufzuklären -, von ihrer Armut, ihrer Hoffnungslosigkeit und auch ihrer Desolatheit. Von Thekla Dannenberg

Katastrophale Hilfe zeigt Raoul Peck in 'Assistance Mortelle' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2013

Eine bittere Lektion in politischer Ökonomie erteilt Raoul Peck mit seinem Film "Assistance Mortelle" über die internationale Hilfe für Haiti nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010, die keine Katastrophenhilfe war, sondern eine katastrophale Hilfe. Pecks Biografie ist sein filmisches Programm geworden: In Haiti geboren, in Zaire/Kongo aufgewachsen, hat er im Ost-Berlin der achtziger Jahre Wirtschaftswissenschaft studiert und in West-Berlin Film. Über den ermordeten kongolesischen Unabhängigkeitsführer Patrice Lumumba hat er gleich zwei Filme gedreht, im vorigen Jahr saß er in der Berlinale-Jury. Mit der ihm eigenen Mischung aus kommentierender Beobachtung und Zahlengewitter ist seine Dokumentation "Assistance Mortelle" eine wütende Abrechnung mit dem System internationaler Hilfe, das nicht in der Lage ist, guten Willen, Kompetenz und Gelder in zweistelliger Milliardenhöhe in sinnvolle Aufbauleistung umzuwandeln.
Von Thekla Dannenberg

Lebenszeichen: Werner Herzogs Blick in die 'Death Row' (Berlinale Special)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 14.02.2012

"Ich will eins von vornherein klarstellen", sagt Werner Herzog dem zum Tode verurteilten James Barnes gleich direkt ins Gesicht, "ich bin kein Befürworter der Todesstrafe. Aber das muss nicht heißen, dass ich dich mag." Barnes zuckt kurz, versteht aber offenbar umgehend, was Sache ist, dass es hier nicht um eine Empathieshow geht. "Okay", sagt er kurz, verständig. Wie viele andere Figuren in Herzogs dokumentarischem wie fiktionalem Oeuvre wirkt auch Barnes fahrig, unergründlich, als würde ein Wille in ihm rumoren, der ihm diese Welt zu klein werden lässt. Mit einem Unterschied: Weder will Barnes Weltmeister im Skispringen werden, noch ein Schiff über einen Berg ziehen. Barnes sitzt wegen einiger bestialischer Morde - dass es wohl noch weitere gibt, die ihm bislang nicht angelastet werden konnten, schimmert zudem überdeutlich durch - in der Death Row, im Todestrakt des amerikanischen Gefängnissystems, und wartet auf einen Hinrichtungstermin, den er offenbar durch immer neue Geständnisse, deren Gehalt ermittelt werden müssen, hinauszögern will: Salamitaktik, um den Justizbetrieb auf Trab zu halten.
Von Thomas Groh

Porträtiert die Skaterszene in Ostberlin: Marten Persiels 'This Ain't California' (Perspektive Deutsches Kino)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 13.02.2012

Es sieht so aus, als sei 2012 die Berlinale, die die DDR, zumindest filmisch gesehen, in ein neues Licht rückt. Zuerst präsentierte Christian Petzold seinen neuen Film "Barbara" im Wettbewerb - "Ich wollte, dass die DDR Farbe hat", so Petzold in der taz - und jetzt läuft in der Perspektive Deutsches Kino "This Ain't California" über die Skaterszene im Ostberlin der 80er Jahre.
Von Elena Meilicke

Untersucht den ungeklärten Tod zweier Roma: Philip Scheffners Dokumentarfilm 'Revision' (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 12.02.2012

Ein Weizenfeld nahe der polnischen Grenze. Im Sommer 1992 war das Feld Tatort eines im juristischen Sinne bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Gut 19 Jahre später, im Herbst 2011, filmt Philip Scheffner denselben Ort für seinen Film "Revision". Der gelbe Weizen rauscht sanft im Wind, die Schatten der Rotorblätter einer Windkraftanlage ziehen über das Feld. Die Windräder und ihr Schattenwurf tauchen immer wieder auf im Film, sie wirken in ihrer gleichmäßigen Bewegung leitmotivisch rhythmisierend, aber in ihnen steckt noch mehr: In den Windkraftanlagen materialisiert sich die zeitliche Differenz, die 19 Jahre zwischen dem inzwischen historischen Kriminalfall um zwei erschossene Roma und ihrer filmischen Revision. Tatsächlich stellt der (insbesondere im Osten Deutschlands evidente) Siegeszug der Windparks den größten Einschnitt in das Landschaftsbild Deutschlands in den letzten zwei Jahrzehnten dar (vermutlich ist das sogar noch untertrieben). Dass sie aufmerksam sind für solche scheinbar nebensächlichen Details, für auf den ersten Blick völlig kontingente Verbindungen, ist kennzeichnend für die Filme des außergewöhnlichen Dokumentaristen Philip Scheffner.
Von Lukas Foerster

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