Außer Atem: Das Berlinale Blog

Eine Mockumentary: 'Interior. Leather Bar' (Panorama) von Travis Mathews und James Franco

Von Lukas Foerster
11.02.2013.

Interior. Leather Bar: Eine Ortsbeschreibung, im Kontext eines Filmdrehbuchs eine Anweisung für den Bühnenbildner. Im Skript von William Friedkins "Cruising", einem verspäteten New-Hollywood-Thriller, der in der New Yorker Schwulenszene spielt, kam diese Ortsbeschreibung häufig vor. Im fertigen Film, der trotz aller Kompromisse, die im Laufe der Postproduktion eingegangen wurden, noch für jede Menge Ärger sorgte, vor allem, weil ihm Homosexuellenverbände Homophobie und implizite Anstiftung zu hate crimes vorwarfen, taucht das entsprechende Set zwar noch immer recht prominent, aber lange nicht mehr so häufig auf. Insgesamt gut 40 Minuten Material möglicherweise hardcorepornografischer Natur wurde aus dem Film herausgeschnitten, bevor er zur Aufführung kam. Diese 40 Minuten sind seit den frühen Achtzigern wie vom Erdboden verschwunden, das entsprechende Material wurde möglicherweise wohl vernichtet.


Interior. Leather Bar: Eine Ortsbeschreibung, im Kontext eines Filmdrehbuchs eine Anweisung für den Bühnenbildner. Im Skript von William Friedkins "Cruising", einem verspäteten New-Hollywood-Thriller, der in der New Yorker Schwulenszene spielt, kam diese Ortsbeschreibung häufig vor. Im fertigen Film, der trotz aller Kompromisse, die im Laufe der Postproduktion eingegangen wurden, noch für jede Menge Ärger sorgte, vor allem, weil ihm Homosexuellenverbände Homophobie und implizite Anstiftung zu hate crimes vorwarfen, taucht das entsprechende Set zwar noch immer recht prominent, aber lange nicht mehr so häufig auf. Insgesamt gut 40 Minuten Material möglicherweise hardcorepornografischer Natur wurde aus dem Film herausgeschnitten, bevor er zur Aufführung kam. Diese 40 Minuten sind seit den frühen Achtzigern wie vom Erdboden verschwunden, das entsprechende Material wurde möglicherweise wohl vernichtet.

James Franco und Travis Mathews haben nun einen Film gedreht, von dem es in Vorberichten hieß, er werde den Versuch unternehmen, die verschwundenen 40 Minuten nachzustellen. Das beschreibt den fertigen Film offensichtlich nicht so ganz. Es gibt tatsächlich einige wenige Szenen, die sich an einer derartigen Reinszenierung versuchen - und da finden dann auch einige erigierte Penisse ihren Weg auf die Leinwand, ins Festival. Aber im Kern ist der Film eine Mockumentary, ein Meta-Film, der gleich zwei reflexive Ebenen einzieht: Ein Film über Dreharbeiten zu einem anderen Film, der einige Szenen eines dritten Films reimaginiert.

Franco und Mathews casten also - in Los Angeles, New York kommt im gesamten Film nicht vor - junge Schauspieler für die missing scenes. Die Castingbilder selbst sind, egal, ob authentisch oder nicht, das Schönste an dem leider eher theoretisch interessanten "Interior. Leather Bar.": Junge Männer, die mit offenem Blick in die Kamera schauen und nicht zu wissen scheinen, wie ihnen da geschieht, ob sie gerade den ersten Schritt in Richtung Hollywoodkarriere machen, oder nicht vielleicht doch in die Pornobranche abbiegen. Es gibt auch einige Männer, die über ihre Erfahrungen in der schwulen Szene reden und sich offensichtlich darüber freuen, demnächst James Franco kennenlernen zu können.

Danach folgen eine Reihe von immer deutlicher inszenierten und leider etwas hingeschludert wirkenden Szenen, in denen es hauptsächlich um Val Lauren geht, einen Kumpel James Francos, der die Rolle weiterführen soll, die bei Friedkin Al Pacino übernommen hatte: ein heterosexueller Polizist, der in der schwulen Clubszene ermittelt und dabei in seiner eigenen sexuellen Identität verunsichert wird. Ein bisschen verunsichert in der Version, die 1980 in die Kinos kam, ein wenig stärker verunsichert möglicherweise in der, die der Öffentlichkeit vorenthalten blieb. Val Lauren beginnt bald, an seiner Entscheidung, an dem Projekt mitzuwirken, zu zweifeln; schließlich ist die Schauspielerei sein Job und zukünftigen Arbeitgebern wird er nicht so einfach erklären können, warum "Interior. Leather Bar." doch etwas anderes ist als ein x-beliebiger Schwulenporno. Everbody's darling Franco kann es sich leisten, in einem vanity project mit seiner eigenen sexuellen Ambivalenz zu flirten, Val Lauren nicht so ohne weiteres.



So geht es in "Interior. Leather Bar." immer weniger um "Cruising" oder gar um schwule Identität. Und immer mehr um die Befindlichkeiten eines heterosexuellen Schauspielers, der zwar kein Problem hat, vor der Kamera einen Mann zu küssen, dem dann aber doch irgendwann zu viele Eier und Schwänze vor der Nase herumtanzen und der auf den anderen heterosexuellen Schauspieler, der ihm dies alles eingebrockt hat, immer schlechter zu sprechen ist.

Nun ist allerdings James Franco nur einer von zwei Verantwortlichen für "Interior. Leather Bar." Der andere, Travis Mathews, ist selbst schwul, ist außerdem für das Drehbuch alleinverantwortlich und hatte bei der konkreten szenischen Ausgestaltung insbesondere der Hardcore-Passagen vermutlich mehr zu melden als sein berühmterer Kollege; und es gibt auch im restlichen Film immer wieder Szenen, in denen sich die schwulen Mitglieder der Filmcrew über die Bedenken der Heteros lustig machen oder sich einfach nur darüber freuen, dass da, auf welchem Weg auch immer, ein wenig Freizügigkeit Einzug hält in die Welt der Filmfestivals. Das ist genau die Spannung, von der der Film gleichzeitig spricht und die ihn selbst prägt: Ist "Interior. Leather Bar." lediglich ein heterosexueller Blick auf schwule Sexualität? Oder vielleicht doch eher ein (möglicherweise sogar schwuler) Film über den heterosexuellen Blick auf schwule Sexualität? Dass man diese Frage bis zum Ende nicht entscheiden kann, spricht fast schon wieder für den Film. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass sie ein wenig durchdachter formuliert worden wäre.

Lukas Foerster

"Interior. Leather Bar". Regie: Travis Mathews, James Franco. Mit Val Lauren, Christian Patrick, James Franco u.a., USA 2013, 60 Minuten (alle Vorführtermine)