Außer Atem: Das Berlinale Blog

Ein Wunder von einem Film: Ramon Zürchers 'Das merkwürdige Kätzchen' (Forum)

Von Lukas Foerster
11.02.2013.

Damit ich es gleich los bin: "Das merkwürdige Kätzchen" ist, in meinen Augen, ein Wunder von einem Film. Ich habe mich in den ersten fünf Minuten in ihn verliebt und wenn ich im Folgenden diese Liebe nicht zu fassen bekommen sollte, dann liegt das an mir und an der vielleicht blind machenden Liebe, nicht an dem Film.


Damit ich es gleich los bin: "Das merkwürdige Kätzchen" ist, in meinen Augen, ein Wunder von einem Film. Ich habe mich in den ersten fünf Minuten in ihn verliebt und wenn ich im Folgenden diese Liebe nicht zu fassen bekommen sollte, dann liegt das an mir und an der vielleicht blind machenden Liebe, nicht an dem Film.

Alltag, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Menschen, Tiere, Dinge, Worte, Räume. Menschen: Die Mutter hat ein ernstes Gesicht, steht in der Küche, beobachtet, kommentiert. Der Vater ist mal da, mal weg, hat wenig Präsenz. Der Sohn ist ein Ironiker. Die ältere Tochter hat einen kleinen Gesundheitsfimmel. Die jüngere Tochter reißt gelegentlich den Mund weit auf und schreit, nur um Krach zu machen (aber lärmig wird der Film auch in diesen Momenten nicht). Die Oma schläft meistens. Ein Nachbarskind schaut zur Tür herein, bekommt ein Glas Wasser. Eine der Verwandten, die zum Abendessen kommt, hat ein Cello dabei.

Eine wunderbare Fremdheit haben die Menschen des Films, eine Fremdheit, die sich nicht in Äußerlichkeiten, in Skurrilitäten, Marotten, Ticks erschöpft, sondern daher zu rühren scheint, dass der Film sich keinerlei Vorurteile über sie bildet. Tiere: eine Katze, bei näherer Betrachtung nicht merkwürdiger ist als die anderen Geschöpfe um sie herum. Ein Hund. Dinge: die Zauberflasche, die sich im Kochtopf dreht. Ein abgresissener Hemdknopf. Orangenschalen, die mit der weißen Seite oben auf dem Boden liegen bleiben. Worte: Gespräche über Lungenflügel, über die Gefahren von Billigwerkzeug und die Verdauung von Fenchel. Großartige Sätze, aus denen keine Gespräche entstehen: "Wenn die Wunde so riecht, wie sie aussieht, würde ich den Geruch mögen." Oder auch: "Falsch geschrieben ist jedes Wort lustig." Räume: Fast der gesamte Film spielt in einer Altbauwohnung, wie es in Berlin Tausende gibt: weiße Wände, hohe Fenster, ein recht enger Flur, eine recht enge Küche, ein recht enges Badezimmer, dazu einige auch nicht besonders geräumige weitere Zimmer. Schon die drei Menschen und zwei Tiere, die sich in der Wohnung für gewöhnlich aufhalten, füllen sie vermutlich recht gut aus, wenn dann noch die erweiterte Familie für ein gemeinsames Abendessen zu Besuch kommt, wird es ziemlich voll. Aber der Film schafft Platz für alle.

Der Film setzt miteinander in Beziehung: Menschen mit Menschen (meist gehen sie spielerisch und zärtlich miteinander um, sie weisen sich gegenseitig nie vollständig zurück, machen alle bei dem Spiel mit, das der Film mit ihnen spielt), Menschen mit Tieren (Füße, die sich in nicht völlig eindeutiger Absicht der Katze nähern), Menschen mit Dingen und Worten (der Einkaufszettel, auf den die jüngere Tochter die vielen falschen Worte geschrieben hat), Tiere mit Dingen (draußen vor dem Fenster: Eine Ratte macht sich über Erbrochenes her), alles gemeinsam mit Räumen. Die Kamera bewegt sich nicht (mit einer schönen Ausnahme), sie sucht selten die Totale, statt dessen lieber kleinere Ausschnitte, die keinen Überblick schaffen, aber, im Lauf des Films, netzartige Verbindungen knüpfen. Jemand schaut durch eine Tür hindurch, um die Ecke, jemand tritt an Stelle eines anderen in einen kurz verwaisten Bildraum, jemand blickt auf etwas, das außerhalb des Leinwandrahmens liegt, dann huscht die Katze durch die Einstellung.

Warum über solche Banalitäten schreiben? Bestehen nicht fast alle Filme aus Räumen, Menschen, Tieren, Dingen, Worten, Bewegungen, Blicken? Sicher tun sie das, aber fast nie gelingt es einem Film (und noch viel seltener: einem deutschen Film), all diese Elemente in ihrer Materialität sichtbar zu machen, ohne sie gleich wieder in eine Erzählmaschine einzuspannen, die sie zwangsläufig verformt, zurichtet. Nicht, dass Ramon Zürcher, Absolvent der Berliner Filmhochschule dffb (Projektbetreuung, das würde man nicht unbedingt denken: Bela Tarr), die Dinge einfach so zeigen würde, wie sie sind. Auch Zürcher verformt, allerdings nach seinen eigenen Regeln: nicht einfach ein Kätzchen, ein merkwürdiges Kätzchen. Es ist auch nicht so, dass der Film sich dem Erzählen als solchem verweigert. Es gibt narrative Motivketten, eine Dramaturgie unterschiedlicher Räume, sogar Rückblenden (wunderschöne Rückblenden!). Der erzählerische Bogen, der narrative drive, ist durchaus eine der Techniken, mit der man Beziehungen herstellen kann. Aber eben nur eine unter vielen. Geschichten sind eine schöne Sache, solange sie sich nicht vor all das andere stellen, was man mit Menschen, Tieren, Dingen, Räumen anstellen kann, was Menschen, Tiere Dinge Räume miteinander anstellen können.

Lukas Foerster

"Das merkwürdige Kätzchen". Regie: Ramon Zürcher. Mit Jenny Schily, Anjorka Strechel, Mia Kasalo, Luk Pfaff, Matthias Dittmer u.a., Deutschland 2013, 72 Minuten (alle Vorführtermine)