Außer Atem: Das Berlinale Blog

Pollesch in Polen: Przemyslaw Wojcieszeks 'Secret'

Von Thekla Dannenberg
12.02.2012.

Zwei Themen trüben das polnische Gewissen: Die miserable Behandlung der Schwulen und Lesben, deren Märsche für Toleranz immer wieder von nationalkatholischen Schlägertrupps gesprengt werden. Und die beunruhigende Frage, wie die Polen vom Holocaust profitiert haben. Sie haben die Geschäfte der ermorderten oder geflohenen Juden übernommen, sind in ihre Häuser gezogen und haben ihren Besitz in Beschlag genommen. Und was passierte, wenn Juden aus den Lagern heimkehrten? In Kielce wurden 1946 vierzig Holocaust-Überlebende erschlagen, unter anderem auch deshalb, weil die Polen die okkupierten Häuser nicht wieder hergeben wollten.


Zwei Themen trüben das polnische Gewissen: Die miserable Behandlung der Schwulen und Lesben, deren Märsche für Toleranz immer wieder von nationalkatholischen Schlägertrupps gesprengt werden. Und die beunruhigende Frage, wie die Polen vom Holocaust profitiert haben. Sie haben die Geschäfte der ermorderten oder geflohenen Juden übernommen, sind in ihre Häuser gezogen und haben ihren Besitz in Beschlag genommen. Und was passierte, wenn Juden aus den Lagern heimkehrten? In Kielce wurden 1946 vierzig Holocaust-Überlebende erschlagen, unter anderem auch deshalb, weil die Polen die okkupierten Häuser nicht wieder hergeben wollten.

In seinem Film "Sekret", dem einzigen polnischen Film auf der Berlinale, schickt Przemyslaw Wojcieszek seine beiden jungen Protagonisten Ksawery und Karolina aufs Land, um an einem Wochenende und mit Ksawerys Großvater gleich beide Traumata aufzuarbeiten. Eine Familienaufstellung unter erschwerten Bedingungen: Ksawery ist eine erfolgreiche drag queen, Karolina eine mit dem Land und ihrem Leben noch lange nicht versöhnte Jüdin, und der Großvater ein alter polnischer Nationalist, der in der Folge des Krieges Schuld auf sich geladen hat. Das wunderbare Haus in einer Gegend von Seen und Kieferwäldern gehörte einst Tzvika Aigerman, der zusammen mit seinem Sohn den Krieg überlebte, so viel ist bekannt. Was geschah mit ihm, als er wieder in sein Haus wollte?



Sehr wütend, sehr heftig und sehr laut lässt Wojcieszek seine drei Protagonisten, allesamt ganz hervorragende Schauspieler, aufeinanderprallen. Hier zeigt sich, dass Rene Pollesch auch in Polen seine Spuren hinterlassen. Die beiden schreien ohne Ende, entweder direkt in die Kamera hinein oder sich gegenseitig als Schwuchtel oder Jüdin an. Während allerdings Karolina, der Agnieszka Podsiadlik ein sehr klares und herbes Gesicht gibt, unerbittlich bleibt in ihrem Drängen und Nachfragen, entwickeln sich zwischen Ksawery und seinem Großvater Momente zärtlicher Verbundenheit. Ksawery (von dem ebenfalls grandiosen Tomasz Tydnyk gespielt, einem der wenigen offen schwulen Schauspieler Polens) badet seinen Großvater (Marek Kepinski) oder legt sich zu ihm ins Bett, und dieser sieht zwar weg, wenn sich sein Enkel die Fummel anzieht, sorgt sich aber auch, dass die Idioten im Dorf seinem Enkel etwas tun könnten. Der Alte hat vielleicht getötet, aber Ksawery hat niemand anderen zu lieben.

In der heftigsten Szene des Films kommt Karolina, die der Großvater irgendwann entnervt rausgeworfen hatte, zurück und fängt ruhig an, die selbstgefangenen Fische auszunehmen. Der Großvater, fast schon etwas erleichtert, will ihrem moralischen Rigorismus die Schärfe nehmen ("Wir leben so, wie die Welt um uns herum ist"). Und dann fragt sie in diese prekäre Idylle hinein: "Wie fühlt es sich an, ein Kind zu töten?"

Thekla Dannenberg

"Sekret - Secret". Regie Przemyslaw Wojcieszek. Mit Tomasz Tyndyk, Agnieszka Podsiadlik und Marek Kepinski. Polen 2012, 82 Minuten. (Vorführtermine)