Außer Atem: Das Berlinale Blog

Tanz den Affenkönig! Empfehlungen zum Forum Expanded

Von Nikolaus Perneczky
11.02.2012.

"Kritik und Klinik" ist eine der Ausstellungen (in den Kunstsaelen [sic!]) überschrieben, in denen das Forum Expanded das Kino an seine Grenzen und darüber hinaus - also an den Bereich der Videokunst heran - zu führen gedenkt. "Kritik und Klinik", das ist auch der Titel einer 1993 erschienenen Aufsatzsammlung von Gilles Deleuze, worin der Philosoph das Verhältnis von "écrire" und "délirer", von schreiben und delirieren zu klären sucht. Um die Weisen eines, zumal filmgestützen, Delirierens kreist auch das Schaffen Ken Jacobs'. Der amerikanische Experimentalfilmer der alten (Avant-)Garde ist in der bezeichneten Ausstellung mit einer neuen Arbeit vertreten, die das unzeitgemäße Projekt einer zornigen Ideologiekritik verfolgt. Auf Schrifttafeln, die den Fluss - oder eigentlich: das mechanische Rotieren - des abstrakten Hauptfilms in unregelmäßigen Intervallen unterbrechen, schwadroniert Jacobs über den militärisch-industriellen Komplex, Corporate America und all die anderen üblichen Verdächtigen, hart aber irgendwie souverän an der Grenze zur altlinken Paranoia entlang schrammend.


"Kritik und Klinik" ist eine der Ausstellungen (in den Kunstsaelen [sic!]) überschrieben, in denen das Forum Expanded das Kino an seine Grenzen und darüber hinaus - also an den Bereich der Videokunst heran - zu führen gedenkt. "Kritik und Klinik", das ist auch der Titel einer 1993 erschienenen Aufsatzsammlung von Gilles Deleuze, worin der Philosoph das Verhältnis von "écrire" und "délirer", von schreiben und delirieren zu klären sucht. Um die Weisen eines, zumal filmgestützen, Delirierens kreist auch das Schaffen Ken Jacobs'. Der amerikanische Experimentalfilmer der alten (Avant-)Garde ist in der bezeichneten Ausstellung mit einer neuen Arbeit vertreten, die das unzeitgemäße Projekt einer zornigen Ideologiekritik verfolgt. Auf Schrifttafeln, die den Fluss - oder eigentlich: das mechanische Rotieren - des abstrakten Hauptfilms in unregelmäßigen Intervallen unterbrechen, schwadroniert Jacobs über den militärisch-industriellen Komplex, Corporate America und all die anderen üblichen Verdächtigen, hart aber irgendwie souverän an der Grenze zur altlinken Paranoia entlang schrammend.

"Seeking the Monkey King" heißt dieses neue Werk, das sich glücklicherweise nicht erschöpft in solcher, von einer Mitarbeiterin des Forum nicht ganz zu Unrecht in die Nähe des deutschen Wutbürgertums gerückten Raunzerei. Zum weitaus größeren Teil besteht es aus einer kaderfüllenden, golden schimmernden Struktur aus Falten, Ecken und Kanten, die vor der Kamera in eine Drehbewegung versetzt wurde; eine Bewegung, die Jacobs aber nicht als kontinuierliche ablaufen lässt, sondern durch vielfältige Nachbearbeitungen des Materials weiter eindreht und verschleift. Unterbrochen wird sie aber vor allem von Jacobs' hauseigenem Quasi-3D-Verfahren, das die binokularen Perspektiven in rascher Folge abwechselt, anstatt sie wie sonst üblich zu einem homogenen Raumeindruck zu verschmelzen. Immersiv bis zum hypnotischen Selbstverlust sind diese stotternden Ruckelbilder erstaunlicherweise aber trotzdem, was wohl auch auf den dunkel wabernden Soundteppich zurückzuführen ist, der diesen Affenkönig zum Tanzen bringt. Wer sich dem Film in seiner vollen Länge aussetzt, wird sich - angeregt nicht zuletzt von den wiederkehrenden Tiraden gegen Gott und Vaterland - fragen, ob es nicht vielleicht auch mit den abstrakten Segmenten eine politische Bewandtnis hat. An Warenästhetiken à la Kanye West, durch den Fleischwolf gedreht, lässt Jacobs' schillerndes Gebilde dann denken.



"All Divided Selves" des Briten Luke Fowler teilt mit dem Stichwortgeber Deleuze das engagierte Interesse für die halb vergessene Bewegung der Antipsychiatrie. Nur ist es nicht Deleuze, sondern der schottische Psychiater Ronald D. Laing, um dessen Wirken und Vermächtnis es in Fowlers found-footage-Assemblage aus Fernsehreportagen und -interviews geht. Mehr noch als Deleuze und Félix Guattaris "Anti-Ödipus" trugen Laings ungleich zugänglichere Schriften zur Popularisierung des antipsychiatrischen Anliegens bei - und schließlich, wie der Film nahelegen wird, zu dessen esoterisch geneigter Trübung. Sehenswert ist "All Divided Selves" dennoch, weil Laings Populismus in seinen radikalen Anfängen viele wilde, auch wunderschöne Blüten treibt, wie zum Beispiel in einer von ihm moderierten Fernsehsendung über ein Glasgower Elendsviertel, wo er aus einer sozialen Phänomenologie dieses sehr britischen Randmilieus Schlüsse über zeitgenössische Psychopathologien zieht. Bei allen Vorbehalten gegen Laings unverhohlenen Hang zur Selbstinszenierung kann man sich der Evidenz, die sein kritischer Blick hier und anderswo zutage fördert, kaum entziehen. Am meisten interessiert sich "All Divided Selves", wie der Titel schon vermuten lässt, aber für jenen klinischen Befund, den die antipsychiatrische Bewegung gleich einem Schibboleth vor sich her trug: die Schizophrenie. Ein Stück weit greift dieses Interesse auch auf die Form des Films über, infiziert es sie mit abrupt eingeschobenen Wahrnehmungsbildern von analoger Körnung; Aufnahmen, die Fowler selbst gedreht und in das vorgefundene Material eingefügt hat, um es ins Ruckeln, zum Stottern zu bringen. Gemeinsam mit Laing ruft "All Divided Selves" einen in sich gespaltenen Betrachter an, der nicht mehr mit sich selbst identisch sein mag.



Wer Ken Jacobs' Affenkönig heil überstanden hat und nach noch mehr hochgetaktetem Geflicker giert, wird in Wolfgang Lehmans antinaturalistischem Naturfilm "Trollsländor med Faglar och Orm" selig werden. Auf Deutsch lautet der beschreibende Titel "Libellen, mit Vögeln und Schlange", zu sehen sind diese und anderes Kleingetier auf gut abgestandenen Filmaufnahmen, wie sie manchen noch aus dem Biologieunterricht vertraut sein mögen. Lehman unterzieht diese einer mechanischen Tortur: Es erscheinen jeweils zwei Einstellung zugleich, aber nicht qua Überblendung, sondern in einer Art Reißverschluss-Montage, die ein Frame der einen gegen ein Frame der anderen Einstellung schneidet und so weiter. Das irritiert das Formensehen und den Bewegungseindruck erheblich, entstellt das organische Gewusel zur Nicht-Wiedererkennbarkeit. Mitunter sind einzelne Tiere, Bewegungsrichtungen und andere Bildinhalte gerade noch zu erkennen, aber schon mit dem nächsten Bildflackern weicht ihr Natürliches dem erbarmungslosen Mechanismus des Projektors: ein dialektisches Delirium für Hartgesottene.



"whiteonwhite:algorithmicnoir" von Eve Sussman nimmt sich wie die Literalisierung der filmwissenschaftlichen These aus, wonach die gerichtete Kausallogik des klassischen Erzählkinos zusehends an Bedeutung verliere zugunsten der ungerichteten Informatik eines database cinema. Handlungssegmente sind nicht länger entlang einer unumkehrbaren Zeitachse miteinander verwoben, sondern werden wie Perlen an einer Kette aufgefädelt. Sussmans Film, der nie der selbe ist, versucht etwas Ähnliches. Ein Computeralgorithmus, der weithin sichtbar auf einem Bildschirm neben der Leinwand abläuft, wählt Film- und Soundclips aus einer verschlagworteten Datenbank, die dann auf die Leinwand projiziert werden. Das Zufallsprinzip entfaltet traumhafte Qualitäten. Traumartig geht es auch in dem wunderbaren Kurzfilm "Carlo's Vision" von Rosalind Nashashibi zu. Nach Pier Paolo Pasolinis unvollendetem Roman "Petrolio" inszeniert sie eine filmische Miniatur, die es trotz sehr einfacher Mittel in sich hat. Vier untersetzte, mittelalte Männer in Freizeitbekleidung - man könnte sich vorstellen, ihnen in einer italienischen Kinemathek zu begegnen - bewegen sich durch ein römisches Stadtviertel. Einer von ihnen sitzt auf einem Karren, die anderen ziehen ihn. Sie sind, das setzt der Film einfach so voraus, Götter unter Menschen, und obwohl nichts an ihnen diese Setzung unterstützt, glaubt man "Carlo's Vision" sofort und fraglos. Von diesen Göttern gehen Blicke auf Umstehende und Passanten aus; sexualisierende Blicke, die trotzdem nichts Voyeuristisches an sich haben und den Angeschauten noch da ihre Würde lassen, wo es diesen gleich an den Schritt geht. Wie das geht? Das muss man gesehen haben.

Nikolaus Perneczky

"Seeking the Monkey King" von Ken Jacobs. USA 2011, 40 Minuten (Vorführtermine)
"All Divided Selves" von Luke Fowler. Großbritannien 2011, 93 Minuten (Vorführtermine)
"Trollsländor med Faglar och Orm" von Wolfgang Lehman. Schweden, Deutschland 2011, 60 Minuten (Vorführtermine)
"whiteonwhite:algorithmicnoir" von Eve Sussman. USA 2011 (Vorführtermine)
"Carlo's Vision" von Rosalind Nashashibi. Italien 2011, 11 Minuten (Vorführtermine)