Außer Atem: Das Berlinale Blog

Fortgehen und reich wiederkommen: Michel Zongos 'Espoir Voyage' (Forum)

Von Thekla Dannenberg
10.02.2012.


Wenn afrikanische Regisseure über das neue afrikanische Kino lästern, dann haben sie meist einen Film vor Augen, der mit europäischen Geldern koproduziert wurde, eine Migrationsgeschichte erzählt und zur Freude eines schuldbewussten Publikums auf Festivals und bei Arte gezeigt wird. Und wahrscheinlich wird er nie in einem afrikanischen Kino zu sehen sein. Kann gut sein, dass Michel Zongos "Espoir Voyage" zu hundert Prozent das Klischee des Weltkinos erfüllt, er ist aber trotzdem sehr schön und sehr sehenswert.


Wenn afrikanische Regisseure über das neue afrikanische Kino lästern, dann haben sie meist einen Film vor Augen, der mit europäischen Geldern koproduziert wurde, eine Migrationsgeschichte erzählt und zur Freude eines schuldbewussten Publikums auf Festivals und bei Arte gezeigt wird. Und wahrscheinlich wird er nie in einem afrikanischen Kino zu sehen sein. Kann gut sein, dass Michel Zongos "Espoir Voyage" zu hundert Prozent das Klischee des Weltkinos erfüllt, er ist aber trotzdem sehr schön und sehr sehenswert.

Michel Zongo, Regisseur aus Burkina Faso, begibt sich für diese Dokumentation auf die Spuren seines älteren Bruders Joanny, der 1978 mit gerade einmal 14 Jahren in die Elfenbeinküste aufgebrochen ist, um dort sein Glück zu suchen. Michel Zongo war damals vier Jahre alt, hat also keinerlei Erinnerungen an seinen Bruder. Nach achtzehn Jahren ohne ein Lebenszeichen von ihm brachte ein Cousin, der ebenfalls fortgegangen war, die Nachricht, dass Joanny gestorben sei. Der Film beginnt in Zongos burkinischem Heimatdorf Koudougou mit einer Botschaft der Tante, die ihrem Sohn vorwirft, nicht nach Hause zurückzukommen, sie alleinzulassen, wo doch das Haus schon ganz baufällig sei. Aber sie wünscht dem Filmemacher auch Glück bei der Spurensuche: "Ein Mann sollte nicht verschwinden wie ein Hund."

Völlig dem Schicksal ergeben, erklärt die Mutter, wie normal es früher gewesen sei, die Söhne in dem jungen Alter wegzuschicken, die Regel laute: "Fortgehen und wiederkommen." Wie eine Initiation sei es. Die Jungen gehen arm weg und kommen mit Geld zurück, um zu heiraten und ein Haus bauen zu können. Aber: "Gott gibt nicht jedem eine Chance".

Mit der Geschichte seines Bruders erzählt Zongo auch die Geschichte der burkinischen Wanderarbeiter, die in die Elfenbeinküste gegangen sind, um dort auf den Kaffee- oder Kakaoplantagen zu arbeiten, oder sich auf einem Stück Land niederzulassen, um eigene Pflanzen zu ziehen. Für sie war und ist dieses von Bürgerkriegen heimgesuchte, aber ungeheuer fruchtbare Land das reinste Eldorado.



Mit einer Gruppe solcher Wanderarbeiter begibt sich Zongo auf den Weg in die Elfenbeinküste. Der Bus wird umständlich vollgeladen: Autoreifen, Säcke voller Zwiebeln, Babies, alles muss untergebracht werden, und für den Fahrer müssen Gebete gesprochen werden. Durch die Hitze der Nacht rumpelt der Bus rumpelt direkt ins Rebellengebiet hinein, zum Teil im Schritttempo über die rote Erde und an an den Schlaglöchern. Über die Bilder dieser Fahrt legen sich die Erzählung der Mutter, Erinnerungen an Joanny, der so elegant gekleidet war, einen Sack Kakaobohnen trug er so leicht als wäre es Baumwolle. Die Anstrengungen dieser Fahrt spürt man geradezu körperlich, und doch ist sie voller Magie. Rite de passage.

Und tatsächlich ist das Land jenseits des Lebava-Grenzflusses tropischer und fruchtbarer, doch hoffnungslos ist das Leben auch hier. Immer auf den Spuren des Bruders, erzählt der Film von den Arbeitern, ihren großen Hoffnungen und deren armseligen Überresten. Sie schuften auf Plantagen, schlagen Tag für Tag mit ihren Macheten die Kakaofrüchte auf und haben noch nie in ihrem Leben Kakao getrunken. Zu den berührendsten Momenten des Films gehören die Berichte der burkinischen Arbeiter, die sich nicht nach Hause zurücktrauen, weil sie es auch in der Elfenbeinküste zu keinem Geld gebracht haben. So wie Augustin: "Zu Hause glauben die Leute, wir fahren Auto, dabei können wir uns gerade mal ein Fahrrad leisten." Aber auch kein Aufbegehren gegen das harte Leben: "Wer sich in ein Abenteuer begibt, muss was aushalten können."

"Espoir Voyage". Regie: Michel Zongo. Dokumentarfilm, Frankreich / Burkina Faso 2011, 81 Minuten. Moore/Französisch mit englischen Untertiteln. (Vorführtermine)