Außer Atem: Das Berlinale Blog

Ein etwas irres Etwas: Zbigniew Bzymeks 'Utopians'

Von Ekkehard Knörer
11.02.2011.

In einem seiner vielen unfreiwillig erhellenden Interviews vor Berlinale-Beginn hat deren Chef und leider auch künstlerischer Leiter Dieter Kosslick die folgenden sehr ominösen Worte gesprochen: "Und raten Sie mal, warum ich neuerdings so gerne verrate, dass ich Yoga mache! Da bahnt sich was an." Soll wohl heißen, dass es demnächst eine Berlinale-Sektion "Sonnengruß für Anfänger" geben wird (kann ja vielleicht nicht schaden bei dem Scheißwetter, das sich nach gestriger Irreführung jetzt doch eingestellt hat). Was sich ein Kosslick in seinen yogischen Träumen sicher nicht ausmalen konnte, war dagegen ein Forums-Film wie der in den USA entstandene "Utopians" des Polen Zbigniew Bzymek: die Geschichte eines Yogalehrers der anderen Art.


In einem seiner vielen unfreiwillig erhellenden Interviews vor Berlinale-Beginn hat deren Chef und leider auch künstlerischer Leiter Dieter Kosslick die folgenden sehr ominösen Worte gesprochen: "Und raten Sie mal, warum ich neuerdings so gerne verrate, dass ich Yoga mache! Da bahnt sich was an." Soll wohl heißen, dass es demnächst eine Berlinale-Sektion "Sonnengruß für Anfänger" geben wird (kann ja vielleicht nicht schaden bei dem Scheißwetter, das sich nach gestriger Irreführung jetzt doch eingestellt hat). Was sich ein Kosslick in seinen yogischen Träumen sicher nicht ausmalen konnte, war dagegen ein Forums-Film wie der in den USA entstandene "Utopians" des Polen Zbigniew Bzymek: die Geschichte eines Yogalehrers der anderen Art.

Es handelt sich um Bzymeks Spielfilmdebüt, bisher war der Regisseur vor allem als Videokünstler für avancierte Performancetruppen tätig. So ist er etwa fester freier Mitarbeiter der New Yorker Performer-Legende "Wooster Group", kein Zufall also, dass in einer kleinen Rolle in der Mitte des Films deren unbedingt verehrungswürdiges Mitglied Kate Valk auftaucht. Hauptdarsteller Jim Fletcher genießt in den einschlägigen Zirkeln als Schauspieler Underground-Ruhm (hier ein Radio-Interview über seine Performance-Truppe "Bunny Gumbo") und legt in "Utopians" eine depressiv-energiegedrosselte Darstellung aufs Parkett, die das Leuchten im Herzen des stolzesten Yogi umstandslos auslöscht.

Bzymek hat eine Erzählstrategie: Von anderen als den nächsten Umständen erfahren wir erst einmal nichts. Da ist der Mann, den Jim Fletcher spielt. Er holt eine afro-amerikanische junge Frau namens Zoe am Flughafen ab, sie trägt Militäruniform. Eine andere Frau namens Maya, die zu Beginn mit einer Schizophrenie-Diagnose in der Psychiatrie steckt, ergänzt dieses Zentrum des Films zum Trio. Man weiß lange nicht, wie sich die drei eigentlich zueinander sortieren. Das ist dem Film demonstrativ egal, er ist eine serielle Aneinanderreihung von unbedeutenden Banalitäten, Streitereien, Schweigepausen und Kleinigkeiten. Der Grundton ist passiv-aggressiv. Die drei renovieren ein Haus, besonders gut anstellen tun sie sich dabei nicht.

Auch eher uneindeutig ist die Chronologie. Da herrscht ein unaufgeklärtes und in letzter Instanz auch nicht aufklärbares Durcheinander. Dafür ist dann die immer wieder zwischengeschnittene Spachtelmasse-Verührung und -Andickung in ihrer Abfolge stringent. Angerührt, angedickt, aus minimen Regungen zu einem zusehends beeindruckenden Ganzen akkumuliert ist aber "Utopians" als ganzer Film. Etwas schleicht sich heran und geradezu hinterrücks überfällt einen irgendwann das Gefühl, dass das ganz schön kühn ist und toll, was Bzymek da tut. Nichts und nichts (plus Schwarzblenden, plus Impro-Musik, plus Yoga, plus Hund) ergibt in Serienschaltung ein etwas irres Etwas. Nichts klärt sich so recht. Aber am Ende steht die Welt beim Yoga-Hund auf dem Kopf und es ist auf näher zunächst gar nicht zu bestimmende Weise die Wirklichkeit auch für mich und für dich ein kleines, aber entscheidendes Stückchen verrückt.

"Utopians". Regie: Zbigniew Bzymek. Darsteller: Jim Fletcher, Courtney Webster, Lauren Hind. USA 2011, 84 Minuten (Forum, Vorführtermine)