Außer Atem: Das Berlinale Blog

Schweigt und brütet: Rafi Pitts in 'Shekarchi'

Von Ekkehard Knörer
18.02.2010.

Zu den erstaunlichen und manchmal gelinde verstörenden Erfahrungen, die man im Sturm eines Festivals macht, gehört die, dass beinahe jeder Film, so sehr man selbst unter ihm leidet, seine Freunde, Anhängerinnen und Fürsprecher findet. Ein besonders eklatanter Fall ist da für mich der vorgestern im Wettbewerb gelaufene Rafi-Pitts-Film "Shekarchi". Ich saß in meinem Cinemaxx-Sessel und konnte, je länger er dauerte, desto weniger fassen, was mir da zugemutet wird. Den Saal verließ ich im Bewusstsein, eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Die Lektüre der Kritiken, der Blick in den Kritikerspiegel belehrten mich dann - nun ja, nicht eines anderen, denn ich sehe den Film noch ganz genauso; ich bin jetzt aber doch um die Erkenntnis reicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen in "Shekarchi" ein vollkommen respektables Werk sehen.


Zu den erstaunlichen und manchmal gelinde verstörenden Erfahrungen, die man im Sturm eines Festivals macht, gehört die, dass beinahe jeder Film, so sehr man selbst unter ihm leidet, seine Freunde, Anhängerinnen und Fürsprecher findet. Ein besonders eklatanter Fall ist da für mich der vorgestern im Wettbewerb gelaufene Rafi-Pitts-Film "Shekarchi". Ich saß in meinem Cinemaxx-Sessel und konnte, je länger er dauerte, desto weniger fassen, was mir da zugemutet wird. Den Saal verließ ich im Bewusstsein, eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Die Lektüre der Kritiken, der Blick in den Kritikerspiegel belehrten mich dann - nun ja, nicht eines anderen, denn ich sehe den Film noch ganz genauso; ich bin jetzt aber doch um die Erkenntnis reicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen in "Shekarchi" ein vollkommen respektables Werk sehen.

Gestern hatte ich mir erspart, über dies für jeden als solches doch sicher erkennbare Machwerk ein Wort zu verlieren. Nun, da der Film auch unter hoch geschätzten Kolleginnen und Kollegen seine Freunde gefunden hat, möchte ich doch noch erklären, was mich empört. "Shekarchi" erzählt die Geschichte eines Mannes. Der kommt aus dem Gefängnis, arbeitet als Nachtwächter in einer Fabrik. Seine Frau, seine Tochter sieht er aufgrund der verschobenen Rhythmen eher selten. Und eines Tages wartet er zuhause und sie kommen nicht. Er wartet und sucht und muss dann erfahren, dass sie bei einer Demonstration erschossen worden sind. Zuvor schon sahen wir den Mann mit Gewehr. Nun postiert er sich auf einer Anhöhe und schießt auf ein Polizeiauto auf der Autobahn, tötet dabei zwei Polizisten. Er verkauft seinen Wagen, kauft einen neuen, lässt das Gewehr im Kofferraum zurück. Man kommt ihm auf die Spur, er wird verfolgt, er flieht in einen Wald, zwei Polizisten jagen ihn, ergreifen ihn - und finden nicht mehr heraus aus dem Wald.

Eine etwas abstruse Geschichte, aber noch die abstruseste Geschichte lässt sich plausibel erzählen. Was Rafi Pitts aber tut: Er setzt diesen Mann, seinen Helden, einfach ins Bild. Meist schweigt er und brütet. Pitts spielt ihn selbst. Das ist schon der Beginn aller Probleme: Er ist eine Null-Präsenz und weder in der ersten noch in der gefühlt hundertfünfzigsten Großaufnahme seines Gesichts evoziert er überhaupt irgendwas. Es werden die Kompositionen gerühmt. Man sieht die sich schlingenden Stränge der Autobahn. Milchig-gelbes Licht über Teheran. Das Häusermeer der Großstadt. Die Straßen oft menschenleer. Das Auto auf einer Allee fährt aus dem Bild, gelegentlich ohne Ton. Wieder und wieder das Haus, in dem der Held wohnt: nüchtern, hässlich, wie tot.

Kein Leben ist in diesen Bildern, aber es ist ihnen mutwillig entzogen. Alles, was diese Bilder zeigen - die Leere, die Einsamkeit - ist keiner Wirklichkeit verdankt, die sie darstellen, sondern es ist in diese Bilder mit Absicht und kunstvoll und damit ohne Beweiswert fürs Reale von Anfang an hineingelegt. Die Bilder geben sich den Anschein des realistischen Modus, sind in Wahrheit aber auf einen einzigen Ton gestimmt und auf eine schlichte Aussage hin immer schon zugerichtet. Dass sie ausschließlich Klischees ohne innere Spannung zeigen (leere Großstadt, Mensch verlassen im Raum, brütendes Gesicht in Großaufnahme), kommt dazu. Soweit der noch nicht so ganz schlimme Teil.



Das Paradoxe und ganz Unsinnige ist: "Shekarchi" versteht sich als Gesellschaftsdiagnose. Die Tagespolitik holt Rafi Pitts mit dem Tod von Frau und Kind bei einer Demonstration sehr gezielt in seine in den Bildern hermetisch gegen den Alltag und überhaupt jede Gesellschaftspolitik abgedichteten Räume hinein. Das ist die Ausgangs- und Grundcrux des Films: Er spielt in einem in sich noch einmal spannungslosen luftleeren Raum, behauptet aber ständig, durch das, was er in diesem Raum vorführt, etwas Gültiges über den Iran der Gegenwart zeigen zu können. Von Anfang an ist klar, dass es nicht um psychologische Plausibilität geht. Auch nicht um ein Verhältnis von Figur, Bewegung, Gesellschaft und Raum. (Wie fabelhaft vorgeführt in Benjamin Heisenbergs "Der Räuber".) Jeder mögliche Bezug des Gezeigten auf Reales lässt sich deshalb einzig im Gegenmodus des Realistischen (das dennoch ständig angetäuscht wird) stiften: im Modus des Parabolischen.

Und hier gerät der Film endgültig in Teufels Küche. Für eine lange Strecke schickt er seinen in jeder Hinsicht unterbestimmten und von Anfang an aus allen Koordinaten des Sozialen sorgfältig herausgetrennten Helden mit zwei Polizisten in den Wald. Das Parabelhafte als unweigerlich sich aufdrängender Lektüremodus setzt alles, was hier geschieht, unter massiven Überinterpretationsdruck. So stehen die Polizisten für mindestens die staatliche Ordnungsmacht, wenn nicht den Staat selbst. Einer der beiden ist vergleichsweise ein Guter, der andere nicht. Die Macht- und Bindungsverhältnisse der drei (der Held inzwischen endgültig katatonisch) wechseln, aber wie immer man sie liest: als Darstellung von Herr und Knecht, Bürger und Staat, Delinquent und Ordnungsmacht bleibt, was geschieht, so hoffnungslos unterkomplex, dass es irgendwann nur noch lächerlich ist.

Drei Männer im Wald belauern einander, misstrauen einander, betrügen einander, zwingen einander unter vorgehaltener Waffe zu diesem und jenem. Der längst stiften gegangene Sinn lässt sich nur unter Inkaufnahme seiner totalen Beliebigkeit wieder ins Bild holen. Man müsste schon sagen: "Shekarchi" zeigt die iranische Gesellschaft als eine, in der alles Zwischenmenschliche sich verflüchtigt hat. In der es nur noch ums blanke Überleben geht und in der am Ende auch völlig egal ist, wer jetzt wen erschießt. Das ist als Diagnose einer sehr konkreten politischen Situation eine Unverschämtheit. Wer als Reaktion auf eine politisch-soziale Lage weltabgeschiedene Endspiele in nebligen Wäldern inszeniert, ist ein Mystifikator von Graden. Dass in "Shekarchi" auch intern nichts stimmig ist, verwundert dann auch nicht mehr.



P.S.: Gestern saß ich zwei verzweifelt endlose Stunden lang in Alexei Popogrebskys Wettbewerbsfilm "How I Ended This Summer". Er jagt seine zwei Figuren abseits aller gesellschaftlichen Wirklichkeit und psychologischen Plausibilisierungsversuche auf einer arktischen Insel komplett sinnlos durch die Gegend. Es ist wie eine "Lost"-Folge ohne Rätsel, ohne Spannung und in zehnfacher Verlangsamung abgespielt. Aber auch nicht so, dass die komplette Leere als konzeptuell zu begreifen wäre. (Eher, fürchtet man, als existenziell.) Ich litt wie ein Hund und konnte mich immerhin damit trösten, dass ganz gewiss alle, die das mit mir durchlitten, das im Bewusstsein taten, gerade eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter sich zu bringen. In die Kritikerspiegel blicke ich bis zum Ende des Festivals lieber nicht.

Rafi Pitts: "Shekarchi - Zeit des Zorns". Mit Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi. Deutschland, Iran 2010, 92 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)

Alexei Popogrebsky: "Kak ya provel etim letom - How I Ended This Summer". Mit Grigory Dobrygin, Sergei Puskepalis u.a.. Russische Föderation 2010, 124 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)