Außer Atem: Das Berlinale Blog

Miserabilismusporno erster Kajüte

Von Ekkehard Knörer
14.02.2010. Ich gebe, bevor ich hier als der Berliner Schlechte-Laune-Bär abgestempelt werde, zu Protokoll, dass mir die beiden Wettbewerbsfilme "My Name is Khan" (warum der außer Konkurrenz läuft, weiß der Kosslick) und "If I Want to Whistle, I Whistle" von Florin Serban auf ihre sehr unterschiedliche Weise jeweils sehr imponiert haben.



"Submarino" von Thomas Vinterberg allerdings hat das nicht. Der Film ist eine Zumutung, was noch kein Werturteil ist. Aber er ist mächtig stolz darauf, eine Zumutung zu sein, darauf, seine Figuren und seine Zuschauer so richtig tief in die Scheiße tunken zu können. Und dieser Stolz ist zum Kotzen. Dieser Stolz, und mehr noch die Tatsache, dass er dem Film aus jeder Pore entströmt, machen diese Geschichte zweier Brüder, denen "das Leben" (in Wahrheit natürlich das Drehbuch) nichts erspart, zum Miserabilismusporno erster Kajüte. Kurze, unvollständige Aufzählung des Elends, das sie und wir mit ihnen durchwaten: trunksüchtige Mutter, "Schuld" am Tod des kleinen Bruders, erst kaputte, dann abbe Hand, Drogensucht, lautes Radio des Nachbarn, Taufname per Telefonbuch, schwer pathologischer fetter bester Freund, Geldsorgen sowieso, Vollbart, Ex-Frau jetzt mit Baby eines anderen Mannes, Tod der Mutter, schwermütige Indie-Musik, Höllenfahrt mit Frauenchören, überfahrene Ehefrau, grisselgraue…

Ich gebe, bevor ich hier als der Berliner Schlechte-Laune-Bär abgestempelt werde, zu Protokoll, dass mir die beiden Wettbewerbsfilme "My Name is Khan" (warum der außer Konkurrenz läuft, weiß der Kosslick) und "If I Want to Whistle, I Whistle" von Florin Serban auf ihre sehr unterschiedliche Weise jeweils sehr imponiert haben.



"Submarino" von Thomas Vinterberg allerdings hat das nicht. Der Film ist eine Zumutung, was noch kein Werturteil ist. Aber er ist mächtig stolz darauf, eine Zumutung zu sein, darauf, seine Figuren und seine Zuschauer so richtig tief in die Scheiße tunken zu können. Und dieser Stolz ist zum Kotzen. Dieser Stolz, und mehr noch die Tatsache, dass er dem Film aus jeder Pore entströmt, machen diese Geschichte zweier Brüder, denen "das Leben" (in Wahrheit natürlich das Drehbuch) nichts erspart, zum Miserabilismusporno erster Kajüte. Kurze, unvollständige Aufzählung des Elends, das sie und wir mit ihnen durchwaten: trunksüchtige Mutter, "Schuld" am Tod des kleinen Bruders, erst kaputte, dann abbe Hand, Drogensucht, lautes Radio des Nachbarn, Taufname per Telefonbuch, schwer pathologischer fetter bester Freund, Geldsorgen sowieso, Vollbart, Ex-Frau jetzt mit Baby eines anderen Mannes, Tod der Mutter, schwermütige Indie-Musik, Höllenfahrt mit Frauenchören, überfahrene Ehefrau, grisselgraue Postdogmakamerabilder, hässliches Dänemark, Selbstmord.

Also, wo waren wir, Geschichte zweier Brüder, denen das Leben nichts erspart. Es liegt ein Roman zugrunde, dem Vinterberg und sein Drehbuchautor Tobias Lindtholm aber einen Rahmen hinzugefügt haben, der dem Fass per erstens Fatalismusinsinuation und zweitens superdämlichem Ende ("Hoffnung") den Boden ausschlägt. Lindtholm sitzt bei der PK auf dem Podium im hellblauen Hemd und mit brav gescheiteltem Haar und trübt kein Wässerchen. Vinterberg erklärt, dass er sich auskennt, weil ein Grundschulfreund, während er, Vinterberg, zum Regiestar wurde, die Drogenkarriere vorzog. Natürlich haben sie recherchiert. Natürlich bilden sie sich etwas darauf ein, als die bourgeoisen Typen, die sie sind, der elenden Wirklichkeit so schonungslos nahegetreten zu sein. "Submarino", der Titel des Films beschreibt eine dem Waterboarding verwandte Foltermethode: Das Opfer wird unter Wasser gedrückt, bis es zu ersticken glaubt. Das trifft, unfreiwillig, versteht sich, sehr gut das Verhältnis des Filmemachers zu seinen Figuren.

Thomas Vinterberg: Submarino. Mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Morten Rose, Patricia Schumann. Dänemark 2010, 110 Minuten. (Vorführtermine)