9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Überwachung

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2014 - Überwachung

Die FDP-Hoffnung Christian Lindner tritt in der FAZ zu Schirrmachers Appell an und stimmt in Martin Schulz' Klage über den drohenden digitalen Totalitarismus ein ("Allerdings kann man Martin Schulz nur wünschen, dass die Distanz zwischen seinen Entscheidungen als Parlamentarier und seiner wachen Problemsensibilität zukünftig geringer wird"). Die Amerikaner, konstatiert er, halten das Machbare für das zu Tuende (über die Briten spricht er nicht): "Das ist keine Sachfrage, die Frank-Walter Steinmeier im Cyber-Dialog zerkauen kann - es ist eine Machtfrage. Darauf haben sich Deutschland und Europa einzustellen." Lindner unterstützt die Forderung, Datenaustauschabkommen mit den USA vorerst auszusetzen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2014 - Überwachung

Kilian Froitzhuber zeichnet auf Netzpolitik die britische Diskussion über die immer stärker zentralisierten Gesundheitsdaten nach, über die wieder mal nur der Guardian kritisch berichtet - bis zur bitteren Konsequenz: "Womit wir in der Gegenwart angekommen sind und bei der Meldung des Guardian, der zufolge die englischen Patientendaten versehentlich auf Google-Servern gelandet sind."

Sascha Lobo ruft in seiner Spiegel-Online-Kolumne das Zeitalter der Selfieness - also der freiwilligen Selbstpreisgabe von Daten - aus. Bei HMEs Appell gegen das Internet wird ihm dabei durchaus ungemütlich - vor einem nicht ganz wegzuleugnenden Hintergrund: "Es erscheint nicht als Zufall, dass die großparanoiden Radikalen vom britischen Geheimdienst GCHQ Millionen privater Webcams anzapften und damit private Videochats überwachten. Videochats sind bewegte Selfies in Echtzeit, bei denen zu rund 105 Prozent das eigene Gesicht in die Kamera gehalten wird. Oder andere Körperteile. Weiter weg vom Terrorismus geht es nicht, der endgültige Beweis, dass es der Spähmaschinerie um Bürgerüberwachung und Kontrolle geht."

Weiteres: Alan Posener amüsiert sich in der Welt dagegen eher über Enzensberger. Und Don Dahlmann findet in seinem Blog (via Carta), dass Enzensberger durchaus einen Punkt macht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2014 - Überwachung

Markus Beckedahl berichtet folgendes in Netzpolitik: "Der etwas ältere Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat in der FAZ eine Wutschrift gegen die Digitalisierung geschrieben, die eigentlich den Verlust der Privatsphäre thematisiert: Enzensbergers Regeln für die digitale Welt: Wehrt Euch! Das ist insofern von Bedeutung, dass er früher ein bedeutender Intellektueller seiner Zeit war und mit seinen zehn Thesen auch Punkte aufführt, die vielen in seiner Generation durch den Kopf gehen, wenn man etwas ängstlich vor der digitalen Zukunft steht, die unsere Gegenwart geworden ist..."

Beckedahl empfiehlt einen Blogbeitrag Till Westermayers, der wiederum Enzensbergers "Baukasten zu einer Theorie der Medien" von 1970 empfiehlt: Damals war der einst bedeutende Intellektuelle schon mal weiter. Enzensbergers in der FAZ vom Samstag vorgebrachtes "Wehrt Euch" sieht Westermayer dagegen als "ziemlich platten Boykottaufruf für alles, was nach 1970 erfunden worden ist".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2014 - Überwachung

Dirk van Gehlen vergleicht in der SZ Hans Magnus Enzensbergers in der FAZ geäußerten Vorschlag, künftig das Handy wegzuschmeißen und ein Leben ohne Internet zu führen, mit dem Rat, "die Gefahren des Straßenverkehrs dadurch zu lösen, dass man sein Haus einfach nicht mehr verlässt", und findet die Konzentration des FAZ-Diskurses auf Internetunternehmen leicht verdächtig: "Nicht die Frage, ob jemand freiwillig Daten an Facebook gibt, sollte diskutiert werden, sondern die Frage, warum dieser Bürger eigentlich mit seinen Steuern dafür aufkommt, dass der Staat ihn überwacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2014 - Überwachung

Dokumente aus dem unerschöpflichen Fundus von Edward Snowden belegen die Existenz eines Überwachungsprogramms namens Optic Nerve, mit dem der britische Geheimdienst GCHQ die Webcam-Kommunikation über Yahoo erfasste, berichten Spencer Ackerman and James Ball im Guardian: "Genutzt wurde das System für Experimente zur automatischen Gesichtserkennung, für die Überwachung bestehender Zielpersonen des GCHQ und zum Finden neuer Zielpersonen... Das Programm speichert die Webcam-Chats nicht komplett, sondern nimmt alle fünf Minuten ein Foto des Nutzers auf, um sich einerseits an die Menschenrechtsgesetze zu halten und andererseits die GCHQ-Server nicht zu überlasten. Das Dokument beschreibt das Selektionsverfahren als 'unselektiert' - Geheimdienstjargon für massenhafte statt gezielter Sammlung." Eine besondere Herausforderung für den Geheimdienst besteht laut den Dokumenten darin, seine Analysten vor dem Anblick unerwünschter Freizügigkeit zu schützen.




In Netzpolitik kommentiert Kilian Froitzhuber trocken: "Die Möglichkeiten zum Videochat mit ihren Liebsten werden für die Terroristen immer kleiner. Und für alle anderen auch."


9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2014 - Überwachung

In Amerika gibt es das, ein durch Mäzene finanziertes Medium, Propublica, das es einer Reporterin erlaubt, ein Jahr lang zu recherchieren, was Firmen und der Staat über sie wissen und die das Buch dann im Verlag der New York Times publiziert. Patrick Bahners (FAZ) lernt aus Julia Angwins "Dragnet Nation" (Auszug), "dass Behörden und Unternehmen gemeinsame Interessen im Datenbankgeschäft" haben, und das Übliche - nämlich, dass man sich auf die gefährliche Inkompetenz solcher Dienste in der Regel verlassen kann: "Eine Firma führte sie als alleinerziehende arbeitslose Mutter ohne Collegeabschluss - wohl wegen ihrer Adresse in Harlem. Solche Angaben werden an Krankenhäuser verkauft, die wissen wollen, ob ein neuer Patient sich seine Behandlung leisten kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2014 - Überwachung

(Via Spiegel Online). Glenn Greenwald bringt auf The Intercept, seinem von Pierre Omidyar financierten Investigativmagazin, die erste größere Geschichte und zeigt "wie verdeckte Agenten der NSA ins Internet eindringen um zu manipulieren, zu täuschen und den Ruf von Personen zu zerstören." Seine Erkenntnisse basieren auf dem Papier einer Arbeitsgruppe der Five Eyes Allianz: "The Art of Deception: Training for Online Covert Operations". Zu den Technikern gehören "'false flag operations' (man stellt Material ins Netz und erklärt jemand anderen zum Urheber), 'fake victim blog posts' (man gibt sich als Opfer einer Person aus, deren Ruf man zerstören will), und 'negative Informationen' in verschiedenen Formen". Normale Stasi-Arbeit also! Diese Taktiken richten sich laut Greenwald keineswegs gegen feindlich gesinnte Nationen, sondern häufig zum Beispiel gegen Hacker - "jene, die Online-Protestaktionen zu politischen Zwecken nutzen". Solche verdeckten Aktionen, so Greenwald, seien besonders vom Obama-Berater Cass Sunstein empfohlen worden, der ironischer Weise gerade von Obama zum Mitglied im NSA Review Panel ernannt wurde.

Hier ein Auszug aus den Power-Point-Präsentation der Arbeitsgruppe:



Im Guardian erzählt Luke Harding von all den gespenstischen Begegnungen und Erlebnissen, die ihm beim Schreiben seines Buchs "The Snowden Files" wiederfuhren: "Ich schrieb gerade an einem Kapitel über die engen und weithin geheimen Beziehungen der NSA zum Silicon Valley. Ich schrieb, dass Snowdens Enthüllungen die amerikanischen Hightech-Unternehmen an einer empfindlichen Stelle getroffen haben - als etwas Seltsames passierte. Der Absatz, den ich gerade geschrieben hatte, begann sich selbst zu löschen. Der Cursor bewegte sich schnell von links und verschland den Text. Ich sah, wie meine Wörter verschwanden. Als ich versuchte, mein Open-Office-Dokument zu schließen, begann die Tastatur zu blinken und piepsen. In den nächsten Wochen ereigneten sich diese Fälle von Fernlöschung mehrere Male. Es gab kein festes Muster, aber es schien immer dann zu passieren, wenn ich abschätzig über die NSA schrieb. Alle Autoren bereiten sich auf Kritik vor. Aber eine Kritik vor der Veröffentlichung von einem anonymen, göttlichen Unbekannten ist etwas Neues."

(Via Techcrunch) Wenig Erregung löste in Deutschland die Reuters-Meldung vom Sonntag aus, dass die NSA, nachdem sie die Kanzlerin nicht mehr abhören soll, sich einfach aufs Abhören ihrer Minister verlegt hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2014 - Überwachung

Im Guardian feiern Schriftsteller wie Ian McEwan, Hari Kunzru und Deborah Levy das achtzigjährige Bestehen der britischen NGO Liberty. Auch Edward Snowden schickt ein paar Zeilen: "Heute kann kein normaler Mensch mehr telefonieren, einem Freund eine E-Mail schreiben oder ein Buch bestellen, ohne dass über seine Aktivitäten Aufzeichnungen erstellt werden, archiviert und analysiert von Leuten, die befugt sind, einen ins Gefängnis zu stecken oder Schlimmeres. Ich weiß das, ich saß an diesem Schreibtisch. Ich habe die Namen eingegeben."

Und Julian Barnes warnt, Freiheit ist sehr wohl teilbar. Wir erleben es jeden Tag: "Sobald ein Politiker behauptet, dass anständige, gesetzestreue Bürger von einer bestimmten Maßnahme nichts zu befürchten haben, können wir sicher sein, dass gerade jemand einen kleineren oder größeren Teil seiner Freiheit veriert."

Der Bremer Kommunikationswissenschaftler Friedrich Krotz hält in der taz fest, dass die Internetkonzerne und Geheimdienste inzwischen mehr über uns wissen als wir selbst: "Was derartige kontinuierliche Beobachtungsstrategien in der Psyche von Menschen anrichten können, wenn sie bekannt sind, haben theoretisch der französische Philosoph Michel Foucault und empirisch die Sozialpsychologie gezeigt - vielleicht ist das auch einer der Gründe, dass viele das nicht wahrhaben wollen. Man passt sich an und kontrolliert sich vorauseilend selbst. Ein Verharmlosen ist da ebenso gefährlich wie der Rückzug auf eine ignorante Ungestörtheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2014 - Überwachung

Gerhart Baum sieht die Welt in einer Antwort auf Martin Schulz auf dem Weg in den Weltüberwachungsstaat, hält in der FAZ aber auch fest: "Trotz aller Enthüllungen über die NSA darf man nicht vergessen, dass das Internet weltweit für die Menschen einen früher unvorstellbaren Freiheitsgewinn gebracht hat." Baum fordert von der EU (deren Kommissionspräsident Martin Schulz werden will) eine härtere Position bei Datenschutzverhandlungen mit den USA.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2014 - Überwachung

Laura Poitras und James Risen berichteten schon am Samstag in der New York Times, dass auch eine amerikanische Anwaltsfirma vom australischen Counterpart der NSA abgehört wurde. Das gehe aus Dokumenten von Edward Snowden hervor: "The disclosure offers a rare glimpse of a specific instance in which Americans were ensnared by the eavesdroppers, and is of particular interest because lawyers in the United States with clients overseas have expressed growing concern that their confidential communications could be compromised by such surveillance. The government of Indonesia had retained the law firm for help in trade talks, according to the February 2013 document. It reports that the N.S.A.'s Australian counterpart, the Australian Signals Directorate, notified the agency that it was conducting surveillance of the talks, including communications between Indonesian officials and the American law firm, and offered to share the information."