9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2025 - Religion

Abbé Pierre, Gründer der Emmaus-Gemeinschaft, galt in Frankreich fast als Nationalheiliger, obwohl innerhalb der Katholischen Kirche immer bekannt war, dass der als Henri Grouès geborene Abbé sexbesessen war. (Unsere Resümees). Nach zahlreichen neuen Berichten von Opfern zieht der Missbrauchsskandal immer weitere Kreise, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ: "Nach den Enthüllungen der letzten Monate hat die Fondation Abbé Pierre jetzt eine Namensänderung angekündigt. Porträts und Statuen im öffentlichen Raum werden entfernt, Schulen, Parks und Mehrzweckhallen umbenannt. Viele stellen die Frage: Wer wusste was wann - und hat auf welche Art und Weise reagiert? Wie sich herausstellt, wussten viele vieles. Aber was Einzelnen, auch vielen Einzelnen bekannt ist, dringt darum nicht zwangsläufig ins allgemeine Bewusstsein." Papst Franziskus konzedierte, "der Vatikan habe spätestens seit dem Tod des Abbés 2007 von dessen Übergriffen gewusst, schob aber wie jeder Chef eines Weltkonzerns, dessen vergangene Verfehlungen auffliegen, die Verantwortung von sich: 'Ich war damals nicht im Amt; und es ist mir nicht eingefallen, mich in dieser Sache kundig zu machen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2025 - Religion

Im Tagesspiegel spricht Jens Tartler mit der forensischen Psychiaterin Nahlah Saimeh über das Böse. Als einen der Rahmen, innerhalb derer das Böse für sie möglich ist, benennt sie Religion: "Zunächst möchte ich zwischen Spiritualität und Religion unterscheiden. Auf der spirituellen Ebene kommen letztlich alle Religionen zum gleichen Ergebnis. Wenn aber die Dogmatik die Oberhand gewinnt, wird ein Alleingültigkeitsanspruch erhoben. Religionen sind doch unterschiedliche Tore zu ein und derselben letzten Wirklichkeit, über die wir Menschen in aller Regel im Leben nichts wissen. Die Radikalisierung hat den Vorteil, dass sie Eindeutigkeit vermittelt. Alle fanatischen Ideologien vermitteln moralische Überlegenheit und dem Verunsicherten durch die Rigidität Orientierung. Aus diesem Absolutheitsanspruch erwächst wiederum die moralische Pflicht, Andersgläubige zu töten oder - denken Sie an glaubensfeindliche Staatsformen - überhaupt Gläubige zu verfolgen. Das Grundschema ist immer das gleiche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2025 - Religion

Der Soziologe Stefan Kühl, selbst mit der Evangelischen Kirche verbunden, plädiert in der taz für eine Abschaffung des Religionsunterrichts an deutschen Schulen, der in Deutschland bisher von den Kirchen organisiert, aber vom Staat üppig bezahlt wird (es gibt an den Unis mehr als doppelt so viel Theologen als Philosophen). Gebracht hat der verfassungsrechtlich verankerte Status aber nichts: "Die Frage ist, ob sich die Kirchen mit dem verpflichtenden Religionsunterricht einen Gefallen tun. Es müsste untersucht werden, ob jemals ein Schulkind durch einen in ein 45-Minuten-Korsett gezwängten Pflichtunterricht mit anschließender Leistungsbenotung zu Gott gefunden hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2024 - Religion

Nicht erst seit der islamische Theologe Mouhanad Khorchide 2010/11 zum Leiter des Zentrums für islamische Theologie der Uni Münster ernannt wurde, setzt er sich wie ein "Berserker" für eine aufklärerisch-humanistische Reform des Islams ein, schreibt Till-R. Stoldt in der Welt. Aber gegen die Macht der Moscheeverbände hierzulande kommt er einfach nicht an, räumte er jetzt bei einer Lesung in Bonns evangelischer Kreuzkirche ein: "Seufzend erwähnte er, auch seine eigenen Studenten seien von seinem Islamverständnis oft nicht überzeugt - womit er wohl untertrieb. Einer Umfrage zufolge fühlen sich über zwei Drittel der Studenten islamischer Theologie hierzulande vom Moscheeverband DITIB vertreten, knapp zwei Drittel von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG). ... Beide Verbände stehen Khorchides Ideen denkbar fern. Überspitzt: Sein eigenes Zentrum, die vermeintliche Kaderschmiede der Reformer, scheint feindlich unterwandert. (…) Dass die deutsche Politik radikalen Reformmuslimen wie Khorchide partiell in den Rücken gefallen ist mit ihrer Nähe zu seinen Kontrahenten, darf man in aller Nüchternheit festhalten. Der organisierte deutsche Islam steht zwar mehrheitlich sozusagen 'religiös rechts' von Khorchide. Aber damit haben sich die Regierungen der Republik, vor allem die linken, schulterzuckend arrangiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2024 - Religion

Deutsche Politiker haben nach wie vor eine große Sehnsucht nach Zusammenarbeit mit Islamverbänden. Besonders privilegert ist in Deutschland der türkisch gesteuerte Moscheenverband DITIB. Aber dieser Verband hat wie die Ahmadiyya-Sekte eine islamistische Agenda, warnt Moritz Pieczewski-Freimuth bei hpd.de. Auch Rheinland-Pfalz bereitet neue Kooperationen vor: "Höchst umstrittene Akteure mischen also wieder mit - und das, obwohl es auch hier Zweifel an der DITIB gab. Die Gespräche begannen 2013, wurden aber 2016 wegen des Putschversuchs in der Türkei ausgesetzt. Nach einem Gutachten zur Unabhängigkeit der Landesverbände nahmen die Dialoge mit der DITIB 2023 wieder Fahrt auf. Nun steht die Entscheidung an, und vermutlich wird die Einflussnahme durch und Privilegierung von Erdoğans Beamten in Rheinland-Pfalz am Freitag beschlossene Sache sein." Pieczewski-Freimuth weist auch nach, dass sich einige notorische Islamisten an staatlich geförderten Ausbildungsstätten für die Imam-Ausbildung tummeln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2024 - Religion

Lena Bopp interviewt für die FAZ den libanesischen Künstler Akram Zaatari, der aus dem Südlibanon stammt: "Ja, viele Menschen wollen die Hisbollah loswerden, aber sie stehen nicht auf der Seite Israels", sagt er. Was er über den Schlag gegen den Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah sagt, klingt eher weniger verheißungsvoll: "Wenn man es poetisch betrachtet, kann man die Ermordung Nasrallahs als ein weiteres Kerbela betrachten. Vielleicht wird man sie in 400 Jahren feiern, so wie Aschura, das Opferfest, bei dem die Schiiten sich selbst geißelnd durch die Straßen ziehen. Das Hauptziel des Opferfestes ist es, die Schuldgefühle fortzusetzen, weil die Menschen den Enkel des Propheten nicht schützen konnten. Also wurden sie belagert, getötet und verstümmelt. Was jetzt geschieht, ist dasselbe."

Abbé Pierre, Gründer der Emmaus-Gemeinschaft, sammelte im Winter 1954 500 Millionen Francs für Obdachlose, für die er sich zeitlebens einsetzte. In Frankreich galt er fast als Nationalheiliger, obwohl  innerhalb der Katholischen Kirche immer bekannt war, dass der Abbé vom "Sex besessen" und ein "notorischer Grapscher" war, erinnert Pascal Bruckner in der NZZ: "Der erotische Eifer des heiligen Mannes war so groß, dass ihm Aufpasser zur Seite gestellt wurden, sobald er mit einer Frau zusammen war. Ein regelrechter Cordon sanitaire umgab ihn, um zu verhindern, dass er die Brüste seiner Verehrerinnen berührte. Papst Franziskus selbst, ein Jesuit durch und durch, gab im Sommer zu, dass er von diesen Machenschaften wusste, aber nichts dagegen unternommen hatte. Die Affäre ist ein weiteres Beispiel für die schwere Last, die Rom im Kampf gegen Pädophilie und sexuellen Missbrauch zu tragen hat. Der Islam stirbt an seiner Gewalt, der Katholizismus an seinem Schweigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2024 - Religion

Auf hpd stellt Alexander Wolber eine deutschlandweite Studie der Universität Münster zu den Islamstudiengängen und der islamischen Religionspädagogik in Deutschland vor. Die Hoffnung, mit diesen Studiengängen einen europäischen, von offiziellen türkischen Einflüssen unabhängigen Islam anzustoßen, haben sich danach nicht recht erfüllt: "Über die Hälfte stimmt dem Motiv zu, andere bekehren zu wollen (52 Prozent) und noch mehr lehnen einen an Europa angelehnten Islam ab (68 Prozent). Darüber hinaus fühlen sich die meisten durch DITIB (68 Prozent) und/oder IGMG (59 Prozent) repräsentiert. Des Weiteren berichten 57 Prozent, fast ausschließlich muslimische Freunde zu haben (Segregation). ... Feindbilder sind ebenfalls weit verbreitet: 56 bis 60 Prozent vertreten antiwestliche Vorstellungen, zum Beispiel, dass der Westen verantwortlich für schlechte Bedingungen in islamischen Ländern sei, oder dass er alles dafür tun würde, dass der Islam keine Hochkultur werden könne. ... Die Autoren fassen zusammen, dass circa ein Viertel der Untersuchungsteilnehmenden eine fundamental islamistische Weltsicht vertritt und die Islamisierung der Politik befürwortet. 10 Prozent befürworten "reaktive" Gewalt, während 6 Prozent aktive Gewalt an Ungläubigen befürworten. Positiv hervorzuheben ist, dass 98 Prozent Gewalt an Frauen zurückweisen und demokratischen Werten im Allgemeinen zustimmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2024 - Religion

In der Welt meint die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönher, dass uns Martin Heideggers Satz "Nur noch Gott kann uns retten" eine angebrachte Antwort auf die vielen Krisen der Gegenwart ist. "In den gegenwärtigen Krisen können die Erfahrungen und Haltungen helfen, die in spirituellen Prozessen erlebt und eingeübt werden. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat sie als die vorpolitischen Grundlagen des demokratischen Rechtsstaats bezeichnet, die dieser aus eigener Kraft nicht hervorbringen kann. Es geht um Erfahrungen eigener Endlichkeit, eigenen Angenommen- und Getragen-Seins, um Haltungen des Hörens, der Selbstkritik, des Hoffens, der Dankbarkeit. In der Mehrfachkrise unserer Tage können sie ein gesellschaftliches Miteinander stärken, das die anstehenden Transformationen demokratisch bewältigt."
Stichwörter: Heidegger, Martin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2024 - Religion

Nach dem Tod des langjährigen Präsidenten Usbekistans Islam Karimow 2016, der ein öffentliches Hijab-Verbot durchsetzte, versuchen immer mehr islamistische Prediger ihre radikale Auslegung des Islam unter die Leute zu bringen, schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Das geht auch mit einer zunehmenden Angst von FrauenrechtlerInnen einher, die historische Erfolge bedroht sehen: "In den 1920er Jahren initiierte die sowjetische Regierung die Hujum-Kampagne, eine umfassende Bewegung zur Emanzipation der Frauen in Zentralasien." Dabei kämpften sie vor allem gegen den "Pranja, den traditionellen Ganzkörperschleier der Frau". Trotz "offizieller sowjetischer Unterstützung war es ein langwieriger und gefährlicher Kampf. Frauen, die sich der Hujum-Bewegung anschlossen und öffentlich ihre Paranjas ablegten, wurden oft Ziel von Angriffen durch konservative Muslime. (...) Die zunehmende Sichtbarkeit des Hijabs im öffentlichen Raum wird von vielen Usbekinnen mit gemischten Gefühlen betrachtet. Einerseits sehen sie darin ein Zeichen religiöser Freiheit, andererseits fürchten sie einen schleichenden Konservatismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2024 - Religion

Der Zentralrat der Konfessionslosen fordert die Bundesregierung auf, den Widerstand der Bundesländer gegen die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen dadurch zu lösen, dass die Ablösesumme ausschließlich auf Basis der historischen Staatsleistungen berechnet wird, meldet hpd: "'Solange eine absurd hohe Ablösesumme im Raum steht, haben wir volles Verständnis für den Widerstand der Bundesländer', so der Vorsitzende des Zentralrats Philipp Möller. 'Die Ablösung der Staatsleistungen darf aber nicht an unrechtmäßig hohen Beträgen scheitern!' (…) Zudem sei die in der Weimarer Reichsverfassung vorgesehene Ablösung längst um ein Vielfaches überschritten. 'Vielleicht sollten wir auch einmal darüber reden, die 21 Milliarden Euro von den Kirchen zurückzufordern, die die Länder ihnen seit Gründung der Bundesrepublik überwiesen haben', schlägt Möller vor. 'Die Kirchen haben genug Geld, um diese Summe zu zahlen, und würden damit endlich den gesellschaftlichen Beitrag leisten, von dem christliche Politiker so oft reden.'"