9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2025 - Religion

Berlin ist die letzte Bastion eines linken Säkularismus in Deutschland - überall sonst wird das Kopftuch an Schulen und sogar in Polizei und an Gerichten mit Leidenschaft verfochten. Zuletzt von den Grünen in Berlin. Auf deren Vorstoß' zur wünschenswerten Einführung des Kopftuchs bei Polizistinnen muslimischer Observanz und zur Abschaffung des Berliner Neutralitätsgesetzes  antwortet der "Arbeitskreis Säkulare und humanistische Sozialdemokrat:innen Berlin" (AK SHS) bei hpd.de in leider etwas umständlicher Prosa: "Rechtspflege, Justizvollzug und Polizei treten zu weiten Teilen den Rechtsunterworfenen hoheitlich gegenüber. In dieser Situation als nicht oder anders religiös gebundene Person religiösen Zeichen ausgesetzt zu sein, ist nicht hinnehmbar. Die Religiosität anderer zu tolerieren ist zwar ein Zeichen guten Zusammenlebens. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen sich deren herausragender Religionsbekundung auch dann aussetzen müssen, wenn die religiösen Menschen ihnen hoheitlich und potenziell mit Zwang gegenübertreten."

Außerdem: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube antwortet auf einen Artikel des Theologen Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ vom 19. April zur Frage der Religiosität in einem Zeitalter nachlassender Begeisterung für die Kirchen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2025 - Religion

Nun stehen also Papstwahlen an. Es wird wohl ein Mann werden, aber sonst lässt sich eigentlich nichts voraussagen, erzählt Thomas Jansen in der FAZ: "Gute Chancen haben jene Kardinäle, die über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt sind und über ein großes Netzwerk verfügen. Förderlich sind dabei neben Englischkenntnissen vor allem Italienisch- und Spanischkenntnisse, weil dies die beiden einflussreichsten Sprachgruppen im Kardinalskollegium sind. Aber auch Kardinäle, die über gute Kontakte zu internationalen katholischen Gemeinschaften mit großem Einfluss im Vatikan verfügen, wie etwa Sant'Egidio, haben Vorteile. Denn vor Papstwahlen werben solche Gemeinschaften für bestimmte Kandidaten." Außerdem in der ausführlichen Papst-Berichterstattung der FAZ: Daniel Deckers hält fest, dass Papst Franziskus nicht allzu viel für den deutschen Katholizismus übrig hatte.

Papst Franziskus griff zwar die Rhetorik der Befreiungstheologie auf, aber er war alles andere als ein "linker Papst", meint der Michael Schmidt-Salomon in hpd.de. Gewählt worden sei er, um den Evangelikalen, die in Südamerika und Afrika immer stärker werden, etwas entgegenzusetzen: "Franziskus punktete im evangelikalen Lager nicht nur dadurch, dass er auf den traditionellen katholischen Prunk (etwa auf die roten Samtschuhe) verzichtete, sondern indem er die politische Agenda der Evangelikalen umsetzte. Kaum ein anderer Papst hat die weltweiten Kampagnen gegen den Schwangerschaftsabbruch so massiv unterstützt wie er, kaum einer so wenig gegen die massiven Angriffe auf Schwule, Lesben, Transpersonen aus den eigenen Reihen unternommen. Als etwa die nigerianische Bischofskonferenz noch härtere Strafen für Homosexuelle forderte, war dazu aus Rom keine substanzielle Kritik zu hören."

In letzter Zeit ist viel vom ominösen Neokatholizismus im Umfeld von Peter Thiel und seines Geschöpfs J.D. Vance die Rede. In Zeit online versucht der Jesuitenpater Klaus Mertes (der einst bekannt wurde, als er die Missbrauchsenthüllungen am Berliner Canisius-Kolleg lancierte) den Schmu aus Religion und Theorie zu entschlüsseln, mit dem Thiel sein Übermenschentum begründen will. In vielem scheint Thiel dabei auf die Ideen des amerikanisch-französischen Anthropologen René Girard zurückzugreifen. Das klingt dann so: "Die Sündenbockfigur trifft sich bei Girard - ebenso wie im Evangelium - mit der messianischen Figur des Retters. Der Gekreuzigte von Golgata ist Befreier, weil er den Sündenbockmechanismus entlarvt. Das maßen sich der Monopolist, Präsidentschaftskandidat oder Machthaber auch an, aber nur, weil - gefühlt - alle gegen ihn oder sie anstürmen. 'Alle' spalten sich in die einen, die ihn bekämpfen, und in die anderen, die ihn gerade deswegen verehren, weil er von 'allen' bekämpft wird."

Ruhrbaron Thomas Wessel liest noch einmal genauer die "Fatwa" der sehr einflussreichen "Internationalen Union Muslimischer Gelehrter" (IUMS), die den Muslimbrüdern nahesteht. Dort wird zum Dschihad gegen Israel aufgerufen und im Unklaren gelassen, ob damit auch Gewalt gemeint ist. Vor allem aber richtet sich die Fatwa an gläubige und nicht gläubige BDS-Anhänger, meint Wessel: "Der Adressat dieses Katalogs? 'Alle Muslime' und ihre 'rechtschaffenden Verbündeten', sie werden gleich im Prolog der Fatwa unter göttlichen Schutz gestellt. Diese Fatwa richtet sich weniger an alle als an sie, die BDS-affine Szene weltweit, die 'rechtschaffend' verbündet sei, es ist deren antisemitisches Programm, das hier abgesegnet wird. Keine Verpflichtung auf einen armed jihad, aber dessen Sanktion. Weit über die frommen Szenen hinaus, die sich im Einflussbereich der Muslimbrüder gebildet haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2025 - Religion

Sede vacante. Die Zeitungen blicken auf das Pontifikat von Papst Franziskus zurück, der gestern gestorben ist. "Jorge Mario Bergoglio war ein richtig guter Franziskus", schreiben Oliver Meiler und Annette Zoch in der SZ. Der Franziskus-Papst setzte auf Dialog und gab sich weniger abgehoben als sein Vorgänger. Trotzdem kühlte die Begeisterung für den ersten südamerikanischen Papst mit der Zeit ab. "Immer blieb der Eindruck, dass er zickzack fuhr. So fortschrittlich er in sozialethischen und wirtschaftlichen Fragen war, so sehr das nach Neuanfang und Aufbruch roch: Innerkirchlichen Reformen stand er streng konservativ gegenüber. So schwand besonders in Deutschland die Begeisterung der Gläubigen für diesen Papst zusehends. Franziskus leistete hartnäckig Widerstand gegen den deutschen Synodalen Weg, das Reformprojekt von deutschen Bischöfen, Priestern und Laien. Das hat ihn viele Sympathien gekostet."

In der FAZ schreibt Christian Geyer mit kritischer Sympathie: "Ob man die schwebende Transformation, wie sie Franziskus verkörperte, nun peronistisch inspiriert findet (entsprechend einer allen nach dem Mund redenden Machttechnik des argentinischen Präsidenten Juan Perón) oder eben als Ausdruck einer stets kontingent bleibenden Sprachpragmatik liest, von welcher auch die religiöse Verkündigung nicht ausgenommen ist (die Theologie als Wissenschaft ohnehin nicht) - Segen und Fluch liegen hier dicht beieinander. Siehe nur die mangelnde Fixierbarkeit der reformerischen Emphase."

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Sehr nüchtern blickt der Historiker Volker Reinhardt im Zeit-Online-Interview mit Merle Schmalenbach auf das Pontifikat von Papst Franziskus. "Er gab viele überraschende, berührende Statements ab. Das war sympathisch auf einer menschlichen Ebene. Aber wenn es ernst wurde, wenn etwas davon in irgendeiner Weise in der Kirchenlehre fixiert werden sollte, war davon nicht mehr viel zu spüren. Ein Beispiel: Er sagte, dass Atheisten von Gott erlöst würden. Das hatte keinerlei Auswirkungen auf das Lehramt. Im Gegenteil, die Aussage wurde später sogar theologisch berichtigt. Unter Franziskus gab es eine Aufspaltung in den Papst und den Menschen Bergoglio." Das anachronistischere und folgenreichere Pontifikat, ist Reinhardt überzeugt, war ausgerechnet das von Franziskus Vorgänger, Papst Benedikt.

Einerseits war Franziskus ein "linker Papst", meint Laurent Joffrin in lejournal.info. Andererseits erinnert die Comedian Sophia Aram in einem Tweet an die Stellungnahme des Papstes gegen Charlie Hebdo einige Tage nach dem Attentat auf die Zeitschrift.


Der letzte Besucher des Papst war ausgerechnet der katholische Konvertit J.D. Vance. Dieser sei aber eher aus intellektuellen als aus spirituellen Gründen zum katholischen Glauben übergetreten, schreibt Alan Posener in der Welt. "Und seine intellektuellen Positionen hat er aus durchaus zweifelhaften Gründen gewechselt. Atheist sei er geworden, schrieb er in The Lamp, 'aus dem Wunsch, bei den amerikanischen Eliten Anerkennung zu finden'. Ayn Rand habe er bewundert, weil ihre Schriften ihm sagten, was er hören wollte: 'Große, clevere Männer sind nur dann arrogant, wenn sie Unrecht haben.' Im Katholizismus zieht ihn besonders die Lehre des Augustinus an, 'weil sie die beste Kritik unserer modernen Gesellschaft war, die ich je gelesen hatte' - nämlich an einer Gesellschaft, 'die sich nur am Konsum orientiert und die Pflicht und die Tugend vernachlässigt'."

Kurt Andersen, Autor des Buchs "Fantasyland", hat einen Verdacht:


In der FAS schildert Frauke Steffens den sagenhaften Erfolg der neokatholischen Gebetsapp "Hallow", hinter der unter anderen der Investor Peter Thiel und Trumps Vize J.D. Vance stecken. Äußerlich gibt sie sich zunächst ganz harmlos, mit Devotionalienkitsch und Anleitungen zum Seelenheil wie von einer Yoga-App. "Auf den zweiten Blick können auch hinter den religiösen Botschaften politische Hass-Codes stecken - zum Beispiel dort, wo sich die christliche Losung 'Christ is King' in der MAGA-Szene zu einer Parole gewandelt hat, die unter Antisemitismus-Verdacht steht. 'Christ is King' wurde online in letzter Zeit immer mehr zur Parole derjenigen, die klarstellen wollten, dass ihr Projekt das eines christlich und weiß dominierten Amerikas ist - selbst in Abgrenzung zu Juden, die wie sie Nationalisten sind. Manche Rechtsextreme waren nämlich gar nicht damit einverstanden, dass jüdische Amerikaner wie die Influencerin Laura Loomer oder der Podcaster Ben Shapiro bei ihnen mitmischen wollen."

In der FAZ antwortet der Religionssoziologe Detlef Pollack auf den katholischen Theologen Benjamin Dahlke, der kürzlich in der FAZ die Vitalität des Katholizismus in den USA hervorgehoben hatte (unser Resümee). Ganz so doll ist es da aber auch nicht, meint Pollack. Auch in den USA gehe der Trend zur Säkularisierung, da helfe auch kein J.D. Vance, im Gegenteil: "Sicher und wissenschaftlich belegt ist hingegen, dass eine enge Verbindung von Religion und Politik zwar kurzfristige Aufmerksamkeitsgewinne bringt, sich langfristig aber eher negativ auf die kirchliche Bindung auswirkt. ... Die Identifikation der Kirchen mit politisch konservativen Positionen motiviert politisch eher moderat und liberal eingestellte Personen, die mit der Kirche nur schwach verbunden sind, aber auch dazu, aus politischen Gründen ihre religiöse Bindung aufzugeben. 'I am not like them' - sagen sie, um zu begründen, warum sie sich von der Kirche abwenden."

In Deutschland hat der Trend zur Säkularisierung einen historischen Wendepunkt erreicht, meldet hpd: Laut der Forschungsgruppe "Weltanschauungen in Deutschland" stellen konfessionsfreie Menschen erstmals einen größeren Bevölkerungsanteil als Katholiken und Protestanten zusammengenommen. "So kam die 2024 publizierte '6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung' (KMU), die von beiden Großkirchen verantwortet wird, zu dem Ergebnis, dass die absolute Bevölkerungsmehrheit in Deutschland (56 Prozent) der Gruppe der 'Säkularen' zuzurechnen ist, die religiöse Angebote klar ablehnt. Im eigentlichen Sinne 'religiös' (also tatsächlich in christlichen, jüdischen oder muslimischen Gemeinden verankert) sind nach Angaben der KMU nur noch 13 Prozent der Bevölkerung. Noch geringer ausgeprägt ist die 'gelebte Glaubenspraxis', die sich in regelmäßigen Gottesdienstbesuchen ausdrückt: Nur noch 5 von 100 Menschen in Deutschland besuchen mindestens einmal im Monat eine Kirche, Moschee, Synagoge oder einen hinduistischen oder buddhistischen Tempel, wie Carsten Frerk in seiner aktuellen fowid-Auswertung herausgestellt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2025 - Religion

Etwa ein Fünftel der Bevölkerung in den USA gehört der katholischen Kirche an, hält Benjamin Dahlke, Professor für Dogmatik an der Katholischen Universität Eichstätt, in der FAZ fest. Im Gegensatz zu Deutschland habe der Katholizismus in den USA Aufwind, was unter anderem daran liege, dass die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den USA besser aufgeklärt worden seien. Allerdings stimmte auch die Mehrheit der Katholiken für Donald Trump: "Bei den letzten Präsidentschaftswahlen votierten 56 Prozent aller stimmberechtigten Katholiken für Trump. Bei den Nachfahren europäischer Einwanderer waren es sogar über 60 Prozent." Verantwortlich dafür, so Dahlke, "ist die tiefgreifende Neuordnung des politischen Systems der USA infolge der sogenannten Culture Wars. Auseinandersetzungen über symbol- und lebensstilpolitische Fragen haben zu einer Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft geführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2025 - Religion

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Amerika war stets auf der Suche nach dem neuesten religiösen Wahn - von den Mormonen über Scientology bis hin zum Transhumanismus - nun fällt auf, dass eine Menge Politiker aus dem Umfeld Donald Trumps einen verkitschten Neokatholizismus aufsetzen, bis hin zu einem Kreuz aus Asche, das sich der Außenminister Marco Rubio zum Aschermittwoch auf die Stirn malte. Religiöse Begründungen wurden in der amerikanische Politik immer mal wieder bemüht, so der Rechtsprofessor Jannis Lennartz in der FAZ: "Was ist wirklich neu? Dass eben nicht nur o tempora, o mores gerufen und über Sittenverfall geklagt wird, sondern positive Ziele von Sexualmoral bis Architektur formuliert werden. Und dass man für deren Umsetzung ins Risiko geht: Statt sich weiter gut in der eigenen Parzelle der Freiheitsrechte einzurichten, wird für einen Rückbau dieser Rechte geworben, um das Gemeinwohl, wie man es sieht, zu verwirklichen. Ironischerweise sind es Rechte, ob deren Missachtung J. D. Vance den europäischen Regierungen auf der Münchener Sicherheitskonferenz die Leviten las." Immer mal wieder sei auf Kurt Andersens Buch "Fantasyland - How America Went Haywire" hingewiesen, das eine Archäologie der oft religiös begründeten Unschärfe von Wahr und Falsch in Amerika bietet (unsere Resümees). Lennartz fühlt sich übrigens eher an die deutsche Christdemokratie der frühen Bundesrepublik erinnert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2025 - Religion

Friedrich Merz ist gläubiger Katholik, auch wenn er zum Glück damit nicht paradieren geht. Ralf Nestmeyer fragt dennoch in hpd.de, inwieweit das den Kanzler in spe beeinflusst: "In Abtreibungsfragen vertrat Merz stets eine klare konservative Position: 1995 stimmte er gegen den heute geltenden Kompromiss und plädierte für strengere Regelungen, 2001 lehnte er zudem die Präimplantationsdiagnostik ab. Im Rahmen der Debatte um die Neuregelung von Schwangerschaftsabbrüchen signalisierte Merz im November 2024 erst seine Dialogbereitschaft ('Natürlich kann man sich nach so vielen Jahren noch einmal neu mit dem Thema beschäftigen'), um dann aber den Antrag als 'Affront' zu bezeichnen, da das Thema das Land polarisiere - das klingt nicht so, als würde er das Ende der so notwendigen wie überfälligen Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in die Wege leiten."
Stichwörter: Merz, Friedrich, Abtreibung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2025 - Religion

Der Umgang mit dem Islamismus ist "naiv", ruft die Wiener Publizistin Sara Rukaj (NZZ) nicht nur Politikern in Deutschland zu, die nach wie vor Bündnisse finanziell unterstützen, die einen "fundamentalistischen Islam" verbreiten. Rukaj fragt auch: "Warum kommen zu einer Demonstration gegen den Terror nur wenige hundert statt der angekündigten zehntausend Muslime? Wie viele Gewaltverbrechen müssen zusammenkommen, damit ein Muster erkannt wird? (...) Man liest vom weltweiten Vormarsch eines fundamentalistischen Islam, der aus arabischen Staaten mit Petrodollars finanziert wird, hört von Politikern in Indonesien, die wegen behaupteter Blasphemie im Gefängnis sitzen, von Homosexuellen, die in sieben islamischen Staaten mit dem Tod bestraft werden, von Regimekritikern, die der islamische Staat Iran erhängen lässt und die anders als Alexei Nawalny nicht auf die Solidarität europäischer Regierungen hoffen dürfen. Man erfährt von niedergebrannten Schulen und Kirchen in Niger, Tschad oder im Sudan, von Hunderttausenden Mauretaniern, die noch heute in arabischer Sklaverei leben, weil Allah das angeblich so will. Gleichzeitig wird entgegen jeder Empirie das Märchen erzählt, dass die gesamte westliche Welt von einem tiefsitzenden, blinden Hass auf den Islam besessen sei. Wenn das so wäre: Warum suchen dann Millionen Migranten aus islamischen Staaten in Europa Schutz?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2025 - Religion

"Braucht unsere Demokratie Kirchen, von denen dasselbe zu hören ist wie von der Politik?", fragt sich die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR mit Blick auf einen Richtungsstreit innerhalb der katholischen Kirche über die Positionierung zum Zustrombegrenzungsgesetz. Die Philosophin rät den Kirchen zur Foucault-Lektüre zur intellektuellen Orientierung: "Philosophie habe die Wahrheit zu sagen 'nicht über die Macht, sondern in Bezug auf die Macht, in Beziehung zu ihr, in einer Art von Gegenüber oder Überkreuzung mit ihr'. Dies gilt in der Gegenwart auch für die Kirchen. Gemeint ist: Kirchen und Philosophie bilden Lebensformen, in denen es um Wahrheit geht. In ihrem Wahrheitsbezug bilden sie Gegenöffentlichkeiten zur politischen Sphäre der Macht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2025 - Religion

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Bereits 2023 erschien das Buch "Im Bann des Nationalsozialismus", in dem der Historiker Manfred Gailus die Verbindungen zwischen Protestantismus und Nationalsozialismus untersuchte. Der "hybride Antisemitismus" des Nationalprotestantismus kombinierte in der Weimarer Epoche "theologischen Antijudaismus mit Versatzstücken eines politisch-kulturellen Antisemitismus, zugleich mischte sich völkische Ideologie in ihre Rede über 'die Juden'", erinnert er heute im Tagesspiegel: "Mit Hitlers Machtübernahme und dem Vormarsch der Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC) radikalisierte sich der protestantische Antisemitismus in gravierender Weise. (…) Wo die deutschen Christen vorherrschten wie in Berlin, tilgten sie jüdische Spuren in Theologie, Liturgie und Liedgut. 'Nichtarische' Pfarrer wurden verdrängt. Kirchenlieder waren umzuschreiben, künftig sollte kein 'Zion' und kein 'Hosianna' in der deutschen Kirche zu hören sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2025 - Religion

Buch in der Debatte

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In der Welt fordert Eren Güvercin mehr Reformbereitschaft bei muslimischen Verbänden wie Ditib, IGMG oder dem Zentralrat der Muslime, die sich nach dem 7. Oktober nur mit viel Widerwillen vom Terror der Hamas distanzierten und, im Falle von Ditib, stark von der Türkei beeinflusst sind. Er hat zum Thema kürzlich ein Buch veröffentlicht: "Solange sich Ditib und Co einem Wandel verweigern und ein Instrument ausländischer Diaspora-Politik bleiben wollen, so lange sollte man sie auch als das behandeln, was sie sind, nämlich als politische Interessenvertretung eines anderen Staates. Wenn muslimische Identität in Deutschland in der Vorstellung etwa der Ditib die Bewahrung von Fremdheit und die Aufrechterhaltung ausländischen Einflusses sein soll, dann geht es hier um Repräsentanten einer ausländischen Religionspolitik." Andererseits müsse "aber auch der deutsche Staat mit seiner Religionspolitik muslimisches Leben gemeinsam mit Muslimen gestalten und nicht nur verwalten. Die Religionspolitik der letzten Jahre hat dies anderen Staaten und ihren Einfluss-Agenturen in Deutschland wie Ditib überlassen. Es kann nicht sein, dass das muslimische Leben hierzulande 2025 immer noch vom türkischen Staat kontrolliert und gestaltet wird."

Geschieht in Deutschland ein Terrorattentat oder eine Naturkatastrophe, kann man sich sicher sein, dass sich am nächsten Tag die politische Elite in einem ökumenischen Gottesdienst trifft. Besonders grotesk ist das, wenn ein Attentat aus religiösen Motiven geschah. Warum reflektiert eigentlich niemand in Deutschland diesen Automatismus - und das in einem Moment, in dem die Kirchen kaum noch Bindekraft haben, fragt Ralf Nestmeyer bei hpd.de: "Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass es auch anders geht: Nach den Anschlägen von Paris rund um die Konzerthalle Bataclan (2015) oder nach dem Attentat am Nationalfeiertag auf der Promenade des Anglais in Nizza (2016) wählte man bewusst säkulare Gedenkformen. In Nizza fand die offizielle Trauerfeier nicht in der Cathédrale Sainte-Réparate, sondern unter freiem Himmel vor mehreren Tausenden von Menschen direkt an der Promenade des Anglais statt. In Paris leitete der damalige Staatspräsident François Hollande die Cérémonie d'Hommage im Hof des Invalidendoms. Der 'Dôme des Invalides' beherbergt trotz seines Namens nicht nur die Grabstätte Napoléons, sondern es ist ein säkularer Ort, an dem Frankreich normalerweise seine gefallenen Soldaten ehrt."
Stichwörter: Ditib, Hamas, 7. Oktober, Diaspora