9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2024 - Religion

Lena Bopp interviewt für die FAZ den libanesischen Künstler Akram Zaatari, der aus dem Südlibanon stammt: "Ja, viele Menschen wollen die Hisbollah loswerden, aber sie stehen nicht auf der Seite Israels", sagt er. Was er über den Schlag gegen den Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah sagt, klingt eher weniger verheißungsvoll: "Wenn man es poetisch betrachtet, kann man die Ermordung Nasrallahs als ein weiteres Kerbela betrachten. Vielleicht wird man sie in 400 Jahren feiern, so wie Aschura, das Opferfest, bei dem die Schiiten sich selbst geißelnd durch die Straßen ziehen. Das Hauptziel des Opferfestes ist es, die Schuldgefühle fortzusetzen, weil die Menschen den Enkel des Propheten nicht schützen konnten. Also wurden sie belagert, getötet und verstümmelt. Was jetzt geschieht, ist dasselbe."

Abbé Pierre, Gründer der Emmaus-Gemeinschaft, sammelte im Winter 1954 500 Millionen Francs für Obdachlose, für die er sich zeitlebens einsetzte. In Frankreich galt er fast als Nationalheiliger, obwohl  innerhalb der Katholischen Kirche immer bekannt war, dass der Abbé vom "Sex besessen" und ein "notorischer Grapscher" war, erinnert Pascal Bruckner in der NZZ: "Der erotische Eifer des heiligen Mannes war so groß, dass ihm Aufpasser zur Seite gestellt wurden, sobald er mit einer Frau zusammen war. Ein regelrechter Cordon sanitaire umgab ihn, um zu verhindern, dass er die Brüste seiner Verehrerinnen berührte. Papst Franziskus selbst, ein Jesuit durch und durch, gab im Sommer zu, dass er von diesen Machenschaften wusste, aber nichts dagegen unternommen hatte. Die Affäre ist ein weiteres Beispiel für die schwere Last, die Rom im Kampf gegen Pädophilie und sexuellen Missbrauch zu tragen hat. Der Islam stirbt an seiner Gewalt, der Katholizismus an seinem Schweigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2024 - Religion

Auf hpd stellt Alexander Wolber eine deutschlandweite Studie der Universität Münster zu den Islamstudiengängen und der islamischen Religionspädagogik in Deutschland vor. Die Hoffnung, mit diesen Studiengängen einen europäischen, von offiziellen türkischen Einflüssen unabhängigen Islam anzustoßen, haben sich danach nicht recht erfüllt: "Über die Hälfte stimmt dem Motiv zu, andere bekehren zu wollen (52 Prozent) und noch mehr lehnen einen an Europa angelehnten Islam ab (68 Prozent). Darüber hinaus fühlen sich die meisten durch DITIB (68 Prozent) und/oder IGMG (59 Prozent) repräsentiert. Des Weiteren berichten 57 Prozent, fast ausschließlich muslimische Freunde zu haben (Segregation). ... Feindbilder sind ebenfalls weit verbreitet: 56 bis 60 Prozent vertreten antiwestliche Vorstellungen, zum Beispiel, dass der Westen verantwortlich für schlechte Bedingungen in islamischen Ländern sei, oder dass er alles dafür tun würde, dass der Islam keine Hochkultur werden könne. ... Die Autoren fassen zusammen, dass circa ein Viertel der Untersuchungsteilnehmenden eine fundamental islamistische Weltsicht vertritt und die Islamisierung der Politik befürwortet. 10 Prozent befürworten "reaktive" Gewalt, während 6 Prozent aktive Gewalt an Ungläubigen befürworten. Positiv hervorzuheben ist, dass 98 Prozent Gewalt an Frauen zurückweisen und demokratischen Werten im Allgemeinen zustimmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2024 - Religion

In der Welt meint die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönher, dass uns Martin Heideggers Satz "Nur noch Gott kann uns retten" eine angebrachte Antwort auf die vielen Krisen der Gegenwart ist. "In den gegenwärtigen Krisen können die Erfahrungen und Haltungen helfen, die in spirituellen Prozessen erlebt und eingeübt werden. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat sie als die vorpolitischen Grundlagen des demokratischen Rechtsstaats bezeichnet, die dieser aus eigener Kraft nicht hervorbringen kann. Es geht um Erfahrungen eigener Endlichkeit, eigenen Angenommen- und Getragen-Seins, um Haltungen des Hörens, der Selbstkritik, des Hoffens, der Dankbarkeit. In der Mehrfachkrise unserer Tage können sie ein gesellschaftliches Miteinander stärken, das die anstehenden Transformationen demokratisch bewältigt."
Stichwörter: Heidegger, Martin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2024 - Religion

Nach dem Tod des langjährigen Präsidenten Usbekistans Islam Karimow 2016, der ein öffentliches Hijab-Verbot durchsetzte, versuchen immer mehr islamistische Prediger ihre radikale Auslegung des Islam unter die Leute zu bringen, schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Das geht auch mit einer zunehmenden Angst von FrauenrechtlerInnen einher, die historische Erfolge bedroht sehen: "In den 1920er Jahren initiierte die sowjetische Regierung die Hujum-Kampagne, eine umfassende Bewegung zur Emanzipation der Frauen in Zentralasien." Dabei kämpften sie vor allem gegen den "Pranja, den traditionellen Ganzkörperschleier der Frau". Trotz "offizieller sowjetischer Unterstützung war es ein langwieriger und gefährlicher Kampf. Frauen, die sich der Hujum-Bewegung anschlossen und öffentlich ihre Paranjas ablegten, wurden oft Ziel von Angriffen durch konservative Muslime. (...) Die zunehmende Sichtbarkeit des Hijabs im öffentlichen Raum wird von vielen Usbekinnen mit gemischten Gefühlen betrachtet. Einerseits sehen sie darin ein Zeichen religiöser Freiheit, andererseits fürchten sie einen schleichenden Konservatismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2024 - Religion

Der Zentralrat der Konfessionslosen fordert die Bundesregierung auf, den Widerstand der Bundesländer gegen die Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen dadurch zu lösen, dass die Ablösesumme ausschließlich auf Basis der historischen Staatsleistungen berechnet wird, meldet hpd: "'Solange eine absurd hohe Ablösesumme im Raum steht, haben wir volles Verständnis für den Widerstand der Bundesländer', so der Vorsitzende des Zentralrats Philipp Möller. 'Die Ablösung der Staatsleistungen darf aber nicht an unrechtmäßig hohen Beträgen scheitern!' (…) Zudem sei die in der Weimarer Reichsverfassung vorgesehene Ablösung längst um ein Vielfaches überschritten. 'Vielleicht sollten wir auch einmal darüber reden, die 21 Milliarden Euro von den Kirchen zurückzufordern, die die Länder ihnen seit Gründung der Bundesrepublik überwiesen haben', schlägt Möller vor. 'Die Kirchen haben genug Geld, um diese Summe zu zahlen, und würden damit endlich den gesellschaftlichen Beitrag leisten, von dem christliche Politiker so oft reden.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2024 - Religion

Im Zeit-Gespräch mit Evelyn Finger erzählt der Soziologe und Theologe Mouhanad Khorchide von seiner Arbeit mit jungen Islamisten, die im Gefängnis sitzen. Er habe sich auf die Gespräche gut vorbereitet, um die Jugendlichen in ihren extremen Ansichten verstehen zu können, stellte dann aber fest, dass die meisten den Koran nie gelesen hatten: "Ich dachte, sie würden ihre Terrorpläne mit dem Koran rechtfertigen, so wie man das von älteren Terroristen kennt. Ich habe mich deshalb gut vorbereitet, mich mit einzelnen Textstellen befasst, das erwies sich aber als unnötig. Sie wollen nicht über den Koran reden. Sie berufen sich nur auf Online-Prediger und gaben deren Positionen als unverhandelbare Wahrheiten wieder." Was kann man tun? "Hassprediger gehören konsequent verboten", fordert Khorchide, "Schulen müssen über Islamismus aufklären. Und wir müssen ein positives Narrativ etablieren, also betonen, wie gut es Muslimen in Deutschland geht: Wir genießen hier Religionsfreiheit, es gibt islamischen Religionsunterricht, islamische Theologie an Universitäten und mehr als 2.400 Moscheen. Bundespräsident, Ministerpräsidenten und Kirchen laden zum Fastenbrechen ein. Die meisten muslimischen Geflüchteten leben hier sicherer als in der Heimat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2024 - Religion

Zu den Projekten der Ampel gehört die Abschaffung der Staatsleistungen an die Kirchen. Und tatsächlich arbeiten die Fraktionen des Bundestags intensiv daran, berichten Reinhard Bingener und Daniel Deckers in der FAZ. Die Staatsleistungen bringt der Staat neben der Kirchensteuer auf, sie sind eine Art Subventionierung der Kirchen. Die historische Begründung ist, dass die Kirchen für Enteignungen aus dem Jahr 1803 bis heute mit Hunderten von Millionen von Mark pro Jahr "entschädigt" werden. Seit hundert Jahren soll das abgeschafft werden. Nun erzählen die FAZ-Autoren, dass sich die Bundesländer gegen die Abschaffung der Staatsleitungen wehrten, weil sie, äh, zu teuer sei: "Die Höhe der Zahlungen variiert regional, besonders hoch sind sie in Bayern und Baden-Württemberg sowie in Ostdeutschland. Für diese Länder käme eine Ablösung der jährlichen Zahlungen besonders teuer. Die jährlichen Überweisungen müssten mit einem Faktor zwischen 10 und 18 multipliziert werden, hieß es zeitweilig. Es geht also um Milliarden." Die Krux am Vorhaben: Die Kirchen sollen nochmals mit einer riesigen Summe ruhiggestellt werden, bevor die Staatsleistungen tatsächlich abgeschafft werden, auch wenn noch nicht genau geklärt ist, wie das geregelt wird. Aber es gibt noch ganz andere Ideen zu den von allen Bürgern zu erbringenden Staatsleistungen, berichten die FAZ-Autoren: "Günter Krings, der rechtspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, möchte nicht die Staatsleistungen streichen, sondern den Passus über deren Ablösung im Grundgesetz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2024 - Religion

Der Bibelwissenschaftler Christoph Bultmann prangert in der taz die Verfolgung der Sekte in der Türkei an und bezweifelt, dass sie für einen Putsch gegen Tayyip Erdogan verantwortlich sei (in diesem Kontext greift er auch einen Dokumentarfilm Can Dündars zum Thema an). "Die Verfolgung der Gülen-Bewegung in der Türkei war und ist ein Menschenrechtsproblem. Die Jahresberichte von Human Rights Watch und einzelne Berichte von Amnesty International geben darüber hinreichend Auskunft, während etwa die Stiftung Wissenschaft und Politik zum Thema keine Untersuchungen zu bieten hat. Im Journalismus herrscht Desinteresse, bedingt durch ein eklatantes Defizit an Menschenrechtskompetenz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2024 - Religion

Kurt Schmalle ist bei hpd.de aufgefallen, dass Wortmeldungen zum zehnten Jahrestag der genozidalen Verbrechen gegen die Jesiden zwar den IS als Täter benannten, aber nicht den Islamismus, die religiösen Begründungen der Taten. Aber ohne diese Begründungen sind diese Taten überhaupt nicht zu verstehen, so Schmalle: "Die Verbrechen des IS gegen die Jesid:innen sind weder beliebig noch zufällig, denn die Terror-Miliz hatte, wie auch andere islamistische Bewegungen, das Jesidentum zu einer 'heidnischen Religion aus vorislamischer Zeit' erklärt und damit den Massenmord und die Versklavung aus ihrem totalitären Religionsverständnis heraus 'legitimiert'. Das Ziel blieb stets die Vernichtung der gesamten Religionsgemeinschaft. Ähnliche Verfolgungen gab es bereits im islamischen Gottesstaat des Osmanischen Reiches, Jesiden selber zählen bis heute 72 Genozide an ihrer Gemeinschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2024 - Religion

Nach der Missbrauchsaffäre um Walter Homolka (Unsere Resümees) löst sicht jetzt das von Homolka dominierte Abraham-Geiger-Kolleg aller Wahrscheinlichkeit auf, berichtet Alan Posener in der Welt. "Am 19. Januar 2024 wird bekannt, dass die Anteile am AGK der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (JGzB) für 25.000 Euro übertragen worden sind. Wahrscheinlich habe Homolka die Anteile übertragen, weil er 'sein ''Lebenswerk' eher nicht in den Händen des Zentralrates sehen wollte', erklärt der Pressesprecher der JGzB. Die Gemeinde befindet sich nämlich in einem erbitterten Streit mit dem Zentralrat. Wahrscheinlich ist es auch kein Zufall, dass Andreas Nachama, der die Kritik an Homolka mit einem 'Furz' verglichen hatte, nun 'rabbinischer Direktor' des AGK wird."