9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2025 - Religion

In der NZZ schreibt Kacem El Ghazzali, dass die Christenverfolgung in Afrika oder im Nahen Osten im Westen auf weniger Aufmerksamkeit stößt als angebliche "Islamophobie" in den westlichen Gesellschaften. "Im Irak ist die christliche Bevölkerung seit 2003 von etwa 1,5 Millionen auf weniger als 150 000 geschrumpft." Dabei erlebe das Christentum eben in diesen Regionen eine Renaissance. "Die Frage drängt sich auf: Wo bleiben die Kirchen und die christlichen Theologen im Westen, die doch verpflichtet wären, eine Stimme für ihre Schwestern und Brüder im Glauben zu sein? Wer die hiesigen Kirchen medial verfolgt, wird enttäuscht. Sie schweigen, und in ihren interreligiösen Bemühungen wird das Thema der verfolgten Christen kaum angesprochen. Sie bemühen sich nicht nur, eine theatralische Harmonie nach außen zu zelebrieren. Sie machen auch gerne mit, wenn es darum geht, aus angeblicher 'Islamophobie' einen Popanz zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2025 - Religion

In der NZZ skizziert Richard C. Schneider die Entwicklung der jüdischen Identität seit der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. bis zum Massaker der Hamas am 7. Oktober. Seitdem ist alles wieder ungewiss, "das Gefühl des Ausgeliefertseins ist zurück, die Unsicherheit - gerade auch durch den wachsenden, aggressiven Antisemitismus weltweit - wächst. Die Unsicherheit wird zusätzlich angeheizt durch die öffentlich geäußerten Präferenzen der gegenwärtigen israelischen Regierung. Nicht nur die beiden rechtsextremistischen Minister Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich, nein, inzwischen erklärte auch Premier Benjamin Netanjahu, dass es zwar wichtig sei, die noch in Gaza befindlichen Geiseln zu retten, doch das noch wichtigere Ziel sei die 'vollständige Vernichtung' der Hamas. Wenn aber der jüdische Staat nicht mehr die Rettung jedes einzelnen seiner jüdischen Bürger zum obersten Ziel macht, bedeutet das dann, dass der talmudische Satz 'Wer ein Menschenleben rettet, dem wird angerechnet, als würde er die ganze Welt retten' nicht mehr gilt? Das fragen sich im Augenblick viele Israeli, die auf den Straßen Israels demonstrieren und die die Fortsetzung des Krieges in Gaza als ein sicheres Todesurteil für die verbliebenen Geiseln sehen."

Vor sechs Wochen veröffentlichte die "International Union of Muslim Scholars (IUMS)" eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, unter dem Titel "Die anhaltende Aggression gegen Gaza und die Aussetzung des Waffenstillstands" (unsere Resümees). Die Organisation, die für sich beansprucht, 95.000 Gelehrte aus 67 Organisationen zu repräsentieren, erklärte es darin zur Pflicht "für alle Muslime und muslimischen Nationen, den Dschihad gegen das zionistische Gebilde und alle, die mit ihm in den besetzten Gebieten kollaborieren, zu führen - seien es Söldner oder Soldaten jeglicher Nation". Dieser Aufruf zum Dschihad hat in Deutschland kaum zu Reaktionen geführt, konstatiert Stefan Laurin bei hpd.de: "Der Humanistische Pressedienst wollte von drei Islamverbänden wissen, wie sie zu dem Aufruf der IUMS stehen. Er fragte beim Zentralrat der Muslime, bei der aus Erdogans Türkei gesteuerten DITIB und bei Milli Görüs nach. Der hpd wollte wissen, ob die Fatwa auch für sie selbst und die Besucher der ihnen zugehörigen Moscheen als gültig betrachtet wird, wie sie zum Inhalt der Fatwa stehen und ob sie die IUMS als für sich relevante Organisation ansehen. Gerade Organisationen, die in Deutschland als Partner von Politik und Kirchen auftreten, hätten allen Anlass gehabt, sich klar von einem solchen Gewaltaufruf zu distanzieren. Doch keine der drei kontaktierten Gruppen tat das - sie schwiegen schlicht: Nicht eine von ihnen antwortete auf die Anfrage des hpd." Aber Laurin hat einen Trost: "Der Verfassungsschutz erklärte auf Anfrage des hpd, die Bedeutung der IUMS halte sich in Grenzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2025 - Religion

"Wir sind Papst", können die Amerikaner jetzt rufen. Und tun es auch.

Die Deutsche Welle hat bereits ein längeres Porträt über Robert Francis Prevost, jetzt Papst Leo XIV.. Christoph Strack schreibt: "Die Wahl Prevosts ist gewiss keine Abkehr von den Franziskus-Jahren. In vielem, gerade in sozialen Fragen, wird der US-Amerikaner dem Argentinier folgen. Doch bei anderen Fragen positionierte sich Prevost deutlicher als der bisherige Papst. Beim Streitthema der Weihe von Frauen mahnte er, die Kirche müsse anders sein als die Gesellschaft. Die Weihe von Frauen löse 'nicht unbedingt ein Problem', sondern schaffe vielleicht ein neues."

In der Zeit ist Patrik Schwarz erleichert über die Wahl des Amerikaners, der 25 Jahre in Peru lebte und arbeitete: "Was immer eine kryptokatholische Camarilla im Team Trump von diesem Konklave erhofft hatte, sie haben es nicht bekommen. US-Vizepräsident JD Vance, der letzte Staatsbesucher, der Franziskus am Tag vor seinem Tod besucht hat, wird an dessen Nachfolger kaum mehr Freude haben als an Franziskus. ... Ein scheinbar paradoxer Wunsch der Kardinalsmehrheit ist bereits im Vorkonklave der letzten zwei Wochen sichtbar geworden, wenn man richtig zusammensetzt, was hinter den verschlossenen Türen der Casa Santa Marta debattiert wurde: Nicht hinter Franziskus zurückfallen, bitte, möge der Nachfolger, aber ebenso dringlich den bisher linkesten Papst der letzten fünfzig Jahre nicht noch links überholen."

Im Interview mit Zeit online ist Schwester Katharina Ganz nicht unzufrieden mit der Wahl dieses Papstes, für die Gleichstellung der Frauen in der Kirche erhofft sie sich allerdings - wie von seinem Vorgänger - nicht allzuviel: "So sehr ich Papst Franziskus geschätzt habe in vielem, was er getan und bewirkt hat, seine Beerdigung habe ich mir nicht angeschaut. Ich kann das nicht aushalten, vier Stunden vor dem Fernseher zu sitzen und vor Augen geführt zu bekommen, dass unsere Kirche klar patriarchal ist und ihre Hierarchie ausschließlich aus geweihten Männern besteht. Für mich ist das eine Wunde, unter der ich leide, seit mir nach dem Theologiestudium klar wurde, dass ich dieselbe Ausbildung habe wie Priester. Ich hatte dieselben Vorlesungen wie meine Mitstudenten, habe Griechisch und Hebräisch gelernt, die gleichen Prüfungen gemacht. Die Männer wurden ein halbes Jahr nach dem Studium zum Diakon geweiht, später zum Priester. Und ich sitze bestenfalls im Chorgestühl bei der Messe, singe im Chor oder lese die Fürbitten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.05.2025 - Religion

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Morgen beginnt das Konklave, das einen Nachfolger für Papst Franziskus bestimmen soll. Im NZZ-Interview mit Thomas Ribi erklärt der Historiker Hubert Wolf, was die drängendsten Aufgaben des neuen Papstes sein werden: "Der Papst hat zwar keine Divisionen, aber eine ungeheure moralische Autorität. Die er aber nur in die Waagschale werfen kann, wenn er und die katholische Kirche ihre Glaubwürdigkeit wieder gewinnen, die durch den entsetzlichen Missbrauch verlorengegangen ist. Dazu ist der erste Schritt, dass der neue Papst alle Akten seiner letzten fünf Vorgänger zu diesem Thema in den vatikanischen Archiven freigibt. Damit wir wissen, was sie getan oder auch nicht getan haben. Wer Glauben verkündet, braucht Glaubwürdigkeit. Und der oberste Garant des Glaubens, der oberste Zeuge des Glaubens ist der Papst. Und wenn der nicht glaubwürdig ist, dann glaubt ihm niemand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2025 - Religion

Die Einladung zum Kirchentag 2025 nahm Michael Wolffsohn nur zögerlich an und leider bestätigten sich seine Vorahnungen, wie er in der NZZ erzählt: Bei der Teilnahme an der Podiumsdiskussion "Eine Vertrauensfrage? Deutsche Erinnerung nach dem 7. Oktober" wurde "zwar unausgesprochen, doch unzweideutig die postkolonialistisch gefärbte, kontrafaktische, nahezu global und millionenfach lautstark hinausposaunte Behauptung 'Juden/Israel = Nazis' aufgegriffen. Auf diese Weise erhält die skandalöse Umkehrung von Opfern und Tätern quasi kirchliche Weihen." Schade, findet Wolffsohn, "denn religiös, theologisch und eben über den deutschen Tellerrand hinaus menschheitsethisch ließe sich zum Thema '7. Oktober' so manches fragen und sagen. Ein Beispiel: Was soll, was kann als Reaktion auf den 7. Oktober 2023 gelten? Die Botschaft Jesu aus der grandiosen Bergpredigt (Neues Testament, Matthäus 5,44)? 'Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde.' Oder gelte (Altes Testament, Exodus 21,24) 'Auge um Auge, Zahn um Zahn'?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2025 - Religion

Berlin ist die letzte Bastion eines linken Säkularismus in Deutschland - überall sonst wird das Kopftuch an Schulen und sogar in Polizei und an Gerichten mit Leidenschaft verfochten. Zuletzt von den Grünen in Berlin. Auf deren Vorstoß' zur wünschenswerten Einführung des Kopftuchs bei Polizistinnen muslimischer Observanz und zur Abschaffung des Berliner Neutralitätsgesetzes  antwortet der "Arbeitskreis Säkulare und humanistische Sozialdemokrat:innen Berlin" (AK SHS) bei hpd.de in leider etwas umständlicher Prosa: "Rechtspflege, Justizvollzug und Polizei treten zu weiten Teilen den Rechtsunterworfenen hoheitlich gegenüber. In dieser Situation als nicht oder anders religiös gebundene Person religiösen Zeichen ausgesetzt zu sein, ist nicht hinnehmbar. Die Religiosität anderer zu tolerieren ist zwar ein Zeichen guten Zusammenlebens. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen sich deren herausragender Religionsbekundung auch dann aussetzen müssen, wenn die religiösen Menschen ihnen hoheitlich und potenziell mit Zwang gegenübertreten."

Außerdem: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube antwortet auf einen Artikel des Theologen Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ vom 19. April zur Frage der Religiosität in einem Zeitalter nachlassender Begeisterung für die Kirchen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2025 - Religion

Nun stehen also Papstwahlen an. Es wird wohl ein Mann werden, aber sonst lässt sich eigentlich nichts voraussagen, erzählt Thomas Jansen in der FAZ: "Gute Chancen haben jene Kardinäle, die über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt sind und über ein großes Netzwerk verfügen. Förderlich sind dabei neben Englischkenntnissen vor allem Italienisch- und Spanischkenntnisse, weil dies die beiden einflussreichsten Sprachgruppen im Kardinalskollegium sind. Aber auch Kardinäle, die über gute Kontakte zu internationalen katholischen Gemeinschaften mit großem Einfluss im Vatikan verfügen, wie etwa Sant'Egidio, haben Vorteile. Denn vor Papstwahlen werben solche Gemeinschaften für bestimmte Kandidaten." Außerdem in der ausführlichen Papst-Berichterstattung der FAZ: Daniel Deckers hält fest, dass Papst Franziskus nicht allzu viel für den deutschen Katholizismus übrig hatte.

Papst Franziskus griff zwar die Rhetorik der Befreiungstheologie auf, aber er war alles andere als ein "linker Papst", meint der Michael Schmidt-Salomon in hpd.de. Gewählt worden sei er, um den Evangelikalen, die in Südamerika und Afrika immer stärker werden, etwas entgegenzusetzen: "Franziskus punktete im evangelikalen Lager nicht nur dadurch, dass er auf den traditionellen katholischen Prunk (etwa auf die roten Samtschuhe) verzichtete, sondern indem er die politische Agenda der Evangelikalen umsetzte. Kaum ein anderer Papst hat die weltweiten Kampagnen gegen den Schwangerschaftsabbruch so massiv unterstützt wie er, kaum einer so wenig gegen die massiven Angriffe auf Schwule, Lesben, Transpersonen aus den eigenen Reihen unternommen. Als etwa die nigerianische Bischofskonferenz noch härtere Strafen für Homosexuelle forderte, war dazu aus Rom keine substanzielle Kritik zu hören."

In letzter Zeit ist viel vom ominösen Neokatholizismus im Umfeld von Peter Thiel und seines Geschöpfs J.D. Vance die Rede. In Zeit online versucht der Jesuitenpater Klaus Mertes (der einst bekannt wurde, als er die Missbrauchsenthüllungen am Berliner Canisius-Kolleg lancierte) den Schmu aus Religion und Theorie zu entschlüsseln, mit dem Thiel sein Übermenschentum begründen will. In vielem scheint Thiel dabei auf die Ideen des amerikanisch-französischen Anthropologen René Girard zurückzugreifen. Das klingt dann so: "Die Sündenbockfigur trifft sich bei Girard - ebenso wie im Evangelium - mit der messianischen Figur des Retters. Der Gekreuzigte von Golgata ist Befreier, weil er den Sündenbockmechanismus entlarvt. Das maßen sich der Monopolist, Präsidentschaftskandidat oder Machthaber auch an, aber nur, weil - gefühlt - alle gegen ihn oder sie anstürmen. 'Alle' spalten sich in die einen, die ihn bekämpfen, und in die anderen, die ihn gerade deswegen verehren, weil er von 'allen' bekämpft wird."

Ruhrbaron Thomas Wessel liest noch einmal genauer die "Fatwa" der sehr einflussreichen "Internationalen Union Muslimischer Gelehrter" (IUMS), die den Muslimbrüdern nahesteht. Dort wird zum Dschihad gegen Israel aufgerufen und im Unklaren gelassen, ob damit auch Gewalt gemeint ist. Vor allem aber richtet sich die Fatwa an gläubige und nicht gläubige BDS-Anhänger, meint Wessel: "Der Adressat dieses Katalogs? 'Alle Muslime' und ihre 'rechtschaffenden Verbündeten', sie werden gleich im Prolog der Fatwa unter göttlichen Schutz gestellt. Diese Fatwa richtet sich weniger an alle als an sie, die BDS-affine Szene weltweit, die 'rechtschaffend' verbündet sei, es ist deren antisemitisches Programm, das hier abgesegnet wird. Keine Verpflichtung auf einen armed jihad, aber dessen Sanktion. Weit über die frommen Szenen hinaus, die sich im Einflussbereich der Muslimbrüder gebildet haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2025 - Religion

Sede vacante. Die Zeitungen blicken auf das Pontifikat von Papst Franziskus zurück, der gestern gestorben ist. "Jorge Mario Bergoglio war ein richtig guter Franziskus", schreiben Oliver Meiler und Annette Zoch in der SZ. Der Franziskus-Papst setzte auf Dialog und gab sich weniger abgehoben als sein Vorgänger. Trotzdem kühlte die Begeisterung für den ersten südamerikanischen Papst mit der Zeit ab. "Immer blieb der Eindruck, dass er zickzack fuhr. So fortschrittlich er in sozialethischen und wirtschaftlichen Fragen war, so sehr das nach Neuanfang und Aufbruch roch: Innerkirchlichen Reformen stand er streng konservativ gegenüber. So schwand besonders in Deutschland die Begeisterung der Gläubigen für diesen Papst zusehends. Franziskus leistete hartnäckig Widerstand gegen den deutschen Synodalen Weg, das Reformprojekt von deutschen Bischöfen, Priestern und Laien. Das hat ihn viele Sympathien gekostet."

In der FAZ schreibt Christian Geyer mit kritischer Sympathie: "Ob man die schwebende Transformation, wie sie Franziskus verkörperte, nun peronistisch inspiriert findet (entsprechend einer allen nach dem Mund redenden Machttechnik des argentinischen Präsidenten Juan Perón) oder eben als Ausdruck einer stets kontingent bleibenden Sprachpragmatik liest, von welcher auch die religiöse Verkündigung nicht ausgenommen ist (die Theologie als Wissenschaft ohnehin nicht) - Segen und Fluch liegen hier dicht beieinander. Siehe nur die mangelnde Fixierbarkeit der reformerischen Emphase."

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Sehr nüchtern blickt der Historiker Volker Reinhardt im Zeit-Online-Interview mit Merle Schmalenbach auf das Pontifikat von Papst Franziskus. "Er gab viele überraschende, berührende Statements ab. Das war sympathisch auf einer menschlichen Ebene. Aber wenn es ernst wurde, wenn etwas davon in irgendeiner Weise in der Kirchenlehre fixiert werden sollte, war davon nicht mehr viel zu spüren. Ein Beispiel: Er sagte, dass Atheisten von Gott erlöst würden. Das hatte keinerlei Auswirkungen auf das Lehramt. Im Gegenteil, die Aussage wurde später sogar theologisch berichtigt. Unter Franziskus gab es eine Aufspaltung in den Papst und den Menschen Bergoglio." Das anachronistischere und folgenreichere Pontifikat, ist Reinhardt überzeugt, war ausgerechnet das von Franziskus Vorgänger, Papst Benedikt.

Einerseits war Franziskus ein "linker Papst", meint Laurent Joffrin in lejournal.info. Andererseits erinnert die Comedian Sophia Aram in einem Tweet an die Stellungnahme des Papstes gegen Charlie Hebdo einige Tage nach dem Attentat auf die Zeitschrift.


Der letzte Besucher des Papst war ausgerechnet der katholische Konvertit J.D. Vance. Dieser sei aber eher aus intellektuellen als aus spirituellen Gründen zum katholischen Glauben übergetreten, schreibt Alan Posener in der Welt. "Und seine intellektuellen Positionen hat er aus durchaus zweifelhaften Gründen gewechselt. Atheist sei er geworden, schrieb er in The Lamp, 'aus dem Wunsch, bei den amerikanischen Eliten Anerkennung zu finden'. Ayn Rand habe er bewundert, weil ihre Schriften ihm sagten, was er hören wollte: 'Große, clevere Männer sind nur dann arrogant, wenn sie Unrecht haben.' Im Katholizismus zieht ihn besonders die Lehre des Augustinus an, 'weil sie die beste Kritik unserer modernen Gesellschaft war, die ich je gelesen hatte' - nämlich an einer Gesellschaft, 'die sich nur am Konsum orientiert und die Pflicht und die Tugend vernachlässigt'."

Kurt Andersen, Autor des Buchs "Fantasyland", hat einen Verdacht:


In der FAS schildert Frauke Steffens den sagenhaften Erfolg der neokatholischen Gebetsapp "Hallow", hinter der unter anderen der Investor Peter Thiel und Trumps Vize J.D. Vance stecken. Äußerlich gibt sie sich zunächst ganz harmlos, mit Devotionalienkitsch und Anleitungen zum Seelenheil wie von einer Yoga-App. "Auf den zweiten Blick können auch hinter den religiösen Botschaften politische Hass-Codes stecken - zum Beispiel dort, wo sich die christliche Losung 'Christ is King' in der MAGA-Szene zu einer Parole gewandelt hat, die unter Antisemitismus-Verdacht steht. 'Christ is King' wurde online in letzter Zeit immer mehr zur Parole derjenigen, die klarstellen wollten, dass ihr Projekt das eines christlich und weiß dominierten Amerikas ist - selbst in Abgrenzung zu Juden, die wie sie Nationalisten sind. Manche Rechtsextreme waren nämlich gar nicht damit einverstanden, dass jüdische Amerikaner wie die Influencerin Laura Loomer oder der Podcaster Ben Shapiro bei ihnen mitmischen wollen."

In der FAZ antwortet der Religionssoziologe Detlef Pollack auf den katholischen Theologen Benjamin Dahlke, der kürzlich in der FAZ die Vitalität des Katholizismus in den USA hervorgehoben hatte (unser Resümee). Ganz so doll ist es da aber auch nicht, meint Pollack. Auch in den USA gehe der Trend zur Säkularisierung, da helfe auch kein J.D. Vance, im Gegenteil: "Sicher und wissenschaftlich belegt ist hingegen, dass eine enge Verbindung von Religion und Politik zwar kurzfristige Aufmerksamkeitsgewinne bringt, sich langfristig aber eher negativ auf die kirchliche Bindung auswirkt. ... Die Identifikation der Kirchen mit politisch konservativen Positionen motiviert politisch eher moderat und liberal eingestellte Personen, die mit der Kirche nur schwach verbunden sind, aber auch dazu, aus politischen Gründen ihre religiöse Bindung aufzugeben. 'I am not like them' - sagen sie, um zu begründen, warum sie sich von der Kirche abwenden."

In Deutschland hat der Trend zur Säkularisierung einen historischen Wendepunkt erreicht, meldet hpd: Laut der Forschungsgruppe "Weltanschauungen in Deutschland" stellen konfessionsfreie Menschen erstmals einen größeren Bevölkerungsanteil als Katholiken und Protestanten zusammengenommen. "So kam die 2024 publizierte '6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung' (KMU), die von beiden Großkirchen verantwortet wird, zu dem Ergebnis, dass die absolute Bevölkerungsmehrheit in Deutschland (56 Prozent) der Gruppe der 'Säkularen' zuzurechnen ist, die religiöse Angebote klar ablehnt. Im eigentlichen Sinne 'religiös' (also tatsächlich in christlichen, jüdischen oder muslimischen Gemeinden verankert) sind nach Angaben der KMU nur noch 13 Prozent der Bevölkerung. Noch geringer ausgeprägt ist die 'gelebte Glaubenspraxis', die sich in regelmäßigen Gottesdienstbesuchen ausdrückt: Nur noch 5 von 100 Menschen in Deutschland besuchen mindestens einmal im Monat eine Kirche, Moschee, Synagoge oder einen hinduistischen oder buddhistischen Tempel, wie Carsten Frerk in seiner aktuellen fowid-Auswertung herausgestellt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2025 - Religion

Etwa ein Fünftel der Bevölkerung in den USA gehört der katholischen Kirche an, hält Benjamin Dahlke, Professor für Dogmatik an der Katholischen Universität Eichstätt, in der FAZ fest. Im Gegensatz zu Deutschland habe der Katholizismus in den USA Aufwind, was unter anderem daran liege, dass die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den USA besser aufgeklärt worden seien. Allerdings stimmte auch die Mehrheit der Katholiken für Donald Trump: "Bei den letzten Präsidentschaftswahlen votierten 56 Prozent aller stimmberechtigten Katholiken für Trump. Bei den Nachfahren europäischer Einwanderer waren es sogar über 60 Prozent." Verantwortlich dafür, so Dahlke, "ist die tiefgreifende Neuordnung des politischen Systems der USA infolge der sogenannten Culture Wars. Auseinandersetzungen über symbol- und lebensstilpolitische Fragen haben zu einer Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft geführt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2025 - Religion

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Amerika war stets auf der Suche nach dem neuesten religiösen Wahn - von den Mormonen über Scientology bis hin zum Transhumanismus - nun fällt auf, dass eine Menge Politiker aus dem Umfeld Donald Trumps einen verkitschten Neokatholizismus aufsetzen, bis hin zu einem Kreuz aus Asche, das sich der Außenminister Marco Rubio zum Aschermittwoch auf die Stirn malte. Religiöse Begründungen wurden in der amerikanische Politik immer mal wieder bemüht, so der Rechtsprofessor Jannis Lennartz in der FAZ: "Was ist wirklich neu? Dass eben nicht nur o tempora, o mores gerufen und über Sittenverfall geklagt wird, sondern positive Ziele von Sexualmoral bis Architektur formuliert werden. Und dass man für deren Umsetzung ins Risiko geht: Statt sich weiter gut in der eigenen Parzelle der Freiheitsrechte einzurichten, wird für einen Rückbau dieser Rechte geworben, um das Gemeinwohl, wie man es sieht, zu verwirklichen. Ironischerweise sind es Rechte, ob deren Missachtung J. D. Vance den europäischen Regierungen auf der Münchener Sicherheitskonferenz die Leviten las." Immer mal wieder sei auf Kurt Andersens Buch "Fantasyland - How America Went Haywire" hingewiesen, das eine Archäologie der oft religiös begründeten Unschärfe von Wahr und Falsch in Amerika bietet (unsere Resümees). Lennartz fühlt sich übrigens eher an die deutsche Christdemokratie der frühen Bundesrepublik erinnert.