9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 - Religion

Wolfgang Hummes, Verfasser des Buches "Brauchen wir Gott im Grundgesetz? Plädoyer für eine religionsbefreite Verfassung" schreibt bei hpd.de sehr skeptisch über das Islamkolleg in Osnabrück, einer staatlich finanzierter Einrichtung für die Ausblidung muslimishcer Religionslehrer, von der sich die Politik einen integrationsfördernden, aber nach wie vor bekenntnisorientierten Religionsunterricht erhofft. Viel zu vielfältig sei der von Migration geprägte Islam in Deutschland, wendet Hummes ein: "Es kommt hinzu, dass sich besonders die Jugend ihre politische und religiöse Meinung und Haltung weniger in den regionalen Moscheen als vielmehr über das Internet bildet. Um die dort leicht zugänglichen Verkündigungen zu verstehen, bedarf es auch nicht der Beherrschung der deutschen Sprache. Man kann alles in der eigenen Muttersprache erfahren. Damit bleibt die religiöse Indoktrination für den Verfassungsstaat weiterhin außer Reichweite." Hummes plädiert für einen konfessionsübergreifenden Ethikunterricht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2020 - Religion

Der Islam ist nicht rerfomierbar, fürchtet Hamed Abdel-Samad im Gespräch mit Inna Shevchenko von Charlie Hebdo. "Es nützt nichts, die guten Passagen aus dem Koran herauszupicken und die schlechten neu zu interpretieren. Stattdessen müssen wir die Autoriät dieses Buchs verkleinern. Der Islam braucht keinen Martin Luther, er braucht Charlie Hebdo. Wir müssen diese rigide Ideologie erschüttern, diskutierbar machen, dem Lachen ausliefern, bis das normal wird. Es ist nicht nötig, den Islam zu reformieren, sondern die Haltung zu ihm zu verändern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Religion

Die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AWIG) hat eine Umfrage unter den 2.500 Studierenden islamischer Theologie gemacht, deren Berufswünsche noch ziemlich unklar zu sein scheinen. Für die taz spricht Ralf Pauli mit einigen Autoren der Studie, denen der Wunsch der Politik, dass die künftligen Islamlehrerinnen (es sind viele Frauen unter ihnen) zur Integration beitragen, als Anspruchsdenken erscheint. Der Pädagogikprofessor Constantin Wagner beklagt, dass die Politik einerseits davon ausgehe, "dass antidemokratische Tendenzen in der muslimischen Community dominieren würden, andererseits überfrachtet sie die Absolvent:innen mit einer doppelten Erwartung. Muslime, die beispielsweise als Religionslehrer:innen arbeiten, sollen nicht nur ihren Fachunterricht gestalten und (religiöses) Wissen vermitteln, sondern auch noch für die gesellschaftliche Integration zuständig sein. Geht man davon aus, dass Muslime durch den Religionsunterricht integriert werden sollen, werden sie als bisher außerhalb der Gesellschaft stehend imaginiert." Einen reibungslosen bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht beobachtet Wagner nur in einigen Bundsländern und warnt: "Nur in einigen Bundesländern läuft der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht reibungslos. Die Politik sollte aufpassen, dass sie junge Muslime, die sich in die Gesellschaft einbringen möchten, nicht ausbremst."

Bremen ist eine Hochburg der Evangelikalen in Deutschland, schreibt Herbert Thomsen bei hpd.de: "Innerhalb des Kirchenparlaments stellen die Evangelikalen etwa 15 Prozent der Delegierten. In Bremen ist die größte evangelikale Schule und das größte evangelikale Sozialwerk Deutschlands angesiedelt. Die Hälfte der sonntäglichen GottesdienstbesucherInnen lauschen in den evangelikalen Gemeinden. In vielen anderen 'normalen' Gemeinden kommen neben Grauhaarigen noch einige KonfirmandInnen. Je eine Abgeordnete der SPD, der FDP und der CDU im Bremischen Landesparlament sind engagierte Evangelikale, außderdem gibt es zwei AnhängerInnen des politischen Islam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2020 - Religion

Christen und Kulturchristen merken gar nicht, wie sehr ihre Religion hier privilegiert wird, schreibt die Journalistin Melina Borčak im besten Neusprech in der taz. So wünsche man ihr, obwohl sie Muslimin sei, rücksichtslos frohe Weihnachten: ″Normativität zieht immer Privilegien mit sich, und scheint den 'Normalen' unsichtbar. Wer die Probe machen will, beantworte sich folgende Fragen: Bist du frei vom Druck, Feiertage anderer Religionen zu feiern, die deinem Glauben widersprechen? Findest du in Medien realistische Darstellungen deiner Religion und ihrer Mitglieder? Kannst du ein Arsch sein, ohne dass deine Religion als Grund herhält?″ Ach ja, das geht.

Außerdem: In der NZZ denkt der Theologe Jan-Heiner Tück über den jüdischen Gott nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2020 - Religion

In Deutschland ist Religionsunterricht immer noch bekenntnisgebunden, also weniger ein Unterricht über Religion, sondern eine Unterweisung in ihre Dogmen. Joachim Wagner, ehemals ARD-Journalist, findet das in der Zeit absurd: "Vermutlich gibt es keinen anderen Grundrechtsartikel, bei dem Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit so weit auseinandergedriftet sind wie bei der Garantie des Bekenntnisunterrichts. In einer Gesellschaft, die multireligiöser und areligiöser zugleich geworden ist, brauchen wir eine neue Form des Religionsunterrichts, einen Systemwechsel von der konfessionellen Unterweisung zur Religionskunde. England, Norwegen, Schweden und Luxemburg haben diesen Schritt in den vergangenen Jahren getan."

Außerdem: Kritisch kommentiert Ronald Bilik bei hpd.de die Entscheidung des österreichischen Verfassungsgerichtshofs, der das Kopftuch für Mädchen an Grundschulen wieder zuließ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2020 - Religion

Monika Grütters ist nicht nur Kulturstaatsministerin, sondern auch sehr gläubige Katholikin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Im Interview mit Evelyn Finger und Karsten Polke-Majewski von der Zeit erklärt sie, warum Kirchen, anders als Konzertsäle, geöffnet bleiben müssen: "Geschlossene Kirchen sind etwas anderes als geschlossene Geschäfte. Wenn so viel Verstörendes passiert wie jetzt, dann belastet das uns alle im Innersten. Umso dringlicher ist das Bedürfnis nach Seelsorge. Das Digitale ist dafür sicher kein Ersatz."
Stichwörter: Grütters, Monika, Katholiken

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2020 - Religion

Immer mal wieder kommt irgendwo irgendjemand auf die "Staatsleistungen" zu sprechen, die die deutschen Bürger, egal ob Kirchenmitglieder oder nicht, an die Kirchen zahlen, eine seit 200 Jahren andauernde Entschädigung für Kirchengüter, die von Napoleon konfisziert worden waren - aus den Staatsleistungen - gut eine halbe Milliarde Euro pro Jahr - werden etwa die Gehälter vieler Kirchenleute bezahlt. Heute thematisiert Helmut Ortner den andauernden Skandal bei den Salonkolumnisten: "Sowohl die Weimarer Reichsverfassung (1919) als auch das Grundgesetz (1949) verlangen, dass diese Staatsleistungen beendet, das heißt abgelöst werden. Ein frommer Wunsch. Keine Regierung der vergangenen Jahrzehnte, gleich ob christ- oder sozialdemokratisch, sah hier Handlungsbedarf. Die eherne Komplizenschaft von Staat und Kirche überdauerte selbst eine rot-grüne Ära. Ein andauernder Verfassungsbruch. Hinzu kommt: Über die Jahre sind diese "Staatsleistungen" kontinuierlich gestiegen." Nun liegt ein neuer Gesetzentwurf vor: Trotz der jahrhundertelangen Zahlungen, sollen die Kirchen nun mit nochmals 10,23 Milliarden Euro ruhiggestellt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2020 - Religion

Vehement wehrt sich der katholische Theologe Helmut Hoping in der FAZ gegen einen innerkirchlichen Genderdiskurs, demzufolge es erlösungstechnisch nachrangig sei, ob Jesus als Junge oder Mädchen zur Welt gekommen sei, schließlich sei Gott Mensch geworden und nicht "Mann". Seltsamerweise lesen sich die Argumente, gegen die Hoping anschreibt, viel überzeugender als seine Verteidigung des Dogmas: "Hätte Gott nicht auch als Frau Mensch werden können? So spekuliert Dorothea Sattler auf der Linie nominalistischer Possibilientheologie. Was Gott von dieser Möglichkeit abgehalten habe, sei seine Klugheit gewesen, denn ein weiblicher Messias sei der patriarchalen Gesellschaft der Zeitenwende nicht zuzumuten gewesen. Die Gedanken Gottes sind frei. Wer kann sie wissen? Doch an der bezeugten Heilsgeschichte vorbei kann man schlecht Theologie treiben. Dafür steht das jüdische Kind in der Krippe und seine Beschneidung."

Im Interview mit Friederike Gräff berichtet der in Flensburg lebende Aktivist Amed Sherwan in der taz, wie er sich in Irakisch-Kurdistan vom Glauben abwandte. "Ich habe damals zwar damit gerechnet, dass Leute sich provoziert fühlen und dass ich Nachrichten mit Morddrohungen bekomme, so wie alle anderen. Ich bin aber nicht davon ausgegangen, dass mein eigener Vater mich der Polizei ausliefert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2020 - Religion

Der Begriff der Religion selbst ist schon eine westliche und imperialistische Konstruktion, sagt der Religionshistoriker Daniel Dubuisson ("L'Invention des Religion") im Gespräch mit Youness Bousenna von Le Monde. Er nimmt damit Bezug auf die kritische Schule der "Religious Studies" in den USA und beschreibt, wie die Kolonialherren etwa in Indien die Bevölkerungsgruppen nach "Religionen" kategorisierten, wobei das Christentum immer ganz oben in der darwinistischen Kette stand. Was  Dubuisson allerdings als Ersatz für den Begriff der Religion vorschlägt, klingt komplett relativistisch: "Was der Begriff Religion auf problematische Weise benennt, ist eine einfache Realität, nämlich die Art und Weise, wie Kulturen Vorstellungen von der Welt und dem Menschen konstruieren. Ich behaupte, dass 'Religion', wie wir sie im Westen vestehen, nur eine Vision ist, eine bestimmte Konstruktion der Welt, jene der Christen, so wie Kommunisten, Nazis, Epikuräer, Animisten eine hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2020 - Religion

Auch an Universitäten werden Dogmen gelehrt - in Gestalt von Theologie. Der Staat bezahlt den Kirchen doppelt so viele Professoren wie es Lehrstühle für Philosophie in Deutschland gibt. Die islamische Theologie zieht nach. In Berlin ist Tuba Isik Professorin am Berliner Institut für Islamische Theologie (BIT) an der Humboldt-Universität, das wegen der Beteiligung konservativer Islamverbände bei Gründung und Aufsicht umstritten ist. Im Gespräch mit Stefan Hunglinger von der taz erklärt sie, wie sie mit strittigen Themen wie Homosexualität umgehen will: "Wir können in der wissenschaftlichen Theologie die unterschiedlichsten Positionen aufzeigen, die es bezüglich Homosexualität in der islamischen Tradition gab. Ein Blick in die Tradition zeigt, dass der Umgang mit Homosexualität grundsätzlich entspannter war als gegenwärtig. Heute kann sich die Meinungsbildung in eine bestimmte Richtung entwickelt haben, aber auch diese Entwicklung war verbunden mit Diskursen. An der Universität haben wir die Chance, auf die einst ambigue Kultur des Islam hinzuweisen und unter den jetzigen Gegebenheiten neu zu diskutieren."

In der SZ macht Detlef Esslinger seinem Zorn auf die Katholische Kirche Luft, die Gläubige gern ihre "Schafe" nennt, ihnen Moral predigt, die eigenen Sünden aber schnell vom Tisch wischt: "Vorschriften und Drohungen sind ihr Ding. Tue dies und lasse das. Wenn du später in den Himmel willst, gehe lieber sonntags in die Messe. Komme zur Beichte. Onaniere nicht. Falls du schwul bist, unterdrücke es. Bloß kein Sex vor der Ehe. ... Etliche Menschen können es sich jedoch nicht leisten, dem Machtgehabe zu widersagen; andernfalls folgt das Gegenteil von Himmel schon auf Erden. Wer als Geschiedener wieder heiratet, den schließt diese Kirche grundsätzlich von ihrer Kommunion aus. Wer gar bei ihr beschäftigt ist, dem nimmt sie mit der Wiederheirat die berufliche Existenz. Geht's eigentlich noch? Wen jemand liebt und wen nicht mehr und warum - das geht niemanden etwas an, keinen Nachbarn, keine Bürgermeisterin und keinen Kardinal. Warum gehört eine solche Anmaßung zum Wesen ausgerechnet jener Institution, die so viele Unholde jahrzehntelang gedeckt hat?"