9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2022 - Religion

Adrian Beck analysiert in einem zweiteiligen Artikel für hpd.de (hier der Link zu Teil 1) die Beziehungen zwischen rechten Republikanern in den USA und weißen Evangelikalen und "Wiedergeborenen". Vor allem den Klimawandel halten die Apokalyptiker für gottgewollt: "Eine Person von sieben in den USA hält es definitiv (sieben Prozent) oder wahrscheinlich (neun Prozent) für richtig, dass 'Gott das Klima kontrolliert, weswegen es keinen anthropogenen Klimawandel gibt'. Diese Überzeugung ist in konservativen und evangelikalen Kreisen noch weitaus verbreiteter: Unter konservativen Republikaner*innen (31 Prozent) und 'evangelikalen/wiedergeborenen" Christ*innen (30 Prozent) hängt dieser Fantasie beinahe ein Drittel an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2022 - Religion

Ob es gut ist, Theologie - also eine Dogmatik, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat - an staatlichen Hochschulen zu lehren, mag dahingestellt sein. Das Land Baden-Württemberg hat einen "Sunnitischen Rat" geschaffen, der über die Bestallung muslimischer Religionslehrer wachen soll und dadurch auffällt, dass er liberale Theologen durch komplizierte Intrigen von den Hochschulen fernhalten zu wollen scheint, berichtet Thomas Thiel in der FAZ. Bekannt war schon der Fall Abdel-Hakim Ourghi. Nun wurde auch dem Theologen Abdel-Hafiez Massud die Lehrerlaubnis verweigert. Und dann erklärte der Rat, dass diese Lehrerlaubnis gar nicht notwendig sei - dabei war er genau dafür gegründet worden. "Das Prozedere hat für Massud einen weiteren Pferdefuß: Solange er keine Lehrerlaubnis hat, darf er auch an anderen Hochschulen des Landes sein Fach nicht lehren. Sollte der Sunnitische Schulrat den entstandenen Schaden bis Ende November nicht regeln können, will sich Massud an die Gerichte wenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.11.2022 - Religion

Die Islamisierung in Indonesien schreitet voran. Zwar gebe es in dem Land auch einen moderaten Islam, erzählt Till Fähnders, der Südostasien-Korrespondent der FAZ, aber dazu zählt er etwa auch religiöse Schulen, auf die gerade die Eliten ihres Landes ihre Töchter schicken. Eine hat Fähnders besucht: "Der Lehrer sagt, die Anforderungen seien höher als an den staatlichen Schulen, allein weil die Kinder anstatt in elf Fächern hier in 18 Fächern unterrichtet werden. Die Schüler bekommen einen Lehrplan vom Religionsministerium, unter dem sie Koranstudien, religiöse Ethik, islamische Gesetze und Geschichte sowie Arabisch lernen. Der zweite Lehrplan vom Bildungsministerium umfasse Englisch, Naturwissenschaften, Geschichte, Gesellschaft, Staatsbürgerkunde und Javanisch."

Adrian Beck analysiert bei hpd.de einen wesentlichen Erfolgsfaktor gerade für die extremeren Republikaner in den USA: die kaum kontrollierte Macht der evangelikalen Kirchen. "In den Vereinigten Staaten sind Kirchen von Bundessteuern befreit, müssen sich im Gegenzug aber an ein politisches Neutralitätsgebot halten. Das nach dem federführenden Senator benannte Johnson-Amendment wird jedoch von bestimmten evangelikalen Kirchen zunehmend provokant ignoriert, während die IRS, das US-amerikanische Finanzamt, sich aus der Verantwortung stiehlt. In einer gemeinsamen Recherche haben ProPublica und der TexasTribune zwanzig Kirchen gefunden, die das Johnson-Amendment in den vergangenen zwei Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit verletzt haben - das sind mehr, als die IRS im gesamten vergangenen Jahrzehnt wegen Beeinflussung politischer Kampagnen untersucht hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2022 - Religion

Im FR-Interview mit Martin Hesse eruiert der Philosoph Otfried Höffe ausführlich, wieviel Demokratie und wie viel absolute Gewalt in Religionen steckt. Umgekehrt sei Moral schon immer auch ohne Gottesbezug denkbar gewesen: "Schon der Dekalog verzichtet in der hierfür zuständigen zweiten Tafel auf eine Berufung auf Gott. Deutlich heißt es in dem ersten Gebot dieser Tafel und dem insgesamt vierten Gebot sehr pragmatisch: Du sollst Vater und Mutter ehren, 'auf dass es dir wohlergehe auf Erden'."
Stichwörter: Höffe, Otfried

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2022 - Religion

Walter Homolka, Gründer des Abraham Geiger Kollegs, hat für das liberale Judentum einiges geleistet. Aber wenn er dies bewahren will, sollte er sich von seinen vielen Ämtern zurückziehen, meint Philipp Peyman Engel in der Jüdischen Allgemeinen. Der Bericht der Untersuchungskommission, gegen den sich Homolka neulich in der Zeit verteidigte (unser Resümee) lese sich in Wirklichkeit vernichtend. Dass Homolka über die sexuellen Belästigungen seines Ehemanns etwas wusste, konnte ihm nicht nachgewiesen werden, so Engel. "Hierzu sei gesagt: Der Autor dieser Zeilen erhielt vor acht Jahren als Jungredakteur von Homolkas Mann eine Nachricht mit dem Angebot, über eine Tagung des AGK zu berichten. In seinem Hotel-Doppelbett sei im Übrigen noch ein Platz frei. Im Vergleich zu den Vorwürfen einiger Studenten des AGK liest sich dies weniger schlimm. Doch war auch dies eine krasse Grenzüberschreitung - zweifellos. Persönlich gekannt habe ich Homolkas Ehemann zu diesem Zeitpunkt wohlgemerkt nicht. Wie sicher musste er sich an dem von seinem Mann geleiteten Institut gefühlt haben, um einem Fremden solch ein Angebot zu unterbreiten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2022 - Religion

In Deutschland gibt es eine herzliches Einvernehmen zwischen Staat und Kirchen. In einem Text der Juristin Isabelle Ley in der FAZ erfährt man, dass dieses Verhältnis auch als "kooperatives Trennungsmodell" bezeichnet wird. Dieses Modell muss aber im Angesicht der Tatsache, dass demnächst nur noch eine Minderheit der Deutschen kirchlich gebunden ist, überdacht werden, so Ley: "Lange Zeit wurde dieses Konstrukt damit gerechtfertigt, dass die Kirchen in besonderer Weise zum Gemeinwohl beitrugen - und durch die Trägerschaft sozialer Einrichtungen, die Mobilisierung von Ehrenamt und ein Seelsorgeangebot auch in Gefängnissen, Krankenhäusern und bei der Bundeswehr den sozialen Zusammenhalt stärken. Aber diese Logik stammt aus einer Zeit, zu der 97 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche waren. Wird Religiosität zum Minderheitenphänomen, kann die Sonderstellung der korporierten Religionsgemeinschaften nicht mehr als Dienst an der Allgemeinheit begründet werden." Dummerweise möchte Ley das Problem damit beheben, dass auch andere Religionsgemeinschaften einen Sonderstatus bekommen, und sie würde sich freuen, "das Tuch auf den Köpfen hoch qualifizierter Lehrerinnen und Juristinnen" zu sehen.
Stichwörter: Gemeinwohl, Bundeswehr

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2022 - Religion

Walter Homolka war einer der einflussreichsten Reformrabbiner Deutschlands (katholischen Ursprungs) und regierte eine kleine Galaxie meist selbst geschaffener Institutionen, die im Zusammenspiel mit Unis Rabbiner ausbildeten - bis er wegen seiner Amtsführung, aber auch wegen sexueller Belästigung, die seinem Ehemann vorgeworfen wurde, in die Kritik geriet (unsere Resümees). In der Welt kann Alan Posener nur den Kopf darüber schütteln, dass Homolka seine Lehrarbeit am Potsdamer Kolleg für liberale Rabbiner jetzt wieder aufnehmen kann. Dabei hatte der Bericht der vom Präsidenten der Universität Potsdam zur Untersuchung gegen Homolka eingesetzten Kommission die Vorwürfe teilweise "unmissverständlich" bestätigt, so Posener. "Der Bericht der sechsköpfigen Kommission ist trotz der Beschränkung auf den universitären Bereich und trotz der relativ geringen Zahl der geführten Gespräche in Teilen vernichtend. 'Viele der Befragten gaben zu Protokoll, dass Herr Homolka ein 'Klima der Angst' geschaffen habe', so der Bericht. Die Ämterhäufung Homolkas sei 'seitens Studierender und Mitarbeiter der Jüdischen Theologie als einschüchternd empfunden' worden. Die 'Furcht, Herrn Homolka zu widersprechen oder sein Missfallen sonst wie (sic) zu erregen', sei 'so oft und konsistent dargestellt' worden, dass man sie 'als tatsächlich vorhanden' annehmen könne."

In der Zeit verteidigt sich Homolka im Gespräch mit Evelyn Finger: "Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht schon Machtmissbrauch. Und über Karrieren habe niemals ich allein entschieden, das waren stets Gremien. Deren Strukturen waren vielleicht nicht ideal und sind nun zu erneuern. Doch mich wundert, dass sich jahrzehntelang niemand daran störte, dass ich viele, meist arbeitsintensive Ämter bekleidete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2022 - Religion

In einem interessanten Hintergrund erzählt Christoph Schulte in der FAZ, wie sich der Rabbiner Walter Homolka mit seinem Potsdamer Abraham Geiger Kolleg (AGK) eine nicht legitimierte Machtposition innerhalb des deutschen Judentums aufgebaut hatte. Ins Gerede kam das AKG zunächst wegen Vorwürfen sexueller Belästigung gegen Homolkas Ehemann. Schulte zeigt auf, dass das AKG rechtlich keine Hochschule oder Ähnliches ist, sondern schlicht eine gemeinnützige GmbH, die allein Homolka gehört. Dennoch wurde das AKG in Zusammenarbeit mit der Uni Potsdam zu einem maßgeblichen Institut liberaler Rabbiner-Ausbildung. Nur dass niemand außer Homolka Homolka kontrollierte: "Das AGK war von 1999 bis 2022 seine Firma. Er muss sich für die Personalentscheidungen, die er im AGK trifft, vor niemandem verantworten. Umgekehrt heißt das: Der Geschäftsführer und 'Rektor' des AGK hatte und hat qua Amt keine jüdisch-institutionelle Legitimation, gegenüber Universität und Ministerium für die jüdische Religionsgemeinschaft oder das liberale Judentum zu sprechen. 'Rektor' Homolka repräsentiert nur seine Firma. Darüber haben sich Politik, Ministerien und Universität zwei Jahrzehnte lang getäuscht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2022 - Religion

Empört wendet sich Necla Kelek bei Cicero (leider nicht online) gegen die Behauptung von Politikerinnen wie Annalena Baerbock oder Lamya Kaddor, die Gewalt gegen Frauen im Iran habe "nichts mit Religion" zu tun. Damit nehmen die Politikerinnen die Religion in Schutz, nicht die Frauen, so Kelek, und gibt eine historische Nachhilfestunde: "Nach der Machtübernahme machte Ayatollah Khomeini am 8. März 1979, dem Internationalen Frauentag, die Verhüllung der Frauen unter dem Tschador zum Gesetz. Die Scharia wird in der islamischen Theologie als vollkommene Ordnung Gottes verstanden, die Frieden und Gerechtigkeit schafft. Die Scharia ist die Gesamtheit des islamischen Gesetzes, wie es im Koran, in der islamischen Überlieferung und in den Auslegungen maßgeblicher Theologen und Juristen vor allem der frühislamischen Zeit niedergelegt wurde. Das Ehe- und Familienrecht gilt als Kern der islamischen Gesetze, der Scharia, und ist mit wenigen Ausnahmen heute in allen islamischen Ländern eine wesentliche, teilweise auch einzige Grundlage des Personenstandsrechts und damit der Rechtsprechung in Zivilprozessen." Auf deutsche Politikerinnen werden sich Feministinnen aus muslimischen Ländern nicht stützen können, so Keleks bitteres Resümee nach Jahren des Engagements.

Der Hidschab ist weit mehr als ein Stück Stoff, das die Haare bedeckt, versichert im Interview mit Zeit online Reza Sharifi, Professor im Iran. "Viele verstehen nicht, wie fundamental wichtig der Hidschab für die islamische Republik ist. Ich habe beispielsweise noch nie die Haare meiner Großmutter gesehen. Wenn die Frauen also jetzt ihren Hidschab herunterreißen und ihn verbrennen, geht es um nicht weniger als die islamische Republik selbst. Es geht den Demonstrierenden darum, das theokratische Regime zu stürzen." Er gibt auch zu, dass viele Demonstranten, die meisten sehr jung, die Unterstützung der Älteren vermissen. "Ich habe schon öfter gehört: Wo sind unsere Väter? Wo sind unsere Professoren? Sie fühlen sich alleine gelassen. Ich schäme mich dafür, dass ich nicht mit ihnen auf der Straße stehe, aber ich traue mich nicht. Ich habe Angst um mein Leben, um das Leben meiner Familie und meinen Job. Aber ich versuche zu tun, was ich kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2022 - Religion

Der Fernsehprediger und einflussreiche islamische Geistliche Yusuf al-Qaradawi ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Hassan Hassan zeichnet bei newlinesmag.com seine Karriere nach. In gesellschaftspolitischen Fragen erließ der Muslimbruder Edikte, die im muslimischen Kontext als modern gelten. Er sprach sich gegen Genitalverstümmelung bei Frauen und für Koedukation aus. Das machte ihn populär. "Das Gleiche gilt jedoch für seine Rechtfertigung von Selbstmordattentaten. Es wäre unfair, Qaradawi allein für die Selbstmordattentate verantwortlich zu machen, da diese Taktik bereits von militanten palästinensischen Hauptakteuren akzeptiert und von scheinbar säkularen Regimen wie den Baathisten in Damaskus unterstützt wurde, bevor der Geistliche seine Unterstützung dafür zum Ausdruck brachte. Aber die Tatsache, dass er und andere vermeintlich gemäßigte Kleriker sie befürworteten, trug zweifellos dazu bei, dass sie in den Mainstream gelangte. Die Gefahr von Fatwas, die von ansonsten gemäßigten Geistlichen herausgegeben werden, besteht darin, dass sie Selbstmordattentate normalisieren, die lange Zeit als randständig und extremistisch angesehen wurden, mehr als jede radikale Rhetorik." Besonders gegen Israel hielt al-Qaradawi Selbstmordattentate für gerechtfertigt.

Außerdem: Gisa Bodenstein berichtet bei hpd.de, dass der Evangelische Kirchentag in Nürnberg nächstes Jahr vom Land Bayern mit 5,5 Millionen Euro subventioniert wird, die höchste Subvention jemals für ein solches Fest. Hinzukommen 4 Millionen Euro von der hoch verschuldeten Stadt Nürnberg.