9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2022 - Kulturpolitik

Im Van Magazin erzählt Hartmut Welscher, wie der SPD-Politiker Johannes Kahrs als Mitglied des Haushaltsausschusses im Bundestag immer wieder Gelder für seine Heimatstadt Hamburg locker machte. Kahrs ist gerade im Gespräch, weil in einem Bankschließfach von ihm 214.000 Euro gefunden wurden, die gerüchteweise mit der Cum-Ex-Affäre in Zusammenhang gebracht werden, deren Folgen wiederum den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz bis heute beschäftigen. Kahrs und sein CDU-Kollege Rüdiger Kruse waren Virtuosen darin, im letzten Moment Gelder für Hamburg loszueisen: "die Modernisierung der Laeiszhalle (10,75 Millionen Euro), ein Hafenmuseum mitsamt der Überführung und Restauration der Viermast-Stahlbark 'Peking' (168 Millionen Euro), die Sanierung des Bismarck-Denkmals (6,5 Millionen Euro), des Alten Elbtunnels (21,3 Millionen Euro) oder der Nikolaikirche (7 Millionen Euro), die Instandsetzung des Fernsehturms (18,5 Millionen Euro)." Hamburg hat's halt wirklich nötig!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2022 - Kulturpolitik

Die regionalen indischen Sprachen machen zwar gegenüber dem Englischen Boden wett, berichtet Martin Kämpchen in der FAZ, etwa auch, was die Anerkennung von Literaten angeht: "Doch gleichzeitig soll nach dem Willen jeder Regierung der letzten Jahrzehnte eine einzige Sprache, das Hindi, zur uniformen Verbindungssprache (link language) des gesamten Landes werden, wogegen sich die südlichen Provinzen heftig sträuben, weil ihre Sprachen keine gemeinsamen Wurzeln mit Hindi teilen."

Im kürzlich geführten FAZ-Gespräch empfahl der Sozialwissenschaftler Felwine Sarr Europa, Afrika gegenüber zu schweigen und seine "Machtgesten über Bord zu werfen" (Unser Resümee) In der FR möchte Harry Nutt von Sarr da schon "gern wissen, wie er sich das Überbordwerfen von Machtgesten in Bezug auf China und Russland vorstellt, die sich zahlreichen afrikanischen Staaten als Partner andienen, im Grunde aber ganz ungeniert ihren imperialen Einfluss ausweiten. Es gibt viele Formen des Neokolonialismus, die von den Kritikern postkolonialer Verhältnisse nur schwach oder gar nicht erfasst werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2022 - Kulturpolitik

Hat der deutsche Kulturbetrieb ein Antisemitismusproblem oder nicht doch eher ein Israelproblem, fragt in der Berliner Zeitung der ehemalige Knesset-Sprecher Avraham Burg in einem zuvor bei Haaretz erschienenen Artikel. Wichtige Institutionen wie das HKW oder das Zentrum für Antisemitismusforschung, aber auch Peter Schäfer, Ex-Direktor des Jüdischen Museums, würden vom Zentralrat der Juden "eingeschüchtert", behauptet er: "Israel wird derzeit von einer rechtskonservativen Ideologie bestimmt, die von Siedlern und Ultraorthodoxen sowie von xenophoben, homophoben und auch christlichen Kräften bestimmt wird. (...) Rechte und extrem rechte Kräfte steuern Israels Politik. Und Israel prägt die Positionen des Zentralrats. Sprich, der konservative und rassistische Flügel der israelischen Rechten verwaltet indirekt Deutschlands Gefühle in Bezug auf Juden, Antisemitismus und Israel. Wie konnte es dazu kommen? Israel hat den Antisemitismus zu einem mächtigen politischen Instrument gemacht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2022 - Kulturpolitik

Jenseits von antikolonialistischem Aktivismus ist das Interesse an afrikanischer Gegenwartskultur gering, bemerkt Thomas E. Schmidt in der Zeit. Viel mehr gehe es um das schlechte Gewissen der Europäer als um die Bedürfnisse der Afrikaner, meint er: "Viele der dekolonialisierenden Aktivitäten kranken daran, dass sie das Grundverhältnis zu den afrikanischen Gesellschaften vom selbsterklärt guten weißen Menschen und von seinem Geschichtsbewusstsein her definieren. Der weiße Mensch möchte seine Historie reparieren und sich mit Gesten der Großmut von seiner Schuld befreien. Das geschieht jetzt: Die ersten bedeutsamen Restitutionen finden statt. Dennoch ist die Stimmung gedämpft. Man spürt, dass sich ein gewisses Missverhältnis bestätigt oder sogar erneuert. So könnte die Zerknirschung auf deutscher Seite auch eine Geste der Überlegenheit sein: Wer unter den Afrikanern die Objekte annimmt, will besitzen, ist gerade nicht großmütig, sondern besteht auf Rückzahlung. Das Hergeben erlaubt es den Europäern, ihre Geschichte nachzuerleben und sie dabei in ihrem heutigen Sinn geradezurücken: Sie haben ein Opfer gebracht, selbst wenn sie das energisch bestreiten. Die große Geste erfolgt auf dem alten Spielplatz der Eroberer, wo Deals gemacht werden: im Ökonomischen, als Übertragung von Eigentumsrechten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2022 - Kulturpolitik

In der Welt fragt sich Thomas Schmid, warum der Documenta-Skandal eigentlich so locker an Kulturstaatsministerin Claudia Roth vorbeigegangen ist, obwohl auch sie lange abgewiegelt und heruntergespielt habe. Für Roth ist Kultur eben vor allem "Mittel zum Zweck. Der Völkerverständigung. Des wechselseitigen Respekts. Des Abbaus von Vorurteilen und rassistischen Einstellungen usw.", da passte Ruangrupa einfach zu gut rein. Aber wenn sie etwa in dem Aufruf "Für eine gemeinsame Kultur der Demokratie in Europa" schreibt, dass wir "alle dasselbe Ziel haben. Das einer guten und gemeinsamen Zukunft, des friedlichen Zusammenlebens und der demokratischen Selbstbestimmung", dann ist das für Schmid weniger menschenfreundlich als autoritär: "Die Ministerin dekretiert nämlich, was sie gar nicht wissen kann: dass wir alle dasselbe Ziel haben. Und dass die Kultur, einer Magd der Politik gleich, die Aufgabe habe, uns immer wieder darauf zu stoßen. Keine Spur von Freiheit, Wagnis, Differenz, Avantgarde und Akzeptanz des fremden Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2022 - Kulturpolitik

Bundeskulturministerin Clauda Roth ist erstaunlich ungeschoren aus dem Documenta-Gau hervorgegangen. Das ist aber auch kein Wunder, findet Welt-Autor Thomas Schmid, denn sie ist die "Königin der Töpfe" und wird nicht so leicht attackiert. Lohnenswert wäre aber mal, Roths Kulturbegriff in ihren offiziellen Äußerungen zu erkunden, die Schmid an die "verkitschte Straßenfestharmonie der siebziger und achtziger Jahre" erinnern: Aber "der Kulturbegriff der Kulturstaatsministern ist nicht bloß kitschig.... Dieser Schmus ist keineswegs so menschenfreundlich wie er vorgibt. Er ist sogar ziemlich autoritär. Die Ministerin dekretiert nämlich, was sie gar nicht wissen kann: dass wir alle dasselbe Ziel haben. Und dass die Kultur, einer Magd der Politik gleich, die Aufgabe habe, uns immer wieder darauf zu stoßen. Keine Spur von Freiheit, Wagnis, Differenz, Avantgarde und Akzeptanz des fremden Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2022 - Kulturpolitik

Der Sozialwissenschaftler Felwine Sarr hat zusammen mit Bénédicte Savoy eine große Rolle bei der Frage der Restitution von Kunst kolonialisierter Völker gespielt, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. Im Gespräch mit Werner Bloch von der FAZ hofft er, dass es in afrikanischen Präsentationen gelingt, "Gegenstände aus dem Diskurs befreien, in den sie der Kolonialismus mit seinem Diskurs eingesperrt hat". Europa solle lernen zu schweigen: "Europa, scheint es, ist mit vielem am Ende, es wirkt ausgelaugt. In Afrika dagegen wendet man sich mit großer Frische der Kultur und den Kulturfragen zu. Afrikaner leben schon immer am Schnittpunkt verschiedener Kulturen. Für sie ist es ganz normal, auch das arabisch-muslimische Erbe zu integrieren. Aufgrund ihrer Multiperspektivität sehen und verstehen Afrikaner manchmal mehr als andere. Es fällt ihnen nicht schwer, zwischen verschiedenen Welten zu navigieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2022 - Kulturpolitik

Die taz bringt eine Doppelseite mit Weiterungen zum Gurlitt-Skandal - zur Erinnerung, Hildebrand Gurlitt war der Kunsthändler, in dessen Nachlass viele Bilder der "Entarteten Kunst"-Ausstellung gefunden worden waren. Die Affäre hatte ihren Höhepunkt im Jahr 2013 (unsere Resümees). taz-Redakteur Thomas Gerlach erzählt heute von Hans Prolingheuer, der schon in den frühen Neunziger Pionierarbeit zum Schicksal der Bilder der Ausstellung geleistet hatte, und vom "evangelischen Kunstdienst, ursprünglich gegründet, um moderne Kunst in Kirchen zu etablieren", der sich dann den Nazis angedient hatte, die um die 15.000 Werke zu "verwerten". Seine wichtigste Mitarbeiterin war Gertrud Werneburg, geboren 1901 in Thüringen.

Mit ihr hatte Prolingheuer 1991 ein Interview geführt, das die taz nun erstmals veröffentlicht. Sie hatte mit dem Preis, zu dem die Werke verkauft wurden, nichts zu tun, beteuert sie. "Ich habe nur gehandelt. Und am Schluss haben sie (Abteilung im Propagandaministerium; d. Red.) sie nahezu verschenkt, weil sie eben Dollar haben wollten. Und die (Kunsthändler) haben gesagt, wenn wir einen Dollar oder vier Dollar geben, kriegen wir auch ein Bild. Da haben sich Leute bereichert, ich kann Ihnen sagen, die haben alle Geschäfte gemacht. Ich wollte nichts damit zu tun haben und ich hatte auch nichts damit zu tun. Mir haben später Leute erzählt, wie sie die Bilder für Pfennige gekriegt haben. Ein Herr, der hat einen Feininger gehabt, den hat er später für 200.000 Mark verkaufen können. Er hat mir selbst erzählt, dass er sich ein Haus dafür in Westdeutschland gekauft hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.07.2022 - Kulturpolitik

"Kolonialismus hat nicht aufgehört, es ist ein Geschäft", sagt im Standard-Gespräch mit Katharina Rustler der Maori-Künstler George Nuku, der derzeit im Wiener Weltmuseum ausstellt. Er fordert komplette Entscheidungsfreiheit seitens der Communitys über die restituierten Werke: "Sobald Museen Objekte zurückgeben, geht es die Institutionen nichts mehr an, was damit passiert. Auch wenn sie die ursprünglichen Besitzer am Tag nach der Rückführung auf Ebay stellen, kann man sie nicht davon abhalten. Es ist ihr Eigentum. Es ist so, als ob ich Ihr Auto stehlen würde, wir vor Gericht gehen und dieses entscheidet, dass ich das Auto zurückgeben muss, aber nur wenn Sie garantieren können, es in einer Garage zu erhalten. Das ist doch paternalistisch!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2022 - Kulturpolitik

In prächtigem Ornat und unter Wahrung des höfischen Zeremoniells nahm König Asabaton, der Fon von Fontem im westlichen Kamerun, im Rautenstrauch-Joest-Museum der Stadt Köln eine Figur eines Pfeifenträgers entgegen, die seinem Volk vor über hundert Jahren gestohlen worden war. Patrick Bahners berichtet in der FAZ, wie der König die Figur zunächst dreimal berühren durfte. Für den König und die ihn begleitende Delegation sei der Pfeifenträger ein verschollener Verwandter: "Die Hoffnung, die sie an seine Heimkehr knüpfen, könnte kühner nicht sein. Seit der Niederlage gegen die Deutschen liegt ein Fluch auf ihrem Reich, und alles soll sich zum Besseren wenden, wenn die heimgeholte Trophäe in ihrer natürlichen Umwelt wieder ihre spirituelle Kraft entfaltet. Soll man darüber staunen, dass Absolventen internationaler Universitäten, die als Unternehmensvorstände und Professoren arbeiten, einem Gegenstand aus Holz zutrauen, solche Wunder zu wirken?"