9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Berlusconi war es viel klarer

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.07.2018. Nur das Rumoren der Debatte über Mesut Özil übertönt noch die Schläfrigkeit der Hundstage. Die Zeit räsonniert über die hybride Identität des Fußballers, der als Türke in Deutschland dritter Generation rein türkischsprachig aufwuchs. Sascha Lobo beklagt in seiner Spiegel-online-Kolumne, dass die Hysterisierung der Debatte jede Differenzierung verhindert. Außerdem: Die SZ bringt einen flammenden Aufruf Roberto Savianos gegen die doppelten Populisten in seinem Land.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Gleich drei Kommentare in der Zeit befassen sich mit der Affäre Mesut Özil: Özlem Topcu sieht das AfD-Denken auf dem Vormarsch und entwirft auf der Seite 1 einen Forderungskatalog, den die Deutschstämmigen angeblich "immerwährend" ihren türkischstämmigen Mitbürgern unter die Nase hielten: "Der Migrant sollte immer mit einem unerschütterlichen Bekenntnis zu den westlichen Werten in der Tasche herumlaufen, dazu gehört auch ein sicherer Auftritt gegenüber autoritären Regenten. Über Rassismus beschwert er sich nie. Und das Wichtigste: Seine Religion sollte er so ausüben, dass sie nicht stört, am besten unsichtbar. Aber bitte auch nicht in Hinterhofmoscheen, wo viel Übles passiert. Also unsichtbar und transparent, eine Art Woodstock-Islam wäre schön. Ewige Dankbarkeit und Loyalität gegenüber Deutschland müssen wohl nicht eigens erwähnt werden."

Cathrin Gilbert zeigt weniger Sympathien für Özil und seine Berater und vermutet hinter dem Treffen mit Erdogan schlicht wirtschaftliche Vorteile. Und Adam Soboczynski findet Özils Rassismus-Vorwurf zwar überzogen, doch bescheinigt er ihm eine "hybride Identität", die den politischen Vereinnahmungsversuchen von Angela Merkel und Tayyip Erdogan nicht gewachsen gewesen sei. Wie prekär diese Identität ist, lernt man aus einem kurzen Abschnitt über die Familie Özils: "Die Großeltern waren Mitte der Sechzigerjahre aus Zonguldak an der Schwarzmeerküste gekommen, und noch drei Jahrzehnte später wachsen die Enkelkinder ausschließlich türkischsprachig auf. Erst in der Schule lernt Özil Deutsch, so wie man Deutsch lernt, wenn alle Mitschüler Türkisch mit einem sprechen und nur die Lehrer diese seltsame Landessprache."

Sascha Lobo beklagt in seiner Spiegel-online-Kolumne, dass die hysterisierte Debatte nach dem Freund-Feind-Schema keine Differenzierung mehr zu lässt. Aber "man kann Özil kritisieren für seine bewusste, keinesfalls naive, sondern sehr eindeutige Wahlkampfhilfe samt hanebüchener Ausreden dazu - und sich gleichzeitig mit ihm solidarisieren, weil er rassistisch attackiert wurde und wird."

Große Empörung löst auf Twitter dagegen ein Kommentar Michael Wolffsohns mit der Überschrift "Özil schwingt die Rassismus-Keule" in Bild aus: "Wenn Herr Özil und seine durchaus breite Gefolgschaft den Rassismus-Hammer gegen den DFB schwingen, schlagen sie jene, die ihm durch ihre allgemeinen Rahmenbedingungen seinen Aufstieg überhaupt erst ermöglichten und dann ganz persönlich groß machten. Das bedeutet: Hier attackiert ein Fußballer im übertragenen Sinne seine Fußball-Eltern. Man kann es auch ganz einfach Undankbarkeit nennen."

"Migrantenkind und globalisierte Marke" - in der Berliner Zeitung sieht auch René Aguigah die Hybridität Özils, der hierzulande mit Rassismus begegnet werde: "Wer von Özils Schmähern wäre je auf die Idee gekommen, Angela Merkel, Jean-Claude Juncker oder dem Mercedes-Vorstand Verrat an den europäischen Werten vorzuwerfen? Sie alle machen Deals mit eben diesem Erdogan." Und im Tagesspiegel meint Peter von Becker, Türken wurden und werden in der Mehrheitsgesellschaft immer noch mit mehr Vorbehalten bedacht als zum Beispiel Italiener, Spanier oder Polen: "Im Deutschen ist der 'Türke' noch immer der Zielbegriff. Auch wenn die Kindeskinder der Einwanderung Deutsche sind. Schon die Sprache verrät so das (unbewusste) Denken. Doch: 'Rassistisch' ist das darum noch nicht. Nur ausgrenzend. Der inflationäre Gebrauch des Worts 'Rassismus' gehört nämlich zu den modischen Übertreibungen. Aus Selbstmitleid oder aus Selbstgerechtigkeit."
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Kulturpolitik

Staatliche Kulturinstitutionen müssen aufbegehren, wenn die Ziele einer Partei die offene demokratische Gesellschaft bedrohen, schreibt die Diplommusikerin, Künstlerin und Grünen-Politikerin Agnes Krumwiede in der FR mit Blick auf die CSU-Proteste gegen die Münchner Demo #ausgehetzt - gemeinsam gegen die Politik der Angst". Und Fördermittel dürfen davon erst recht nicht bedroht sein: "Fließt der Geldhahn der Machthabenden in Bayern tatsächlich noch flüssiger dorthin, wo Dankbarkeit die Empfänger und Empfängerinnen politisch bequem und gefügig macht? Gilt in Bayern für einige geförderte Künstlerinnen und Künstler das Prinzip: 'Den Arm dessen, der einen beschenkt, den beißt man nicht?!' Kulturförderung in Deutschland ist - das kann nicht oft genug erwähnt werden - nicht freiwillig und kein Gnadenakt."
Stichwörter: #ausgehetzt, CSU

Europa

In der SZ appelliert der italienische Autor Roberto Saviano, gegen den Innenminister Matteo Salvini diese Woche Klage wegen Verleumdung einreichte, nachdem Saviano in diversen Zeitungen sagte, Salvini "helfe der Mafia" (unser Resümee), an Italiens Intellektuelle und Künstler, sich gegen die Angriffe der Populisten auf Demokratie und Bürgerrechte zur Wehr zu setzen: "Mit Berlusconi war es viel klarer: Es gab ihn und es gab uns. Kritisierte man ihn, bekam man einiges ab, aber es gab eine Gemeinschaft, die sich schützend um einen stellte. Gegen Berlusconi zu sein hieß nicht, dass man Popularität verlor. Heute ist das nicht mehr so. In dieser Regierung kann man Anzeichen von etwas extrem Gefährlichem erkennen. Heute werden die belästigt, die das machen, was normal ist: denjenigen auf die Finger zu schauen, die uns regieren. Unsere Demokratie ist jung und fragil, aber sie ist vor allem antifaschistisch und antirassistisch. Habt ihr den Eindruck, dass diese Regierung heute die Werte respektiert, die den Kern unserer Verfassung ausmachen?" Auf Seite 3 der SZ porträtiert Oliver Meiler Matteo Salvini.

Die Idee, die EU könne ohne die USA stärker werden, ist eine Illusion, glaubt Richard Herzinger in der Welt - denn Amerika sei stets "Impulsgeber und Supervisor" des modernen, gewachsenen Europas gewesen. Viel mehr sei eine Rückkehr in die nationale Selbstbezogenheit zu fürchten, so Herzinger: "Ein europäischer Sonderweg kann und darf nicht die Antwort auf Trump sein. Um europäisch zu bleiben, müsste sich Europa jetzt vielmehr erst recht 'amerikanisieren'. Die proatlantischen Kräfte auf beiden Seiten müssen sich viel enger zusammenschließen und eine gemeinsame globalstrategische Perspektive entwickeln, die sie Trumps destruktivem, autoritären Hegemonialdenken entgegensetzen können."

Nicht erst seit der Fußball-WM sind die Kroaten von einem "nationalen Taumel" erfasst, schreibt der serbische Schriftsteller Bora Cosic in der NZZ - und dabei blenden sie die eigene Ustascha-Vergangenheit lieber aus: "'Unsere schöne Heimat', in welche die Patrioten mit ihrer Vize-Weltmeisterschaft zurückgekehrt sind, ist dieselbe Republik, in der die jetzige Macht ruhigen Gewissens Aufschriften der Faschisten, deren nostalgische Tafeln, Zeitungen und Straßenstände mit Ustascha-Andenken, deren immer aggressivere Übernahme vieler Punkte des gesellschaftlichen Lebens duldet. Ohne dass jemand einen Finger rührt! Eine kluge linke Philosophin sagt: 'Wir sind wenige, ziehen wir uns zurück?' Aber warum denn, meine liebe Dame? Rückzug ist kein Zeichen für bürgerlichen Anstand, sondern für jämmerliche Schwäche."

Erdogan setzt gerne Zeichen, die die Großartigkeit seiner Person dauerhaft ins historische Gedächtnis schreiben, erzählt Bülent Mümay in der FAZ. Darum streicht er auch alles in Türkis, seine Lieblingsfarbe. Und so kommt es, dass die Farbe der säkularen Türkei, Rot, nach und nach verdrängt wird: "Am Anfang wich das Rot im staatlichen Protokoll dem Türkis. Über Nacht wurden die Uniformen der Polizisten, die wichtige Einrichtungen wie das Parlament und den Amtssitz des Präsidenten bewachen, türkis. Ebenso wechselten auf den Fluren des Parlaments und die vor ausländischen Staatsgästen ausgerollten Teppiche zu Erdogans Farbe. An die Parlamentsabgeordneten verteilte Kalender, Planer, Notizhefte sind auch nicht mehr rot."
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Internet

Die Facebook-Aktie leidet, weil nach dem Cambridge-Analaytica-Skandal die Zahl der aktiven Miglieder zumindest in Europa zurückgeht, wie etwa Zeit online mit Agenturen berichtet: "In Europa zählte das Netzwerk sogar erstmals weniger Nutzer. Die Zahl der Europäer, die mindestens einmal im Monat aktiv sind fiel von 377 auf 376 Millionen. Die Zahl täglich zurückkehrender Nutzer sank in Europa von 282 auf 279 Millionen."
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Stichwörter: Facebook

Medien

Die Meldung, dass die Einnahmen aus der Digitalausgabe des Guardian inzwischen die Printeinnahmen überholt haben, findet Peter Weißenburger in der taz etwas beschönigend. Denn das habe vor allem "damit zu tun, dass die Printauflage seit Jahren dramatisch sinkt. Von über 200.000 Stück Anfang des Jahrzehnts, auf mittlerweile 160.000. Und so steht dem Zuwachs um 15 Prozent im digitalen Bereich ein Schrumpfen um 10 Prozent im Printbereich gegenüber. Zwar ist die digitale Strategie des Guardian erfolgreich. Aber hier haben eher die Printeinnahmen die Onlineeinnahmen 'unterholt' als umgekehrt. Millionenverluste macht der Verlag weiter."
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