25 Jahre Perlentaucher

Die Möglichkeit von Glück

Von Anja Seeliger
11.03.2025. "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000", haben wir gefragt und 28 Kritiker und Redakteurinnen haben geantwortet. In seiner Eindeutigkeit ist das Ergebnis schon überraschend: Die Figur des Autors als großer Zampano und des Kritikers als Papst ist sowas von vorbei. Das Feld ist bunt. Und angeführt wird es von Emine Sevgi Özdamar.
"Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000", haben wir gefragt und 28 Kritiker und Redakteurinnen haben geantwortet. Man hat es zwar geahnt, aber in seiner Eindeutigkeit ist das Ergebnis schon überraschend: Die Zeit der "Großschriftsteller" ist endgültig vorbei. Walser, Handke, Christa Wolf, Hilbig, Enzensberger wurden gar nicht genannt, Grass und Botho Strauß gerade noch einmal. Die Gesellschaft hat sich pluralisiert, die Literatur ebenso. Der Autor als großer Zampano taugt heute nicht mal mehr als Witz. Ist auch gut so. Die Kurve fällt entsprechend flach aus: Terézia Mora (sechs mal), Lutz Seiler, Wolfgang Herrndorf und Emine Sevgi Özdamar (je fünf mal), gefolgt von Daniel Kehlmann, Brigitte Kronauer, Rainald Goetz und Clemens J. Setz (je vier mal) sind die meist genannten Autoren.

Bei den Büchern ist das Ergebnis noch breiter gestreut, nur wenige Romane werden drei Mal genannt (Lutz Seilers "Stern 111", Daniel Kehlmanns "Tyll", Katja Lange-Müllers "Böse Schafe", Katja Petrowskajas "Vielleicht Esther", Angelika Klüssendorfs "Das Mädchen", Herta Müllers "Atemschaukel" und Uwe Tellkamps "Der Turm"). Emine Sevgi Özdamars Roman "Ein von Schatten begrenzter Raum" ist mit fünf Nennungen die Ausnahme.

Kaum junge Autoren sind dabei, was zum einen an der Fragestellung, zum anderen am Alter der Kritiker liegen mag. Was auch auffällt: Wie viele der genannten Romane zurückblicken auf den Nationalsozialismus, den Gulag, die DDR oder die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion. Die Last des 20. Jahrhunderts wiegt auch im 21. noch schwer, und es gibt immer noch so vieles, was man nicht weiß, so viele Tote, über die man nie gesprochen hat. "Die Toten warten auf uns, Ed, was sagst du dazu", fragt Kruso, für den die Flucht über die Ostsee in den Westen kein Freiheitsversprechen bietet.

Auch in Özdamars "Ein von Schatten begrenzter Raum" (mit fünf Erwähnungen der meist genannte Roman) spielen die Toten eine wichtige Rolle: "Ab jetzt bist du Lastenträger für / die Toten" heißt es dort, während die Protagonistin auf einer Insel steht, von der aus sie die nächste Insel sehen kann, das griechische Lesbos. Sie denkt dabei an die Armenier, von denen ihre Großmutter erzählte: "Aboo, aboo, wie die armenischen Bräute sich von den Brücken hinuntergestürzt haben." An die Menschen, die im griechisch-türkischen Krieg und dem anschließenden großen Bevölkerungstausch umgebracht wurden. Später an die Opfer der Militärputsche in der Türkei und an die neuen Toten aus Syrien und Afrika im Mittelmeer.

Dass Özdamars Roman am häufigsten genannt wurde, fünf mal, bei 28 Stimmen sicherlich nicht statistisch relevant, aber ein Zufall ist es wohl auch nicht. Denn dieser Roman führt einem vor Augen, wie selten in den eindrucksvollsten Büchern der deutschsprachigen Literatur die Vorstellung von Glück geworden ist. Und das in den letzten 25 Jahren, einer Zeit also, in der wir noch sicher und behaglich lebten.

Ich schreibe diesen Text zwei Tage, nachdem ein amerikanischer Präsident dem Staatsoberhaupt eines überfallenen Staates vorgeworfen hat, er provoziere den Dritten Weltkrieg, wenn er sich weiter wehre. Und einen Tag, nachdem Nato-Generalsekretär Mark Rutte Selenski aufforderte, sich bei Trump zu entschuldigen, weil er, Selenski, das nicht auf sich hatte sitzen lassen wollen. Ich kann das genauso wenig ignorieren, wie ich ignorieren kann, dass nach endlos langen grauen Monaten heute die Sonne scheint und der Himmel berückend blau ist und auf dem Sophienfriedhof violette Krokusse frech von den Wegen über die Grabbegrenzungen hüpfen.

Die Möglichkeit von Glück. Das ist auch eine Begabung - die Özdamars Protagonistin, die Schauspielerin Min, von Anfang an hat: "In Istanbul in den Sechzigern trafen sich die besten Maler jeden Abend entweder in den griechischen, armenischen Bohème-Retaurants oder in ihren Häusern. Sie waren klug und schön, ich ging in den Nächten mit ihnen aus. Es ging immer ums Glücklichwerden: das Feuer des Glücks durchs Erzählen nähren, damit das Feuer nie ausgeht. Jeder liebte seine Freunde, wollte, dass die anderen lachten, diese Nächte liebten, Geschichten erzählten, damit das Lachen nie aufhörte. Sie wollten so lieben, so leben, dass das Leben diese Momente auf seine Schulter nahm, Momente, aus denen viele Lichter auch nach vielen Jahren ständig herausblinkten." Ein größerer Gegensatz zu den schweigsam vergrübelten Männern in "Kruso", "Böse Schafe" oder "Alle Tage" ist kaum denkbar.

Min ist nach Deutschland gekommen, weil ihr der Militärputsch in der Türkei 1971 keine Zukunft mehr ließ. Heute würde man sie wohl einen Wirtschaftsflüchtling nennen. Sie kommt allein, 25 Jahre alt, die Eltern wird sie viele Jahre nicht wiedersehen. Doch hier, im Westen, macht "die Hölle gerade eine Pause", und sie kommt mit einer großen Liebe nach West-Berlin, der Liebe zum deutschen Theater und vor allem zu Brecht. Sie lernt Deutsch, findet Freunde und spielt bei Benno Besson am Berliner Ensemble. Später wird sie Besson nach Paris folgen, wo sie ein Jahr lebt, Französisch lernt und auch dort am Theater arbeitet, bevor sie zu Peymann ans Bochumer Schauspielhaus geht.

Eine Erfolgsgeschichte, könnte man sagen. Aber das macht nicht den Reiz dieses Romans aus. Sondern Mins Neugier aufs Leben, auf alles was sie sieht. Sie ist pausenlos unterwegs, oft allein, lernt die Sprache mit Chansons von Edith Piaf, aber vor allem schaut sie. Und man schaut mit ihr, wie sie Orte und Personen umkreist, vor- und zurückgehend und sich dann wieder von der Seite nähernd. Sie ist pausenlos dabei, ihre Eindrücke zu verarbeiten. Sie reagiert auf die anmutige Bewegung eines Körpers, auf ein Lachen, auf Hunger und Not. Ihr Verstand und ihr Unterbewusstsein sind permanent am Arbeiten, selbst im Schlaf. Sie denkt und dichtet, sie träumt, zeichnet, macht Collagen, singt und schreibt. Alles ist Kunst, Leben und Politik - in dieser Reihenfolge.

Bei ihr existiert alles gleichberechtigt nebeneinander, das Schöne wie das Schreckliche, und vor den Augen des Lesers weitet sich die Welt. Die Krähen haben ihr einst prophezeit, sie werde in Deutschland nur Putzfrau spielen dürfen? Als wollte sie sie provozieren, schlägt sie Thomas Brasch vor, in seinem Stück "Lieber Georg" als schwangere türkische Putzfrau den Boden zu schrubben. Er sieht ihr zu und versteht sofort, warum, und schon ist sie mittendrin im Stück. Andere verstehen gar nichts. "Wenn meine Kollegen wieder irgendetwas mit 'Wo dein Lappen, du kleine Putzi, wann du kommen bei mir putzen, Deutschland gut Geld' sagten, antwortete ich mit Thomas Braschs Sätzen aus dem Stück: ... Ich habe von diesem Fall keine Kenntnis Wie lange wollen Sie eigentlich noch da oben im Baum hängen". Niemandem gelingt es, Mins Welt kleiner zu machen, sie auf eine rassistische Beleidigung zusammenschrumpfen zu lassen. Sie werden Teil davon und damit Teil der Kunst.

Selbst die Sprache wird neu erfunden. Sie arbeitet mit Langhoff in Bochum am "Woyzeck" und nutzt die Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis, um mit dem Zug in die Türkei zu fahren. In ihrem Abteil fahren türkische und später - in Österreich zugestiegen - jugoslawische und griechische Gastarbeiter mit und noch später zwei türkische Väter, die ihre bei einem Unfall ums Leben gekommenen Kinder in die Türkei zurückbringen: "Die jugoslawischen und griechischen Männer sangen Sehnsuchts- und Liebeslieder über ihre Frauen, zu denen sie zurückfuhren, und übersetzten die Lieder für uns in ihrem gebrochenen Deutsch. Wir weinten und lachten. Tagelang ging so eine Fahrt. Die Toten in den Särgen, wir zu acht im Zugabteil, die gemeinsame Sprache Deutsch. Es entstand fast ein Oratorium, die Fehler, die wir in der deutschen Sprache machten, waren wir, wir hatten nicht mehr als unsere Fehler."

Und einen in der Märzsonne lila leuchtenden Krokus. Den sollte man nicht unterschätzen. "Es wird schneller dunkel, als man denkt."

Anja Seeliger