Clemens J. Setz

Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Erzählungen
Cover: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518422212
Gebunden, 350 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Eines Tages ist es da. Steht am Ende einer Sackgasse mitten in der Stadt. Es ist ein großes Kind. Den Blick hält es demütig zu Boden gesenkt, seine Haut ist rissig. Tagsüber versammeln sich die Bewohner der Stadt um dieses Kind, veranstalten Kundgebungen und Konzerte. Nachts schlagen sie auf es ein, mit Fäusten, Stöcken und Ketten auf die Skulptur aus weichem, niemals trocknendem Lehm, auf das "Mahlstädter Kind". Der Künstler hat es ihnen zur Vollendung überlassen, hat ihnen die Aufgabe übertragen, es "in die allgemein als vollkommen empfundene Form eines Kindes zu bringen". Zuerst treibt die Kunstbegeisterung die Bewohner der Stadt, dann kommen sie als Pilger ihrer Wut, verlieren prügelnd die Kontrolle über sich und beinahe auch ihren Verstand.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.03.2011

In Clemens Setz' gerade erschienenen Erzählungen, die ihm den Leipziger Buchmessenpreis und viel Kritikeraufmerksamkeit einbrachten, lassen sich laut Franz Haas gleichermaßen Licht- und Schattenseiten entdecken. Seine 2008 mit einem Nebenpreis des Klagenfurt-Wettbewerbs ausgezeichnete Erzählung "Die Waage", die mit psychologischem Spürsinn den vielfältigen Verbindungen von Hausbewohnern nachspürt, verzichtet auf Sex, Gewalt oder Fantastik, stellt er angetan fest. So zurückhaltend findet er den Autor allerdings nicht immer vor, und so stört sich Haas an mitunter "hochnotpeinlichen" Darstellungen "sexueller Psychopathologie". Fasziniert hingegen hat ihn die Erzählung "Das Herzstück der Sammlung", in der er in einem Museum unter anderem auf einen "Herrn Setz" im Gitterbett, aber auch auf ein Regal voller später Werke des Schriftstellers trifft. Weitere Erzählungen beeindrucken den Rezensenten durch ihre "würgend spürbare" existentielle "Verlorenheit". Seine Lieblingserzählung ist aber offenbar die um den Computerspiel-Erfinder Marc David Regan, der sich 2008 umbrachte. Hier legt Setz nicht nur unerschrocken seine literarischen Vorbilder offen. Ihm gelingt neben einer Satire auf den Wissenschaftsbetrieb darin auch ein "schauderhaft witziges" Gegenwartsprotokoll, so der Rezensent bewundernd.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2011

Begeisterung klingt anders. Langeweile aber auch. Faszination steckt schon drin in Sandra Kegels Rezension der Erzählungen des Clemens J. Setz, den sie mit spitzen Lippen als Multitalent, Obertonsänger, Gelegenheitszauberer und alles mögliche andere vorstellt. Auch in der Nennung literarischer Vorbilder holt sie nicht ohne Spott die Großpackung raus: Borges, Kafka, E.T.A. Hoffmann und natürlich David Foster Wallace. Hinzu kommen noch der Elefantenmensch, Hieronymus Bosch, Lampenschirme aus Buchenwald... Es klingt anstrengend, manchmal auch abstoßend, wenn man etwa Sandra Kegels Beschreibung der eiskalt sadistisch ausgemalten Gewaltszenen glauben will. Aber es hilft nichts, die Rezensentin muss zugeben: Schreiben kann er schon: manchmal eindringlich, manchmal zudringlich, manchmal kunsthandwerklich. Und immer postmodern.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2011

Rezensent Jörg Magenau sieht in den 18 Erzählungen, die nun nach zwei gefeierten Romanen von Clemens J. Setz erschienen sind und ihm den Leipziger Buchpreis eingebracht haben, den Ertrag seines im Lauf der Jahre "nebenbei" praktizierten Schreibens, und nicht alle Texte überzeugen ihn. Tatsächlich hat der Rezensent sogar an fast allen Erzählungen etwas auszusetzen, findet mal die Grundidee, mal die Umsetzung nicht recht gelungen, bekrittelt "Belangloses" oder allzu Konstruiertes. Zudem hat er den Eindruck, dass es sich der österreichische Autor mit seinen Ausflügen ins Surreale allzu einfach macht und sich dabei bequem auf sein Schreibtalent verlässt. Bei zwei Geschichten muss Magenau dann aber doch zugeben, dass sie fast "perfekt" sind, Eine Erzählung über eine Frau, die in der Kabine eines Riesenrads lebt, stellt für den beeindruckten Rezensenten die ausgesprochen überzeugende Darstellung abgrundtiefer Einsamkeit dar. Und in "Milchglas", bewundert er die "beste" Geschichte des Bandes, die Setz auf der ersten Seite als präzisen und empathischen Beobachter trostlosester "Orte und Dinge" ausweise.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2011

Wie Iris Radisch findet auch Insa Wilke, dass es dem Autor mit seinen noch nicht mal dreißig Jahren an Reife fehlt. Wie Radisch erkennt sie aber das Potenzial bei Clemens J. Setz. Soll heißen, für den Leipziger Buchpreis ist es vielleicht noch ein bisschen zu früh. Was die versammelten Erzählungen anbetrifft, hätte sich Wilke vorstellen können, dass sich das Niveau durch geschicktere Auswahl hätte heben lassen. Mancher eher konventionell erzählter oder von schwacher Motivik notdürftig gehaltener Geschichte, denkt sie, hätte es nicht bedurft. So wie er ist, erscheint ihr der Band aber mit seinen Ausflügen in die Welt des alltäglichen Grauens, der sexuellen Exzesse und kindlichen Gewaltfantasien eben doch als Indiz einer erst noch zu erlangenden Meisterschaft, gerade weil der Autor ziemlich hoch pokert, mit seinen Kleist-Referenzen etwa. Vor allem anhand sprachlicher Ungenauigkeiten, einem Haufen schiefer Bilder etwa kann Wilke dem Autor seine "Jugendlichkeit" nachweisen. Ein etwas achtloses Zielen auf den Effekt, findet sie, eine Lust am Bild, positiv gesprochen, aber eine nicht ganz sauber ausgeführte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.03.2011

Man spürt, "dass in der blauen Kiste ein leibhaftiges Kind rumort", schreibt Lothar Müller am Ende seiner Rezension anerkennend. Er spielt damit an auf eine der Geschichten Setz', in dem ein Kind sich mit Bildern aus einer Kiste über seine Alpträume tröstet. Nur sind diese Bilder mindestens so unheimlich wie die Alpträume selbst. Müller hält sich im Lauf seiner Kritik mit Wertungen eher zurück, lässt Bilder und den Beziehungsreichtum der Geschichten Revue passieren, schmeckt den Autor quasi ab. Ein großes Talent gewiss, ein Autor der sich von Pop und hoher Kultur, von Computerspiel und Beckett, Porno und Antigone gleichermaßen mitreißen lässt und ab und zu auch mal das Risiko eingeht, zu Boden zu purzeln, wenn er zwischen diesen beiden Pferden wechselt. Ins Hymnische bricht Müller in seiner Kritik nicht aus, aber man spürt, dass er mit Spannung auf die Fortsetzung wartet.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.03.2011

Tja, begabt ist der Autor schon mal, einigermaßen jung auch noch mit 28, und dann ist er noch von Residenz zu Suhrkamp gewechselt. Rezensentin Iris Radisch ist einerseits beeindruckt von den offenbar leicht repetitiven Vignetten des Clemens J. Setz, entdeckt Momente "beißender Einsamkeit" und einer "beinahe luftdicht abgepackten Verzweiflung", und fasst das ganze andererseits mit spitzen Fingern an, benennt David Foster Wallace als größten Einfluss, erkennt übrig gebliebene Versatzstücke postmoderner Beliebigkeit aus den Siebzigern und Achtzigern, aber auch katholisch-surrealistischer Provenienz und scheint insgesamt eine etwas eitle Kunsthandwerklichkeit zu fürchten, aber noch nicht so streng ankreiden zu wollen. Das wird entweder ein ganz Großer oder eine weitere begrabene Hoffnung am Wegesrand der Literaturgeschichte.
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