Norbert Gstrein

Als ich jung war

Roman
Cover: Als ich jung war
Carl Hanser Verlag, München 2019
ISBN 9783446263710
Gebunden, 352 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Am Anfang ist da nur ein Kuss. Aber gibt es das überhaupt, nur ein Kuss? Franz wächst im hintersten Tirol auf. Er fotografiert Paare "am schönsten Tag ihres Lebens", bis bei einer Hochzeitsfeier die Braut ums Leben kommt. Was hat das mit ihm zu tun? Was damit, dass er nur Wochen zuvor am selben Ort ein Mädchen geküsst hat? Vor diesen Fragen flieht er bis nach Amerika. Doch dann stirbt auch dort jemand: ein Freund, in dessen Leben sich ebenfalls mögliche Gewalt und mögliche Unschuld die Waage halten. Was wissen wir von den anderen? Was von uns selbst? Hungrig nach Leben und sehnsüchtig nach Glück findet sich Franz in Norbert Gstreins Roman auf Wegen, bei denen alle Gewissheiten fraglich werden.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 13.08.2019

Verena Auffermann lernt von Norbert Gstrein, dass die Flucht vor sich selbst in die Sackgasse führt. Wie Gstrein in seinem neuen Roman davon erzählt, sprachlich klar, inhaltlich fesselnd und psychologisch versiert die Fäden zwischen Schuld, Selbstbetrug und Versagen um seinen Protagonisten spinnend, einen Tiroler Fotografen mit einer dunklen Geschichte, findet Auffermann lesenswert. Die Krimihandlung scheint ihr dabei zweitrangig, es geht um den Verdacht, erläutert sie, um Sehnsucht und eine Normalität, die sich die Hauptfigur letztlich selber verbaut, indem sie die eigene Geschichte verschweigt und verleugnet.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 10.08.2019

Richard Kämmerlings ist begeistert von Norbert Gstreins Fähigkeit, handwerklich routiniert das Ambivalente zu erkunden. In Gstreins neuem Roman dient dazu ein Tiroler Hobbyfotograf, der aus undurchsichtigen Gründen in die USA auswandert und sich laut Rezensent als höchst unzuverlässiger Erzähler erweist. Die analytische Krimi-Struktur des Textes funktioniert gleich auf mehreren Ebenen, erklärt Kämmerlings, allerdings ohne dass die zutage tretenden Details die Verhältnisse durchsichtiger machten. Im Gegenteil, so Kämmerlings, das Geflecht aus "Gier, Neid und Geilheit", das dem Verhalten des Erzählers zugrundeliegt, wird im Verlauf der Handlung nur noch komplexer, etwa durch das Scharfstellen auf patriarchale Gewaltformen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.08.2019

Dank Norbert Gstreins stilistischer Meisterschaft bekommt Rezensent Samuel Hamen mit diesem neuen Roman mehr als eine Fingerübung. Allerdings scheint Hamen auch die Art und Weise, wie der Autor hier autobiografische Bekenntnisprosa auf neue Höhen führt, durchaus bemerkenswert. Die Themen Selbstoffenbarung und Lüge und die Möglichkeiten der Sprache in dieser Hinsicht, erkundet Gstrein laut Hamen hochpräzise. Die undurchsichtige Geschichte eines Tiroler Hochzeitsfotografen und späteren Skilehrers in Wyoming biegt der Autor geschickt um hin zur Frage nach der Psychologie des Erzählens, erläutert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.08.2019

Rezensent Carsten Otte ist sich sicher: Norbert Gstrein ist einer der raffiniertesten deutschsprachigen Erzähler. Beweis: Der aktuelle Roman. Der überzeugt Otte mit der facettenreichen Geschichte über einen Tiroler Hotelierssohn und Hochzeitsfotografen, der zum Mordverdächtigen wird und in die USA auswandert, nur um dort das zuhause Erlebte noch einmal gespiegelt zu erfahren. Nebenher geht es um sexuelle Übergriffe, Pädophilie und die Unzuverlässigkeit von Kausalitäten, erläutert Otte, der Gstrein hier auf der Höhe seiner Kunst sieht. Allein wie der Autor ausgerechnet einen höchst unzuverlässigen Erzähler dazu benutzt, um zwischen Lebenslügen, Gerüchten und Schuld zu differenzieren und vor allzu einfachen Zuschreibungen zu warnen, scheint Otte meisterlich. Auch ahnt er, dass Gstrein mit den USA eine neue Erzähllandschaft betritt, die er möglicherweise künftig noch ausgiebig erwandern wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.08.2019

Rezensent Christoph Schröder hat eine düstere Freude daran zuzusehen, wie Norbert Gstrein verfehlte Biografien durchleuchtet. Weil der Autor sich dabei auf eine straffe Handlungsstruktur stützt, statt auf erzählerische Eindeutigkeit, soghaft schöne lange Sätze baut und nie moralisch überlegen tut, folgt ihm der Rezensent gern. Die Romanhandlung - Tiroler Hochzeitsfotograf und Skilehrer wandert nach einem mysteriösen Todesfall einer von ihm abgelichteten Braut in die USA aus und kehrt 13 später zurück - ist für Schröder nicht so bedeutsam wie die darunter lauernden Erfahrungen von Demütigung, Verdächtigung und Missbrauch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.07.2019

Rezensentin Katrin Hillgruber lässt sich von Norbert Gstrein nah an unsere hysterische Gegenwart heranführen. Die Geschichte eines aus kriminalistischen Gründen nach Wyoming geflüchteten Tiroler Skilehrers erzählt ihr der Autor überbelichtet, zur Karikatur neigend, aber stets elegant das Zwischenreich zwischen Wahrheit und Trug auslotend. Es geht um Männlichkeitsentwürfe, Identität, sexuellen Missbrauch und fragwürdig gewordene Verhaltensmuster. Wie Gstrein damit subtil aktuelle Debatten aufgreift, ohne den eigenen Krimiplot aus den Augen zu verlieren oder schöne Landschaftsimpressionen, findet Hillgruber klasse.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 26.07.2019

Kristina Maidt-Zinke fragt zaghaft nach Spannung im neuen Roman von Norbert Gstrein, scheint aber sogleich selber abzuwinken, indem sie darauf verweist, dass der Autor für derlei plakative Dinge nicht zu haben sei und stattdessen eine "kunstreich verrätselte" Welt zwischen Wyoming und Tirol spinne, in der sich ein Skilehrer zwischen Sehnsucht und Schuld verstricke. Das ist laut Zinke zwar durchaus virtuos gemacht, mit allerhand Zeit- und Ortswechseln, interessanten Figuren (ein Kommissar ist auch darunter), Ambivalenzen und einer nüchtern-ernsten Sprache, entbehrt aber trotz Thriller- und Lovestory-Elementen der fesselnden Unwiderstehlichkeit, erklärt die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.07.2019

Paul Jandl erfährt allerhand über das Verschwinden und die Ungewissheit des Sehens in Norbert Gstreins neuem Roman. Gekonnt findet er, wie der Autor seinen Text um einen Fotografen auf der Flucht zwischen den Tiroler Bergen und den Rocky Mountains anlegt: labyrinthisch, unkorrekt, Vergangenes und Jetziges, Räume und Zeiten gegeneinander schneidend. Ein schillerndes Buch der "unangenhmen Gefühlswahrheiten", findet Jandl, scheinbar einfach erzählt, doch verdammt raffiniert.