Ernst-Wilhelm Händler

Wenn wir sterben

Roman
Cover: Wenn wir sterben
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783627000295
Gebunden, 475 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

"Wenn wir sterben" schildert in großer Detailtreue die Karriere von vier Geschäftsfrauen, von denen nur eine "überlebt". Händler zeigt mit exemplarischen Lebensgeschichten, wie die moderne Industriegesellschaft den Menschen entwurzelt und deformiert: Menschliche Existenz hat nur noch ökonomischen Sinn. Materielle Begehrlichkeiten und materielle Zwänge haben das Wesentliche verdrängt. Wirtschaftsprozesse prägen statt dessen unsere Entscheidungen und instrumentalisieren das Leben. Jene, die die oberen Sprossen der Karriereleiter erklommen haben, haben alles Menschliche eingebüßt und handeln provisorisch in der Logik ihrer Funktionen; sie kämpfen mit allen Mitteln um ihren eigenen Erfolg.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2002

Ein Buch, das den Leser aus der "Biedermeierstube seiner Vorurteile" heraustreibt, ein "Anschlag auf die vorherrschende Reich-Ranicki-Ästhetik im literarischen Betrieb", schreibt Thomas E. Schmidt. Wie geht das? Es geht um den "Kapitalismus als Lebensform", schreibt der Rezensent, und die drei Frauen, Unternehmerinnen beziehungsweise Managerinnen, werden im Verlauf des Romans als von einer "systemischen Logik ... umprogrammiert" vorgeführt. Da herrscht kein "gemütlicher Erzählrealismus" findet Schmidt, sondern hier wird ein Text vorgestellt, der "von den Energien der heutigen Marktwirtschaft geformt" ist - "und sich gleichzeitig davon abhebt." Geradezu "besessen", so Schmidt, sei dieses Buch vom "Zweifel an der Darstellbarkeit seiner Geschichte". Eine der Techniken, dies auszudrücken und zu umgehen, sei die Arbeit des Textes, parallel zu seinen Figuren, mit "Machstrategien", - und das bedeutet, sich Stil und Tonfall "konkurrierender Autoren" anzueignen, gewissermaßen ein "literarisches Joint Venture" zu verkörpern. Neben all dem Provozierenden, von dem Schmidt spricht, findet er auch noch die Qualität der "Meditation" - ein "Gewährenlassen", das weder wertet noch eingreift. Die "Moralkritik" des Autors, so Schmidt, setzt nämlich "ganz tief unten im Ich" an, wo ein Rest von nicht Verwertbarem zu Grunde liegt: "Träume, Liebe, Ängste, Individualität..., alles, was an Sterblichkeit erinnert". Ein "meisterhaftes und provozierendes" Buch, urteilt Schmidt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Dieser Roman sucht in der gegenwärtigen Literatur "seinesgleichen", erklärt Rezensent Guido Graf. Bei der Lektüre sollte sich der Leser jedoch warm anziehen, denn unweigerlich und unaufhörlich schlagen ihm daraus Kälte und Eis entgegen. Charlotte, Bär, Stine und Milla, vier Frauen Mitte Vierzig, sind nämlich, berichtet der Rezensent, in einem fort damit beschäftigt, einander auszubooten, zu intrigieren und das ganze Leben zu einem Tauschgeschäft zu erklären. Dahinter steht das Anliegen des Autors, eine "Genealogie des ökonomischen Subjekts" zu präsentieren, zitiert der Rezensent. Das ist ihm auch gelungen, lobt Graf, der in dem Roman viel "Ratlosigkeit" und "Depression" gefunden hat, dies aber außerordentlich virtuos erzählt. Händler sucht nach einer "Grammatik der vollkommenen Klarheit", zitiert Graf den Autor. Seine Figuren sind Teil eines "Sprachspiels", "das auch als Versuchsanordnung für die Darstellung ökonomischen Weltwissens gesehen werden kann", versucht Graf das Konzept zu beschreiben. Die "außerordentliche Leistung" Händlers sieht er vor allem darin, dass der Autor überzeugend vorführe, was es bedeutet, "im Beliebigen", das heißt für Händler: in den Tauschgeschäften, "geborgen zu sein".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Mit William Gaddis und seinem "genialen" Roman "J.R." aus dem Jahr 1975 vergleicht Ijoma Mangold Händlers ambitionierten Roman "Wenn wir sterben", der die völlige Entgrenzung des Kapitalismus probt. Im Mittelpunkt stehen drei Geschäftsfrauen, die auf unterschiedliche Weise in berufliche Schwierigkeiten geraten, berichtet Mangold, dennoch sei "Wenn wir sterben" weit mehr als ein Wirtschaftsroman. Es ergreift einen der "Schwindel", gesteht der Rezensent, wie in diesem Buch "alles mit allem verbunden" ist - alles ist konvertierbar, ein einziger Kreislauf von Waren, Wörtern, Lebensbereichen. Keine ehrgeizigen Sprachspiele könnten das erreichen, im Gegenteil: Dieser Roman nimmt es "mit der Wirklichkeit auf", erklärt Mangold bewundernd. Und die sei komplex wie der Stimmenchor im Roman, der fast ausschließlich aus direkter Rede komponiert sei. Eine Figurenzeichnung und Erzählperspektive von außen existiere nicht, weshalb es für den Leser schwer zu erahnen ist, gesteht Mangold zu, wie sich alles zu allem verhält. Belohnt werde man dafür durch Händlers Sprachreichtum, der jeder Stimme im Chor etwas Unverwechselbares und Eigenes gebe.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.09.2002

Niels Weber zeigt sich recht angetan von Ernst-Wilhelm Händlers Roman "Wenn wir sterben", der von vier erfolgreichen Frauen, die um eine Firma kämpfen, handelt. Es geht auch um Parallelen zwischen entfremdeter Arbeit und entfremdeten Sex. So hält Weber im Blick auf die Darstellerin eines Pornovideos beim gang bang, den Händlers drastisch schildert, fest: "Die Auslastung der Fickmaschine ist nun optimal." Offensichtlich, überlegt Weber, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den organisatorischen Maßnahmen zur Produktivitätserhöhung, mit denen Händler eine Unternehmensplanerin den Personalaufwand in der Fließfertigung der Fabrik annähernd halbieren lässt, und den Maßnahmen zur Optimierung von Frequenz und Auslastung beim gang bang, den ihre Tochter für ein Pornovideo inszeniert. Händlers Prosa beschreibt Weber als "sperrig und heterogen". Jeder seiner Romane sei zusammengesetzt aus vielen Perspektiven, jeder Protagonist werde in eine eigene Textur gekleidet. "Händlers Romane", so Weber, "könnte man Hybride nennen, die zahlreiche Formen, Perspektiven und Stillagen integrieren, oder (...) ein ?Experimentierfeld'." Letztlich trete bei Händler die "Verkettung an die Stelle der Subjekte", beschreibt Weber das Ganze mit Deleuze und Guattari.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.09.2002

Hochbeeindruckt ist Stephan Maus: ein "radikal zeitgenössisches und modernes Buch" findet er in Händlers Wirtschaftsroman, der in polyphoner Erzählung vom "kalten Wirtschaftskrieg" und den psychischen Zerrüttungen von "vier Powerfrauen" erzählt. Es geht ums Ausbooten von Kompagnons und feindliche Übernahmen, Expansion und Joint Venture, und dabei hat der Autor, selbst Unternehmer, wie Maus uns berichtet, noch seinen stilistischen Spaß gehabt. Jede Erzählfigur wird mit einer eigenen Sprache, von Poproman zur "scholastischen Kasuistik" eines "labilen Egos", ausgestattet. Trotz dieser parallel zum Machtwahn der Unternehmerinnen mitlaufenden Thematisierung "künstlerischer Allmachtsfantasien", so hat Maus es empfunden, bleibt der Handlungsstrang des "Wirtschaftsthrillers" immer präsent. Und während die "psychischen Kollateralschäden des wirtschaftlichen Handelns bis in die feinsten Verästelungen" nachgezeichnet werden, entsteht die Gestalt des Pförtners des Unternehmens, ein "studierter Philosoph", im Verzicht auf die eigene Karriere als einzige Gegenfigur eines integren, "intakten" Menschen. Etwas sehr Seltenes ist hier gelungen, meint Maus: die in eine "angemessene Kunstform" umgesetzte, hellsichtig analysierte Herrschaftsstruktur der Ökonomie.
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