Marcel Beyer

Erdkunde

Gedichte
Cover: Erdkunde
DuMont Verlag, Köln 2002
ISBN 9783832160074
Gebunden, 116 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

In seinen neuen Gedichten erkundet Marcel Beyer, ausgehend von Dresden, dem Ort seines Lebens und Schreibens, den europäischen Osten, Polen, Estland und Tschechien.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.09.2002

Im Mittelpunkt des Gedichtbandes "Erdkunde" des 1965 geborenen Lyrikers und Schriftstellers Marcel Beyer steht der Osten, berichtet Helmut Böttiger. Vor ein paar Jahren ist der Autor, der eine "behütete westdeutsche Kindheit" genossen hatte, von Köln nach Dresden gezogen und beobachtet seither Menschen und Zusammenhänge im Osten, informiert der Rezensent weiter und macht aus seiner Bewunderung für Beyers Prosa und Lyrik keinen Hehl. Besonders erfreulich findet Böttiger an diesem Band, dass sich hier der Osten als "Raum von Lektüre, Traum und Fantasie" öffne und dass Geschichte sich wieder bewegen zu scheint. Beyer sei, meint der Rezensent, bei den Dingen selbst angekommen und habe dafür die passende Sprache gefunden. Endlich scheine deutsche Lyrik wieder mit Geschichte gefüllt zu werden, freut sich Böttiger, Beyers Gedichte jedenfalls seien für diese Kehrtwende "wegweisend".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.07.2002

Nostalgisch erinnert sich der Rezensent Christoph Bartmann an "verträumte" Erdkundestunden - Bestätigung findet er dafür allerdings bestenfalls im Titel des Bandes, kaum einmal in den einzelnen Gedichten. Schon im ersten Gedichtzyklus nämlich landet der Autor, so Bartmann, weniger in Nordböhmen, sondern auf "Wortfeldern". Der Hauptkritikpunkt ist damit schon benannt, der Rezensent wiederholt ihn immer wieder. Beyer habe kein Interesse am Konkreten, am Anschaulichen, an der poetischen Beschreibung der Welt, sondern vor allem an der Produktion "sprachlichen Gewölles". Dies vor allem in Gestalt trockener gereihter Substantive, "Holz, Sägemehl, Packpapier", nur selten einmal gibt es das, was Bartmann gerne hätte, nämlich "intensive Anschauung". Insgesamt aber konstatiert der Rezensent Beyers "Konsequenz" und sieht gerade darin eine entschiedene "Beschränkung".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.04.2002

Rezensentin Beatrix Langner erblickt in Marcel Beyers "Erdkunde", einen "ungewöhnlich thesenreichen" Gedichtband voll von "nachgeholter Ostkunde", Nachträgen zur eigenen Biografie und Reiseberichten. Beyers poetisches Terrain ist der Osten, genauer: die Gebiete, die einst "unsere Ostgebiete" waren, erklärt die Rezensentin. Hier stöbert Beyer nach Einschätzung der Rezensentin mit "ideologisch unvernutztem" Blick in den "toten Winkeln" der Geschichte herum und modelliert in "daktylischer Strenge" dreiundvierzig Gedichte, allesamt "Oberflächenreliefs, deren Stofflichkeit einzige Orientierungshilfe in der Gegenwart bietet". Langner verortet Beyers Gedichte irgendwo zwischen "slam poetry", "Stimmenroman", "Zeitgedicht" und "ecriture automatique". Ohne Punkt und Komma streife Beyer umher, so Langner in ihrer Rezension, die wegen ihrer Hermetik zunehmend zur Herausforderung für den Leser wird, mehr als Erzähler denn als ein Romancier und vor allem interessiert an Sprachstrukturierung. Alles in allem findet sie gegen Ende ihrer Ausführungen doch noch einige klare und lobende Worte zu Beyers Gedichtband: Besser könne man die Totalisierungen des 20. Jahrhunderts nicht zerstören, als sie, "wie Marcel Beyer, aufzulösen in lyrische Partikeln, die frei im Sprachraum schweben".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.03.2002

In seinem neuen Gedichtband geht der Schriftsteller Marcel Beyer auf historische Spurensuche, berichtet Michael Braun. So rekonstruiert er poetisch Joseph Beuys' Absturz über der Krim im Winter 1943, wo ihn Tartaren mit Filz und Fett das Leben gerettet hatten. Viele Ereignisse der letzten Jahrzehnte kommen hier zur Sprache, so der Rezensent. Insbesondere aber jene geologischen und historischen Tiefenschichten, die in der Vergangenheit zu Schauplätzen von Kriegen, Konflikten und dem Zerreißen des europäischen Kontinents geworden seien, also die Stätten des Zweiten Weltkriegs. Martin Beyers Gedichte entzauberten nicht das Fremde der beobachteten oder über Fotos und andere Dokumente rekonstruierten Phänomene, sondern führten, erklärt Braun, mitten in ihr Geheimnis hinein. Ganz beeindruckt ist der Rezensent, wie es dem Autor gelungen ist, so eindringlich über Geschichte zu schreiben, und zwar in Gedichten, die Geschichte benennen und gleichermaßen verschweigen.