Vom Nachttisch geräumt

Die Bücherkolumne. Von Arno Widmann
23.01.2007. Eine Debatte über schwarze Löcher und weiße Zwerge, ein Politkrimi von Ulrike Sommer, der Hinduismus des Mahatma Gandhi, Elena Ferrantes radikaler Roman über die kalte Gewalt einer verlassenen Frau, Michael Kittners Geschichte des Arbeitskampfs.
Untergänge und Aufstiege

Am Freitag, den 11. Januar 1935 fand in London eine Sitzung der Royal Astronomical Society statt. Arthur I. Miller hat die Geschichte einer kurzen Debatte bei dieser Veranstaltung rekonstruiert. Subrahamanyan Chandrasekhar (1910-1995), eingegangen in die Wissenschaftsgeschichte als Chandra, hielt einen Vortrag, in dem er nachzuweisen versuchte, dass bestimmte Sterne, sogenannte weiße Zwerge, von einer bestimmten Masse an nicht als tote Gesteinsbrocken enden, sondern unter dem Einfluss ihrer Gravitation schrumpfen, bis sie zu Nichts werden, einem Nichts von gewaltiger Anziehungskraft. Wir nennen dergleichen heute "schwarze Löcher".

Chandrasekhars Beweisführung stieß auf Widerstand. Der energischste und folgenreichste kam von dem führenden englischen Astronomen Arthur Stanley Eddington (1882-1944). Er machte sich lustig über Chandras Zahlenspiele. Chandra verwechsele Mathematik und Physik. Eine mathematische Möglichkeit sei noch lange keine physische Realität. Miller macht klar, dass damals in der Royal Astronomical Society nicht nur zwei unterschiedliche Arten auf einander stießen, Atome und Sterne, die Welt also, zu sehen, sondern auch der Hochmut eines Vertreters des britischen Establishment gegen einen Außenseiter aus den Kolonien, der dabei war, die überkommenen Wahrheiten umzuwerfen. Man bekommt auch eine Ahnung von dem Druck und dem Gegendruck, den die Kolonialherrschaft erzeugte. Er war eben nicht nur politischer Natur, sondern ergriff alle Lebensbereiche.

Chandra wuchs auf in einer stolzen südindischen Brahmanenfamilie, von der viele sich dem indischen Nationalismus, dem Kampf gegen die englische Kolonialherrschaft anschlossen. Die Erfahrung, prinzipiell als Menschen zweiter Klasse betrachtet zu werden, zwingt die einen in die Knie. Andere werden zu Kämpfern, die Nächsten wollen "es denen zeigen". Chandras Großvater war Mathematikprofessor in Visakhapatnam. Chandras Vater, der älteste Sohn, ging in den Staatsdienst und verdiente das Geld, um die große Familie zu ernähren. Sein jüngerer Bruder dagegen, Venkata Raman, Chandras Onkel wurde Physiker und zwar einer der besten der Welt. 1930 erhielt er den Nobelpreis. Der Neffe bekam ihn 53 Jahre später. Arthur I. Miller zeigt, warum es so lange dauerte, er zeigt, wie stark die Widerstände der Anschauung gegen die Evidenz der Zahlen waren.

Millers Buch öffnet einem auch die Augen für die Tatsache, dass die großen Umwälzungen in unserem Weltbild in kleinen Labors, an kleinen Tischen mit Papier und Bleistift entwickelt wurden, während ringsum die Welt in Flammen stand. In den Instituten trafen sich die, die glücklich Stalins Gulag entkommen waren, mit denen, deren Familien gerade in die Gasöfen geführt wurden. Niemals zuvor haben Menschen so viel zerstört wie im 20. Jahrhundert. Niemals haben sie so radikal nachgedacht über die Zerstörung der Welt wie in den 30er Jahren in Kopenhagen, Göttingen, Cambridge und am Yerkes Observatorium, 130 Kilometer von Chicago entfernt, wo Chandrashekar die nächsten Jahrzehnte arbeitete.

Arthur I. Miller: "Der Krieg der Astronomen". Wie die schwarzen Löcher das Licht der Welt erblickten. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Deutsche Verlags Anstalt, München 2006. 475 Seiten, farbige und s/w Abbildungen, 24,90 Euro. ISBN 3421056978. (Bestellen)


Der Irrtum eines Lesers

Das Buch ist ein Politkrimi, in dem ein Bundesverteidigungsminister erschossen wird, weil er dahinter kommt, dass Soldaten der Bundeswehr von einem Pharmakonzern als Versuchskaninchen benutzt werden. Die Geschichte ist mäßig spannend erzählt. Aber sie ist sofort interessant, wenn man weiß, dass die Autorin Ulrike Sommer, die Ehefrau des DGB-Vorsitzenden Michael Sommer ist. Man hat selten Gelegenheit, das politische Personal der Bundesrepublik, die Mechanismen des Regierens, die Macht der Verbände von einem derart kompetenten Beobachter beschrieben zu bekommen. Man ist überrascht, dass alles exakt so widerlich von Machtgelüst und Geldgier bestimmt wird, wie wir es uns schon immer dachten, und wie wir es aus Film und Fernsehen - vor allem amerikanischem Film und Fernsehen - kennen.

Es muss wirklich so sein, denkt der Leser. Ulrike Sommer kann doch nicht gegen ihr Wissen schreiben. Hätte das Buch 200 Seiten, der Leser wäre bei dieser Ansicht geblieben. Schon, weil es leichter ist, sich bestätigen als sich widerlegen zu lassen. Das Buch hat aber 500 Seiten und es kommt auf diesen 500 Seiten nichts, was den Horizont seiner Fernseh- und Kinowelt überschreitet. Da dämmert auch diesem gutgläubigen Leser, dass die Autorin nichts einbringt von ihrem Wissen, von ihrer Kenntnis des Milieus. Sie erfüllt ein Genre. Ihr Ehrgeiz ist rein literarisch. Sie will einen Politthriller schreiben, und sie stopft hinein, was dazugehört. Sie schreibt auch exakt so, wie ein Politthriller geschrieben zu sein hat. Es gibt keine neue Zeile darin, keine Einsicht, nichts Persönliches. Nicht inhaltlich und stilistisch schon gar nicht. Das Buch ist tot.

Es gibt Menschen, die lieben tote Bücher. Sie mögen nicht überrascht, sie wollen bestätigt werden. Für sie ist dieses Buch geschrieben. Man weiß das von der ersten Zeile an: "Blicklos starrte Gregor Berger auf den Landwehrkanal." Aber zu lange hielt der Leser an dem Irrtum fest, jeder, der ein Buch schreibe, sei auch dessen Autor. Ulrike Sommer hat "Die Gattin" nicht geschrieben. Dieses Buch schrieb das Genre selbst.

Ulrike Sommer: "Die Gattin". Politthriller. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2006. 507 Seiten, 8,95 Euro. ISBN 3426632853. (Bestellen)


Kurzer Lehrgang Hinduismus

"Was ist Hinduismus?" ist der Titel des kleinen Büchleins. Der Autor ist Mahatma Gandhi. Der Gandhi-Philologe weiß, dass es ein solches Buch vom Mahatma nicht gibt. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Zitaten aus Aufsätzen, die er zwischen 1921 und 1937 in verschiedenen Zeitschriften und Sprachen schrieb. Die Sammlung erschien erstmals 1994. Herausgeber dieser englischen Zusammenstellung war Ravinder Kumar vom Indian Council of Historical Research. Man wird dieses Buch also auch lesen müssen als einen Beitrag in der aktuellen Auseinandersetzung mit den radikalen Hinduisten. Wer das nicht tut - das deutsche Nachwort von Martin Kämpchen ist dabei leider keine große Hilfe - verpasst die Pointe des Bandes.

Als Gandhi im April 1926 schrieb, dass die heiligen Bücher des Hinduismus, keine ewigen Wahrheiten ausdrücken, sondern zeigen, "wie die Wahrheit zur jeweiligen Zeit, in der die Bücher entstanden, ausgeübt wurde", da erklärte er nicht das Wesen des Hinduismus, sondern er wandte sich gegen eine Vorstellung vom Glauben, die sich statt am Leben und seiner Erforschung am überlieferten Buchstaben orientierte. Es sind diese Stellen, die Ravinder Kumar den indischen Lesern heute vor Augen führen möchte. Oder dieser Satz aus einem Aufsatz vom Januar 1929: "Wir Hindus haben im Namen der Religion aus äußerlichen Observanzen einen Fetisch gemacht und unseren Glauben herabgesetzt, indem wir ihn auf Fragen des Essens und Trinkens reduzieren."

Es sind diese Spitzen gegen eine sture Orthodoxie, die Gandhis Texte heute so aktuell machen. Es sind Texte im und aus dem Handgemenge. Es sind Beiträge zu politisch-religiösen-kulturellen Auseinandersetzungen, die nachdem sie eine Weile abgelegt schienen, heute aktueller sind als sie zu Gandhis Zeiten waren. Der Kolonialherr wurde hinaus geworfen, die Kolonisierten müssen sich selbst in der Welt orientieren. Manche blicken dafür in alte Texte und behaupten, man brauche nur tun, was dort steht. Andere wollen alles Alte wegwerfen und so tun als hätten sie nichts mehr von der Welt an sich, aus der sie kommen. "Was ist Hinduismus?" ruft es den Lesern mit Gandhis Worten gleich auf der ersten Seite zu: "Er ist die Suche nach Wahrheit mit gewaltlosen Mitteln." Das ist ein Satz gegen alle die, die glauben, mit dem Hinduismus hätten sie schon die Wahrheit, die sie nur noch durchzusetzen brauchten.

Mahatma Gandhi: "Was ist Hinduismus?" Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. Mit einem Nachwort von Martin Kämpchen. Insel Verlag, Frankfurt/Main 2006. 151 Seiten, 7,50 Euro. ISBN 3458349065. (Bestellen)


Aus der Sommerfrische

In "Tage des Verlassenwerdens" schilderte Elena Ferrante mit verstörender Radikalität die Empfindungen einer Frau, die ihrem Mann, der sich von ihr getrennt hat, nachreist und sich nicht entscheiden kann, ob sie "die Andere", ihn oder sich zerstören soll. Die Heldin war keine junge, ahnungslose Frau, sondern erwachsen, gebildet, sehr informiert über die Psyche und ihre Abgründe. Aber all dies Wissen schützte sie nicht vor dem Absturz in den Wahnsinn. Es war ihr allenfalls behilflich dabei, ihn zu beschreiben.

In ihrem neusten, gerade in Italien erschienenen Buch, das leider wohl so bald nicht auf Deutsch erscheinen wird, ist die Heldin älter geworden, der geschiedene Gatte lebt in Kanada, wohin die Töchter gegangen sind, um dort zu studieren. "La figlia oscura" ist eine Feriengeschichte. Sie spielt an einem süditalienischen Strand. Sie lebt von der müden Hitze, in der die Erzählerin - unter dem Sonnenschirm sitzend - ihre Umgebung sehr distanziert und sehnsüchtig zugleich beobachtet. Vor allem hat es ihr ein neapolitanischer Familienclan angetan, der laut und besitzergreifend ist. Der aber dabei gleichzeitig so sehr nur um sich kreist, dass die Erzählerin, eine einsame Frau um die 50, die, als sie jung war, exakt aus so einer Familie nach Mailand floh, sich nicht losreißen kann von diesem Gegenbild zu ihrer Situation, das so leicht ihr Leben hätte sein können. Eine junge Frau mit ihrer jungen Tochter hat es ihr vor allem angetan.

Nach und nach radikalisiert sich die Geschichte. Der Leser ist erschrocken, als er erfährt, dass die Erzählerin drei Jahre lang jeden Kontakt zu ihren Töchtern abgebrochen hatte, als diese kleine Kinder waren. Er ist es auch, weil die Erzählerin ihm eine Erklärung, eine Entschuldigung verweigert. Es war eine egoistische Entscheidung, scheint sie zu sagen. Ja und? Sie kam wieder zurück und das war, darauf besteht sie, nicht weniger egoistisch. Es gibt keinen Ausweg aus der eigenen Haut. Man steht daneben und weiß, was man tut, aber man tut es dennoch. Warum man es tut, wird man niemals erfahren. Man ist sich ein Rätsel. Der größte Schreck aber ist, als die Erzählerin dem kleinen Mädchen der jungen Frau, die sie liebevoll beobachtet, heimlich die Puppe wegnimmt. Das Kind weint und schreit. Eltern und Verwandte laufen wieder und wieder, tagelang den Strand ab und suchen die Puppe. Die Erzählerin aber hat sie in ihrem Ferienappartement auf die Couch zwischen die Kissen gesetzt. Sie tut dem Kind bewusst weh. Ohne dass zu sehen wäre, was sie davon hätte. Ein Akt kalter Gewalt.

Elena Ferrante: "La figlia oscura". edizioni e/o, Roma 2006. 141 Seiten, 14,50 Euro. ISBN: 8876417532.


Die Aktualität der Vergangenheit

Vor 25 Jahren wären von diesem Buch innerhalb kürzester Zeit 100.000 Exemplare verkauft worden. Englische, französische, italienische Übersetzungen wären längst in Arbeit. Jetzt gibt es lobende Besprechungen von allen Seiten, und das ist es. Michael Kittners "Arbeitskampf" ist eines der wichtigsten Sachbücher der letzten Jahre. Es ist die reich dokumentierte und auch noch bei den scheinbar trockensten arbeitsrechtlichen Erörterungen in jeder Zeile spannend geschriebene Geschichte des Kampfes um Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen - vom Streik der thebanischen Nekropolenarbeiter im Jahre 1155 vor Christus bis zum Streik um die 35-Stunden-Woche in der ostdeutschen Metallindustrie im Jahre 2003 nach Christus. Das gelingt Kittner, weil er den Stoff derartig souverän beherrscht, dass er auch noch bei den scheinbar abgelegensten Vorfällen das entscheidende Moment, den Angelpunkt der Geschichte, dem Leser so plastisch vor Augen stellen kann, dass der dem Glauben erliegt, nun alles verstanden zu haben.

Michael Kittner war nicht nur ein paar Jahrzehnte lang Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Kassel, hat also das Material dieses Buches immer wieder in Seminaren und Vorlesungen durchgeknetet, er war auch fast 25 Jahre Justitiar der Industriegewerkschaft Metall, weiß also auch aus unmittelbarer Erfahrung in der Organisation, die in der Bundesrepublik die meisten Streiks durchgeführt hat, was Arbeitskampf ist. Ein Gutteil seiner Qualität verdankt das Buch dieser Vertrautheit des Autors mit den theoretischen und praktischen Seiten seines Themas. Aber den entscheidenden Kick erhält "Arbeitskampf" durch die Fähigkeit des Autors zur Distanz. Sein Vermögen, gleichzeitig mitten im Handgemenge zu stehen und doch niemals den Überblick zu verlieren, macht das Buch zu einem Leitfaden, wie kein Leser ihn sich besser wünschen kann.

So schade es ist, dass das Buch einer nach Berichten aus und nach Einblicken in die Arbeitswelt hungernden Öffentlichkeit, die es vor 25 Jahren in ganz Europa gab, nicht schon damals hat die Augen öffnen können, so unwahrscheinlich ist aber, dass irgendjemand damals schon dazu in der Lage gewesen wäre, es mit der Einsicht und Umsicht Michael Kittners zu tun. Wahrscheinlich musste der Arbeitskampf erst einmal historisch wiederentdeckt und dann als historisch überholt erfahren und dann wieder belebt werden, um innerhalb eines Arbeitslebens im gleichen Umfang, in gleicher Intensität Nähe und Distanzierung entwickeln zu können. Irgendwann einmal wird jemand die Geschichte der Bundesrepublik als die Geschichte seiner Sachbücher schreiben. Vielleicht wird am Anfang Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" stehen. Am Ende, als eine glückliche Nachgeburt, steht ohne jede Konkurrenz Michael Kittners "Arbeitskampf".

Das Buch hätte ohne 1968, ohne die Wiederentdeckung der Arbeiterbewegung und ohne die darauf folgende Kritik an deren Glorifizierung nicht entstehen können. Es ist darüber hinaus aber auch so etwas wie eine Summe. Es fasst zusammen wie der Arbeitskampf - im Wesentlichen in Deutschland - aussah vor der Globalisierung. Kittner hat dabei ein Auge für die Globalisierungen, die es früher schon gab. Aber Kolonialismus und Imperialismus sind etwas anderes, und selbst wer die Ostindische Kompanie oder die Aktivitäten der Fugger mit den Multis von heute vergleicht, weiß, dass das Umfeld, in dem die Firmen sich heute und wir uns mit ihnen bewegen, unvergleichlich viel weiter geworden ist.

Wer den "Arbeitskampf" als abgeschlossenes Sammelgebiet betrachtet, den wird Kittners Buch eines Besseren belehren. Er wird darin zum Beispiel auf jenen Umbruchprozess stoßen, in dem die Zünfte ihre Macht verloren und die Gesellenverbände stärker wurden. Kittner und die von ihm auf jeder Seite zitierten Quellen machen klar, dass die Organisationsformen wechseln, dass die Auseinandersetzungen aber bleiben. Es wird immer darum gehen, möglichst viel Geld für möglichst wenig Arbeit zu bekommen oder umgekehrt, möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld zu bekommen. Das ist der Konflikt.

Ihn gab es im derzeit abgeschlossenen Kapitel "Sozialismus" ebenso wie es ihn in dem gerade eine schmerzhafte Metamorphose durchmachenden Kapitalismus gibt. Man kann ihm nicht entkommen. Auch das lehrt Kittners Buch. Die Vorstellung, eine ganze Nation könne sich in Rentner, Rentiers und in ähnlicher Sicherheit lebende Beschäftigte verwandeln, wie sie in der Bundesrepublik in den Jahren des Booms eine Weile blühen konnte, wurde inzwischen von der Wirklichkeit widerlegt. Natürlich werden Unternehmen, die vor allem Subunternehmen beschäftigen, kaum Probleme mit den Arbeitern haben und jemand, der seine Angestellten, statt sie in einem Callcenter zusammenzusetzen, zu Hause mit den von ihm gestellten Handys arbeiten lässt, muss sich nicht vor "Zusammenrottungen" fürchten, aber das heißt nur, dass die von ihm Beschäftigten sich neue Formen der Auseinandersetzung, des Widerstandes suchen müssen.

Die neuen Formen werden dabei oft genug alte sein. Solche nämlich, wie man sie vor der Konzentration der arbeitenden Bevölkerung in großen Fabriken und Büros praktizierte. Der Aufstand der schlesischen Weber war ein Aufstand von in Scheinselbstständigkeit lebenden Subunternehmern. Kittners Buch ist also gerade an den scheinbar entlegeneren Stellen von höchster Aktualität. Es ist ein Buch über die Vergangenheit für die Zukunft. Es ist ein hochintelligentes, glänzend geschriebenes, immens informatives, ein notwendiges Buch.

Michael Kittner: "Arbeitskampf". Geschichte - Recht - Gegenwart. Beck Verlag, München 2005. 783 Seiten, 39,90 Euro. ISBN 3406535801. (Bestellen)


Kreuzzüge hüben und drüben

"Die Darstellung des Christentums in Schulbüchern islamisch geprägter Länder" ist der Titel der beiden Bände, die sich mit Ägypten, Palästina, Türkei und Iran beschäftigen. Es sind die Ergebnisse mehrjähriger wissenschaftlicher Arbeit. Entsprechend umständlich ist die Form der Darstellung. Die Autoren knüpfen an die Untersuchung der Darstellung des Islam in bundesrepublikanischen Schulbüchern an. Wer sich also eingehend mit dem Thema beschäftigen möchte, könnte interessante Vergleiche anknüpfen, wenn nicht zwischen beiden Arbeiten zwanzig Jahre lägen. Die eingreifenden Veränderungen, die allein in den letzten fünf Jahren stattfanden, machen das aber unmöglich.

Schon, dass zum Beispiel die Studie über die palästinensischen Schulbücher auf Büchern basiert, die, wie der Autor der Studie schreibt, 2005 oder 2006 durch neue ersetzt werden sollten, macht die die beiden Bände so gut wie untauglich für die Einschätzung der aktuellen Situation. Es sind historische Dokumente für die Schulbuch-Situation um die Jahrtausendwende. Darüber hinaus vermitteln die Bände in den Einleitungen zu den jeweiligen Abschnitten nicht nur eine knappe, übersichtliche, einleuchtende Geschichte des Erziehungswesens, sondern auch so etwas wie den Abriss der jeweiligen Geschichte der Beziehungen mit dem Christentum.

In dem Ägyptenkapitel zum Beispiel wird sehr deutlich, wie zentral das Land in den ersten Jahrhunderten für das Christentum war, wie selbstständig die ägyptischen Christen sich über die Jahrhunderte hielten und wie sie, vor die Wahl gestellt, entweder mit den Kolonialherren zusammenzugehen oder aber sich an die Seite der muslimischen Aufrührer gegen die christlichen Besatzer zu stellen, sich das eine und das andere Mal entschieden. Den Ahnungslosen werden diese Einführungen mehr beibringen als die eigentlichen Untersuchungen.

Das Christentum ist ja im muslimischen Selbstverständnis "aufgehoben" im Islam. Das heißt Jesus und Maria sind Figuren der islamischen Überlieferung. Sie spielen dort nicht unwesentliche Rollen, aber eben auch die in der islamischen Tradition definierten Rollen. Wo sie auftauchen, ist nicht vom Christentum, nicht vom Gottessohn und der Gottesmutter die Rede, sondern von einem großen Lehrer und seiner Mutter. Der Unterricht hat gar nicht den Anspruch, gewissermaßen wertfrei Wissen über eine fremde Religion zu vermitteln, sondern er erzählt vom Siegeszug Mohammeds und des Islam.

Das Christentum ist da eine quantite negligeable. Abgesehen von einem Ereignis. Wer zum Beispiel das ägyptische Geschichtsbuch für die dritte Klasse Oberstufe aufschlägt, der versteht sofort, warum George W. Bush niemals von einem Kreuzzug hätte reden dürfen. In unseren Schulbüchern spielen die Kreuzzüge kaum noch eine Rolle. George W. Bush wird das Wort nur noch in der metaphorischen Bedeutung gekannt haben. Dass es einmal reale Kreuzzüge gab, wurde ihm erst durch die heftigen Reaktionen auf seine Äußerung wieder klar. Der ägyptische Oberschüler aber wird mit weitem Abstand über nichts in der christlichen Welt so ausführlich informiert wie über die Kreuzzüge: 398 Zeilen. Danach kommt mit 82 Zeilen der Einfluss der arabischen Texte auf das lateinische Christentum.

In den entsprechenden türkischen Schulbüchern spielen die Kreuzzüge eine viel geringere Rolle. Sie hätten den Untergang des europäischen Mittelalters bewirkt. Europa hätte, von der islamischen Kultur beflügelt, den Weg in die Moderne gefunden. Daran schließt sich freilich keine Überlegungen an, warum, wann und wie die islamische Welt dann ins Hintertreffen geriet. Wenn man den Untersuchungen trauen darf, fehlt in allen Schulbüchern der Versuch, das Offensichtliche zu erklären: die Überlegenheit der westlichen Zivilisation. Die Bücher versuchen nicht, den Kindern die Welt zu erklären, die sie vor Augen haben. Sie kreieren eine andere Welt, die zwischen sie und die Realität geschoben wird.

Schule ist Indoktrination. Sie sorgt für die Anpassung des Einzelnen nicht in die Wirklichkeit, sondern in die herrschenden Überzeugungen. Das gilt auch für unsere Schulen und Schulbücher. Da fällt es uns nur nicht so auf, weil es - zu einem großen Teil - ja tatsächlich auch unsere Überzeugungen sind. Aber wieviel Zeilen widmen unsere Schulbücher dem Einfluss der muslimischen Logiker und Philosophen auf die Herausbildung der großen spätmittelalterlichen christlichen Philosophie. Was haben wir in der Schule darüber gelernt? Es hat Jahrzehnte gedauert bis zahlreiche Kommissionen zum Beispiel französische und deutsche Schulbücher auf einander abstimmten. So viel Zeit gibt uns die Globalisierung nicht.

Wir sollten uns beeilen und daran arbeiten, in Aachen und in Isfahan Schulbücher zu haben, die mehr sind als Streicheleinheiten für die jeweilige nationale oder kulturelle Identität. Das von den Herausgebern Klaus Hock und Johannes Lähnemann betreute Projekt "Die Darstellung des Christentums in Schulbüchern islamisch geprägter Länder" hat sein Ziel dann verfehlt, wenn es nur ausgeschlachtet wird, um die Vorurteile der islamischen Seite zu zeigen, statt genutzt zu werden, um am Abbau auch unserer Vorurteile zu arbeiten.

Klaus Hock, Johannes Lähnemann (Herausgeber): Die Darstellung des Christentums in Schulbüchern islamisch geprägter Länder. EB-Verlag, Dr. Brandt e.K.
Teil 1: Ägypten und Palästina. Von Wolfram Reiss. Schenefeld 2005. 529 Seiten, 29 Euro. ISBN 3936912270.
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Teil 2: Türkei und Iran. Von Patrick Bartsch. Schenefeld 2006. 555 Seiten, 29 Euro. ISBN 3936912289. (Bestellen)