
Anlässlich ihres 120. Geburtstags
erinnert Erik Tabery an die großartige
Milena Jesenská, deren Reportagen aus den dreißiger Jahren zum Besten dieses Genres gehören: "Jesenská lebte in einer Zeit, in der Journalistinnen nur selten die Gelegenheit bekamen, sich den 'großen' Themen zu widmen. ... Zum Glück wurde Ferdinand Peroutka auf ihr Talent aufmerksam und nahm sie in seine Zeitschrift
Přítomnost auf. Das war sehr klug von ihm, denn ihre Texte gehören neben seinen zu den
Glanzstücken. Sie schrieb vor allem über Menschen, die andere gerne übersahen - über Juden, über Flüchtlinge oder Arme. Während die Parteipresse menschliche Schicksale vor allem aus parteitaktischen Gründen beschrieb, interessierte sich Jesenská für die Menschen selbst. Sie wollte ihre Geschichten erzählen, um den Schwächsten zu helfen, nicht um einer Partei zu mehr Popularität zu verhelfen oder die Konkurrenz zu beschmutzen. Deshalb sind ihre Artikel so eindrucksvoll. Beim Schreiben nahm Jesenská auch
keine Rücksicht auf die sich verschlechternde politische Lage. Viele Freunde warnten sie, aber sie ließ nicht einmal nach, als das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen wurde. Neben ihrem Schreiben - nach Peroutkas Verhaftung durch die Gestapo leitete sie sogar eine Weile seine Zeitschrift - verhalf sie vielen Menschen zur Flucht. Sie selbst weigerte sich zu gehen, sah ihre Rolle darin, in Prag zu helfen. Die
Gestapo wartete allerdings nicht lange, verhaftete auch sie und schickte sie ins KZ, wo sie auch starb. In ihrem letzten Brief an den Vater schrieb sie, dass sie sich dort 'keine Minute der Schwäche' erlaube. Laut den Zeugnissen ihrer Mitinsassinnen war das kein bisschen übertrieben." Tabery schließt: "Müsste man die fünf bedeutendsten tschechischen Journalisten nennen - Jesenská dürfte unter ihnen nicht fehlen."