Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 57

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - London Review of Books

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Culin Borrow bespricht Ann Schmiesings neue Biografie der Brüder Grimm - und weist gleichzeitig darauf hin, dass biografische Analysen der Grimm'schen Märchen nur begrenzte Aussagekraft besitzen. Schließlich ist das Erzählmaterial, das die Brüder in ihrer einflussreichen Sammlung "Kinder- und Hausmärchen" publizierten, nicht auf individuelle Urheber zurückzuführen. Wie kann man sich diesen Geschichten sonst nähern? "Ein einendes Merkmal der Grimmschen Märchen ist ihr soziales Umfeld, das von strengen Regeln begrenzt wird. Die Geschichten enthalten Wälder und Hexen, Riesen und Schlösser sowie willkürliche Gebote ('Benutze diesen Schlüssel auf keinen Fall!'), außerdem gelegentlich eine Mühle oder einen Berg. Es gibt meist einen König, manchmal mehrere, in Reichen, die durch Wälder freundlich voneinander getrennt sind - Wälder, die voller Wölfe oder Hexen sein können oder von verfluchten Prinzen durchstreift werden, die in Bärengestalt umherwandern. Abgesehen von diesen verfluchten Bärenprinzen erinnert diese Landschaft stark an das zersplitterte Deutschland mit seinen zahlreichen Kleinstaaten, in dem die Grimms aufwuchsen. Doch was in diesen Geschichten absolut ausgeschlossen ist, sind Figuren oder Handlungen, die der sozialen Klasse oder dem Milieu derjenigen entstammen, die die Märchen sammelten und lasen. Die Welt der Grimms selbst - mit ihren Regierungsbeamten, gebildeten Frauen, Bibliotheken und Universitäten - ist vielleicht der am strengsten verbotene Raum im Volksmärchen. Man könnte sogar sagen, dass gerade das Fehlen dieser Welt eine Geschichte volkstümlich erscheinen lässt, anstatt etwa romanhaft. Ein zentraler Bestandteil der Fiktion des 'Volkes' ist die Vorstellung einer absoluten sozialen Kluft zwischen den Königen, Prinzen und Prinzessinnen auf der einen Seite und den Schneidern, entlassenen Soldaten, Jägern, Küchenmägden und verarmten Waldbewohnern auf der anderen. Es gibt in diesen Erzählungen keine Leser und keine Schriftsteller, die diese Lücke überbrücken könnten. Wenn man also aufhört, eine Prinzessin zu sein, wird man zur Küchenmagd. Man kann niemals Bibliothekarin oder Steuereintreiberin werden - aber wenn man einem Zwerg einen Gefallen tut, könnte es durchaus sein, dass man wieder eine Prinzessin wird, vorausgesetzt, der richtige Prinz verliebt sich in einen. Selbst wenn er anfangs ein Bär oder ein Frosch ist."

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - London Review of Books

Helen Sullivan berichtet über das Leid in den illegalen Goldminen Südafrikas. Im Zentrum der Reportage steht das unbarmherzige Vorgehen des Staates bei den Versuchen, im Rahmen der Aktion "Vala Umgodi" Minenarbeiter aus einem weitläufigen Minensystemen nah der Stadt Stilfonstein zu vertreiben, indem man ihnen den Nachschub an Wasser und Lebensmitteln abschneidet. "Wie Tausende von südafrikanischen Minenschächten wurden auch diese drei Schächte von den Unternehmen, denen sie gehörten, geschlossen, als sie nicht mehr rentabel waren. Sie enthielten zwar noch Gold, aber nicht genug, um die Kosten für den sicheren Abbau zu decken. Der formelle Bergbau in Südafrika wird immer sicherer - 2024 wurde die niedrigste Zahl von Todesfällen in der Geschichte verzeichnet -, aber Lepheana und die anderen waren informelle Bergleute, bekannt als zama-zamas, oder 'try-try' in isiZulu: diejenigen, die ein Risiko eingehen. Südafrika war bis Mitte der 2000er Jahre der größte Goldproduzent der Welt, dann begann ein steiler Niedergang der Branche. Als die Minen geschlossen wurden, wandten sich immer mehr Menschen dem informellen Bergbau zu, ein Trend, der sich mit dem Anstieg des Goldpreises noch beschleunigte. Im Jahr 2016 lag der Wert von Gold bei etwa 1.200 Dollar pro Unze. Heute liegt er bei 2.900 Dollar. Man geht davon aus, dass etwa dreißigtausend Zama-Zamas in mehr als sechstausend verlassenen Minen in Südafrika arbeiten. Die meisten von ihnen sind undokumentierte Migranten aus Mosambik, Lesotho oder Simbabwe. ... Was als 'informeller' Bergbau bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein hoch organisiertes, wenn auch extrem gefährliches Geschäft. Viele der stillgelegten Goldminen Südafrikas sind riesige, miteinander verbundene Systeme mit Schächten auf mehreren Ebenen. Einige der Bergleute arbeiten in kleinen Gruppen, aber es gibt auch Hunderte von Teams, die von bewaffneten Banden kontrolliert werden. Die Minenarbeiter verkaufen an die Bandenbosse, die wiederum an die Syndikatsbosse verkaufen, die den Transport des Goldes nach Übersee arrangieren - oft über die Vereinigten Arabischen Emirate oder Indien, die laxe Gesetze für den Goldtransport haben. Gold ist nicht zuletzt deshalb so begehrt, weil es sich nicht zurückverfolgen lässt. Die Wagner-Gruppe, die jetzt im Wesentlichen eine Fassade für den russischen Staat ist, hat seit dem Einmarsch in die Ukraine 2,5 Milliarden Dollar mit dem illegalen Goldabbau verdient."

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Rosemary Hill bespricht ein Buch Anne Higonnets über drei Frauen, deren Kreationen während der Zeit der Französischen Revolution nicht nur die Fashion-Geschichte nachhaltig beeinflussten, sondern auch eine neue Form der Weiblichkeit hervorbrachten. Hill zeichnet entlang des Buches die bewegten Biografien Joséphine Bonapartes, Madame Récamiers und Térézia Talliens nach und geht auf eine der zentralen Modeinnovationen der Revolutionsjahre ein, die mit den vorher dominierenden, einengenden, Korsett-basierten Dreiteilern brachen: "Joséphine und Térézia kombinierten ihr Talent und ihre Erfahrung und entwickelten eine Kleidungsart, die den Körper befreite und die weibliche Figur neu zeichnete. Zwei Jahre später wurde das Ergebnis präsentiert: Ein hoch tailliertes, einteiliges Kleid aus leichtem Stoff, das ohne Reifröcke oder Korsetts getragen wurde und freie Bewegungen ermöglichte, wobei die Konturen von Bein und Hüfte deutlich sichtbar waren. Es war eines der einflussreichsten fashion statements, die je gemacht wurden (...). Das Mutigste daran war seine Konzeption. Es war eine Adaption des Gefängnishemds: Marie-Antoinettes Demütigung auf dem Karren (in dem sie vor ihrer Hinrichtung durch Paris gezogen wurde) wurde zurückgewiesen und neu gedacht als eine Antwort auf Robespierre von den Frauen, die ihn überlebt hatten. Die Verbindung wurde von Térézia in einem Porträt, das sie von sich selbst in Auftrag gab, ausdrücklich dargestellt. Sie ist als Gefangene in La Force zu sehen, ihre abgeschnittene Haarpracht nun ordentlich frisiert, und das grobe Leinenhemd wurde in feinen Musselin verwandelt."

Außerdem: Tom Stevenson widmet sich der Entzifferung der 4 000 Jahre alte Schrift Linear Elamite durch den französischen Archäologen François Desset. John Gallagher liest ein Buch mit dem provozierenden Titel: "'La Langue anglaise n'existe pas': C'est du français mal prononcé" (das hat jedenfalls Clemenceau behauptet). Anne Carson schreibt einen Essay über Hände und Handschrift.

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - London Review of Books

Youssef Ben Ismail rezensiert ein Buch Eugene Rogans über das Massaker an Christen in Damaskus im Jahr 1860 und rekonstruiert die damaligen Ereignisse. Ausgangspunkt waren brutale Angriffe drusischer Milizen auf christlich dominierte Dörfer im Libanongebirge. Anschließend verlagerte sich die Gewalt in die Stadt: "Ende Juni 1860, als Nachrichten über die Massaker Damaskus erreichten, feierten örtliche Muslime die Tötungen mit, so Rogan, makabren Totentänzen. In den folgenden Tagen begannen Gerüchte zu kursieren: Christen hätten Muslime in Jerusalem während des Gebets getötet; Christen hätten Muslime in einer Moschee in Homs massakriert; Christen in Damaskus würden sich bewaffnen, um Muslime während des Eid-Festes anzugreifen. Der osmanische Gouverneur der Provinz ließ einen Stadtausrufer durch die Stadt ziehen, um die Bewohner zu beruhigen: 'Wir sind sicher und beschützt … niemand soll sich fürchten.' Die Christen von Damaskus waren jedoch verängstigt. Überlebende des Massakers im Libanon waren angekommen und berichteten von Christen, die am helllichten Tag niedergemetzelt wurden. Im Gegensatz zu den Gerüchten über getötete Muslime in Jerusalem oder Homs entsprachen diese Geschichten der Wahrheit." Bald brach auch in Damaskus die Hölle los. Rogan geht im Folgenden auf die historischen Hintergründe ein, die dem lange friedlichen Zusammeleben verschiedener Ethnien ein Ende setzte. Unter anderem spielen ökonomische Machtverschiebungen im Kontext der Öffnung des Osmanischen Reichs zum Westen eine Rolle: "Die Christen in Damaskus waren die Hauptnutznießer der wirtschaftlichen Expansion Europas. Als französische und britische Kaufleute die Kontrolle über die Wirtschaft der Stadt übernahmen, stützten sie sich auf lokale Christen als Vermittler und Handelspartner. Deren Reichtum wuchs erheblich, oft auf Kosten muslimischer Händler, die Schwierigkeiten hatten, mit der europäischen Konkurrenz mitzuhalten. Westliche Diplomaten verliehen vielen einheimischen Christen den Status eines konsularischen Protégé, der ihnen dieselben rechtlichen und kommerziellen Rechte wie europäischen Untertanen gewährte - ein Status, der mit erheblichen Steuerbefreiungen und Immunität vor osmanischen Gerichten einherging. Die Unzufriedenheit in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft wuchs rasch, da viele, wie Rogan es ausdrückt, den plötzlichen Wohlstand der christlichen Gemeinschaft als eine 'Umkehrung der natürlichen Ordnung' betrachteten."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - London Review of Books

Olivier Messiaen hatte einen enormen Einfluss auf die Musik der Nachkriegszeit. Adam Shatz wusste das schon, bevor er die neue Messiaen-Biografie von Robert Sholl las (die er nicht so doll fand). Doch trotz seines Einflusses war der französische Komponist stark umstritten, erzählt Shatz: "Der 'Fall Messiaen' löste die heftigste Kontroverse in der französischen Musik seit der Uraufführung von Strawinskys 'Sacre du Printemps' aus. Während kaum jemand Messiaens Bedeutung für die Musik des 20. Jahrhunderts in Frage stellen würde, wurde sein religiöser Modernismus stets mit dem Vorwurf der Idolatrie, der Unauthentizität und des schlechten Geschmacks belegt. Morton Feldman verglich seine 'verrückten FarbenÄ mit 'Disneyland'. Richard Taruskin, ein Bewunderer, verhöhnte seine Turangalîla-Symphonie (1949) als 'Sakroporn', eine Musik, die sich 'ständig am Rande des Kitsches bewegt'. Die Gründe dafür, dass Messiaen zu einem solchen 'Fall' wurde, hatte Virgil Thomson schon früh identifiziert. Messiaen war laut Thomson 'ein vollwertiger Romantiker' in einem postromantischen Zeitalter, in dem die Grenzen zwischen fortgeschrittener Komposition und wissenschaftlicher Forschung immer durchlässiger wurden, insbesondere in den akademischen Musikfakultäten." Als Modernist war Messiaen nicht sehr rigoros. "Er zog Strawinskys synkopische Neufassung der russischen Volksmusik der 'schleichend grauen' Musik Schönbergs vor. Messiaen selbst schrieb einige der furchterregendsten Werke des 20. Jahrhunderts - insbesondere den apokalyptischen 'Tanz des Zorns für die sieben Trompeten' im Quartett für das Ende der Zeit -, doch was er vermitteln wollte, war 'Licht, Freude und Herrlichkeit'. Für Messiaen wurde die wirkliche Revolution in der Musik des 20. Jahrhunderts nicht von einem österreichischen Juden, sondern von einem Franzosen, Claude Debussy, eingeleitet, der 'die Idee der Unschärfe nicht nur in der Harmonie und der Melodie, sondern vor allem im Rhythmus und in der Abfolge der Klangfarben einführte'."

Die Psychoanalytikerin Marion Milner passt für Clair Wills ziemlich gut in unsere Zeit: Sie lebte von 1900 bis 1998, ihre Bücher "A Life Of One's Own" und "An Experiment in Leisure" sowie David Russells aktuelle Biografie "Marion Milner: On Creativity" erzählen von einer Frau, die zu Zeiten praktiziert hat, als therapeutische Ethik weniger wichtig war als innovative, kreative Ideen. So hat sie die Tochter Donald Winnicotts behandelt, während sie und ihr Mann bei ihm in Analyse waren. Über diese analytischen Verstrickungen hinaus zeigen die Bücher eine introspektive Frau, die sich mehr dem Werden widmet als dem Sein: "Es sind seltsame Bücher, das Resultat von Milners Willen, eine Schriftstellerin zu sein, ohne zu wissen, worüber sie schreiben soll ('Ich will Bücher schreiben, sie gedruckt und gebunden sehen') und das Beste an ihnen ist das Nicht-Wissen. Das ist nicht leicht. Es gibt eine Spannung in ihrem Werk zwischen ihrer psychologischer Ausbildung - nicht nur der Glaube an die Entwicklungstheorien menschlichen Verhaltens, sondern die Überzeugung, dass diese Entwicklung messbar ist - und ihr Gefühl für die Launen des Unbewussten."

Weiteres: Colm Toibin denkt, mit Patrick Joyces Buch "Remembering Peasants: A Personal History of a Vanished World" über das Verschwinden der irischen Bauern nach. Vincent Bevins liest David Van Reybroucks "Revolusi: Indonesia and the Birth of the Modern World" (hier mehr zur deutschen Ausgabe). Und der Historiker Christopher Clark vertieft sich mit viel Sympathie in Angela Merkels Autobiografie (wie übrigens auch der Osteuropaexperte Neal Ascherson in Prospect).

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - London Review of Books

Jessie Childs schreibt über eine ergreifende Episode der Leningrader Blockade durch die deutsche Armee im Zweiten Weltkrieg, zu der nun Simon Parkers Buch "The Forbidden Garden of Leningrad" vorliegt. Im Verlauf der Blockade starben mindestens eine dreiviertel Million Menschen (manche Schätzungen sind deutlich höher). Die meisten verhungerten. Darunter ein Botaniker namens Aleksandr Shchukin - in dessen Hand man nach seinem Tod einen Beutel Mandeln fand. Shchukin war Mitarbeiter eines Forschungsinstituts zur Pflanzenzucht, das es sich zur Aufgabe gesetzt hatte, Pflanzen durch genetische Kreuzung resilienter zu machen und dadurch dem Hunger ein für allemal ein Ende zu setzen. Shchukin war keineswegs der einzige, der den Auftrag des Instituts derart ernst nahm, dass er lieber sein Leben beendete, als den Auftrag des Instituts zu gefährden, lernt Childs: "Für die Mitarbeiter des Instituts war die drängendste Frage, wie - oder ob - sie die Saatgutbank vor ihrem eigenen Hunger schützen konnten. Das erste Mitglied des Instituts, das an Hunger starb, war Vavilovs ehemalige Sekretär, Pavel Gusev, nur zwei Monate nach Beginn der Belagerung; später am selben Tag folgte die Bibliothekarin Maria Dmitricheva; im folgenden Monat war es Shchukin, der Erdnussexperte mit seiner Handvoll unberührter Mandeln. Im Januar war der Leiter der Reissektion an der Reihe. 'Wie Shchukin', schreibt Parkin, 'starb er in seinem Büro, umgeben von seinen Forschungsunterlagen und mehreren tausend Päckchen Reismuster.' Am Ende starben mindestens neunzehn Botaniker im Institut, obwohl sie Zugang zu Samen, Nüssen und Knollen hatten, die ihr Leben hätten retten können. 'Es war nicht schwer, die Sammlung nicht zu essen', meinte Lekhnovich später. 'Es war unmöglich, sie zu essen - das Werk deines Lebens, das Werk des Lebens deiner Kollegen.' Außerdem gab ihnen das Institut einen Grund, weiterzumachen: 'Während der Blockade starben die Menschen nicht nur durch Granaten und Hunger, sondern auch an der Sinnlosigkeit ihrer Existenz. Auf die direkteste Weise hat unsere Arbeit uns gerettet. Sie gab uns einen Grund zu leben.'"

Außerdem: Alex de Waal überlegt am Beispiel von Gaza, wie man eine Hungersnot misst. Tom Stevenson denkt über einen vermeintlichen Nutzen der Hamas für Israel nach. Anke Mlinko erinnert an die 1996 verstorbene britische Autorin Caroline Blackwood. Daniel Soar schreibt anlässlich einer Mailänder Ausstellung über Jean Tinguely. Toril Moi stellt die norwegische Autorin Vigdis Hjorth vor.

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - London Review of Books

Adam Tooze bespricht ein Buch von Jean-Baptiste Fressoz' über die Rhetorik der Energiewende und stellt fest: So etwas wie eine Energiewende gibt es gar nicht. Denn es ist keineswegs so, dass die Menschheit Energie zunächst aus natürlichen Quellen, anschließend aus Kohle und schließlich aus Öl gewonnen hat - die natürliche Fortsetzung wäre dann eine weitere Energiewende, getragen von regenerativen Technologien. In Wirklichkeit sind wir die alten Energiequellen nie los geworden: "Die Erzählung von den 'drei Energiewenden' ist nicht nur eine Vereinfachung einer komplexen Realität. Es ist eine Geschichte, die logisch zu einem Happy End führt. Und das wirft eine Frage auf: Was, wenn es sich dabei nicht um eine realistische Darstellung der wirtschaftlichen oder technologischen Geschichte handelt? Was, wenn es ein Märchen ist, verkleidet in einem Business-Anzug, eine PR-Geschichte oder, schlimmer noch, eine Fata Morgana, eine ideologische Falle, eine gefährlich verführerische Illusion? Das würde nicht bedeuten, dass der Übergang zu grüner Energie unmöglich ist, sondern nur, dass er nicht durch historische Erfahrungen gestützt wird. Tatsächlich widerspricht er dieser Erfahrung. Wenn wir die historische Entwicklung genauer betrachten, zeigt sie keine fein säuberliche Abfolge von Energiewenden, sondern die Ansammlung immer neuer und unterschiedlicher Energiequellen. Wirtschaftswachstum basierte nicht auf einem fortschreitenden Übergang von einer Energiequelle zur nächsten, sondern auf deren Akkumulation. Mehr Kohle zu nutzen bedeutete, mehr Holz zu nutzen, mehr Öl zu verwenden verbraucht mehr Kohle, und so weiter. Eine ehrliche Betrachtung der Energiegeschichte würde nicht zu dem Schluss kommen, dass Energiewenden in der Vergangenheit regelmäßig stattfanden, sondern vielmehr, dass das, was wir jetzt versuchen - den bewussten Ausstieg aus und die Unterdrückung der energetischen Grundpfeiler unseres modernen Lebens - beispiellos ist."
Stichwörter: Energiewende

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - London Review of Books

Raghu Karnad nimmt die Publikation des Buches "Savarkar and the Making of Hindutva" der in Berkeley lehrenden Historikerin Janaki Bakhle zum Anlass, auf Leben und Werk des Dichters und Politikers Savarka zu blicken, der als antikolonialistischer Aktivist zur einer zentralen Figur der modernen indischen Geschichte wurde. Während einer längeren Haftstrafe wandelte er sich jedoch zum antimuslimischen Hindu-Nationalisten und Gegner Ghandis. Nathuram Godse, der Mörder Ghandis, war ein Anhänger Savarkas und auch die aktuelle indische Regierung unter Narendra Modi stilisiert ihn zum Volkshelden. Bakhles Savarkar-Biografie stellt den radikalen Wandel in Savarkas Denken während seiner Haftstrafe ins Zentrum: "In seinem Buch über den Aufstand von 1857, das er in London schrieb, zählte zu Savarkars Helden auch Maulvi Ahmadullah Shah, 'ein Patriot von höchster Exzellenz', dessen Opfer zeigte, dass 'der wahre Gläubige des Islam es als Ehre empfinden wird, seiner Mutter Heimat anzugehören und ein Privileg darin sieht, für sie zu sterben.' Nun jedoch verspottete er jeden, der naiv genug war, sich interkommunale Freundschaft zu wünschen. Gandhi und das Khilafat hatten es 'dieser religionsbesessenen Kobra ermöglicht, ihren Kopf über uns zu erheben und stärker zu werden'. Die angemessene Reaktion bestand für Savarkar in Einheit, Rückbekehrung und Vergeltung seitens der Hindus. Sein einziges Angebot an die indischen Muslime lautete: 'mit uns in Frieden zu leben, uns jedoch zu fürchten.'". Derartige Sätze wurden "zuvor selten auf Englisch gelesen, aber wir haben sie durch Stellvertreter rezipiert - in den Tiraden von Fernsehmoderatoren, Parteisprechern und YouTubern, deren Ziel es ist, jeden Aspekt muslimischer Existenz in Indien zu verunglimpfen und zu kriminalisieren. Ihr Schlagwort dafür ist 'Dschihad'. Ein Muslim, der sich in einen Nicht-Muslim verliebt, betreibt 'Liebes-Dschihad', der Kauf von Grundstücken ist 'Land-Dschihad', das Erkranken an Covid war 'Corona-Dschihad', der Verkauf von Obst 'Obst-Dschihad'. Muslime, die an der Prüfung der Union Public Service Commission teilnehmen, betreiben 'UPSC-Dschihad'. In einer Wahlkampfrede im Mai bezeichnete Modi die Wahl anderer Kandidaten als ihn selbst als 'Wahl-Dschihad'. Diese Tiraden beziehen sich angeblich auf aktuelle Ereignisse, doch sie sind ein Widerhall von Savarkars Stimme - von den großen Themen bis hin zu seinem Sarkasmus und Spott."

Magazinrundschau vom 07.01.2025 - London Review of Books

Neal Asherson rekapituliert anlässlich von Julian Jacksons Buch "France on Trial" den Prozess gegen Philippe Pétain, den Staatschef des Vichy-Regimes zwischen 1940 und 1944. Verhandelt wurden das Ausmaß und die historische Einordnung der Vichy-Kollaboration mit Hitlerdeutschland. Gleichzeitig offenbarte der damalige Prozess Leerstellen in der Aufarbeitung des NS-Unrechts: "Nichts zeigt besser als dieser Prozess, wie sehr sich die Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg im Laufe der letzten achtzig Jahre fast bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. In großen Teilen der Welt verlassen Kinder heute die Schule mit der vagen Vorstellung, der Krieg sei geführt worden, um die Juden vor dem Holocaust zu retten. Doch 1945 enthielt die Anklage gegen Pétain nur eine kurze Erwähnung der 'abscheulichen Rassengesetze', die sich auf antisemitische Vichy-Verordnungen bezog, sie enthielt nichts Konkretes über die Massenverhaftungen und Deportationen in die Gaskammern, die durch die Zusammenarbeit der französischen Polizei, Ministerialbeamten und Eisenbahnern ermöglicht wurden. Unglaublicherweise trat kein jüdischer Überlebender der Lager als Zeuge im Prozess auf. Antisemitismus spielte hierfür zwar eine Rolle im Hintergrund, aber wichtiger war de Gaulles irreführende Darstellung des französischen Verhaltens unter der Besatzung. Ihm zufolge hatte fast jeder, zumindest gedanklich, die Résistance unterstützt, und Frankreich war lediglich von einer kleinen Clique von Verrätern im Stich gelassen worden. Dieses neue Narrativ überdeckte die Tatsache, dass Vichy und seine Politik, die Deutschen zufriedenzustellen, in den frühen Kriegsjahren von der Mehrheit der Bevölkerung, mit intensivem und bitterem Widerwillen, akzeptiert worden waren."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - London Review of Books

Unterwäsche im Rijksmuseum


Teils amüsiert, teils erschrocken schaut sich Clare Bucknell in der Ausstellung "Under/Wear" um, die derzeit im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist. Ausgestellt wird die Unterwäschemode mehrerer Jahrhunderterte. Darunter finden sich zahlreiche Exponate, die heute reichlich absurd anmuten: "Im Jahr 1856 wurden in Frankreich die ersten Käfig-Krinolinen hergestellt - stählerne Reifröcke mit breitem Umfang, die stark genug waren, um voluminöse, glockenförmige Röcke zu stützen. Viel wurde über die Gefahren diskutiert, die die größten und unhandlichsten Modelle dieser Art mit sich brachten. Florence Nightingale, die sie verabscheute, behauptete, dass allein in den Jahren 1863 und 1864 insgesamt 277 Frauen durch das Entflammen ihrer Krinolinen ums Leben gekommen seien. Ein zeitgenössischer niederländischer Comicstrip, 'Het Nut eener Crinoline' ('Der Nutzen einer Krinoline'), zeigt eine Reihe absurder Szenen auf dem Land, in denen eine modisch gekleidete Frau mit Krinoline und verschiedene verdutzte Tiere in Konflikt geraten: Ein angreifender Ziegenbock verfängt sich im Gestell der Krinoline und reißt sie unter ihrem Rock hervor; ein Storch erspäht sie von oben und trägt sie fort, um daraus ein Nest zu bauen. In den 1870er Jahren kamen sogenannte Tournüren, beziehungsweise 'Kleidverbesserer', auf den Markt - Stahlgestelle, die hinten übertrieben hervorstanden, um eine figurbetonte Silhouette mit Fokus auf das Gesäß zu schaffen. Eine röhrenförmige Tournüre im Rijksmuseum (ca. 1880-84), die aus Halbreifen besteht, die in gestreiftem Baumwollstoff eingenäht sind, sollte bewirken, dass der Rock der Trägerin wie ein Wasserfall darüberfließt. Ein weiteres Exponat zeigt ein schwarzes gepolstertes Kissen, um Volumen zu erzeugen, ganz im Stil von Kim Kardashian. Manche Tournüren waren wahre Ingenieurskunstwerke. Das Modell 'New Phantom' (1887-88), das von den Londoner Schneidern Stapley und Smith patentiert wurde, ließ sich wie eine Ziehharmonika zusammenfalten, wenn die Trägerin sich setzte."

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - London Review of Books

James Meek berichtet aus der ukrainischen Millionenstadt Charkiw, die sich im vierten Kriegsjahr befindet. Gebeutelt wird sie nicht nur vom russischen Angriffskrieg, sondern auch von internen ukrainischen Problemen wie etwa der grassierenden Korruption. Meeks Text ist erwartbar deprimierend. Unter anderem besucht Meek Schulen, die zum Ziel russischer Bomben wurden. "Es gibt ein ukrainisches Wort, 'prylit' (auf Russisch 'prilyot'), das man in Charkiw ständig hört. Es ist ein seltenes Beispiel für ein Wort, das nicht nur über Nacht von einer gängigen Bedeutung in eine andere überwechselte, sondern dessen neue Verwendung die alte komplett auslöschte. Es bedeutet 'Ankunft aus der Luft' und war früher für die Ukrainer nur als Anzeige auf den Ankunftstafeln von Flughäfen relevant - ein Symbol für Reisen in einer offenen Welt. Seit dem Tag, an dem der Krieg ausbrach, gibt es keinen Luftverkehr mehr von oder nach Charkiw; aber 'Ankunft aus der Luft' kann auch für den 'Einschlags eines militärischen Flugkörpers' benutzt werden. Drei Einschläge an Schule Nummer 17 haben eine nackte, staubige Ruine dort hinterlassen, wo einst 1200 Kinder lernten. Die Schule ist auf Englischunterricht spezialisiert: Zu den wenigen Überresten der Friedenszeit gehören fröhliche, von Schrapnellen durchlöcherte Wandgemälde, die ein idealisiertes Großbritannien zeigen - eine rote Telefonzelle, Big Ben, das Gherkin."
Stichwörter: Charkiw, Ukraine, Ukrainekrieg