Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 57

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - London Review of Books

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Andy Beckett bespricht ein Buch Philppe Sands' über Walther Rauff, einen NS-Kriegsverbrecher, der maßgeblich an der Ermordung von Juden durch Gaswagen beteiligt war und nach dem Krieg nach Chile floh, wo er den Rest seines Lebens von der deutschen Justiz unbehelligt verbringen konnte. Und unter anderem während der Pinochet-Diktatur für den chilenischen Geheimdienst DINA tätig war. In einer Funktion, die seiner Tätigkeit während des Dritten Reiches gespenstisch ähnlich war: "Ein Teil dessen, was Rauff für die DINA tat, wird durch das Buch klarer. Wie beim Holocaust waren Lastwagen im Einsatz, Menschen wurden in ihnen eingesperrt, und die Beseitigung der Leichen erfolgte mit industriellen Methoden. Die Lastwagen versorgten Folterzentren im ganzen Land: Londres 38, eine Adresse in einem vornehmen Teil des Zentrums von Santiago, war berüchtigt. Der Umfang der Operation und die Geschwindigkeit, mit der sie eingerichtet wurde - die Lastwagen und Rauffs Fischmehlfabrik wurden am Tag des Putsches vom Militär übernommen - deuten, wie Sands anmerkt, darauf hin, dass sie geplant und in Gang gesetzt wurde, als Chile noch eine Demokratie war. Wenn demokratische Politik ausreichend verbittert - wie es während Allendes Präsidentschaft der Fall war, als seine sozialistischen Maßnahmen viele lang etablierte chilenische Hierarchien zu beenden drohten -, kann die Grenze zwischen gewöhnlichem Konservatismus und einer autoritären 'Notstands'-Version so sehr verschwimmen, dass sie letztlich gänzlich verschwindet."

Außerdem: Blake Morrison liest Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel". Und Kevin Okoth kämpft sich durch Achille Mbembes "Brutalism", in dem der kamerunische Philosoph mit dem Neoliberalismus abrechnet.

Magazinrundschau vom 24.06.2025 - London Review of Books

 Beauford Delaney, James Baldwin, 1945 - 1950. Estate of Beauford Delaney, by permission of Derek L. Spratley. Courtesy of Michael Rosenfeld Gallery LLC, New York

Der Schriftsteller Adam Shatz schwärmt von der aktuellen Ausstellung "Paris Noir" im Centre Pompidou in Paris, die Werke schwarzer amerikanischer Künstler zeigt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris lebten. Am Beispiel des amerikanischen Malers Beauford Delaney erklärt Shatz, wie die Stadt für viele von ihnen zum Ort der (relativen) Befreiung wurde. James Baldwin drängte den schwulen, schwarzen Künstler Delaney einst aus Knoxville nach Paris zu kommen, denn hier konnte er sich, obwohl es natürlich auch in Frankreich Rassismus gab, im Gegensatz zu den USA relativ frei fühlen: "Delaneys Dämonen folgten ihm nach Paris; dennoch erlebte er in seiner neuen Heimat ein beispielloses Gefühl der Freiheit. Bekannt wurde er vor allem als Porträtist, der begann, völlig abstrakte Gemälde zu schaffen und seinen figurativen Bildern eine farbenprächtige Note zu verleihen. Baldwin verbrachte den Herbst 1955 mit Delaney in Clamart, wo er den Einfluss des Ortes auf Delaneys Stil bemerkte: 'Dieses Leben, dieses Licht, dieses Wunder, das begann ich in Beaufords Gemälden zu sehen.' Dieses 'Licht, dieses Wunder' wird in Delaneys Porträt der Altistin Marian Anderson eindrucksvoll zur Schau gestellt. Auf dieser riesigen Leinwand steht Anderson dem Betrachter gegenüber: eine statuenhafte Figur mit weit geöffneten Augen und geschlossenen roten Lippen. Ihre Hände sind vor ihr gefaltet, als wolle sie gerade den Mund öffnen und singen. Der Hintergrund, ein strahlendes Gelb, das ihr Kleid und ihren Schal färbt, ist von orangefarbenen, grünen und blauen Streifen durchzogen. Er ist nur spärlich skizziert, abgesehen von der unteren rechten Ecke, wo sich direkt unter der kleinen, schwach gezeichneten Figur eines Pianisten ein Dickicht aus Strichen abzeichnet. Der Reichtum des Impastos und die Farbpalette scheinen die Leuchtkraft von Andersons Stimme zu evozieren."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - London Review of Books

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Susan Pedersen bespricht ein Buch der australischen Historikerin Sheila Fitzpatrick über Flüchtlinge aus dem Machtbereich der Sowjetunion, die nach dem zweiten Weltkrieg nicht, wie von der UdSSR gewünscht, in ihre Heimat zurückkehrten, sondern sich in Richtung Westen orientierten und in großer Zahl in Europa, aber vor allem in den USA, Kanada, Australien und Lateinamerika Zuflucht fanden. "Fitzpatrick betont die Bedeutung des Antikommunismus für die Öffnung der amerikanischen Tore, da die USA zur sowjetischen Überraschung und Abscheu dem Isolationismus abschworen", der so viele jüdische Flüchtlinge während des Zweiten Weltkriegs das Leben gekostet hatte, "um ein westliches Bündnis zur Eindämmung der UdSSR aufzubauen. Das ist überzeugend, aber als es um die Aufnahme von DPs [Displaced Persons] ging, spielten auch andere Desiderate eine Rolle. Israel war ungewöhnlich bereit, jeden jüdischen Überlebenden unabhängig von seinem Gesundheitszustand oder Alter aufzunehmen. Andere Länder waren sehr viel wählerischer. Niemand wollte kranke, behinderte, traumatisierte oder alte Menschen aufnehmen - als 'alt' galten Männer über 45, Frauen über 40 und 'Berufstätige' über 35 (damals wollte kein Land Intellektuelle oder Hochqualifizierte). Die DPs bemühten sich, diese Kriterien zu erfüllen. Sie konnten sich nicht vor den obligatorischen Tuberkulosetests drücken (ein negatives Ergebnis war Voraussetzung für die Einschiffung), aber sie konnten Jahre von ihrem Alter abziehen, die zurückgelassenen Ehepartner vergessen und die Abschlüsse und Errungenschaften, die einst eine Quelle des Stolzes gewesen waren, unerwähnt lassen. Fitzpatrick erzählt eine großartige Geschichte über ein Flüchtlingsschiff, das von Bremerhaven nach Australien segelte, vollgepackt mit Bauarbeitern, Landarbeitern, Kellnerinnen und Hausangestellten, das aber auf wundersame Weise auch mit Wissenschaftlern, Balletttänzern und Universitätsdozenten anlegte." Die Aufnahmeländer hatten aber auch "starke ethnische Präferenzen - 'in einem beunruhigenden Echo nationalsozialistischer Rassenideologie' - und bevorzugten fast durchweg die 'schönen Balten' ('sauber, hell und zivilisiert') gegenüber Polen und Ukrainern und erst recht gegenüber Juden."

Magazinrundschau vom 03.06.2025 - London Review of Books

Laleh Khalili zeichnet die Geschichte des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes nach - insbesondere mit Blick auf jüngste Entwicklungen. "Obwohl sich die milliardenschweren Start-up-Gründer und Finanziers im Bereich Verteidigungstechnologie gerne als rebellische Außenseiter inszenieren, die gegen die Ungeheuer der Kongressaufsicht und untätige Pentagon-Bürokraten zu Felde ziehen, haben sich die Verhältnisse, was die Kontrolle über Technologie betrifft, nicht nur im zivilen, sondern auch im militärischen Bereich bereits grundlegend verändert. Anstatt dass das Pentagon - oder irgendeine andere öffentliche oder private Institution - die Software besitzt, für die es bezahlt, verwandeln Konzerne ihre Produkte heutzutage in 'Dienstleistungen'. Über ein Abonnementmodell behalten sie die Kontrolle über diese Services, was ihnen nicht nur kontinuierliche Lizenzeinnahmen sichert und ihnen erlaubt, die Software aus der Ferne zu aktualisieren oder zu reparieren (und sich dafür großzügig bezahlen zu lassen), sondern ihnen auch die Möglichkeit gibt, sie remote abzuschalten (wie Musk 2023 kurzzeitig den Zugang der Ukraine zu seinen Starlink-Satelliten kappte). Seitdem hat Musk die Lage weiter verunklart. Das Weiße Haus dient inzwischen als Werbekulisse für Tesla, Trump lässt sich neben den Autos ablichten; das Außenministerium plante die Beschaffung gepanzerter Teslas im Wert von 400 Millionen Dollar; und im Zuge von Trumps Zoll- und Handelsanordnungen drängen Marco Rubios Diplomaten andere Länder dazu, ihre regulatorischen Hürden für Satellitenkommunikation zu senken. In den diplomatischen Depeschen wird Musks Starlink namentlich erwähnt."

Magazinrundschau vom 20.05.2025 - London Review of Books

Jérôme Tubiana berichtet vom Leidensweg des eritreischen Flüchtlings Even und seinem Versuch, über die Mittelmeerroute von Libyen aus Italien zu erreichen. Verhindert wurde das (vorläufig, inzwischen lebt Even in Belgien) auch vom Kapitän des italienischen Schiffes Asso 29: "Die Asso 29 nahm alle Migranten von der Zuwarah auf und nahm das Schiff in Schlepp. Der Kapitän sagte ihnen, sie sollten sich beruhigen: 'Wir bringen euch nach Italien. Schlaft und trinkt.' Erschöpft, aber hoffnungsvoll schlief Even ein. Als er am Morgen des 2. Juli aufwachte, sah er die Gebäude einer Küstenstadt nur wenige Meilen entfernt. Die Migranten glaubten, sie würden sich der italienischen Küste nähern, doch einer der Eritreer erkannte, dass es sich bei der Stadt um Tripolis handelt und riet allen, sich zu verstecken. Einige der Migranten versuchten, sich in Müllcontainern oder kleineren Tonnen zu verbergen; Even versteckte sich in einem Ölfass. 'Wir hatten nicht begriffen, dass sie Kameras hatten', sagte er. Libysche Wächter auf der Asso 29 brachten die Migranten - mindestens 262 von ihnen, aus sechzehn verschiedenen Ländern - auf die Ras Jadir, ein Schwesterschiff der Zuwarah, und setzten sie in Tripolis an Land. Sie wurden von Soldaten geschlagen und verspottet, die auf Arabisch riefen: 'Es gibt kein Europa! Keine Hoffnung! Ihr werdet in Libyen sterben!'"

David Thompson beschäftigt sich anlässlich einer Buchveröffentlichung John Bleasedales über den Regisseur noch einmal mit Terrence Malick, einem der großen Enigmas des Gegenwartskinos. Mit dessen neueren Filmen wird Thompson zwar nicht warm. Und doch machen seine Beschreibungen Lust auf ein Wiedersehen. Zum Beispiel mit "'Knight of Cups', in dem Christian Bale einen Hollywood-Drehbuchautor spielt, der sich in einer kreativen Sackgasse befindet und die unentschlossene Aufmerksamkeit mehrerer Frauen auf sich zieht - darunter Cate Blanchett, Freida Pinto, Isabel Lucas und Natalie Portman. Der Film ist neblig, angesiedelt in einem Los Angeles, das romantisch, aber kraftlos wirkt, seltsam losgelöst von der echten Energie jenes archaischen Zauberkönigreichs. Es ist nicht nur so, dass Malick offenbar den Glauben daran verloren hat, Liebe oder deren Verlust in einer ausformulierten Geschichte zu erzählen und zu inszenieren. Er hatte nicht nur kein konventionelles Drehbuch geschrieben, sondern den Film außerdem in einer Art und Weise geschnitten, die sich von der gewohnten Grammatik verabschiedete. So wie es keine klassischen 'Szenen' oder entscheidenden Situationen gibt, bricht auch das Bild ständig aus. Malick verweigert sich der konventionellen Art, Dialoge zu filmen. Die Beziehungen zersplittern und überlappen; sie verwandeln sich in einen Stream, auch wenn dieses Konzept damals noch nicht gängig war. Wir sollen ihre Grenzen nicht kennen. So häufen sich 'Ereignisse', die jeder Ordnung oder emotionalen Kohärenz entrückt sind. Und in den geflüsterten, sehnsuchtsvollen Stimmen und dem Rauschen der Musik beginnen wir uns zu fragen, ob die Strukturierung vielleicht einer anderen Instanz überlassen wurde - dem Publikum, das sich danach sehnt, bewegt zu werden, oder einem Gott?"

Magazinrundschau vom 13.05.2025 - London Review of Books

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Ferdinand Mount liest mit viel Zustimmung Fara Dabhoiwalas Buch über Meinungsfreiheit: "What Is Free Speech? The History of a Dangerous Idea", aus dem er lernt, wie zweischneidig dieses Recht oft ist. In den USA beispielsweise garantiert der erste Verfassungszusatz ein Recht auf freie Rede, das der Kongress praktisch nicht einschränken darf. Aber die einzelnen Bundesstaaten durften es und taten es auch lange Zeit: "Noch während der Roten Angst der 1920er Jahre wurden Sozialisten wegen extremer Meinungsäußerungen inhaftiert. Das Blatt wendete sich, als der Oberste Gerichtshof 1925 akzeptierte, dass der vierzehnte Verfassungszusatz von 1868 auf die Redefreiheit anwendbar ist, da die einzelnen Staaten ebenso wenig wie die Bundesregierung das Recht haben, 'Gesetze zu erlassen oder durchzusetzen, die die Vorrechte oder Immunitäten der Bürger der Vereinigten Staaten verkürzen'. Dies war ein weiterer historischer Zufall. Der Hauptzweck des vierzehnten Verfassungszusatzes hatte nichts mit der Redefreiheit zu tun. Er wurde nach dem Bürgerkrieg verabschiedet, um die ehemaligen Sklavenhalterstaaten daran zu hindern, sich bei den Bürgerrechten zurückzuziehen. In den 1960er Jahren leistete er in dieser Hinsicht gute Dienste, zum Beispiel bei der Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen im Süden. Aber genauso konnte er jetzt dazu benutzt werden, staatliche Gerichte daran zu hindern, Ku-Klux-Klan-Aufmärsche zu verbieten oder Anti-Lynch-Gesetze zu verabschieden. ... Die Grenzen sind nie einfach zu ziehen. An welchem Punkt hört die 'politische Korrektheit' auf, allgemeiner Anstand zu sein, und artet in Zensur aus? Wann verlässt der Begriff 'woke' seine ursprüngliche Bedeutung von 'wachsam gegenüber Rassismus' und verwandelt sich in selbstgerechte Einschüchterung? Wann sollte ein Abtreibungsgegner das Recht haben, ein Plakat vor einer Abtreibungsklinik zu tragen, oder wann sollte ein Frauenrechtler das Recht haben, das Haus eines Abtreibungsgegners zu überwachen?"

Colm Tóibín macht sich Gedanken über Robert Prevost, besser bekannt, seit einigen Tagen, als Papst Leo XIV. Prevost gab sich in seiner bisherigen Karriere alle Mühe, weder auf konservative noch auch radikal liberale Positionen festgenagelt zu werden, erläutert Tóibín. Anlässlich eines medial viel rezipierten Papstbesuchs nahm er freilich durchaus Partei: "J.D. Vance und Franziskus hatten eine offene Auseinandersetzung gehabt. Vance hatte im Januar von ordo amoris gesprochen, oder einer 'Hierarchie der Pflichten', und in einem Beitrag in den sozialen Medien erklärt, dass seine 'moralischen Pflichten' gegenüber seinen Kindern größer seien als gegenüber 'einem Fremden, der tausende von Meilen entfernt lebt'. In einer direkten Erwiderung antwortete Franziskus: 'Christliche Liebe ist keine konzentrische Ausdehnung von Interessen, die nach und nach auf andere Personen und Gruppen übergreifen … Der wahre ordo amoris, den es zu fördern gilt, ist der, den wir entdecken, indem wir über das Gleichnis vom 'guten Samariter' meditieren, das heißt, indem wir über die Liebe nachdenken, die eine Bruderschaft aufbaut, die allen offensteht, ohne Ausnahme.' In Chicago retweetete ein wenig bekannter, kürzlich ernannter Kardinal einen weiteren Angriff auf Vances Aussage: 'J.D. Vance liegt falsch: Jesus fordert uns nicht auf, unsere Liebe zu anderen zu abzustufen.' Dieser Kardinal war Robert Prevost."

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - London Review of Books

Hannah Rose Woods bespricht ein Buch Simeon Kooles über Berührungen und den Tastsinn aus kulturhistorischer Perspektive: "Intimate Subjects: Touch and Tangibility in Britain's Cerebral Age". Kooles wendet sich insbesondere gegen historische Erzählungen, die von einer linearen Entwicklung hin zu einer entkörperlichten Moderne führen. Tatsächlich ist das Zusammenspiel zwischen technischer Entwicklung und menschlichem Verhalten komplexer: "Im Laufe des 20. Jahrhunderts machten die Planer der Londoner U-Bahn eine paradoxe Beobachtung: Verbesserungen in der Effizienz schienen dazu zu führen, dass die Menschen sich noch mehr beeilten. Obwohl die Wartezeit zwischen den Zügen auf nur wenige Minuten reduziert wurde, verletzten sich mehr Menschen beim Rennen zu den Türen - obwohl es eigentlich keinen Grund mehr gab, sich besonders zu beeilen. Ein Aufzug konnte schneller sein als eine Rolltreppe, selbst wenn man an den Türen etwas warten musste, doch die Menschen empfanden die Rolltreppe als die schnellere Option, weil ihre Bewegung ohne Unterbrechung weiterlief. Je mehr die Fahrgäste hasteten, desto ungeduldiger wurden sie gegenüber jeglicher Wartezeit. (...) Warum zeigten Menschen nicht dieselbe Ungeduld beim Warten auf den Bus? Was wir übersehen, wenn wir uns zu sehr auf die Mechanik der Personenbeförderung konzentrieren - durch Städte, in die 'Moderne' hinein -, ist, wie unterschiedlich sich Menschen in verschiedenen Kontexten verhalten. Es gab keinen einheitlichen, kontinuierlichen Übergang hin zum 'modernen' Menschen oder zu einem 'modernen' Zeiterleben. Menschen verhielten sich - und verhalten sich noch immer - auf vielfältige und improvisierte Weise. Die körperliche Nähe zu Fremden fühlte sich auf einem geteilten Sitz in der U-Bahn ganz anders an als auf einem Bussitz, wieder anders beim Durchqueren einer vollen Straße, und nochmals anders beim Betreten eines Theaters oder eines Teeladens. Mit jeder Begegnung wurden unausgesprochene Grenzen neu geschaffen und neu gezogen."

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - London Review of Books

Was halten die Einwohner Grönlands von Trumps Idee, die Insel zu annektieren? Nicht viel, erfahren wir in James Meeks ausführlichem Bericht über das Land im hohen Norden. Aber von Dänemark halten sie auch nicht viel, wie Meek erfährt: "Offiziell sieht sich Dänemark nicht in einer kolonialen Beziehung zu Grönland. Grönland hat beträchtliche Befugnisse, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln, und auf dem Papier haben die Grönländer innerhalb des dänischen Reichs (Dänemark, Grönland und die Färöer) die gleichen Rechte wie alle Dänen." Doch drei Dinge befeuern die Wut der Grönländer auf die Dänen: Da ist einmal die Behauptung, sie würden auf Kosten der dänischen Steuerzahler leben. Diese wurde gerade unterminiert durch den dänischen Dokumentarfilm "Greenland's White Gold" über eine Mine auf Grönland, die immer in dänischem Besitz war und das seltene Mineral Kryolith förderte. Die Filmemacherinnen haben die Geschäftsbücher des Unternehmens untersucht, um zu ermitteln, wie viel Geld die Mine und die Fabrik aus heutiger Sicht erwirtschaftet haben und wie diese Zahl im Vergleich zu den Beträgen steht, die die dänische Regierung im Laufe der Jahre für Grönland ausgegeben hat. In den 55 Minuten des Dokumentarfilms werden verschiedene Zahlen genannt, aber die auffälligste besagt, dass Kryolith 400 Milliarden Kronen in heutigem Geld einbrachte, was 45 Milliarden Pfund entspricht. Diese Zahl wurde auf dem grönländischen Facebook viel diskutiert. Erst vor drei Jahren strahlte der Sender DR einen Bericht darüber aus, wie der dänische Staat in den 1960er und 1970er Jahren grönländischen Frauen und Mädchen Spiralen einpflanzte, oft ohne ihre Zustimmung oder das Wissen ihrer Eltern. Von dem Spiralskandal waren mehr als 4500 Frauen betroffen, eine enorme Zahl in einem Land, das auch heute noch nur 57.000 Einwohner hat. Die Kombination dieser Geschichten - der Versuch der Kolonialmacht, durch ein geheimes Programm zur Geburtenkontrolle Geld bei den Sozialausgaben Grönlands zu sparen, während sie gleichzeitig still und heimlich Milliarden von Kronen zum eigenen Nutzen aus dem Land schaffte - erzürnte die Grönländer" und ließ die Dänen in den Augen vieler trumpmäßiger aussehen als Trump.

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - London Review of Books

Long Ling, eine chinesische Regierungsbeamtin (genaueres teilt uns die London Review of Books nicht über die Autorin mit), berichtet von einem Besuch in Xiong'an New Area, einer neuen Planstadt, die derzeit zwei Stunden von Beijing entfernt errichtet wird. Von der Regierung als "Stadt der Zukunft" beworben, verfügt sie über eine besonders leistungsfähige Version des digitalen Überwachungssystems Skynet, das inzwischen in der Lage ist, das Leben der Bürger umfassend aufzuzeichnen. Ein Xiong'an-Bewohner namens Li erläutert: "In dem Moment, in dem das System unsere Gesichter scannt, erkennt es unser Geschlecht, die Kleidung, die wir tragen, und sogar unser Alter. Es kann dein Gesicht mit deiner ID-Nummer in einem Bruchteil einer Sekunde abgleichen. Und mit deiner ID-Nummer kann es alles über dich herausfinden." Long Ling ergänzt: "Zum Zweck der Datenüberwachung ist die Stadt in Abschnitte unterteilt, die 'Grids' genannt werden. Grid-Arbeiter, die auf der niedrigsten Ebene des Zivilbeamtensystems beschäftigt sind, müssen die Haushalte kennen, für die sie zuständig sind: Sie müssen wissen, in welchen Wohnungen ältere Menschen leben, in welchen Mieter wohnen, wo es schwangere Frauen gibt, wo Menschen mit Familienmitgliedern im Ausland leben, wer sich in laufenden Gerichtsverfahren befindet, wo schlechte Beziehungen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter herrschen, in welchen häufig Streitereien stattfinden, wer reich ist und wer arm. Sogar eine ältere Frau, die nicht weiß, wie man ein Smartphone benutzt und nicht fernsehen kann, speist ständig Daten in dieses Netzwerk ein, indem sie das Licht an- und ausschaltet, die Toilette benutzt oder den Herd anstellt. 'Mit diesem Auge der Weisheit', meint Li und zeigt auf das Gebäude um uns herum, 'wird jeder betreut.'"

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - London Review of Books

Der Politologe Jan-Werner Müller ist anders als Helen Lewis (s. The Atlantic) und Salvatore Vassallo and Rinaldo Vignati in einem Buch über Giorgia Melonis Partei "Fratelli d'Italia und den Aufstieg der italienischen Nationalkonservativen" deutlich skeptischer, was den negativen Einfluss der Maga-Bewegung auf Europas Rechtspopulisten angeht. Zumal die Konservativen Europas, nicht zuletzt dank Manfred Weber, dem Vorsitzender der Europäische Volkspartei, längst nach rechts gerückt seien. Gewiss, "Trumps offensichtliche Annäherung an Putin hat Melonis transatlantischen Balanceakt sehr viel prekärer gemacht". Ihr rechter Konkurrent Matteo Salvini, "der eine Chance zur Selbstbehauptung sieht, hat sich für die MAGA-Geopolitik stark gemacht. Meloni hält an ihrer Unterstützung für die Ukraine fest, hat aber auch klargestellt, dass es dort keine italienischen Truppen geben wird (Italiens Militärausgaben liegen weit unter den 2 Prozent des BIP, zu denen sich die Nato-Mitglieder offiziell verpflichtet haben). Ihre Aufrufe, den Westen zusammenzuhalten, klingen jetzt verzweifelt; sie hat die europäische Bühne an Starmer und Macron abtreten müssen. ... Heißt das, dass Vassallo und Vignati Recht haben, wenn sie die Fratelli d'Italia als eine wirklich nationale und mehr oder weniger normale konservative Partei betrachten? Das hängt davon ab, ob man es normal findet, dass der Parteivorsitzende über Soros als 'Wucherer' twittert, dass der Jugendflügel der Partei mit Begeisterung die Werke des faschistischen Philosophen Julius Evola aus der Zwischenkriegszeit liest und dass jemand in der Partei hin und wieder das Schreckgespenst der 'ethnischen Substitution' beschwört. Aber für viele in der rechten Mitte Westeuropas sind solche Dinge heute nicht mehr abnormal."

Weitere Artikel: Judith Butler sorgt sich um das Schicksal der Gender-Politik unter Trump. Paul Taylor setzt sich mit Deep Seek auseinander. Und Ange Mlinko liegt László Krasznahorkai zu Füßen, dessen fantastischer Roman "Herscht 07769" gerade ins Englische übersetzt wurde.