Magazinrundschau - Archiv

El Pais Semanal

82 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 9

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - El Pais Semanal

"Ich blicke nicht zurück. Diese Haltung kann ich den Bürgern aber nicht aufzwingen." Soledad Gallego-Diaz spricht mit dem Präsidenten von Uruguay, Jose Mujica, der während der Militärdiktatur brutal gefoltert wurde und fast 15 Jahre inhaftiert war, sich jetzt aber - erfolglos - gegen die Aufhebung eines am Ende der Diktatur verfügten Amnestiegesetzes für deren Verbrechen ausgesprochen hat - wie übrigens die Mehrheit der Uruguayer bei zwei früheren Abstimmungen: "Eine republikanische Demokratie muss sich der Treue ihrer Streitkräfte versichern. Wen man verachtet, der wird einem nie treu ergeben sein. Da liegt das Paradox. Die Wunden der Vergangenheit bringen viele von uns dazu, die Militärs von heute wegen deren Vorgängern zu verurteilen." - "Und wie steht es allgemein mit der neuen lateinamerikanischen Linken, der ja auch Sie zuzurechnen sind?" - "Man könnte glauben, Südamerika sei der letzte Zufluchtsort für Linke weltweit. Stimmt aber nicht. Die Linke ist so alt wie die Menschheit. Die Rechte genauso. Jeder Mensch hat eine konservative Seite und eine, die für Veränderungen ist. Mit diesem Widerspruch müssen die Menschen leben. Die konservative Seite, für die es gute Gründe gibt, wird reaktionär, wenn sie sich stur sämtlichen Veränderungen verschließt. Die linke Seite dagegen wird kindisch, wenn sie es mit der Radikalität übertreibt. Entscheidend ist die Mitte, die zugleich die Mehrheit ist - früher hielten wir Linken die Mitte bloß für kleinbürgerlich; heute sehen wir, dass es dort eine große Liebe zu den kleinen Dingen des Lebens gibt, die letztlich so wichtig sind."

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - El Pais Semanal

"Um die Tradition zu bewahren, muss man ihr gelegentlich den Hals umdrehen, sonst verwandelt sie sich in ihre eigene Karikatur." El Pais-Verleger Juan Cruz unterhält sich mit dem Verleger Antoine Gallimard über die Zukunft des Buches: "Ich glaube, die Zukunft des Buches hängt von den Verlegern wie von den Autoren gleichermaßen ab. Wer in einem Verlag arbeitet, muss jedenfalls nicht nur die Literatur lieben, sondern ebenso die Autoren und die Leute, das Publikum." - "Ist es vorstellbar, dass die jungen Menschen zum Buch zurückfinden?" - "Die Frage ist natürlich, ob wir zu einem Zustand zurückkehren wie im Mittelalter, wo nur die Mönche lasen, oder ob es uns gelingt, ein großes Publikum zu erreichen, was auch mit anspruchsvollen Texten durchaus möglich ist, man denke nur an den Erfolg eines Autors wie Javier Marias. Die Literatur war auf jeden Fall immer schon auf kostbare Weise gleichzeitig äußerst verletzlich und erstaunlich widerstandsfähig. Und Verlage bauen ja zum Glück keine Flugzeuge - da ist es nicht ganz so schwierig, auf die Schwankungen des Marktes zu reagieren. Gefährlich ist dabei jedenfalls nicht die Digitalisierung, sondern dass auf einmal alles gratis sein soll."

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - El Pais Semanal

"Das alte Brasilien verschwindet." Jesus Ruiz Mantilla interviewt den Musiker und Schriftsteller Chico Buarque, dessen neuester Roman "Leite derramado" die vergangenen zweihundert Jahre brasilianischer Geschichte als pessimistische Familiensaga erzählt: "'Auch Brasilien hat jetzt also seine Mittelschicht, und die will sich zeigen?' - 'Ja, erst gestern las ich eine Reportage über die - neuen - Reichen und die - alten - Superreichen im Bundesstaat Santa Catarina: Die Reichen gehen normalerweise an den Strand, die Superreichen dagegen bleiben in ihren Luxushotels, mit den bloß reichen neuen Reichen wollen sie nichts zu tun haben. Mir ist das neue Brasilien in jedem Fall lieber, es ist viel dynamischer. Seine Entstehung ist vor allem Lula zu verdanken. Und Dilma Rousseff setzt das fort. Diese Umwandlung der Gesellschaft erfolgte nach den Regeln des Kapitalismus, es ging darum, einen Wohlstand zu schaffen, der dann zu verteilen war. Manche Linke neigen vielleicht zu der Ansicht, dass das nicht menschlich genug abgelaufen ist, keiner kann jedoch bestreiten, dass es die intelligenteste Lösung war.'"

Magazinrundschau vom 09.11.2010 - El Pais Semanal

"Ich sollte entscheiden, ob wir die gesamte ETA-Führung in die Luft jagen. Ich sagte nein. Ob das richtig war, weiß ich nicht." Der spanische Schriftsteller Juan Jose Millas hat ein langes Gespräch über die Macht - wer hat sie, wer nicht - mit dem ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzalez geführt: "Die ersten zwanzig Jahre lebt man. Den Rest überlebt man. Der Versuchung, eine Autobiographie zu schreiben, habe ich bis jetzt widerstanden. Politische Memoiren dienen normalerweise dazu, sich selbst von Schuld freizusprechen und andere schuldig zu sprechen. Es gibt aber auch die Dinge, die man nicht erzählen darf. Beim Kampf um die Macht spielen sich die Beziehungen unter der Erde ab, es ist wie bei einem Eisberg, vier Fünftel bleiben unsichtbar. Außer beim Vatikan, da bleibt absolut alles unter der Oberfläche. Wenn man bedenkt, wie viele Leute in den Putsch gegen die junge spanische Demokratie vom 23. Februar 1981 verwickelt waren... Und jetzt versetze dich mal in die Haut von Obama, der den ganzen Sicherheitsapparat von Bush übernehmen musste... Obama hat gesagt, Guantanamo könne er in zehn Monaten erledigen. Aus unserer Außenperspektive ist er dabei gescheitert. Aber es wird eine ganze Legislaturperiode nötig sein, um die Kontrolle über den Sicherheitsapparat zurückzugewinnen - es gab viel zu viele heimliche Flüge und Geheimgefängnisse, und die daran Beteiligten sitzen ja immer noch im Apparat. Selbst in den am stärksten gefestigten Demokratien gibt es unter der Oberfläche einen Kampf zwischen der zivilen und der militärischen Macht beziehungsweise der Macht der Geheimdienste."
Stichwörter: Vatikan, Eta, Guantanamo, Putsch, El Pais

Magazinrundschau vom 31.08.2010 - El Pais Semanal

Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka spricht im Interview über die Bürde des Nobelpreises ("Die Frauen von Nobelpreisgewinnern sollten zusätzlich einen eigenen Preis bekommen - so eine Art Auszeichnung, wie sie Kriegerwitwen erhalten.") und die Globalisierung: "Sobald das Wort 'Globalisierung' fällt, reagieren viele Leute, als säße gleich der Teufel mit am Tisch. Meiner Ansicht nach ist die Globalisierung aber die schlichtweg unvermeidliche Folge der Tatsache, dass die Entfernungen so kurz geworden sind. Wie sollte es keine Globalisierung geben, wenn du irgendwo im Iran auf einem Minarett sitzen und von dort aus mit dem Rest der Welt kommunizieren kannst? Diese Tatsache hat trotz der traurigen Beschränkungen, die manche Gesellschaften von den anderen abschneiden, die Welt längst globalisiert. In gewisser Hinsicht erfahren auch so rückständige Länder und bösartige Regime wie der Iran die befreienden Auswirkungen der Globalisierung."

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - El Pais Semanal

Javier Cercas denkt über mögliche Unterschiede zwischen separatistischem und gesamtstaatlichem Nationalismus nach: "Katalanischer Nationalismus, baskischer Nationalismus, spanischer Nationalismus: Im Grunde sind sie alle gleichermaßen überzeugt davon, am siebten Tag der Schöpfung habe Gott keineswegs geruht, sondern ihre - katalanische, baskische, spanische - Nation erschaffen. Was allerdings den Unterschied zwischen den verschiedenen Spielarten von Nationalismus in der Praxis angeht: Wenn ein separatistischer Nationalismus aus dem Ruder läuft, lässt er eine Terroristengruppe auf die anderen los; läuft ein gesamtstaatlicher Nationalismus aus dem Ruder, bringt er das halbe Land um, wie einst hier in Spanien geschehen, oder den halben Kontinent, wie einst der deutsche Nationalismus. Bekämpfen lässt sich der Nationalismus in jedem Fall nicht mit einem entgegengesetzten Nationalismus, sondern bloß so, wie jeder irrationale Glauben: Mit der Vernunft. Und die sieht zuallererst einmal den Balken im eigenen nationalistischen Auge."

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - El Pais Semanal

"Ich bin kein Science Fiction-Schriftsteller, ich bin Physiker", erklärt der vor 63 Jahren im Silicon Valley geborene amerikanische Forscher und in den USA überaus populäre Universitätslehrer und Wissenschaftspublizist Michio Kaku, bevor er im Interview mit Luis Miguel Ariza unsere Zukunft beschreibt: "Das Internet wird überall sein, auch in deinen Kontaktlinsen. Was auch immer du sehen wirst, es wird Internet sein - mit einem Lidschlag gehst du online. Als Lehrer werden wir uns Prüfungen ausdenken müssen, in denen auswendig gelerntes Wissen keine Rolle mehr spielt. Die großen Verlierer werden die bisherigen Vermittler alten Stils sein - ein Broker wird kein Geld mehr verdienen, nur weil er an der Börse Operationen ausführt. Das werden künftig alle machen können, und das nahezu gratis. Und die neuesten Nachrichten wird man sich künftig auf der Armbanduhr ansehen - überleben wird nur können, wer Erfahrung, Fachwissen und Begabung anzubieten hat."

Magazinrundschau vom 04.05.2010 - El Pais Semanal

Javier Marias kommentiert gewohnt sarkastisch den Versuch, den Richter Baltasar Garzon mittels Anklage wegen "Rechtsbeugung" aus dem Amt zu drängen, weil er ein Amnestiegesetz von 1977 für Verbrechen während der Franco-Diktatur missachtet haben soll. "Ein Gutteil Spaniens, auch der Linken, Nationalisten und der allgemein 'gegen das System' Eingestellten, befindet sich soziologisch gesehen und ihrer Gefühlslage nach weiterhin in der Welt des Franquismus - diese Leute haben nie etwas anderes beigebracht bekommen. Dass der Oberste Gerichtshof der Klage gegen Garzon unter anderem durch Falange Espanola (!) stattgegeben hat, scheint mir bedauerlich, aber keine Überraschung, schließlich sind auch einige der Richter Franquisten. Die Annahme, der Franquismus könne eines Tages durch die Gesamtheit unserer Gesellschaft grundsätzlich verurteilt werden, war und ist eine Illusion. Ein derartiger Konsens, ähnlich dem in Europa nach dem Ende der Faschismen erreichten, mag er auch noch so künstlich oder falsch sein, ist hier niemals zustande gekommen. Das hier ist und war immer schon ein anormales Land, ich weiß nicht, worüber wir uns wundern. Hier hat noch nie jemand die Gegenseite von irgendetwas überzeugt."

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - El Pais Semanal

"Venezuela ist heute, zusammen mit El Salvador, eines der gewalttätigsten Länder Lateinamerikas. Gewalttätiger als Kolumbien, Brasilien und Mexiko. Und Caracas ist inzwischen die mit Abstand gewalttätigste Stadt Lateinamerikas." Gerardo Zavarce zitiert den Leiter des "Observatorio Venezolano de Violencia", Roberto Briceno Leon. Die Mordrate hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt und betrug 2008 127 Opfer je 100.000 Einwohner. Ein nur scheinbar banaler Grund hierfür ist offensichtlich die massenhafte Verbreitung von Schusswaffen: "86 Prozent aller in Caracas zwischen 1999 und 2006 verzeichneten Morde wurden mit Schusswaffen durchgeführt. Venezuelas rund 27 Millionen Einwohrner verfügen gegenwärtig, legal oder illegal, über rund 12 Millionen Schusswaffen." Hugo Chavez sieht die Sache naturgemäß anders: "Die Verbrecher und viele ihrer kriminellen Banden werden ausgebildet, finanziert und unterstützt durch das konterrevolutionäre Bürgertum und unsere internationalen Feinde, el imperio yanqui und seine Lakaien."

Magazinrundschau vom 16.03.2010 - El Pais Semanal

"Hat es eigentlich jemals ein spanisches Wunder gegeben?", fragt sich Javier Cercas. "Die Antwort lautet: Ja, den Schinken aus Jabugo. Das ist aber auch schon alles. Trotzdem war noch vor bis vor kurzem ständig die Rede vom spanischen Wunder. Wer hatte sich das ausgedacht? Die ausländische Presse natürlich, die so genau darüber Bescheid weiß, was in Spanien los ist, wie die spanische Presse darüber, was außerhalb Spaniens los ist. Der Unterschied ist, dass in England oder Frankreich niemand zur Kenntnis nimmt, was die spanische Presse über diese Länder verbreitet, während wir nur darauf warten, auf den Titelseiten zu verkünden, was die englische oder französische Presse über Spanien sagen. Oder können Sie sich vorstellen, dass der britische Wirtschaftsminister die Redaktion von El Pais aufsucht, um sie davon zu überzeugen, dass es der britischen Wirtschaft keineswegs so schlecht geht, wie El Pais zu glauben scheint? In umgekehrter Absicht hat dafür neulich die spanische Wirtschaftsministerin die Financial Times besucht. Natürlich ist die Financial Times nicht El Pais, da haben Sie Recht, schon deshalb, weil El Pais viel mehr von der spanischen Wirtschaft versteht als die Financial Times. Was man daran erkennen kann, dass die Financial Times, die zwei Tage davor ein tiefschwarzes Bild der spanischen Wirtschaft gezeichnet hatte, zwei Tage nach dem Besuch der Ministerin auf einmal verkündete, der spanischen Wirtschaft gehe es hervorragend: Da sieht man, wie viel Ahnung die Financial Times von der spanischen Wirtschaft hat."