Magazinrundschau - Archiv

El Pais Semanal

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Magazinrundschau vom 16.02.2010 - El Pais Semanal

Auch in Spanien steht die Verschärfung bzw. Ausweitung des Rauchverbots auf ausnahmslos alle öffentlichen Lokale bevor. Ein entnervter Javier Marias fordert Gleichbehandlung: "Auch auf Wein-, Whisky- und Ginflaschen sollen abstoßende Fotos von Betrunkenen zu sehen sein, von durch Zirrhose zerstörten Lebern, und von Ratten und Spinnen, wie sie Säufern im Delirium Tremens erscheinen; an Landstraßen und Autotüren sollen gut sichtbar Bilder von in ihren Blechruinen zerquetschten Unfallopfern angebracht werden, von Rollstuhlfahrern, enthaupteten Motorradfahrern, angefahrenen Fußgängern, amputierten Armen und Beinen; an allen Stränden sollen Fotos Ertrunkener zu sehen sein, nach Berührung von Quallen angeschwollener Körperteile und an Hautkrebs Erkrankter; Flugzeuge sollen mit Bildern von Abstürzen, zerfetzten Leichen, Terroristen mit Bomben und verzweifelt in eisigen Meeresfluten schwimmenden Passagieren dekoriert werden; wie auch an den Rathäusern Fotos von durch Immobilienspekulation zerstörten Landschaften angebracht werden sollen."

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - El Pais Semanal

"Europa liegt im Tiefschlaf", meint der 88-jährige französische Soziologe Edgar Morin (s. a. hier) kurz vor seinem Aufbruch zu einem Brasilien-Besuch im Interview: "Es gibt einen auffälligen Unterschied zwischen der Vitalität mehrerer lateinamerikanischer Länder und dem, was zur Zeit in Europa los ist. Dort scheint es eine große Bereitschaft zu geben, die Probleme zu benennen, ja, sich an ihre Lösung zu machen, hier dagegen hat man den Eindruck einer allgemeinen Lähmung und Lethargie. Es gibt eine große Angst vor der Zukunft. Wenn dann wie hier in Europa die Gegenwart zur einzigen Zukunft wird, dann wird diese Gegenwart als bloße Gefahr erlebt und es kommt zum Rückgriff auf die Vergangenheit, die religiöse Identität, die Vorstellung, Europa sei Eigentum der Christen - aber die Demokratie ist keine christliche Erfindung, sie stammt von den Griechen ab, Wissenschaft und Technik sind nicht christlich, das moderne Europa ist nicht christlich, und den Laizismus gibt es auch in anderen Zivilisationen."
Stichwörter: Laizismus, Wissenschaft, El Pais

Magazinrundschau vom 19.01.2010 - El Pais Semanal

"Mathematik ist die reinste Droge" behauptet der britische Mathematiker Marcus du Sautoy im Gespräch mit Julia Luzan: "Wenn man eine mathematische Entdeckung macht, löst das einen Adrenalinschub aus wie nach Einnahme einer Droge. Das ist besser als Sex. Wenn du es einmal probiert hast, willst du immer mehr davon. Deshalb begeistern die Leute sich auch so für Sudokus. Mathematik ist ein Riesen-Sudoku. Allerdings ist es schwierig für jemanden, der nicht in der Sache drinsteckt, mitzubekommen, was alles in der Mathematik passiert. Deshalb schreibe ich Bücher und mache Fernsehsendungen. Ich möchte zeigen, dass es Genies gibt, die dabei sind, die Welt zu verändern. Normalerweise bekommen gerade einmal zehn Personen von ihren großen Entdeckungen etwas mit. Das ist schade. Denn eine wissenschaftliche Entdeckung wächst, je mehr Leute es gibt, die davon erfahren und sie kennen lernen."
Stichwörter: Mathematik, Mathematiker, El Pais

Magazinrundschau vom 03.11.2009 - El Pais Semanal

Javier Cercas erteilt seinen Landsleuten Nachhilfe in Sachen Streitkultur: "Diesen Satz von Alejandro Rossi habe ich schon eine Million mal zitiert und ich werde ihn wohl auch noch ebenso oft wieder zitieren: Rossi sagt, Toleranz bestehe darin, einen intellektuellen Fehler nicht mit einem moralischen Fehler zu verwechseln; in anderen Worten, Sie und ich können in allem unterschiedlicher Meinung sein, deswegen sind jedoch weder Sie noch ich Arschlöcher - es ist nur so, dass sich einer von uns beiden irrt oder der eine der Wahrheit näher ist als der andere. Fernando Savater hat seinerseits darauf hingewiesen, dass es Unfug ist, zu glauben, Toleranz bestehe darin, alle Ideen zu respektieren: Schließlich gibt es offensichtlich Ideen, die man respektieren kann, wie auch welche, die man nicht akzeptieren kann - respektieren muss man immer bloß die Leute, die die eine oder andere Idee vertreten."

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - El Pais Semanal

Die Wochenendbeilage von El Pais dokumentiert die Aussage des zum Tode verurteilten US-Amerikaners Romell Broom - dessen Hinrichtung am 15. September nach 18 vergeblichen Injektionsversuchen vorläufig ausgesetzt wurde: "(?) 15. Nach dem dritten Versuch, eine der Venen meiner Hand zu treffen, erklärte der Krankenpfleger, meine Venen seien vom Heroin-Konsum verdorben. Diese Äußerung ärgerte mich, weil ich niemals Heroin oder sonstige Drogen, die man injiziert, konsumiert habe. Ich sagte dem Krankenpfleger, dass ich nie Heroin konsumiert habe. 16. Der Krankenpfleger sagte weiterhin, die Vene sei da, aber sie könnten sie nicht treffen. Ich versuchte, kooperativ zu sein, und half dabei, meinen Arm festzubinden. Ein Gefängnisbeamter kam zu mir, tippte mir auf die Hand und sagte, er sehe die Vene auch, und versuchte dem Krankenpfleger zu helfen, die Vene zu treffen. 17. Der Chef der Beamten, die mit der Exekution beauftragt waren, sagte zu mir, sie würden nochmal eine Pause machen, und er sagte erneut, ich solle mich entspannen. 18. Da brach ich zusammen. Ich fing an zu weinen, weil mir alles weh tat und meine Arme anfingen, sich zu entzünden. Die Krankenpfleger stachen die Nadel in Bereiche, die bereits entzündet und voller Hämatome waren. (...) 23. Nach einer Weile kam der Gefängnisdirektor Terry Collins herein und sagte, sie würden die Hinrichtung abbrechen. Collins gab zu verstehen, dass er meine Mitarbeit zu schätzen wisse, und notierte sich, dass ich versuchte hatte, das Team zu unterstützen. Direktor Collins drückte außerdem sein Vertrauen in sein Hinrichtungs-Team und dessen Professionalität aus. Er sagte, er werde Gouverneur Strickland anrufen und ihn von der Situation in Kenntnis setzen."
Stichwörter: Heroin, Hinrichtungen, El Pais

Magazinrundschau vom 08.09.2009 - El Pais Semanal

"Höllisches Paradies." Zutiefst verstört ist der spanische Schriftsteller Juan Jose Millas von einer Reise mit den 'Ärzten ohne Grenzen' durch Kaschmir zurückgekehrt, wo beinahe die Hälfte des indischen Heeres stationiert sein soll (500 000 Soldaten): "Nach Angaben von Khurram Parvez, einem Koordinator verschiedener Bürgerrechtsorganisationen, sind der Anwesenheit dieser Militärs in letzten zwei Jahrzehnten etwa 70.000 Todesopfer und 8.000 Vermisste zuzuschreiben. Außerdem seien mindestens 18.000 Personen verhaftet worden." Millas hört die schlimmsten Berichte über Folterungen, Misshandlungen, Tötungen, Verschleppungen und fragt sich und Parvez nach den Gründen für das internationale Desinteresse an der Situation. Parvez hat mehrere Erklärungen: "Erstens: Kaum ein Konflikt auf der Welt dauert bereits so lange. Zweitens: Im Westen gilt Indien als ein Land voller Gandhis - wie soll es da Gewalt geben? Drittens: Nach drei Kaschmir-Kriegen zwischen Indien und Pakistan wird dieser Konflikt nur noch als ein wenig attraktives Problem mit Muslimen betrachtet. Viertens: Dabei haben alle fünf Nachbarländer hier ihre jeweiligen Interessen. Fünftens: Indien hat ein demokratisches Image, was für die Lösung des Konfliktes wenig hilfreich ist: Tibet erregt soviel Interesse bei den Medien, weil es mit China Schwierigkeiten hat, das nicht als demokratisches Land wahrgenommen wird."

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - El Pais Semanal

Auch Javier Cercas macht sich Gedanken über das Zeitungssterben: "Die Zeitungen sind in der Krise, heißt es, so wie das ganze Land, sie werden verschwinden, oder wenigstens wird es sie so, wie wir sie kennen, nicht mehr geben, sie werden künftig reine Luxusartikel sein - vor allem die Journalisten selbst sagen das. Keine Ahnung - ich weiß nur, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, eines Tages auf die Straße zu gehen und die Zeitung nicht kaufen zu können. Ich zwinge mich mit einer gewaltigen Anstrengung dazu, es mir trotzdem vorzustellen, und ich sehe mich dabei auf einen Schlag uralt werden und habe das Gefühl, dass das dann zwar nicht das Ende der Welt ist, dass es aber, wenigstens für uns alle, deren Verstand einst mithilfe der Zeitung ins Erwachsenenalter eingetreten ist und die wir, als Schriftsteller, eigentlich viel mehr als durch Homer, Dante oder Shakespeare durch die Zeitungslektüre beeinflusst wurden, das Ende unserer Welt bedeutet."

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - El Pais Semanal

Nach sieben Tagen Dauerterror hat Javier Marias für alle Zeit genug von Osterprozessionen: "Das gegenwärtige Spanien ähnelt immer mehr dem Spanien der Francozeit. Damals waren Osterprozessionen obligatorisch. Heute hat man deren tribalistisch-folkloristischen Wert entdeckt und veranstaltet sie unaufhörlich und an allen Ecken und Enden, auch direkt vor meinem Haus. Die meisten Zuschauer sind Ausländer der schlimmsten Sorte, die ständig ihre idiotischen Kameras in die Höhe halten. Sie betrachten das Schauspiel - falls man etwas dermaßen Langweiliges und Ödes so bezeichnen kann - so, wie wir Komantschen oder Sioux-Indianern beim Tanz um ihren Totempfahl oder sich blutig geißelnden Muslimen im Fernsehen zusehen würden. Am deprimierendsten ist jedoch, dass auch vorgeblich vernünftige Leute und Anhänger der Linken mittlerweile auf den Geschmack gekommen zu sein scheinen."
Stichwörter: Marias, Javier, El Pais

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - El Pais Semanal

"Trau Leuten nicht, die keine Romane lesen." Javier Cercas zieht Schlussfolgerungen aus Thimothy Rybacks jüngst veröffentlichtem Buch über Hitlers Privatbibliothek (s. a. hier): "Dass dem Führer Romane nicht gefielen, wundert mich nicht - von Anfang an wurde der Roman von humorlosen Menschen misstrauisch beäugt, ist er doch die ironische Literaturgattung par excellence, ein Werkzeug des Teufels, das alles nur noch komplizierter macht. Außerdem schenkt Ryback zukünftigen Romanciers den Stoff für zwei grandiose Romane: einmal ein Krimi über das mysteriöse Buch, das auf Hitlers Nachttisch im Bunker lag, als er sich umbrachte - es ist auf einem Foto zu sehen, den Titel allerdings erkennt man nicht; vor allem aber ein metaphysischer Roman über das Schnurrbarthaar, das Ryback in einem der Bücher Hitlers fand - Gott im Himmel, dieses Haar..."
Stichwörter: Cercas, Javier, Bunker, El Pais

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - El Pais Semanal

Kenneth Roth, Präsident von Human Rights Watch, kritisiert im Interview mit Gabriela Canas die USA und Deutschland. "Zugegeben, die USA waren nie eindeutige Verteidiger der Menschenrechte, und trotzdem haben sie dazu beigetragen, diese voranzubringen. Die Bush-Ära war jedoch eine Katastrophe - seitdem hat dieses Land ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wie soll man die Folter kritisieren, wenn man selbst foltert? Wie das Verschwindenlassen von Menschen, wenn man es selbst praktiziert?" Auch zu Deutschland findet Roth klare Worte: "Deutschland ist der Hauptverantwortliche für die ungerechtfertigte Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Usbekistan nach dem Massaker von Andischan (s. a. hier). Die deutsche Außenpolitik gegenüber den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wird bestimmt durch die Absicht, sich den Zugang zu Gas und Erdöl zu sichern. Die Menschenrechte werden dafür zurückgestellt, das ist wirklich sehr enttäuschend."