Magazinrundschau - Archiv

El Pais Semanal

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Magazinrundschau vom 19.02.2013 - El Pais Semanal

Auch Javier Cercas hat den Eindruck, dass sich in Spanien jetzt ganz schnell grundlegend etwas ändern muss: "Ich bin jetzt 50 Jahre alt und gehöre zu einer Generation, die die Franco-Diktatur noch erlebt hat und genau weiß, wonach die roch, denn das vergisst man nicht: Nach Kacke. Deshalb hat unsereins auch Lust, wenn mal wieder irgendein Schlaumeier behauptet, es gebe keinen Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie, den Betreffenden mit einem Tritt in den Hintern nach Pjöngjang zu befördern. Soll heißen: Wer wie wir unter einer Diktatur geboren wurde, wird leicht zu einem fundamentalistischen Demokratie-Dschihadisten. Unser größtes Laster dabei ist unsere Neigung, das Funktionieren der Demokratie schon für Demokratie zu halten. Weshalb viele auch mit krampfhaftem Zweckoptimismus behaupten, dass die Medien regelmäßig Skandale aufdecken, beweise doch, dass wir in einer Demokratie leben. Aber inzwischen wirkt das irgendwie lächerlich: Ja, wir wissen, dass es Korruption gibt - aber keineswegs, wie weit diese tatsächlich reicht, wie viele Politiker wirklich darin verwickelt sind, und so weiter. Letztlich ist es jedenfalls mittlerweile so weit, dass es hierzulande durchaus wieder nach Kacke riecht."

Magazinrundschau vom 12.02.2013 - El Pais Semanal

"Fenster auf und lüften, aber richtig!", fordert die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes: "Was zurzeit in Spanien geschieht, ist gravierender, als es aussieht. Es geht nicht mehr nur um einen oder zwei oder auch drei Korruptionsskandale. Wir befinden uns am Ende einer Epoche, ein Staat zerfällt, für mich die logische Folge der Tatsache, dass man die 'Transición', also buchstäblich einen 'Übergang', in einen Dauerzustand hat verwandeln wollen - mit all den dazugehörigen undemokratischen Arrangements: Über alles - die Monarchie, die Verfassung, die Autonomien, das Zweiparteiensystem - entschieden regelmäßig drei, vier Herren, während sie nach gemeinsamem Mittagessen ihre Zigarre rauchten, und die Hauptsache dabei war, dass die Bürger niemals erfahren würden, was man im Einzelnen ausgehandelt hatte. Machen wir uns nichts vor: Diese Undurchsichtigkeit ist ein grundlegendes Element unserer Demokratie. Da hat es wenig Sinn, von Institutionen, die im Halbdunkel entstanden sind, Transparenz zu verlangen. Vonnöten ist eine vollständige Re-generation, im Wortsinn."
Stichwörter: Monarchie, Monarchien, El Pais

Magazinrundschau vom 05.02.2013 - El Pais Semanal

Javier Marías' sonntägliche El País-Kolumne wird zehn Jahre alt, und Marías fragt sich, ob es Sinn habe, sie fortzusetzen, vor allem nach der zufälligen Begegnung mit einem Politiker, den er in eben dieser Kolumne - wie er, Marías, es ausgesprochen gerne tut - mehrfach heftigst attackiert hatte, was diesen aber offensichtlich nicht daran hinderte, Marías umstandslos freundlich zu duzen und aufzufordern, ihn doch bei nächster Gelegenheit zu besuchen: "Bekommen die Politiker nicht mit, was man über sie sagt? Stecken sie es als gute Verlierer klaglos ein? Ist es ihnen egal? Haben sie tatsächlich so ein dickes Fell? Oder hoffte der Mann einfach, dadurch künftig weniger heftig kritisiert zu werden? Was soll ich sagen: Wenn nicht mal die durch mich 'Beschädigten' mir die 'Beschädigung' übelnehmen, soll ich dann wirklich auch nach zehn Jahren immer noch weitermachen? Dies ist eine rein rhetorische Frage, Sie brauchen mir nicht zu antworten."
Stichwörter: Marias, Javier, El Pais

Magazinrundschau vom 29.05.2012 - El Pais Semanal

Der spanische Philosoph Javier Gomá Lanzón lobt die "ejemplaridad", die "Vorbildlichkeit" im Öffentlichen wie auch im Privaten, als zeitgemäße politische Tugend, denn "sich an die Gesetze zu halten ist in der Demokratie eine notwendige, jedoch keineswegs hinreichende Bedingung". Die Sache hat aber auch ihre Tücken: So wie der spanische König, dessen letzte Weihnachtsansprache die Beispielhaftigkeit in den Mittelpunkt gestellt hatte, wenig später nach Bekanntwerden seiner Elefantenjagdabenteuer in Botswana bei seinen Untertanen öffentlich Abbitte leisten musste - ein buchstäblich beispielloser Vorgang -, sieht Gomá Lanzón sich selbst seit der Veröffentlichung eines überraschend erfolgreichen Essays zum Thema "Ejemplaridad" unter ständiger Beobachtung: "Es genügt, dass ich nach dem ersten Gin Tonic einen leicht anzüglichen Kommentar abgebe oder beim Autofahren einen Handyanruf entgegennehme - sofort schallt es mir entgegen: Na bravo, wirklich vorbildlich! Besonders unnachgiebig in dieser Hinsicht sind meine Kinder. Um mir künftig wieder Luft zu verschaffen, widme ich mein nächstes Buch jedenfalls dem Thema 'Sadomasochistische Libertinage - Eine Apologie'."

Magazinrundschau vom 27.03.2012 - El Pais Semanal

"Bücher veröffentlichen ist wie Roulette spielen." Beatriz de Moura, Mitbegründerin und bis heute Leiterin von Tusquets Editores - also des Verlages, dem für die spanischsprachige Welt ziemlich genau die Rolle zukommt, die hierzulande Hanser einnimmt - unterhält sich mit Jesús Ruiz Mantilla über die Vergangenheit und Zukunft des gedruckten Buches: "Die besten Erfindungen überleben. Die Menschheit hat sich im Lauf der Geschichte als viel klüger erwiesen, als wir gedacht haben. Sie war immer darauf bedacht, unterwegs nichts von den guten Dingen zu verlieren." Tusquets war auch einer der ersten literarischen Verlage Spaniens, die sich, in Gestalt der Reihe "Das vertikale Lächeln", unbekümmert auf erotische Texte einließen: "Ja, nenn es ruhig Pornos. Aber diese Bücher sind gut geschrieben und man kann viel daraus lernen. Männer gehen ziemlich verdruckst damit um, viele Frauen dagegen lesen sich gegenseitig lautstark daraus vor, in aller Öffentlichkeit und mit wirklich herzerfrischender Ungeniertheit."
Stichwörter: Porno, El Pais

Magazinrundschau vom 29.11.2011 - El Pais Semanal

Juan Diego Quesada unterhält sich mit Candido Lopez, dem Sohn des letzten spanischen Scharfrichters Antonio Lopez Sierra. Candido selbst überlebt heute in Madrid zwischen Notübernachtung, Suppenküche und Altkleiderausgabe; sein Vater führte u. a. am 2. März 1974 die zu trauriger Berühmtheit gelangte Exekution des Anarchisten Salvador Puig Antich aus. "Mein Vater war ein harter Hund, aber immer wenn er jemanden hinrichten musste, betrank er sich, glaub mir." Zuvor hatte der Vater - der sich auch freiwillig zur Blauen Division gemeldet hatte - zeitweilig als Straßenfeger in Deutschland gearbeitet; um die Rückreise nach Spanien nicht selbst bezahlen zu müssen, täuschte er angeblich eine Syphiliserkrankung vor. Eine reguläre "Ausbildung" zum Henker gab es offensichtlich nicht - Candidos Vater wurde von einem andalusischen Henker in die Berufsgeheimnisse eingeweiht, der Gedichte schrieb, täglich in die Messe ging und seine Opfer darum beneidete, dass sie die Schwelle zur Ewigkeit überschreiten durften. "Hättest du das Amt von deinem Vater übernommen? - Ja, und meine Hände hätten nicht gezittert. Ich war von früh auf darauf vorbereitet."
Stichwörter: Lopez, Antonio, El Pais

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - El Pais Semanal

Mit großmütigem Common sense kommentiert der - sich selbst so bezeichnende - Agnostiker Mario Vargas Llosa den Papstbesuch anlässlich des katholischen Weltjugendtags in Madrid: "Die Kultur hat die Religion bislang nicht ersetzen können, und von kleinen gesellschaftlichen Gruppen abgesehen wird ihr das auch nicht gelingen. Die meisten Menschen finden Antworten auf die großen Fragen, oder wenigstens das Gefühl, dass es eine höhere Ordnung gibt, deren Teil sie sind und die ihrem Dasein Sinn verleiht, nur durch etwas, was über das Alltägliche hinausweist. Dessen Existenz haben weder die Philosophie noch die Literatur noch die Wissenschaft ihnen bis jetzt rational begründen können. Und so sehr noch so viele glänzende Intellektuelle uns davon zu überzeugen suchen, dass der Atheismus die einzige logische und rationale Schlussfolgerung aus dem Wissen und den Erfahrungen ist, die wir im Lauf der Zivilisation angehäuft haben, wird die Vorstellung eines endgültigen Verschwindens der Religion für den normalen Menschen unerträglich bleiben, der deshalb auch weiterhin im Glauben die unverzichtbare Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod finden wird. Solange die Religion nicht die politische Herrschaft übernimmt und diese ihrerseits ihre Unabhängigkeit und Neutralität der Religion gegenüber zu wahren versteht, ist Religion nicht nur zulässig, sondern für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar."

Magazinrundschau vom 26.07.2011 - El Pais Semanal

Trotz aller Sympathie: Javier Cercas vermisst einen stärkeren Bezug auf Europa bei der neuen spanischen Protestbewegung. "Mehr und bessere Demokratie in Spanien kann es nur geben, wenn es mehr und ein besseres Europa gibt, soll heißen: weniger Nationalismus - weniger katalanischen oder baskischen Nationalismus, natürlich, vor allem aber weniger deutschen, französischen, spanischen usw. Nationalismus. Der einzige Ausweg aus der gegenwärtigen Krise besteht ganz offensichtlich nicht in weniger, sondern in mehr Europa, denn bloß eine ernstzunehmende europäische Regierung könnte ernstzunehmende Regeln für die Märkte durchsetzen, deren Regellosigkeit die Krise heraufbeschworen hat, wie auch bloß eine ernstzunehmende europäische Regierung uns aus der gegenwärtigen Klemme helfen könnte. Die griechischen Schulden belaufen sich auf etwa zwei Prozent des europäischen Bruttosozialproduktes - für ein vereinigtes Europa wäre das kein Problem; das gegenwärtige uneinige Europa dagegen schlittert hierdurch womöglich in eine Katastrophe."

Magazinrundschau vom 31.05.2011 - El Pais Semanal

Ignacio Cembrero interviewt den tunesischen Islamisten-Führer Rachid al-Ghannouchi, der im Januar nach 20 Jahren Exil nach Tunesien zurückgekehrt ist und bei den für den 24. Juli angesetzten Parlamentswahlen für seine Partei Nahda (mehr in der NZZ) einen Stimmenanteil von 30 Prozent erwartet: "'Ihre Gegner werfen Ihnen Doppelzüngigkeit vor, ihnen zufolge glauben Sie selbst nicht an das, was Sie sagen.' - 'Sie arbeiten nicht mit Argumenten, sondern mit Unterstellungen. Darin ähneln sie Ben Ali. Er hat sich der Polizei bedient. Unsere jetzigen Gegner bedienen sich der Medien. Ich verlange, dass man uns nach unseren Taten beurteilt. Wir sind eine gewaltfreie Bewegung und setzen uns dafür ein, dass auf den Kandidatenlisten für die Wahlen ebenso viele Männer wie Frauen stehen.' - 'Das heißt, Sie werden auch die Regelung respektieren, die seit 1956 in Tunesien für Männer und Frauen nahezu die Gleichberechtigung vorschreibt?' - 'Ja. Sehen Sie, ich habe vier Töchter, alle haben viele Jahre studiert, in Quebec, Cambridge, der Londoner Universität. Sie arbeiten und forschen in angesehenen Institutionen. Eine von ihnen, Soumaya, liefert regelmäßig Beiträge für den Guardian.' - 'Gibt es für Sie ein Vorbild?' - 'Die Türkei unter der Regierung der AKP. Mein Traum ist es, Tunesien in ein Modell für die Verbindung von Islam und Moderne zu verwandeln.'" Eine wenig beruhigende Vorstellung gleichwohl für Salah Zghidi, Führungsmitglied der tunesischen Menschenrechtsliga: "Irgendwann werden die anfangen, sich in mein Privatleben einzumischen, und mir vorwerfen, dass ich zu Hause Wein trinke und schwule Freunde habe - dann werde ich mich nach der Diktatur von Ben Ali zurücksehnen, das können Sie mir glauben."

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - El Pais Semanal

Quino Petit berichtet über die aktuelle Krise im spanischen Stierkampf. Nach dessen Verbot in Katalonien hat sich im März in Sevilla eine "G-10 der Toreros" gebildet. Deren Meinungen über Auswege aus der schwierigen Situation gehen aber teilweise weit auseinander. Einig ist man sich in der Ansicht: "Der Stierkampf ist weder eine Sache der Linken noch der Rechten, er gehört allen." Und auch gegen die Äußerung des Publizisten Carlos Abella, sie seien "die letzten romantischen Helden der spanischen Gesellschaft", dürfte es innerhalb der G-10 wenig Widerspruch geben. Der Torero El Juli räumt allerdings überraschend selbstkritisch einen Mangel an Kommunikationsfähigkeit ein: "Wir haben uns in unsere eigene Welt eingeschlossen, dabei wäre wahrscheinlich genau das Gegenteil richtig gewesen." Eine Modernisierung des Schauspiels scheint dessen Protagonisten jedoch schwer vorstellbar: "Das geht vielleicht in Bezug auf die Zuschauer, man kann ihnen mehr Komfort bieten und alles, was dazu gehört. Das Entscheidende an der Corrida versetzt dich aber in eine andere Zeit. Und das ist ein magischer Vorgang", meint Torero Enrique Ponce. Ernüchternd das Statement des Philosophen Jesus Mosterin: "Langfristig hat der Stierkampf keine Zukunft. In zwanzig Jahren dürfte er in ganz Spanien verboten sein."
Stichwörter: Katalonien, Stierkampf, El Pais