Ignacio Cembrero
interviewt den tunesischen Islamisten-Führer
Rachid al-Ghannouchi, der im Januar nach 20 Jahren Exil nach Tunesien zurückgekehrt ist und bei den für den 24. Juli angesetzten Parlamentswahlen für seine Partei Nahda (
mehr in der NZZ) einen Stimmenanteil von 30 Prozent erwartet: "'Ihre Gegner werfen Ihnen Doppelzüngigkeit vor, ihnen zufolge glauben Sie selbst nicht an das, was Sie sagen.' - 'Sie arbeiten nicht mit Argumenten, sondern mit Unterstellungen. Darin ähneln sie Ben Ali. Er hat sich der
Polizei bedient. Unsere jetzigen Gegner bedienen sich der
Medien. Ich verlange, dass man uns nach unseren Taten beurteilt. Wir sind eine gewaltfreie Bewegung und setzen uns dafür ein, dass auf den Kandidatenlisten für die Wahlen ebenso viele
Männer wie Frauen stehen.' - 'Das heißt, Sie werden auch die Regelung respektieren, die seit 1956 in Tunesien für Männer und Frauen nahezu die Gleichberechtigung vorschreibt?' - 'Ja. Sehen Sie, ich habe vier Töchter, alle haben viele Jahre studiert, in Quebec, Cambridge, der Londoner Universität. Sie arbeiten und forschen in angesehenen Institutionen. Eine von ihnen,
Soumaya, liefert regelmäßig Beiträge für den
Guardian.' - 'Gibt es für Sie ein Vorbild?' - 'Die
Türkei unter der Regierung der
AKP. Mein Traum ist es, Tunesien in ein Modell für die Verbindung von Islam und Moderne zu verwandeln.'" Eine wenig beruhigende
Vorstellung gleichwohl für
Salah Zghidi, Führungsmitglied der
tunesischen Menschenrechtsliga: "Irgendwann werden die anfangen, sich in mein Privatleben einzumischen, und mir vorwerfen, dass ich zu Hause Wein trinke und
schwule Freunde habe - dann werde ich mich nach der Diktatur von Ben Ali zurücksehnen, das können Sie mir glauben."