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Essay 13.01.2025 Boualem Sansal ist Opfer eines erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Chaos geworden, das zu entschlüsseln wäre. Die algerischen Machthaber haben einen renommierten Autor und alten Mann, um dessen Gesundheit man ernsthaft fürchten muss, zum Sündenbock gemacht. Mit der Stilisierung eines äußeren Feindes versuchen sie ihr verunsichertes Regime mit einer karikaturalen Neuauflage des Unabhängigkeitskrieges und der Entkolonialisierung zu stützen. Es wäre Zeit, dass auch die in Algerien gut angesehene Bundesregierung sich für den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels stärker einsetzt. Von Claus Leggewie
Essay 10.01.2025 Einen Trost hat Boualem Sansal: Er ist nicht allein. Seit Beginn des Hirak im Jahr 2019 haben die Festnahmen wegen Meinungsdelikten in Algerien stetig zugenommen. Bis heute werden mehr als 200 AktivistInnen, JournalistInnen, StudentInnen oder BloggerInnen der Anstiftung zur Gewalt, der Störung der öffentlichen Ordnung und/oder der Gefährdung der nationalen Einheit beschuldigt. Sansals Ansichten sind kühn, und seine Kritik am Islamismus ist kompromisslos. Westliche Linke, die ihn kritisieren, verkennen, dass der Islamismus für jede Laizistin und jeden Laizisten muslimischer Tradition eine reale Gefahr ist. Von Naila Chikhi
Essay 09.01.2025 Niemand hätte heute mehr den Mut, die "Satanischen Verse" zu schreiben, geschweige denn zu publizieren. Zu machtvoll ist das mit der Fatwa wieder errichtete Tabu. Aber die Fatwa war auch inspirierend: Im Kleinen hat die westliche Linke nach 1989 das Modell der Fatwa immer wieder kopiert und sich angeeignet. Die Fatwa als neues Verfahren zur Einschüchterung der Mehrheit begründete das Bündnis zwischen westlicher Linker und dem Islamismus. Auszug aus dem Buch "Das verordnete Schweigen", das am Montag in Berlin vorgestellt wird. Von Thierry Chervel
Essay 17.12.2024 Das Jahr 2024 war ein Jahr der dramatischen Umbrüche, nicht nur wegen der Kriege, sondern auch wegen der politischen Krisen in den wichtigsten Ländern des Westens: In den USA und Frankreich ist diese Krise akut. Deutschland steht am selben Abgrund - wie weit entfernt, entscheiden die Bundestagswahlen. All diese Länder sind überdies von diskursiv kaum zu lösenden Polarisierungen gekennzeichnet, gegen die nur ein antitotalitärer Konsens und die Wiedergewinnung von Politik helfen. Von Ulrike Ackermann
Essay 10.12.2024 Sehr früh nach dem Krieg wurde in Auschwitz ein Museum zum Gedenken an die Verbrechen der Nazis eröffnet. Kommunistische, polnische, katholische Opfererzählungen konkurrierten miteinander. Das jüdische Leiden in Auschwitz konnte erst nach dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 wirklich zum Thema werden. Bis dahin waren die Juden, obwohl sie die überwältigende Mehrheit der Opfer stellen, marginalisiert. Von Ernst Piper
Essay 09.12.2024 Darauf hatten wir gewartet: den Roman einer Südkoreanerin, in dem wir einiges über das Lernen von Altgriechisch erfahren. Han Kang hat dafür den Nobelpreis bekommen. Und wir schicken Sie damit durchs Labyrinth des Jahre 2025 mit 24 weiteren Büchern als rotem Faden.
Essay 29.11.2024 Rumänien findet sich selten in den deutschen Nachrichten. Vor 35 Jahren etwa, als es aus der Dunkelheit heraustrat. Nun treffen wieder verwirrte Blicke auf die flimmernden Bildflächen. Mit dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Călin Georgescu hatte niemand gerechnet. Er ist ein Politiker der Rache, ein Putin-Fanatiker, der Journalisten zurechtweist wie ein kommunistischer Rektor. Ein gefährlicher Mann in einem Land, das in den besagten 35 Jahren keine Zivilgesellschaft entwickelt hat. Von Luca Oprea-Calin
Essay 19.11.2024 Der 7. Oktober hat auch in New York Aufruhr und Verwirrung gebracht. Kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens, von den Universitäten bis zum Öffentlichen Nahverkehr blieb unberührt. Besonders charakteristisch war der Streit um den PEN America, der nicht einfach auf die pro-BDS-Linie vieler Schriftsteller einschwenken wollte. Erinnerungen an die Rushdie-Affäre werden wach. Ein Brief aus New York Von Mitchell Cohen
Essay 20.09.2024 Demokratie im Test: Warum Menschen oft irrational, manchmal sogar gegen ihre eigenen Interessen wählen, ist immer noch nicht hinreichend erforscht. Mit "kognitiver Dissonanz" ist das Phänomen jedenfalls nicht zu erklären. Schon eher mit den Paradoxien einer verweigerten Responsivität bei Regierenden und Regierten gleichermaßen. Diese wiederum zeugt vor allem von einem - schon im Grundgesetz angelegten - Unverständnis für den experimentellen Charakter von Demokratie. Von Daniele Dell'Agli
Essay 05.08.2024 Wie ein Dogma wiederholen Omer Bartov und andere Historiker die Behauptung, die Morde der Hamas hätten mit dem Holocaust nichts zu tun. Sie wenden sich damit gegen die Evidenz. Die ideologischen, historischen und semantischen Beziehungen, die den Antisemitismus der Hamas mit dem der Nazis verbinden und die wissenschaftliche Literatur, die diesen Zusammenhang belegt, kann mittlerweile nur noch übersehen, wer sie partout übersehen will. Seit dem 7. Oktober lässt sich die Holocaust-Geschichte von der Gegenwart nicht länger trennen. Von Matthias Küntzel
Essay 10.06.2024 Wir alle sind aufgerufen, Lars-Henrik Gass den Rücken zu stärken. Es geht darum zu verhindern, dass der Antisemitismus erneut zu einem kulturellen Code werden kann. Wie sich dieser Geist ausbreiten konnte, zeigte etwa der Adorno-Preis für Judith Butler im Jahr 2012 und die bis heute anhaltende Weigerung der Jury, darunter Repräsentanten der Nachfolge-Generation Kritischer Theorie, sich von diesem Preis zu distanzieren. Wir übernehmen Wolfgang Kraushaars Laudatio auf den Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen aus Anlass der Verleihung der Ernst-Cramer-Medaille der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Von Wolfgang Kraushaar
Essay 25.04.2024 Ist es dem vermeintlichen "Ende der Geschichte" zuzuschreiben, dass Manes Sperber fast in Vergessenheit geraten ist? Sperbers große Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean" war lange nur mehr im Antiquariat zu haben. Nun wird sie endlich neu herausgebracht und zeigt die brennende Aktualität von Sperbers antitotalitärem Denken. Gegen die Sinnlosigkeit der Geschichte nach Möglichkeiten politischen Handelns zu suchen und dem Tod einen Sinn im Leben entgegenzuhalten - das gehört zum Eindringlichsten, was der Roman dem Leser zu geben vermag. Einige Tage vor Erscheinen des Bandes publizieren wir das Nachwort des Mitherausgebers Rudolf Isler. Von Rudolf Isler