Essay

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Klangvergessenheit

Essay 27.08.2021 Die Geschichte der Neuen Musik ist eine der Befreiung der Klänge. Was die Befreier aber nicht bedacht haben: Die Freiheit von den Form- und Strukturzwängen der Harmonielehre erweist sich als gleichbedeutend mit der Entsorgung von Affekten, Gedächtnisspuren und Assoziationsbahnen und damit von potenziellen Klangresonanzen jedweder Art. Man hatte gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und anschließend gehofft, für das Unerhörte, das man zu erforschen begann, würde sich irgendwann ein neuer Subjektraum mit neuen Gesten und Gefühlen von selbst einstellen. Claude Debussy beschritt den anderen Weg. Von Daniele Dell'Agli

Im neuen Turm zu Babel

Essay 23.08.2021 Seit dem "narcissistic turn" verlangt jede Gruppe, durch Sternchen oder Unterstriche in ihrem Sosein respektiert zu werden. Es sind keine anonymen Mächte, die diese neuen Gepflogenheiten einführen. Die Verantwortlichen sitzen in Geschäftsleitungen und Redaktionen. Aber ist es nicht so, dass literarische Texte einen Widerstand gegen die an gruppenspezifischen Empfindlichkeiten ausgerichteten Ansprache-Formeln entwickeln, eben weil Literatur potenziell mit allen spricht? Wortwechsel einer Lektorin und einer Übersetzerin. Von Katharina Raabe, Olga Radetzkaja

Queer - oder die Einebnung von Unterschiedlichem

Essay 14.07.2021 Die Entschwulung der Sprache zugunsten des Wörtchens "queer" bedeutet, alles in allem, nicht nur die Entkörperlichung der Bilder, die mit "schwul" aufgerufen werden; in "queer" ist alles getilgt, was an Begehren eben im Sexuellen unhintergehbar, mit Freud gesprochen, triebschicksalhaft ist. Die Vokabel "queer" macht aus dem Schicksal eine Lifestyle-Option - und zugleich eine neue Normierung: In "schwul" war lediglich ein antinormativer und antihomophober Impetus geborgen, nicht jedoch ein moralischer Anspruch, dass ein homosexueller Mann in allen Aspekten anders zu sein habe. Von Jan Feddersen

Historikerstreit 2.0, zweiter Teil

Essay 20.06.2021 Von der Mbembe-Debatte über das Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" bis zur "Jerusalem Declaration" und A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen": Die Saison 20/21 wird nicht nur als die der Coronakrise in die Geschichte eingehen, sondern auch als Moment eines (zumindest eifrig betriebenen) Paradigmenwechsels in der Debatte über den Holocaust. Im ersten Historikerstreit hatte Ernst Nolte den Holocaust als "asiatische Tat" relativiert. Die Protagonisten des zweiten Historikerstreits stellen die Bedeutung des Holocaust von links, aus der Warte des Postkolonialismus, in Frage. Ein Überblick über die wichtigsten Texte der Debatte. In diesem zweiten Teil geht um A. Dirk Moses' "Katechismus" und die Folgen. Von Thierry Chervel

Historikerstreit 2.0 - eine Chronologie

Essay 20.06.2021 Von der Mbembe-Debatte über das Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" bis zur "Jerusalem Declaration" und A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen": Die Saison 20/21 wird nicht nur als die der Coronakrise in die Geschichte eingehen, sondern auch als Moment eines (zumindest eifrig betriebenen) Paradigmenwechsels in der Debatte über den Holocaust. Im ersten Historikerstreit hatte Ernst Nolte den Holocaust als "asiatische Tat" relativiert. Die Protagonisten des zweiten Historikerstreits stellen die Bedeutung des Holocaust von links, aus der Warte des Postkolonialismus, in Frage. Ein Überblick über die wichtigsten Texte der Debatte. Von Thierry Chervel

Wo der Hammer hängt

Essay 04.03.2021 Laut Aleida Assmann, den versammelten deutschen KulturfunktionärInnen und über tausend zustimmenden KünstlerInnen kann man entweder einen richtigen oder einen falschen Antisemitismusbegriff haben. Wer letzteren verwendet, ist "rechts", weil er "Unterdrückungserzählungen monoploisieren" will. Krasser wurde der Holocaust seit Ernst Nolte nicht relativiert. Aber zum Trost hat diese Schule noch ein "Sowohl als auch" parat: BDS zum Beispiel ist sowohl falsch als auch richtig. Ein Paradigmenwechel, und wie er zu Politik wird. Von Thierry Chervel

Der Wasserstoff glimmt blau

Essay 26.01.2021 Sollte nicht jeder Mensch für sich das Klima retten? Wer selbst kein Auto fährt, profitiert immer noch von Produktionsketten, die an fossiler Energie hängen. Der Mensch von heute kann sich nur scheinbar ausklinken. Ein Einkauf lässt sich super mit dem Rad transportieren. Wollte man den Traktor abschaffen und ein Fahrrad vor den Pflug spannen, käme man schnell an Grenzen. Plädoyer für die so faszinierend vernünftige Fusion. Von Johannes Siemensmeyer

Die Berliner Adresse des Paradieses

Essay 25.01.2021 Entgegen einer populären Vorstellung vollzieht sich der Medienwandel heute nicht zwangsläufig als Verdrängungswettbewerb. Im Gegenteil. Wir erleben die Bibliotheken als Gestalter der Digitalisierung. Die Staatsbibliothek Berlin führt vor, wie sich analoge und digitale Medien sogar ergänzen. Sie hat einen großen Teil ihrer Schätze in einer eigenen Abteilung digitalisiert - und auf diese Weise für ein weltweites Publikum erschlossen. Und Bibliotheken gehören zu den unabdingbaren Filtern der Öffentlichkeit. Denn wird die Freiheit grenzenlos, setzt sie die freiheitliche Demokratie unter Druck. Festrede zur Eröffnung des Hauses Unter den Linden der Staatsbibliothek zu Berlin. Von Wolfgang Schäuble

Terra X antwortet nicht

Essay 01.10.2020 Es gibt hervorragende Tier-, Natur- und Georeportagen in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Aber warum muss jede Landschaft mit aufgedonnerten Streichertapeten zugekleistert, jede Spannungslücke mit psychagogischen Klangmodulen gefüllt und jedes Beute schlagende Tier von gezupften Bässen in einen Mörder verwandelt werden? Das entwertet nicht nur die Reportagen, sondern derealisiert auch unser Bild vom nichtmenschlichen Leben auf der Erde. Und es verschenkt die einzigartige Chance des virtuellen Tourismus. Von Daniele Dell'Agli
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