Essay

Der Anti-Politiker schlechthin

Von Luca Oprea-Calin
29.11.2024. Rumänien findet sich selten in den deutschen Nachrichten. Vor 35 Jahren etwa, als es aus der Dunkelheit heraustrat. Nun treffen wieder verwirrte Blicke auf die flimmernden Bildflächen. Mit dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Călin Georgescu hatte niemand gerechnet. Er ist ein Politiker der Rache, ein Putin-Fanatiker, der Journalisten zurechtweist wie ein kommunistischer Rektor. Ein gefährlicher Mann in einem Land, das in den besagten 35 Jahren keine Zivilgesellschaft entwickelt hat.
"Demokratie ist zwar ein Staatssystem, aber zuerst eine Lebensform. Wenn man die nicht erlernt hat, wird es schwierig, den Staat, der die Lebensform garantiert, zu akzeptieren. Man muss sie auch erlernen wollen."
Ilko-Sascha Kowalczuk, Freiheitsschock

Hass und Krise

Für viele Rumänen war Freiheit ein Verlust. Zum Beispiel für die vielen, die nach der Privatisierungswelle in den 1990er Jahren hilflos mit ansehen mussten, wie ihre Betriebe verarmten und zugrunde gingen. Die mit ansehen mussten, wie ihre Dorf- und Gemeindegemeinschaften ausstarben, weil die jungen Leute der Arbeit wegen ins Ausland zogen. Auch hierzulande kennt man solche Szenarien inzwischen nur zu gut. Oder für viele, die lebensverdrossen und einsam im Westen schuften und das ganze Geld nach Hause schicken. Auch die Freiheit der unbegrenzten Mobilität und Arbeitsaufnahme würde man lieber wieder entbehren, dafür aber gerne "ein starkes Heim" zurück haben. Für sehr viele, die zehn Jahre lang erleben mussten, wie sie von dem zynischen Präsidenten Klaus Johannis rücksichtslos und herablassend behandelt wurden, der in Zeiten schwerster Krisen Urlaub in der ganzen Welt machte und - wenn er überhaupt Dienst tat - die unterwürfigsten und unfähigsten Persönlichkeiten an entscheidende Stellen setzte, die allein ihm für ihren politischen Aufstieg zu danken und deshalb bedingungslos zu dienen hatten, während das Land in Armut (aller Art) und grassierendem Analphabetismus weiter versank. Und gerade weil sie sich dermaßen zurückgelassen fühlen, wollten viele unbedingt bei der letzten Wahl ein  Zeichen setzen. Dass sie sich dabei suizidal verhalten, bedeutet vielen nur noch wenig.


Die Bequemlichkeit der gebildeten Mittelschicht


Alle tragen Mitschuld daran, dass ein von maßlosem Hass getriebener Extremist und psychotischer Verschwörungstheoretiker Călin Georgescu mit großer Wahrscheinlichkeit bald Staatspräsident in Rumänien wird. Am Sonntag sind Parlamentswahlen, am Sonntag darauf, dem 8. Dezember ist die zweite Runde der Präsidentenwahl.

Rumänien ist zwar in den letzten Jahren reicher geworden. Aber kulturell hat es sich nicht verändert. Das gilt für alle, auch die gebildete Mittelschicht, die sich gierig auf das individualistische Versprechen des Neoliberalismus eingelassen hat, durch gute Abschlüsse sozial aufzusteigen und auf diesem Weg alles Gesellschaftliche vernachlässigt hat. Es  ist gerade diese gebildete Mittelschicht, die durch ihre grundsätzliche Ablehnung politischen Engagements in den letzten dreißig Jahren maßgeblich zu dieser desolaten Situation beigetragen hat.

Auch die Kirche trägt eine immense Verantwortung, denn sie unterrichtet unentwegt eine primitive, geradezu fundamentalistische und nicht zu hinterfragende Orthodoxie, die mit echter Nächstenliebe nichts zu tun hat, um Unterwürfigkeit und Hingabe aufrechtzuerhalten. Viele Rumänen fühlen sich gerade von solcher rudimentären Religiosität und von erzkonservativen Ansichten, insbesondere was Familienbilder betrifft, angesprochen.


Rache und Anti-Politik

Nun hat es am letzten Sonntag ordentlich gebebt nach der Auszählung der Stimmen für den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen und die ganze Zivilgesellschaft ist seitdem erstarrt. Man hatte eben nicht damit gerechnet, dass ein so vielen unbekanntes Gesicht, ein zutiefst Rechtsextremer, ein Putin- und Kreml-Verehrer, ein Geschichtsverdreher, der Faschisten und Mörder als Nationalhelden feiert, als Führender in die entscheidende Stichwahl einziehen würde. Rumänien war am Montag nach der ersten Wahlrunde in allen Medien so präsent wie vielleicht nur noch vor zehn Jahren, als ein Brand im illegal betriebenen Nachtclub Colectiv, ein unterfinanziertes und unterversorgtes Gesundheitssystem und die Inkompetenz sämtlicher Behörden zum Tod von 65 Menschen und zu Hunderten von Schwerverletzten führten.

Calin Georgescu ist die Verkörperung einer nationalen Psychose, eines breiten, paranoiden Spektrums der Gesellschaft, welches sich von europäisch gesinnten Politikern benachteiligt, untergraben und verraten glaubt.

Für das rumänische Kulturmagazin Matca Literară schreibt Vlad Cristache über die "patriarchale und feudale Gesellschaft", die in Georgescu ihre Sehnsucht "nach einem charismatischen Oberhaupt, das den Druck eigenständiger Entscheidungen auf sich nimmt und von dieser Verantwortung befreit", befriedigt sieht. In der politischen Gegenwart geht es aber um etwas Konkreteres als nur diese etwas intellektuelle Diagnose: Georgescu spricht direkt aus den Herzen seiner Wählerschaft: Er ist zum Sprachrohr jener geworden, die ihre Unzufriedenheit nicht anders zu artikulieren wissen, die sich  wutentbrannt an der Politik einerseits und an der liberalen Demokratie westlicher Prägung andererseits - einem Projekt, das weiten Teilen der rumänischen Gesellschaft bis heute suspekt ist - rächen wollen.

Denn obwohl Georgescu mit einem ähnlichen Diskurs operiert wie bekannte Kreml-freundliche und hetzende Figuren hierzulande, hat er die erste Wahlrunde hauptsächlich aus einem anderen Grund gewonnen.

Georgescu hat den Kampf gewonnen, wo der andere rechtsextreme Kandidat auf dem Wahlzettel verloren hat. Auch George Simion hat seine politischen Anfänge in den sozialen Medien zelebriert (weil die klassischen Medien selbstverständlich vom Establishment kontrolliert werden), kam aber bald selbst auf die Bühne der großen Politik, an die Seite derer, von denen er sich eigentlich fernhalten sollte. Er ist als Populist genauso aufdringlich orthodox, genauso aggressiv wie Georgescu. Vor nicht allzu langer Zeit waren sie noch Verbündete, bis Georgescu wegen seines obsessiven Putin-Kultes aus der Partei entfernt werden musste. An den Rand der politischen Szene gedrängt, ausgeschlossen selbst von denen, die seine populistischen Tiraden im Grunde teilen, hat sich der Renegat Georgescu jedoch erfolgreich in ein virtuelles Partisanentum begeben und aus dem scheinbar größten Nachteil seinen entscheidenden Vorteil gezogen.


Medien glühen

Was sich vor 35 Jahren vor den Fernsehkameras Rumäniens abspielte, das aus der Dunkelheit heraustrat, veranlasste den Philosophen Andrei Plesu festzustellen, dass vor "solcher Intensität selbst die Medien glühten". Nun treffen wieder verwirrte Blicke auf die flimmernden Bildflächen. Dass die Nachricht vom fulminanten Sieg des Rechtsextremisten Georgescu nun die Runde durch die internationalen Medien macht, zeigt, dass es sich hier um mehr als ein lokales Problem handelt. Alle Artikel weisen auf diese Verbindung zwischen TikTok und dem Kandidaten hin.

Dabei ist es gerade dringlicher zu verfolgen, wie Georgescu langsam aber sicher versucht, auch das Fernsehbild zu erobern und für sich zu beanspruchen. Ausgerechnet das verhasste Medium, in das sonst nur die Gesichter der bürgerlichen Parteien Eingang finden. Denn das Fernsehen hat immer noch eine gewisse mythenstiftende Bedeutung. Durch seine Rolle in der Revolution hat das Fernsehbild in Rumänien eine nicht zu unterschätzende Symbolkraft und nach wie vor eine privilegierte Stellung. Gerade deshalb fordert er im Hinblick auf den zweiten Wahlgang so eifrig eine Debatte "im demokratischen Wahrzeichen der nationalen Fernsehanstalt", denn in seiner reaktionären Topografie ist das Fernsehen der Ort um alles regelrecht auf den Kopf zu stellen. Das Fernsehen ist aber auch ein zentrales Organ, das wieder auf den Punkt bringen kann, was in der chaotischen Bilderflut der sozialen Medien verloren zu gehen droht.

Jedenfalls hat Georgescu seit dem ersten Wahlabend keine Minute verloren, um das neue audiovisuelle Terrain zu erschließen, das ihm geboten wird. Während auf den Bildschirmen vor den Wahlen von Seiten bürgerlicher Parteien siegessichere, jetzt panische, neurotische, überraschte Gesichter zu sehen waren, sprach Georgescu ruhig, überlegt, nüchtern und kalkuliert in die Kamera und erfüllte damit die in ihn gesetzten messanischen Hoffnungen. Georgescu ist in diesen Tagen ein Bilderstürmer, der in doppelter Absicht handelt: sein Gesicht an die Stelle der bekannten Bilder von Politikern der bürgerlichen Parteien zu setzen und das Bild des hart kämpfenden, unabhängigen Kandidaten zu aktualisieren - eben das Bild eines Anti-Politikers.

Im Interview spricht er ohne Enthusiasmus, ohne einen persönlichen Sieg zu feiern, ohne ein großes Beraterteam hinter sich zu haben. Denn hinter ihm steht nur "das Volk". Zunächst leugnet er wieder einmal die Existenz eines Wahlkampfes, stellt den Wahlerfolg als "gemeinsames Werk des Volks und Gottes" dar. Mit dieser Wahl werde "keine Politik" gemacht, sondern "Geschichte". Es gehe nicht darum, Politiker zu ersetzen, sondern "ein System".

Spätestens hier ist Georgescu in seiner von Phantasmagorien geprägten Psychose so intensiv unterwegs, dass er vor der Kamera nur noch seine Nummer spielt. Er liefert vor der Kamera, spielt seine Rolle perfekt. Er selbst hat niemandem außer "dem Volk" zu danken, keine Hand eines Wahlkampfmanagers muss er vor der Kamera schütteln. Er ist der Anti-Politiker schlechthin, nach dem so viele verzweifelte Herzen schlagen, in der Hoffnung, sie, das "nationale Gewissen", an Stelle des politischen Kalküls treten werden.


Die Psychose nimmt zu

Gleich nach der Wahl trat er bei einer Pressekonferenz selbstbewusster vor die Kamera und radikalisierte seinen Diskurs und seine Sprechweise weiter. Zuerst lehnt er alle Fragen ab, weil er gesehen habe, dass die Presse "die Antworten schon zu kennen meint". Die Medien sind unehrlich, sie sind hinterhältig, sie sind ungerecht, sie sind nur für sich selbst und für die, die sie finanzieren, nicht für das "Volk". Er selbst fühlt sich ungerecht behandelt. In seiner Fiktion darf keine Institution, insbesondere die Presse nicht (ebenso wird er die Verwaltung, die Justiz, das Bildungswesen organisieren), sich kritisch ihm gegenüber positionieren.

Wie ein strenger kommunistischer Rektor weist er Journalisten, die frech genug sind, die eine oder andere Frage doch zu wagen, zurecht. Er spricht seine Worte mit Nachdruck, presst die Kiefer vor Wut zusammen, versucht aber, ohne Pathos zu sprechen, denn die Karte des ausgeglichenen, ehrlichen, konsequenten und systematischen Kandidaten muss richtig ausgespielt werden. Noch einmal wettert er gegen die Presse, die seine Wähler als "russische Trolle" beschimpft habe, und spielt so den rechtschaffenen Leviathan, der seine Gemeinschaft in Schutz nimmt und verteidigt.

Und dann kommt der große Schlag: Er bezieht sich auf eine kürzlich veröffentlichte Rede des NATO-Admirals Rob Bauer und sagt vor laufender Kamera, Bauer habe alle Industrien der Mitgliedsstaaten  aufgefordert, ihre Produktion auf den Krieg auszurichten. Es sei "eine Beleidigung, dass das Bündnis nicht alle Mitgliedsstaaten konsultiert hat", wirft dabei der NATO Kriegshetze und Unprofessionalität vor. Dass seine Kontrahentin in der Stichwahl, die westlich orientierte Elena Lasconi, wenige Tage zuvor die volle Solidarität Rumäniens mit dem nordatlantischen Bündnis betont hatte, empfindet er als Aufforderung, "in den Krieg in der Ukraine einzutreten", während er "der Mann des Friedens" sei.

Man erstarrt vor der Perversion dieser Aussagen. In Wirklichkeit forderte Bauer, dass sich alle Industrien der NATO der Gefahr eines Krieges bewusst werden und sicherstellen, dass Logistik und Versorgungsketten im Falle eines Konflikts funktionieren.
 
Calin Georgescu ist ein gefährlicher Mann, in dem sich maßlose Arroganz, unbegründete Selbstsicherheit, Selbsterotik und primitives religiöses Denken vereinen. Sein Hang zum Fundamentalismus und seine abstrusen Verschwörungstheorien, die selbst überzeugte Trump-Anhänger skeptisch machen würden, sind symptomatisch für seine Haltung.

Aber dass Rumänien sich so bereitwillig in den tiefsten Abgrund seit der Revolution hat führen lassen, das kann man auch seinen Wählern nicht verzeihen, egal, welche Herleitungen es dafür gibt. Denn es ist eben ein Zeichen für den latenten Faschismus in der rumänischen Gesellschaft, den man heruntergespielt und unterschätzt hat, ohne wirklich geglaubt zu haben, dass er überhaupt auf den Stimmzetteln zum Ausdruck kommen würde.

Luca Oprea-Calin