Die Feuilletons resümieren die GrammyVerleihung, bei der Beyoncé nicht nur zum 99. mal nominiert war, sondern zum ersten Mal auch für das "beste Album des Jahres" (und überdies für das "beste Country-Album des Jahres") ausgezeichnet wurde. "Ernüchternd" findet es Jacqueline Krause-Blouin auf Zeit Online, "dass eine Schwarze Frau ein doch eher simples Countryalbum machen muss, um die verdiente Anerkennung für ihre Ausnahmekarriere zu bekommen". Da Beyoncé mit insgesamt 35 Auszeichnungen in ihrem Leben mehr Grammys als irgendwer sonst erhalten hat, ist ihre Karriere allerdings auch nicht eben unanerkannt. Christian Schachinger vom Standardruft derweil in Erinnerung, dass es sich um einen reinen Branchenpreis handelt: "13.000 Jurymitglieder der Grammy Recording Academy entscheiden über die Vergabe. Wer gut verkauft, hat beste Chancen auch mit diversen Preisen bedacht zu werden."
Ansonsten wurden die begehrten Preise in diesem Jahr einigermaßen mit der Gießkanne verteilt, schreibt Ueli Bernays in der NZZ, aber vor allem (mit Ausnahme von KendrickLamar) an Frauen. "Seit Jahren dominieren die Frauen die Grammys; und sie sind längst auch in sogenannte Männerbastionen vorgedrungen. Die Rapperin Doechii etwa hat den Grammy für das beste Rap-Album erhalten, und die Sängerin St. Vincent gewann dank 'Broken Man' den Award für den besten Rocksong. Bei der anhaltenden weiblichen Dominanz muss man sich vielleicht bald einmal Gedanken machen über eine Männerquote."
Jenni Zylka in der taz würde wohl widersprechen: Ja, die Newcomerin Doechii, der vor kurzem mit ihrem (auch von uns empfohlenen) "Tiny Desk Concert" alle Herzen im Netz zuflogen, hat zwar den Grammy fürs beste Rap-Album erhalten - aber seit Bestehen des Preises 1989 ist sie nach Lauryn Hill (1999) und Cardi B (2018) erst die dritte Frau in dieser Kategorie: Nun zählt sie "zu diesem viel zu kleinen Kreis, der den traditionellen Sexismus und die Misogynie der Branche widerspiegelt. Das - im doppelten Sinne - ausgezeichnete Album 'Alligator bites never heal' ist Doechiis drittes 'Mixtape'" und "jeder Ton darauf ist den Grammy wert. ... Über ihren Sinn für Breaks würden sich auch Busta Rhymes freuen. Als Kind ihrer Zeit lässt sie zudem fantastische Videoclips produzieren. In "Denial Is a River" rennt sie durch TV-Sitcom-Settings und rekapituliert ihre Karriere im Eminem-Style direkt in die Kamera."
Weitere Artikel: Beate Scheder und Julian Weber resümieren in der taz das FestivalCTMBerlin. Wilhelm Sinkovicz schreibt in der Presse einen Nachruf auf den Klarinettisten PeterSchmidl. Besprochen werden das neue Album von TheWeeknd (Zeit Online, mehr dazu bereits hier), ein neues Album von SharonVanEtten (Tsp) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter die laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "etwas willkürlich zusammengestellte" Compilation "Krautrock Eruption".
Konstantin Nowotny stellt im Freitag die Konzeptmusik von ValentinHansen vor: Dessen Album "Max" ist auf Unendlichkeit angelegt - eine KI fügt dem Album pro Tag über 600 Stücke auf Grundlage seiner eigenen Kompositionen hinzu. "Parallel wird der gewaltige Ausstoß an Musik auf analogen Kassetten archiviert. Wie schon 2021 bei Hansens Projekt 'Crisis' - ein 'wertloses' Album voller Songs mit einer Länge unterhalb der Monetarisierungsgrenze von Spotify - lotet der Künstler mit 'max' die Grenzen des modernen Musikmachens aus. ... Während Kreation und Veröffentlichung fast von selbst laufen, wächst das Album Stück für Stück über seinen Interpreten hinaus und entzieht sich Konsum und Kontrolle." Damit zwingt es "zum Nachdenken, über die Masse an Musik, die jeden Tag auf Plattformen bereitgestellt wird - und für wen sie eigentlich gemacht wird. 'Als einzelner Mensch ist man davon ja schon ohne dieses Projekt überfordert. Aber es gibt eine riesige Nachfrage nach Funktionsmusik, die braucht gar keinen Künstler oder eine Künstlerin', sagt Hansen." Dlf hat mit dem Künstler gesprochen.
Weiteres: Michael Pilz fasst in der Welt die Grammy-Verleihung zusammen, bei der Beyoncé nicht nur als erste Schwarze für das beste Country-Album des Jahres ausgezeichnet wurde, sondern auch überhaupt zum ersten Mal die Trophäe für das Album des Jahres erhielt. Besprochen werden ein von PaavoJärvi dirigierter Schumann- und Schostakowitsch-Abend des Tonhalle-Orchesters in Zürich (NZZ), ein von OksanaLyniv dirgiertes Konzert der WienerPhilharmoniker (Standard), ein Bach-Konzert von Kit Armstrong in Frankfurt (FR) und das Abschiedsalbum von MosesPelham (Welt-Kritiker Stephan Sura wird "Pelhams Wortgewandtheit, Poesie und Perfektionismus" vermissen).
The Weeknd mag zu den größten Popstars der Gegenwart zählen, genervt ist SZ-Kritiker Joachim Hentschel von dessen neuen Album "Hurry Up Tomorrow" aber trotzdem: Das Duett mit LanaDelRey etwa ist eine "abgrundtiefe Enttäuschung", hinzu kommt dann noch eine allgegenwärtige Schicksalsschwere, da The Weeknd hier eventuell sein letztes Album vorlegt und schwer an Selbstzweifeln zu nagen hat. "Der SchwanengesangdeswaidwundenDisco-Tiers, die große Oper, die 'Hurry Up Tomorrow' dringend sein will, trägt schwer am pathetischen Dampf. The Weeknd, der alleinreitende NinjadesSpace-Pop, hatte zwar schon immer eine Liebe zum Konzeptuellen. ... Für eine derart dicke Geschichte wie diesmal hat er allerdings viel zu wenig zu erzählen, inhaltlich und musikalisch. Anders gesagt: Im Vergleich zu dem Popstar-Selbstzerfleischungs-Ballett, das sich hier selbst wiederkäut, wirkt sogar 'The Wall' von Pink Floyd wie ein filigraner Entwicklungsroman. Die guten Stellen muss man sich geduldig heraussuchen."
Max Dax schwärmt derweil in der FR: Dieses "kinohaft" grundierte Album bietet "ein Abtauchen in perfekt ausgemessene Melancholie. ... Tracks wie 'Take Me Back to L.A.', 'Big Sleep', 'Open Hearts' oder 'Given Up On Me' (mit einem wahrhaft geisterhaft-intensiven 'Feature' von Nina Simone) sind musikalisch perfekt durcharrangierte Tracks - deren Texte über Isolation, Betäubung und Sehnsucht zugleich den internationalen Zeitgeist zwischen Einsamkeit, Erfolgsdruck und Existenzangst durchmessen."
Weiteres: Jenni Zylka (taz) und Christian Schachinger (Standard) schreiben zum Tod von MarianneFaithfull (weitere Nachrufe bereits hier). Im SZ-Gespräch schildert der Pianist AehamAhmad, der vor zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen war, nach dem Assad-Sturz die Eindrücke seiner ersten Reise in die alte Heimat. Artur Weigandt spricht für die FAS mit der russischen Band Ic3peak, deren Musiker seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Exil leben und nun ein neues Album veröffentlicht haben. Stephanie Grimm porträtiert für die taz die Musikerin Sinem, die mit "Köşk" gerade ihr Debütalbum vorgelegt hat.
Besprochen werden ein von VasilyPetrenko dirigiertes Konzert des RoyalPhilharmonicOrchestra in Wien (Standard) und ein Wiener Konzert des Saxofonisten WolfgangPuschnig mit seinem Projekt AlpineAspects (Standard).
MarianneFaithfull ist tot. Mit ihren Abstürzen, Krisen und Comebacks war sie, die in den Sechzigern an Mick Jaggers Seite die Yellow Press mit grellen Überschriften versorgte, "eine Ingeborg Bachmann der Popmusik", schreibt Willi Winkler in der SZ. Auf ihren Schmachtpop in den Sechzigern folgten Post-Punk Ende der Siebziger und eine Kurt-Weill-Interpretation Ende der Achtziger: "Die Stimme war längst gebrochen, also genau richtig. ... Früh hatte Marianne Faithfull den warmen Wind in den Haaren gespürt, in London, in Paris, in New York, sie ist aber nicht gesprungen. Wenn sie jetzt 'As Tears Go By' sang, war das tatsächlich ein Lied von Marianne Faithfull. Die Stimme hatte dylaneske Tiefen erreicht, aber es war endlich ihre geworden." Hier die Version aus den Sechzigern, die sie berühmt machte:
In der "Londoner Pop-Bohème" der Sechziger "war sie das blonde Mädchen mit dem blauen Blut", schreibt Michael Pilz in der Welt, bevor sie sich in den Siebzigern, nach einer langen Heroin-Phase in der Obdachlosigkeit, im Pop emanzipierte mit ihrer "sehr besonderen, eigenen, schönen Stimme. 'Broken English' hieß das Album ihrer Auferstehung, 'The Ballad of Lucy Jordan' ihre Hymne für die Ewigkeit." Auch Hanspeter Künzler kommt in der NZZ auf das Album zu sprechen: Darauf sang sie sich "den Zorn und die Verzweiflung vom Leib. Es wurde zu einem Standardwerk, an dem künftige Generationen von Sängerinnen und auch Sängern gemessen wurden. Der Raubbau am eigenen Körper aber hat Spuren hinterlassen. Auch in der Stimme, die unterdessen nicht nur um eine Oktave gesunken war, sondern jetzt auch rauchig und brüchig klang. Gerade die Verbindung von Verletzlichkeit, Lebenserfahrung und Durchhaltewillen aber verlieh ihrem Gesang ... eine eigentümlicheExpressivität." Unten das Titelstück, weitere Nachrufe in der Presse und in der FAZ.
Die GEMA mag musik-generativeKI-Plattformen noch so sehr verklagen, aber mit der Eindämmung wird das alles nichts mehr, glaubt Tobi Müller auf Zeit Online nachdem er sich auf Partys umgesehen hat, bei denen Prompt-Jockeys die Dancefloor-Banger live per Prompting generieren und sofort auf die Tanzfläche jagen (hier eine Kurz-Doku auf Youtube zu dem Phänomen). "Man muss - bei aller berechtigten Begeisterung für die neue Technologie und bei allem Respekt für die Euphorie unter Hackern - über das Ende der Popmusik reden, wie wir sie bisher gekannt haben. Unter den knapp 100.000Songs, die laut Schätzungen allein 2024 jeden Tag auf Streamingplattformen hochgeladen wurden, ist der Anteil von KI-generiertem Pop dramatisch gestiegen." Denn KI "kann Popmusik so gut imitieren, weil diese zumindest formal und harmonisch einfachen Regeln gehorcht. ... Wie viele Popsongs klangen schon vor KI nach unzähligen anderen Popsongs, wie viele Prozesse wurden darüber schon geführt und meistens von den Klägern verloren?" Solche "Klagen können den Lauf der Dinge höchstens verlangsamen, nicht aber die Flut an KI-generierter Musik bei den Streamingdiensten aufhalten. Viele Pop- und Funktionsmusiker wird diese Flut arbeitslos machen."
Weitere Artikel: Joachim Hentschel porträtiert für die SZBonnie "Prince" Billy, der ein neues (im Standardbesprochenes) Album veröffentlicht hat. Die in Berlin lebende, österreichische Band Ja, Panik protestiert gegen die FPÖ, meldet Johanna Schmidt in der taz. Judith von Sternburg spricht für die FR mit der Dirigentin MarieJacquot. Lara Marmsoler porträtiert für die SZ die österreichische Sängerin Anna Buchegger, die mit ihrer "politischen Dialektmusik" den Rechten den Heimatbegriff nehmen will. Ilo Toerkell spricht für die taz mit DuaSaleh. Das vor 30 Jahren erschienene zweite Soloalbum des Pixies-Sängers FrankBlack floppte seinerzeit, entpuppt sich heute aber als zeitlos, schreibt Karl Fluch im Standard. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Pianisten PeterRösel zum 80. Geburtstag und meldet außerdem, dass die Sammlung "PommerschesVolksliedarchiv" mit einer Online-Datenbank ans Netz gegangen ist.
Besprochen werden das von VladimirJurowski dirigierte Auschwitz-Gedenkkonzert des Rundfunk-SinfonieorchestersBerlin mit dem RiasKammerchor mit aus der Shoah geretteten Streichinstrumenten (ND), das neue Album von JoanArmatrading (taz), Wiener Konzerte von EvgenyKissin (Standard) und TordGustavsen (Standard) sowie neue Popveröffentlichungen, darunter "List of Demands" von DamonLocks (Tsp).
Lotte Thaler resümiert in der FAZ das HeidelbergerStreichquartettfest, wo der Komponist HelmutLachenmann geehrt wurde. Für die Zeit hat Tobias Lentzler AchimReichel besucht. Frederik Hanssen freut sich im Tagesspiegel über die künstlerische Entwicklung des Pianisten JanLisiecki. Thomas Groetz schreibt in VAN einen Nachruf auf den Pianisten HerbertHenck. Besprochen werden MichaelKöhlmeiers Buch "Die Gitarre" (online nachgereicht von der FAZ) und das neue Album von den Veils (Standard).
Momentan tourt VíkingurÓlafsson mit JohnAdams' neuer Komposition "After the Fall" durch die Konzerthäuser dieser Welt. Der Titel bezieht sich auf Vorlesungen von PierreBoulez, "in denen er postulierte, dass die Mittel der Avantgarde bereits selbst verbraucht seien", schreibt Michael Stallknecht in der SZ. "Wobei 'Sündenfall' eine deutlich zu deutsche, weil zu moralisierende Übersetzung ist, weil der Bissindenatonalen Apfel die musikalische Menschheit gleichzeitig schlauer gemacht hat, wie Adams nie bestreiten würde." Und das Werk selbst? "Den knapp dreißig Minuten würde gelegentliche Lüftung nicht schaden", auch "erscheint die etwas ungerichtete Tempofolge problematisch: Der erste Satz nimmt gleich zweimal Anlauf zur Beschleunigung, der langsame in der Mitte auch, ohne dass es wirklich Konsequenzen hätte. Endgültig auf Touren kommt so erst der letzte: RauschendeKlavierkaskaden, wild gezackte Streicherfiguren und hämmernde Akkordsäulen sorgen hier für viel Groove, der am Schluss unvermittelt abbricht, mit einem einzelnen wiederholten Harfenton über einem liegenden Streicherakkord."
Weitere Artikel: Harald Eggebrecht resümiert in der SZ den HelmutLachenmann gewidmeten Schwerpunkt beim HeidelbergerStreichquartettfest, bei dem der Meister zur großen Freude des Kritikers ausführlich über sein Leben und Werk sprach. Helmut Mauró macht sich in der SZ (online gestellt vom TA) Gedanken darüber, warum Saudi-Arabien bei Hollywoodkomponist HansZimmer eine neueNationalhymne in Auftrag gegeben hat. Ronald Pohl gratuliert im Standard dem Schlagzeuger RobertWyatt zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden ein Wiener Strauß-Abend, bei dem WolfgangMitterer die Kompositionen des Walzerkönigs mit den Mitteln der NeuenMusik bearbeitete (Standard), das Album "Queen and Elf" von VoisionXi (tazler Oliver Tepel tänzelt "leichtfüßig über unsicheres Terrain") und FKA Twigs' neues Album "Eusexua" ("Das Gegenteil von geil ist geil gemeint", stöhnt Christian Schachinger im Standard).
Gängige Darstellungen der Geschichte der europäischenMusikgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts sind zu einfach gestrickt und unterschätzen die Zäsur der nationalsozialistischen Verheerungen, kommentiert der Musikhistoriker Friedrich Geiger auf VAN, der das neue Langzeit-Forschungsprojekt "NS-Verfolgung und Musikgeschichte" leitet. "Noch immer glauben viele, das heutige Musikleben sei im Wesentlichen entlang weniger Hauptlinien organisch gewachsen. Doch die verdienstvollen Arbeiten und Initiativen, die sich seit über vierzig Jahren den Schicksalen NS-verfolgter Musikerinnen und Musiker widmen, haben längst das Gegenteil belegt. Sie zeigten, dass die europäische Musikkultur, bevor die Nazis mit ihrer systematischen Zerstörung begannen, viel reicher war, als wir es lange ahnten. Und sie machten deutlich, welchen Einfluss diejenigen, denen die Flucht glückte, auf die Musikgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte hatten. Wie sich herausgestellt hat, war dieser Einfluss zwar oft indirekt oder mittelbar, aber insgesamt erheblich. Das heißt: Musikgeschichtlich müssen wir die Zeit vor, während und nach der NS-Herrschaft neu denken."
Besprochen werden das neue Album von FranzFerdinand (Jungle World), ein Konzert des BudapestFestivalOrchestra in Frankfurt (FR), das neue Album der Folksängerin Avec (Standard), ChrisEckmans Album "The Land We Knew the Best" (FR) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter "September Night" vom TomaszStankoQuartet (Standard).
Komponisten der E-Musik "haben die von ihnen vorgefundene Musizier- und Schaffenspraxis weiterentwickelt, quasi strapaziert" und "das Musik-Erlebnis nicht als unterhaltsame und eher unverbindliche, sicher genussvolle Begehung eines kollektiv vertrauten Raums, vielmehr als dessen Öffnung, und wie auch immer irritierend oder befreiend erlebte Erweiterung" verstanden, schreibt der Komponist HelmutLachenmann im VAN-Kommentar angesichts der Diskussion bei der GEMA, E-Musik zugunsten von U-Musik künftig deutlich schlechter mit Tantiemen zu bedenken als bislang. "Komponisten, die sich diesem Erbe als Herausforderung verpflichtet fühlen, können sich in der Mehrzahl heute so wenig wie in früheren Zeiten vom eigenen Schaffen ernähren", auch "die Zeit der kunstliebendenMäzene ist so gut wie vorbei. ... Die im Mai drohende Neuregelung sieht eine grausameHerabsetzung und damit Beeinträchtigung der Lebensqualität vieler selbstlos der Kunst dienenden Komponisten vor, sie verrät auch den Mangel an Einsicht in deren Kostbarkeit in einer Zeit zunehmender Oberflächlichkeit und geistfeindlich standardisierten und kurzatmigenNützlichkeitsdenkens, das uns beängstigen sollte."
Weiteres: Im Reflektor-Podcast sprechenKoljaPodkowik von der AntilopenGang und der Musiker und AutorTheesUhlmann ausführlich mit Tocotronic über deren für Mitte Februar angekündigtes Album "Golden Years". Besprochen wird ein Konzert der HR-Bigband mit DarcyJamesArgue und dem Vibraphonisten WarrenWolf (FR).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Ebbinghaus über "Sweet Jane" von VelvetUnderground:
Der noch junge Pianist IlyaShmukler ist eine "Ausnahmeerscheinung", schwärmt Berthold Seliger im einem seiner großen ND-Longreads. Bewundern konnte er Shmuklers Spiel beim Luzerner Festival Le Piano Symphonique. Schon zu Konzertbeginn, bei Bachs Toccata D-Dur BWV 912. "hat man hat das Gefühl, gerade Ohrenzeuge ihrer Entstehung zu werden, so brillant, individuell und gleichzeitig intellektuell durchdrungen gerät Shmuklers Interpretation." Geradezu "sensationell" gerät dem Pianisten aber Liszts "Funérailles", die Shmukler "zu einem groß angelegten Trauermarsch in f-Moll gestaltet, der den Zuhörern durch Mark und Bein geht mit all den bedrohlichen punktierten Aufschreien, den tiefen C's, den Tremoli, den Fortissimo-Sforzati, bis die elegische Melodie hervortritt, virtuos verarbeitet wird und sich schließlich in einen kühnen, mit ihren donnernden Oktaven der linken Hand Chopins As-Dur-Polonaise zitierenden Höhepunkt entlädt. Am Schluss dann drei tiefe Pianissimo-Staccati: zweimal f-Moll-Akkorde, eine hohle f-Oktave. Mit Shmukler haben wir ein düsteresTrümmerfeld besichtigt."
Weitere Artikel: Lena Karger porträtiert für die WeltYuvalRaphael, die als Überlebende des Hamas-Massakers auf dem Supernova-Festival Israel beim ESC in der Schweiz vertreten wird. Wolfgang Sandner erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an das vor 50 Jahren aufgenommene "Köln Concert" von KeithJarrett, dem sich auch Noemi Schneider in diesemWDR-Kulturfeature ausführlich widmet. Yelizaveta Landenberger porträtiert für die tazAikhalAmmosov, der in Jakutien in einer Punkband spielte, sich vehement gegenRusslandsKolonialismus und Ukraine-Krieg aussprach und über Umwegen im Exil in Düsseldorf gelandet ist.
Besprochen werden Konzerte von PutsMarie (NZZ) und OlivierChavet (FR) sowie FKA Twigs' neues Album "Eusexua" (Torsten Groß bewundert auf Zeit Online "die völlige Hingabe an Tanz, Musik, Sex und Gemeinschaft").
YuvalRaphael wird beim ESC in der Schweiz für Israel antreten. Die Sängerin zählt zu den Überlebenden des Hamas-Massakers vom 7. Oktober - nach ihren Angaben gelang ihr das nur, weil sie sich unter den Leichen ihrer Freunde versteckte. Musikalisch ist sie ein unbeschriebenes Blatt - Gerrit Bartels vom Tagesspiegel und Jakob Biazza in der SZ werten Interviews mit ihr aus. Hier erzählt sie ihre Geschichte:
Wenn das deutsche Punk-Urgestein EA80 alle paar Jahre ein neues Album veröffentlicht, dann geschieht dies ohne großes Tamtam, schmucklos und lakonisch - und die eingeschworene Fangemeinde reagiert stets euphorisch auf die Meister der Verweigerung, deren Website seit über 20 Jahren aus nichts als einem Schriftzug besteht. Heute erscheint "Stecker" und EA80 "unterstreicht, dass auf die Band Verlass ist", schreibt Du Pham in der taz. "Der Sound in seiner Beständigkeit melodisch melancholisch, die Texte infantil lädiert. Aufs Wesentliche reduziert, ist der Zugang dennoch immer etwas sperrig - und die gequälte Tristesse stellenweise schwer zu ertragen. Dessen ungeachtet ist die Musik weder ausgetüftelt noch originell konstruiert - und will es auch gar nicht sein: EA80 klingen widerstandsfähig und langlebig. Sie machen sich nicht aus Marketingzwecken rar, sie sind einfach so, prunklos und narrensicher. ... Vielleicht ist es genau diese Kontinuität, mit der EA80 einen reinen, verdichtetenPunk fabriziert. Während Deutschpunkgroßwesire wie Jens Rachut oder Schorsch Kamerun irgendwann zur Hochkultur finden und vom Feuilleton besprochen werden, WIZO auf Dauer zu albern und Mutter zu artsyfartsy sind, bleibt EA80 unbeirrt dabei, geradlinige Songs zu komponieren."
Detlef Diederichsen singt in der taz ein Loblied auf die musikarchäologischen Bergungsarbeiten des britischen LabelsSoundway, das sich auf Grabungen in den Archiven der populären Tanzmusik aus den Siebzigern im Globalen Süden spezialisiert hat. Aktuell liegt die Compilation "Nigeria Special Volume 3 - Electronic Innovation Meets Culture & Tradition 1978-93" vor, die "insofern spannend ist, als in dieser Zeit die Elektrifizierung, Digitalisierung und Synthetisierung des Musikmachens mit großen Schritten vorankam. ... Die beglückende Diversität dieser Triple-Compilation liegt aber auch an der kulturellen Diversität Nigerias, einem Land, in dem über 500 Sprachen gesprochen werden und es unüberschaubar viele musikalische Traditionen, Stile, Spielweisen und daraus immer wieder neu entstehende Hybride gibt. Kommt eine starke musikalische Vorgabe aus dem mächtigen Globalen Norden, soll sie bloß nicht glauben, dass sie das Land im Handstreich nehmen kann. Im Gegenteil, sie wird freundlich hereingebeten, überall willkommen geheißen, aber wenn sie nach einer mehrjährigen Reise durchs Land in den Spiegel schaut, erkennt sie sich selbst nicht wieder." Wir hören rein:
Besprochen werden PaavoJärvis und VíkingurÓlafssons Schweizer Erstaufführung von JohnAdams' Klavierkonzert "Vertreibung aus dem Paradies" (NZZ), AnjaLechners Album "Bach Abel Hume" (FR) und RingoStarrs Country-Album "Look Up" (FR).