Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

3781 Presseschau-Absätze - Seite 44 von 379

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2025 - Musik

Manuel Brug berichtet in der Welt vom Protest der Komponisten aus Klassik und Neuer Musik gegen den Plan der GEMA, beim Verteilen der Tantiemen auf E-Musik keine besondere Rücksicht mehr zu nehmen (mehr dazu bereits hier). Bislang war es so, dass Aufführungen ernster Musik gegenüber Unterhaltungsmusik etwas mehr vergütet wurden. Fällt dies, heißt das: "Alle sollen die gleichen Anteile je nach Aufführungshäufigkeit bekommen. Das heißt, die, die ohnehin schon sehr viel haben, bekommen noch mehr." Bislang kommen bei E-Komponisten geschätzt "im Durchschnitt 4000 Euro aus Tantiemen und 10.000 aus anderen Schlüsselkriterien an. Sollten diese Zuwendungen wegfallen oder sich drastisch reduzieren, wird es für manche eng, die nicht in der schmalen Blase der Neuen Musik geschmacklich angesagt sind und auskömmlich mit Aufträgen, Residenzen und Professuren ausgestattet werden."

Weitere Artikel: Merle Krafeld spricht für VAN mit dem Komponisten Berthold Tuercke über dessen am Holocaust-Gedenktag unter dem Dirigat von Vladimir Jurowski uraufgeführtes Stück "Aus Geigen Stimmen", das er eigens für die Sammlung "Violins of Hope" geschrieben hat, welche aus Instrumenten von Holocaust-Überlebenden zusammengesetzt ist. Albrecht Selge berichtet in VAN vom Luzerner Festival Le Piano Symphonique mit Konzerten von unter anderem Martha Argerich und Evgeny Kissin (mehr dazu bereits hier), Stephanie Grimm stellt in der taz die Arbeit des Vokalensembles Bodies der Musikerin Kat Frankie vor. Yelizaveta Landenberger porträtiert für die taz den Musiker Alan Courtis und dessen experimentelle Rockband Reynols. Frederik Hanssen verzweifelt im Tagesspiegel über das Klassikprogramm vom Berliner Sender Radio 3, dem früheren RBB Kulturradio. Harry Nutt (FR) und Karl Gedlicka (Standard) schreiben Nachrufe auf Garth Hudson von The Band.

Besprochen werden ein neues Album von Franz Ferdinand (FR), das neue Countryalbum von Ringo Starr (NZZ) und ein Konzert des Ensemble Modern (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2025 - Musik

Die GEMA verklagt den KI-Musikgenerator Suno, weil sie es für erwiesen ansieht, dass der US-Anbieter nur deshalb so verblüffend gute Ergebnisse vorlegen kann, weil unter seiner Motorhaube Millionen von urheberrechtlich geschützten Songs durchanalysiert werden. Als Beweis dient unter anderem eine nahezu Eins-zu-Eins-Kopie, die Suno nach entsprechenden Prompts von Dieter Bohlens 80er-Schreckensprojekt Modern Talking ausgespuckt hat. Und "die bohrende Kälte, dieses DIN-Norm-Kalkulierte, hat sie vehement gut getroffen", staunt Jakob Biazza in der SZ. "Man stellt sich das Emotionszentrum von Dieter Bohlen ja seit jeher wie einen vom jungen Bret Easton Ellis erdachten Kryo-Folterraum vor, in dem sich die Seelenwärme von null auf die Trockeneis-Wohlfühltemperatur von minus 78 Grad herunterdimmen lässt. Und das ist in der Suno-Version von 'You're My Heart, You're My Soul' exzellent erhalten."

Irritiert blickt der lettische, in der Sowjetunion zum Star gewordene Geiger Gidon Kremer im SZ-Gespräch mit Helmut Mauró auf die russische Gegenwart. In Russland will er heute nicht mehr spielen, sagt er. Für einstige Weggefährten hat er vor allem Unverständnis: "Ich verstehe die Entscheidung einer großen, international erfolgreichen Pianistin nicht, die immer zu meinem Freundeskreis gehört hat und seit 40 Jahren in Wien lebt, nun ein Konzert in St. Petersburg zu spielen. ...  Wir haben uns das als junge Leute nicht so klargemacht, aber wenn die Sowjetunion uns zu Wettbewerben geschickt hat, dann waren wir die Vertreter der Politik der Sowjetunion. Genauso wie die Sportler. Mit unserer Präsenz und unserer Kunst wurden wir unmittelbar zu Verteidigern des Regimes." Unter Kollegen in Russland spürt er "die Anpassung. ... Wer versucht, im Schritt mit den Machthabern zu gehen, reitet auf dem Pferd des Patriotismus, obwohl er vor allem selbst begünstigt sein will. Jeder entscheidet sein Schicksal, welche Sätze er benutzt, um sich zu rechtfertigen. Ob dahinter gefährliche Absichten sind oder nicht: Es ist immer ein Kompromiss."

Außerdem: Manuel Brug porträtiert für die Welt den Popmusiker Jacob Collier. Die Agenturen melden, dass der Keyboarder Garth Hudson von Bob Dylans Begleitband The Band gestorben ist. Besprochen werden das neue Album von Mogwai (Standard), Oliver Augsts und Marcel Daemgens Album "1945 Before/After" (FR), ein neues Album von Ex-Vöid (Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Neil Youngs neuer Song "Big Change" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2025 - Musik

Israelische DJs fühlen sich in der Elektro- und Clubszene zusehends isoliert, berichtet Nicholas Potter in der taz. Dies liege auch daran, dass das Schicksal der Ermordeten und der Überlebenden des Hamas-Massakers auf dem Nova-Festival am 7. Oktober 2023 "in der internationalen elektronischen Musikszene kaum Resonanz findet. In den vergangenen 15 Monaten wurde der Massenmord teils sogar als legitime Form von Widerstand gefeiert." Gedenkveranstaltungen für die Toten, etwa im Berliner Club About Blank, werden derweil mit Kampagnen und Boykottaufrufen erheblich unter Druck gesetzt. "'Wir waren sehr naiv zu glauben, dass wir als israelische Protagonisten der elektronischen Musikszene Teil von etwas Globalem sind', sagt Adi Shabat. ... Ähnlich sieht es 'Block'-Gründer Yaron Trax, der nun Festivals in der Negevwüste organisiert. Am 7. Oktober 2023 wurde auch der Tontechniker seines ehemaligen Clubs, Matan Lior, beim Nova-Festival ermordet. 'Viele Leute haben Angst, offen über die Ereignisse beim Festival zu sprechen, sogar internationale DJs, die hier regelmäßig aufgelegt haben', sagt er zur taz. Sie hätten Sorge um ihre Karrieren, glaubt er."

"In die abendfüllenden Konzerte ging man um sieben Uhr hinein und kam gegen elf als anderer Mensch wieder heraus", resümiert FAZ-Kritiker Max Nyffeler das Luzerner Festival Le Piano Symphonique, wo unter anderem auch eine gesundheitlich etwas angeschlagene Martha Argerich mit dem Cellisten Mischa Maisky und der Geigerin Janine Jansen ein Konzert gab. "Jeder Moment ist hier kostbar", seufzt dabei Christian Wildhagen in der NZZ. "Unerhört hell, in schwerelos-verspielter Heiterkeit löst sich Haydns Musik von den Saiten, schwebt gleichsam im Raum. Ähnlich beglückend und nuancenreich greifen die gesanglichen Linien bei Mendelssohn ineinander. Und im Zusammenspiel von Argerich und Maisky ... spürt man die über Jahrzehnte gewachsene Vertrautheit zwischen Künstlerfreunden. So tritt hier ... etwas in den Vordergrund, was nicht in den Noten steht: souveränes, uneitles Können, ein Lebensschatz an Erfahrungen und jenes Irrationale, das man behelfsweise Aura nennt."

Weiteres: Adrian Schräder plaudert für die NZZ mit der Schweizer Popsängerin Joya Marleen.

Besprochen werden das neue Album von FKA Twigs (Tsp), ein Auftritt in Frankfurt von Jan Lisiecki und der Academy of St Martin in the Fields (FR), ein Wiener Strauss-Konzert von Asmik Grigorian mit den Wiener Symphonikern (Standard), das Frankfurter Museumskonzert mit dem Dirigenten Giancarlo Guerrero und dem Pianisten Stewart Goodyear (FR), ein Konzert in Wien von FLAMMeS mit Franz Koglmann (Standard) und das Debütalbum des Pariser Powerpop-Quartetts Alvilda (Jungle World).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2025 - Musik

Die Anzeichen verdichten sich, dass die GEMA plant, die E-Wertung ("E" für ernsthaft, im Gegensatz zu "U" für Unterhaltung) beim Verteilen von Tantiemen abzuschaffen - die eh schon mauen Ausschüttungen an Klassik-Komponisten könnten damit in Zukunft erheblich mauer ausfallen. Axel Brüggemann hat für Backstage Classical Protestbriefe aus dem Klassikbetrieb eingesammelt. Der Komponist Moritz Eggert etwa fürchtet in seinem Brief an den GEMA-Vorstand "eine solch radikale Umwandlung des bisherigen Systems, dass es die Existenz der E-Musik an sich gefährdet. ... Würde Johann Sebastian Bach in diesem neuen System wirken, er wäre bei der GEMA ein kleines Licht, ohne jede Chance auf ordentliche Mitgliedschaft, da seine Aufführungen allesamt kein Inkasso im heutigen Sinn erbrächten. Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Marginalisierung von E in den Machtstrukturen der GEMA erlebt. Einst war gewährleistet, dass E-Komponierende wirklich eine garantierte Stimme im Aufsichtsrat hatten, diese Zeiten sind lange vorbei. Wir wehren uns gegen diese drohende Marginalisierung und gegen eine Fremdbestimmung der GEMA, die die ursprünglichen Absichten ihrer Gründer zutiefst verrät. Das Geld, was hier umverteilt werden soll, geht an ausländische Großkonzerne, wozu es keinerlei Zwang gibt."

Weitere Artikel: Jan Brachmann berichtet in der FAZ vom Festival Ultraschall in Berlin (hier diverse Konzerte zum Nachhören). Einer Studie zufolge, könnten Musik-Urheberinnen und -Urhebern bis 2028 durch KI etwa ein Viertel ihrer Einnahmen verlieren, meldet Helene Slancar im Standard. Besprochen wird ein Konzert von Soap & Skin (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2025 - Musik



Um Keith Jarrets Live-Aufnahme "The Köln Concert", die in diesem Jahr fünfzig Jahre alt und Gegenstand diverser neuer Dokumentationen sein wird, ranken sich zahlreiche Legenden - etwa jene, vom ramponierten, gerade mal so und kurz vor knapp wieder spielfähig gemachten Konzertflügel, auf dem das Konzert gespielt worden sein und dessen weiterer Verbleib sich im Nebulösen verlieren soll. Andreas Fasel von der Welt meldet hier Zweifel an, nachdem er ḿit Ferdinand Bräu vom Hersteller Bösendorfer gesprochen hat: "Man könne alles in allem einen Flügel in gutem Zustand hören, sagt er. ... Dass es sich dabei um einen schwerwiegend beschädigten Miniflügel handeln könnte, den man in wenigen Stunden wieder flott gemacht habe, schließt er aus." Auch legen Lieferbücher und weitere Recherchen nahe, dass das Instrument heute keineswegs ungewiss verkauft oder verschrottet wurde. "Der Bösendorfer-Flügel mit der Nummer 28.952 steht jedenfalls in einem nach Köln-Hürth ausgelagerten Übungsraum der Oper. Derzeit probt dort das 'Divertissmentchen', das traditionelle Karnevalsballett des Kölner Männergesangsvereins. Das Instrument, auf dem dazu die Begleitmusik geklimpert wird, ist nach jahrzehntelangem Einsatz im Opernbetrieb nun tatsächlich ziemlich ramponiert."

Weitere Artikel: Nicht KI-Musik, KI-Playlists und ein zusehends von KIs durchstrukturiertes Spotify sind böse, sondern der Kapitalismus, findet Detlef Diederichsen in seiner taz-Kolumne. Karl Fluch ist im Standard genervt vom Social-Media-Tratsch, der mittlerweile jeden Musiker auch nur mittlerer Reichweite umgibt. Christian Schachinger blickt für den Standard zurück aufs Popjahr 1975, in dem zahlreiche Klassiker erschienen sind. Egbert Tholl spricht für die SZ mit der Cellistin Marie Spaeman über Lampenfieber und wie man es bewätigen kann. Im Tagesspiegel gratuliert Christiane Peitz Simon Rattle zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Rachmaninows Oper "Francesca da Rimini" durch die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko (FAZ), Lena Stoehrfaktors Album "Pretty World" (taz), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters und des Cellisten Bryan Cheng unter Erina Yashima (FR) und ein Auftritt der Punkband Die Verlierer in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2025 - Musik

Klaus Walter stellt in der FR "Transa" vor, das neue, vier Stunden Material sammelnde Musikprojekt der seit den Achtzigern tätigen AIDS-Initiative Red Hot Organization: Es ist "ein Akt der Selbstverteidigung, der Notwehr einer schwachen, amorphen Minderheit gegen eine verrohende, immer rabiatere Mehrheit". Manuel Brug (Welt), Marco Frei (NZZ) und Reinhard J. Brembeck (SZ) gratulieren Simon Rattle zum 70. Geburtstag und zur Auszeichnung mit dem Siemens-Musikpreis. Karl Fluch blickt für den Standard auf den zunächst kontraintuitiv erscheinenden (aus monetärer Perspektive aber sehr plausiblen) Umstand, dass die Village People mit "YMCA" bei Trumps Inauguration auftreten werden. Gothic erfährt gerade ein Comeback, beobachtet tazlerin Beate Scheder.

Besprochen werden die Uraufführung in Wien des neuen Cellokonzerts von Marcus Nigsch (Standard), das neue Album von Bad Bunny (SZ) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Ela Minus ("Kalte Grooves und gebröckeltes Hecheln, schwitzende Beats und schmierschmutzige Bässe befinden sich bei ihr in einer sehr guten Synthese", versichert Jens Balzer im Tagesspiegel).

Stichwörter: Rattle, Simon, Siemens

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2025 - Musik

In der FAZ gratuliert Jan Brachmann Simon Rattle, der nicht zur 70 Jahre alt wird, sondern auch den renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreis erhält. Eleonore Büning porträtiert für die NZZ den Dirigenten Marek Janowski, "einen der letzten großen Kapellmeister der deutschen Tradition". Reinhard J. Brembeck spricht für die SZ mit dem Bariton Thomas Quasthoff. Die Kulturhauptstadt Chemnitz ist auch ein Hotspot der Hiphop-Szene, ruft Cornelius Pollmer in der Zeit in Erinnerung. Es "wächst zusammen, was nie zusammengehörte, nach Jahrzehnten aber unbedingt zusammengehören will", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel dazu, dass die Schwulenhymne "Y.M.C.A." von den Village People von Trump erst gekapert wurde und nun auch im Rahmen seiner Inauguration gespielt werden soll. Aufs musikalische Rahmenprogramm von Trumps Amtseinführung blicken außerdem Ueli Bernays (NZZ) und Karl Fluch (Standard).

Besprochen werden Lorenz Birklbauers und Wolfgang Plankers Reader "Als die Beatles Österreich auf den Kopf stellten" (Standard), Thommys Album "Lemme Cook For You" (FR), das neue Album des Punk-Duos Lambrini Girls (taz) und das neue Album des puertoricanischen Musikers Bad Bunny, der international im Streaming allein von Taylor Swift geschlagen wird, in Deutschland aber weitgehend unbekannt ist (Zeit Online). Vielleicht ändert sich das ja:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2025 - Musik

FAZ-Kritiker Clemens Haustein ist begeistert vom Dänischen Nationalen Symphonieorchester. In der Berliner Philharmonie war "ein Klangkörper zu erleben mit Streichern, die satten Ton mit schlanker Beweglichkeit verbinden, die Holzbläser zeigen Kraft und Intensität, die Blechbläser strahlende Wärme. Die Agilität dieses Orchesters ist bemerkenswert, der Chefdirigent Fabio Luisi (er leitet das Ensemble seit acht Jahren) macht von ihr regen Gebrauch. Wenige Orchesterleiter, die so frei mit dem Tempo umgehen wie Luisi: Ein starres Zeitmaß gibt es bei ihm nicht, als später Nachfahre einer vormodernen Tradition bremst oder beschleunigt er den Fluss. Besonders in Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert mit Khatia Buniatishvili als Solistin zeichnet er die Wellenbewegung der Musik, ihr An- und Abschwellen, mit großem Einfühlungsvermögen nach. Die Musiker folgen wach und kredenzen ihren süffigsten Klang."

Fast bedauerlich findet es Jakob Biazza in der SZ, dass Carrie Underwood für ihren angekündigten Auftritt bei Trumps Inauguration so angefeindet wird, denn die aus einer Casting-Show siegreich hervorgegangene Country-Sängerin "taugt unter Umständen ja wirklich zur Identifikationsfigur. ... Underwoods Stimme etwa hat dieses druckvolle Strahlen, das es braucht, damit die Country-Anteile ihrer Musik die nötige Weite bekommen und der Pop-Rock genug Glitzer."

Außerdem: Georg Rudiger erzählt auf Backstage Classical von seinem Besuch in Freiburg beim Experimentalstudio des SWR, das derzeit auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist. Ein Teil von Udo Jürgens' Nachlass wird bei Sotheby's versteigert, meldet Eva Komarek in der Presse. Besprochen wird das Frankfurter Konzert von Jan Böhmermann mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2025 - Musik

In der NZZ spricht Christian Wildhagen ausführlich mit Jewgeni Kissin über Dmitri Schostakowitsch, dem der Pianist in Luzern zum 50. Todestag eine Konzertreihe widmet. Kissin, der Russland 1991 verlassen hat und sich mit Haut und Haar gegen Putin ins Zeug legt, fühlt sich Schostakowitsch auch aus politischen Gründen nahe: "Tatsache ist, dass Schostakowitsch sehr unter dem Regime gelitten hat, er hat es gehasst. Das ist in seine Musik eingeflossen." Um die Zukunft Schostakowitschs in Russland macht er sich allerdings keine Sorgen: "Nachdem Schostakowitsch unter Chruschtschow mehr oder weniger rehabilitiert worden war, stieg er zu einer Art offiziellem Genie der sowjetischen Musik auf. Über die wahre Bedeutung seiner Musik wurde aber auch weiterhin nicht gesprochen. Ähnlich könnte man es in Zukunft handhaben. Was unpassend ist, wird verschwiegen. Wie bei Tschaikowsky. Er wird immer eines der russischen Idole bleiben, aber Tschaikowskys Homosexualität war schon in der Sowjetunion ein Tabu. ... Es gibt da eine doppelte Sprache: zwei Arten, über einen Künstler zu sprechen, eine offizielle und eine geheime."

Besprochen werden Ringo Starrs Countryalbum "Look Up" (Standard), eine Netflix-Doku über den 28-jährig verstorbenen DJ Avicii (Presse), The New Mournings Album "Songs of Confusion" (Standard), ein Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie unter Delyana Lazarova (FR) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Who Let the Dogs Out" von den Lambrini Girls ("Ein Album wie ein schwerer Sodbrand", schreibt Christian Schachinger im Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2025 - Musik

Der Klassik-Nachrichtendienst Slipped Disc bringt bittere Nachrichten aus Los Angeles: Belmont Music Publisher, das Musikverlagshaus für die Pflege und Archivierung des Werks von Arnold Schönberg, ist laut Larry Schönberg, dem Sohn des Komponisten, den Flammen zum Opfer gefallen: "Das gesamte Inventar von Verkaufs- und Verleihmaterial - das einige Manuskripte, originale Kompositionen und Druckmaterialen enthält - ist im Feuer verloren gegangen."

"Nicht nur das Wirtschaftsdenken des Westens und seine Wissenschaft, sondern auch und vielleicht vor allem die westliche Musik zeichnet sich durch eine universale Anziehungskraft aus", schreibt der Philosoph Otfried Höffe, online nachgereicht, in der NZZ angesichts des Erfolgs der Klassik insbesondere auch in den asiatischen Ländern. Mit der "kulturellen Dominanz des Westens, die vor Jahrzehnten ein Grund gewesen sein mag", sei das heute nicht mehr zu erklären: "Kolonialismus und Imperialismus sind glücklicherweise überwunden. Die Gründe müssen in der Musik selbst liegen. Zum Beispiel darin, dass in Opern und Liedern - etwa in Franz Schuberts "Winterreise" - allgemein menschliche und damit kulturunabhängige Fragen Antworten finden, in der Sprache der Musik. ... Die Gefühlswelten, die sich in der Musik ausdrücken, die Stimmungen und Leidenschaften sind so vielfältig wie die der Menschen. Dank dem Genie großer Komponisten erreichen sie eine zwingende, eindringliche Form. Und dies in einer Sprache, die auch deshalb fast universell verständlich ist, weil sie offen ist."

Weitere Artikel: In der NZZ wundert sich Rüdiger Görner (online vom Samstag nachgereicht), warum es 2024 so still um Gustav Holst geblieben ist, der letztes Jahr 150 Jahre alt geworden wäre und mit seiner Suite "Die Planeten" unter anderem John Williams' Soundtrack von "Star Wars" stark geprägt hat - sich auf diesen Einfluss aber nicht reduzieren lässt. Karl Fluch (Standard) und Edo Reents (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Soulsanger Sam Moore, den man als die Hälfte von Sam & Dave kennt.

Besprochen werden eine 70 CDs und 56 Alben umfassende Werkschau Udo Jürgens ("Er ist ein Klassiker", schwärmt Markus Barth in der FAZ), ein Konzert von Tarwater in Berlin (taz), ein Auftritt von Alligatoah in Wien (Presse), eine Neueinspielung von Johann Adolph Hasses barockem Oratorium "Serpentes ignei in deserto" (FAZ), Gabriel Duponts Pianoaufnahme "La Maison dans les Dunes. Giuseppe Taccogna" (FAZ) und das neue Album von Joan as Police Woman, das FAZ-Kritiker Thomas Thiel "in eine Welt entschweben" lässt, "in der das Ich eine lockende Insel ist".