Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2024 - Film

Texttreu auf der Theaterbühne: RP Kahls "Die Ermittlung"

Die Filmkritik diskutiert über RP Kahls wortgetreue, vierstündige und ihrerseits in einem Theatersetting inszenierte Kino-Adaption von Peter Weiss' Theaterstück "Die Ermittlung" aus dem Jahr 1965 über den Frankfurter Auschwitzprozess. Anders als Tobi Müller auf Zeit Online (hier unser Resümee) sieht Perlentaucher Tilman Schumacher eine genuin filmische Annäherung an den Stoff. Die Kamera "lässt uns, viel mehr als es die buchstäbliche Distanz zwischen Ensemble und Zuschauenden im Theater je ermöglichen könnte, an den Emotionen teilhaben, die sich in den herangerückten Gesichtern von Zeugen, Ankläger und anderen abzeichnen." Doch "Kahls opulenter Dialogfilm vertraut merkwürdigerweise nicht in letzter Konsequenz auf die Wirkung seines Dialogs. Im Gegensatz zu Weiss möchte Kahl sichergehen, wie man sich bei den Berichten übers Lagerleben fühlt." Diese "Nahbarkeit, vielleicht auch Didaktik, für die sich Kahl bei aller augenscheinlichen Abstraktheit des Settings entscheidet, verleiht dem Ganzen in meinen Augen den Beigeschmack von Schulklassenkino."

Artechock liefert zum Film zwei Kritiken: Dunja Bialas erlebte "einen konzentrierten Film", welcher "zunehmend zu einer Höllenfahrt direkt ins Zentrum der Vernichtung wird". "Wie erzählt man von Auschwitz", fragt sich Rüdiger Suchsland. "Distanz ist wichtig. Schauspieler können nicht 'nachfühlen', wie es ist nach Auschwitz zu gehen. ... Dieser Film erzählt uns damit auch etwas über das Kino. Er entfaltet die Dialektik von Zeigen und Sehen und vom Nicht-Zeigen und Sehen. Das Ergebnis ist ein Zeigen, ohne abzulenken." Daniel Kothenschulte ist in der FR vor allem künstlerisch sehr begeistert: "Selten ist das Kino bereit, sich Theaterformen unterzuordnen, dabei kann dadurch sogar eine neue Kunstform entstehen, wie Kahls Film beweist." Denn das Kino ist "ein idealer Wirkungsort, sich der Bildkraft dieses Textes auszusetzen." Und Sofia Glasl hält in der SZ fest: "Erinnerungskultur ist hier kein trockener Schulstoff, sondern lebensnahe Konfrontation." Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt von den Dreharbeiten.

Themenwechsel: Mit der Abschaffung der Preisgelder beim Deutschen Filmpreis wird der deutsche Film noch ein bisschen unfreier als eh schon, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock und bekräftigt damit die Kritik, die etwa schon Günter Rohrbach an dieser Entscheidung geäußert hatte (unser Resümee). "Allein schon die Nominierung für den 'Besten Film' beim Deutschen Filmpreis bedeutete, dass Produzenten 250.000 € bekamen, die sie relativ frei in neue Projekte investieren konnten." Und im Erfolgsfall kam nochmal gut was oben drauf. "Ein großes Glück für jede Produktionsfirma! Insbesondere für die etwas kleineren Independent-Produktionen, die bei den Filmpreisen oft nominiert sind. Der Deutsche Filmpreis war damit der einzige Preis der öffentlichen Bundesfilmförderung, in dem das fertige Ergebnis, das eigentliche Filmkunstwerk ausgezeichnet wird, nicht die gute Absicht, der beste Antrag, die Erwartungen einer anonymen Kommission."

Weitere Artikel: Felicitas Kleiner bietet im Filmdienst einen Überblick über das Programm des kommenden Filmfestivals in Venedig. Besprochen werden Natja Brunckhorsts Wendekomödie "Zwei zu Eins" (Perlentaucher, Artechock), Nicolas Philiberts Dokumentarfilm "Averroès & Rosa Parks" (taz, Artechock), Quentin Dupieuxs Biopic-Komödie "Daaaaaalí" (NZZ), Shawn Levys Superheldenfilm "Deadpool & Wolverine" (FAZ, NZZ, FR, Artechock), die auf Disney+ gezeigte Serie "The Veil" (FAZ) uind das auf Apple TV+ gezeigte Serien-Remake von Terry Gilliams Science-Fiction-Klassiker "Time Bandits" (taz). SZ und Filmdienst bieten außerdem einen Überblick über die wichtigsten Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2024 - Film

In der SZ ärgert sich Filmproduzenten-Legende Günter Rohrbach darüber, dass der Deutsche Filmpreis nach Claudia Roths Verfügung künftig undotiert sein wird: Auf elf Produktionen wurden dabei immerhin annähernd drei Millionen Euro verteilt - an die Bedingung geknüpft, dass diese in neue Produktionen investiert werden müssen. "Was das für ein Film sein würde, wollte man den Produzenten überlassen, denn gerade darin, in diesem Moment von Freiheit, entfaltete sich der Lohn für die künstlerische Leistung." Diese Mittel wandern nun wieder in die Töpfe, für die man Anträge stellen muss. Aber "der deutsche Film braucht keine zusätzliche Kulturförderung, er ist jetzt schon mehr Kultur, als der Markt überhaupt aufnehmen kann. Woran es uns Deutschen offenbar mangelt, ist die Fähigkeit zu guter Unterhaltung." Diese "überlassen wir weiterhin den Amerikanern, ohne die es die großen Kinohäuser in unseren Städten nicht mehr gäbe. Wir dagegen pflegen fleißig unser Kulturgärtchen."

Weitere Artikel: Im Filmdienst erinnert Leo Geisler an Sidney Lumets "Hundstage". Besprochen werden Thomas Arslans "Verbrannte Erde" (Jungle World, unsere Kritik hier) und Natja Brunckhorsts Ost-West-Komödie "Zwei zu Eins" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2024 - Film

Gedenkübung: RP Kahls "Die Ermittlung"

Eher ratlos steht Tobi Müller von Zeit Online vor RP Kahls Verfilmung von "Die Ermittlung", Peter Weiss' Theaterarbeit aus dem Jahr 1965 über den ersten Frankfurter Auschwitzprozess, das "wohl wichtigste deutsche Theaterstück der Sechzigerjahre". Dass Carlo Chatrian den Film nicht zur Berlinale eingeladen hat, kann Müller nun besser verstehen, den Protest dagegen hingegen weniger. "Die Pressetexte zum Film bewerben ihn als 'ein künstlerisch radikales Filmprojekt!' Aber was ist radikal daran, ein Theaterstück abzufilmen? ... Für wen ist diese neue Ermittlung gemacht? Für jüngere Menschen, die man damit bilden könnte oder sollte, wären vier Stunden praktisch bewegungslose Einstellungen im Studio eine sehr hohe Hürde. Liebhaber der Theatergeschichte? Der Film fügt den berühmten Inszenierungen kaum etwas hinzu, erst recht nichts Radikales. Dritte Möglichkeit, nach langem Nachdenken: Der Film ist als eine Art Gedenkübung gedacht, als Teil der deutschen Erinnerungskultur, um sich dem Thema in einem gemeinschaftlichen Raum auszusetzen. Allein: Dazu ist das Theater der bessere Ort, gerade wenn man von der Bühnenästhetik so wenig abweicht wie dieser Film. "

Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfestival in Odessa und verzeichnet, wie im ukrainischen Kino - das seit einer Reform von 2020 stärker in den ukrainischen Staat eingebunden ist - Verhandlungen von Identitätsfragen und ein ästhetischer Konservatismus stärker werden. Daneben sind Spuren auszumachen, wie die Ukraine sich selbst in der Zukunft sieht, "am deutlichsten vielleicht in 'Yasa' von Sergii Masloboischtschikow, dem ehrgeizigsten Film im Nationalen Wettbewerb. Ein Kammerspiel wie früher bei Ingmar Bergman, mit zwei Frauen in einem neureichen Ambiente, wie es so nur oligarchischen Konstellationen entstammen kann. Die ältere Hanna, die eine junge Frau namens Darka von einem Kriegstrauma befreien will, das diese im Donbass erlitten hat, ist eine Figur der alten Systeme: einflussreich geworden unter dem Präsidenten Janukowitsch, versucht sie bis heute, auf allen Seiten gleichzeitig zu stehen. Sie verzweifelt an Darka. Und dieser Generationenkonflikt, hier in einem künstlerisch überladenen Prestigefilm, wird die Ukraine prägen."

Weitere Artikel: Reinhard Kleber erzählt im Filmdienst von seiner Begegnung mit Peter König, der als Filmagent Kinos mit Filmen versucht. Maxi Leinkauf porträtiert im Freitag die Schauspielerin Ursula Werner, die aktuell im Kino in "Zwei zu eins" zu sehen ist. Mit der Regisseurin dieses Films, Natja Brunckhorst, hat sich Bert Rebhandl für die FAS getroffen. Sandra Kegel berichtet in der FAZ von den Dreharbeiten zu Niki Steins ARD-Film "Stammheim - Hauptstadt der RAF". Die gemütliche RTL-Krimireihe "Miss Merkel", in der eine fiktive Variante der Altbundeskanzlerin Kriminalfälle ausknobelt, hat im italienischen Fernsehen ansehnliche Einschaltquoten, meldet Daniele Muscionico in der NZZ.

Besprochen werden Shawn Levys Superhelden-Film "Deadpool & Wolverine" (Presse, Standard, Welt) und die Netflix-Doku "Skywalkers: A Love Story" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2024 - Film

Szene aus "Die Ermittlung"


RP Kahls Film "Die Ermittlung" nach Peter Weiss' Stück über den Auschwitz-Prozess 1963, ist schwer auszuhalten, aber man sollte es versuchen, meint Jürgen Kaube in der FAZ. Man sieht und hört kein Drama, keine Tränen, kaum Emotionen, nur Aussage nach Aussage: "Die Wahrheit des Satzes, dass die Kamera, anders als der Zuschauer im Theater, alles sieht, wird spürbar. Wenn Sabine Timoteo als Zeugin Nummer 17 unter ihrer Aussage zum Individuum wird, obwohl sie doch nur Zeugin 17 ist, entanonymisiert der Film die Opfer, die Weiss mehr als Kollektiv betrachtet hatte. Denn wir spüren sogleich, dass dieses Absehen von Gefühlen bei ihnen und den Tätern einen ganz anderen Hintergrund hat. Die einen geben sich, als wäre in Auschwitz gar nichts Außerordentliches geschehen, die anderen bezwingen ihren Schmerz, weil sie wissen, dass das Ungeheuerliche als solches keine juristische Kategorie ist. ... Der Verteidiger, von Bernhard Schütz furchteinflößend als Relativierer der Untaten gespielt, zieht jede gezeigte Regung zum Beleg heran, die Zeugen hätten ein von Gefühlen getrübtes Bewusstsein."

Besprochen wird außerdem die Apple-Serie "Lady in the Lake" mit Natalie Portman (taz, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2024 - Film

Besprochen werden Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (NZZ), Roland Emmerichs Sandalenfilm "Those About to Die" (Zeit online, Ulf Lippitz unterhält sich mit dem Regisseur im Tsp über dessen Film), Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (SZ), Thomas Arslans Noir "Verbrannte Erde" (SZ), Levan Akins "Crossing - Auf der Suche nach Tekla" (FAZ), Natja Brunckhorsts Komödie "Zwei zu eins" über das Jahr 1990 in der DDR (FAZ) und Mike Hodges' "Croupier" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2024 - Film

Der deutsche Filmpreis Lola wird künftig nicht mehr mit drei Millionen Euro dotiert, meldet eine zufriedene Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Nach jahrelanger vergeblicher Kritik an der Lola-Vergabepraxis ist Schluss mit der fragwürdigen Vermischung von kultureller Filmförderung und Gewinner-Kür durch die Deutsche Filmakademie. Seit 2005 haben die Mitglieder der Filmakademie per Mehrheitsbeschluss über die Vergabe von Fördermitteln, also Steuergeldern an die eigene Branche entschieden. Auch die Autorin dieser Zeilen hat gebetsmühlenartig auf den Missstand eines an Selbstbedienung grenzenden Procederes hingewiesen. Der Staat überließ seine höchstdotierte Exzellenz-Kulturförderung naturgemäß befangenen Filmschaffenden, die Preise an Freunde, Kollegen, Konkurrenten vergaben. Die Lolas wurden unweigerlich zur Konsensschleuder: Wenn über Kunst nicht gestritten, sondern abgestimmt wird, ist der Sieger nicht der wagemutige Film, die ästhetische Meisterleistung oder der virtuos-freche Publikumsrenner, sondern der kleinste gemeinsame Nenner. Dieser wurde dann mit Subventionen belohnt."

Weiteres: Zeit online meldet den Tod des Komikers Bob Newhart, hierzulande bekannt als Professor Proton in "The Big Bang Theory". Im Medienboard Berlin-Brandenburg wird es einen Führungswechsel geben, meldet Kurt Sagatz im Tagesspiegel: Sarah Duve-Schmid löst Mitte 2025 Kirsten Niehuus ab.

Besprochen werden Rose Glass' "Love Lies Bleeding" (taz, Spon), der Noir "Lady in the Lake" mit Natalie Portman bei Apple TV (BlZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (SZ) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Kleo" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2024 - Film

Szene aus Rose Glass' "Love Lies Bleeding"


In "Love Lies Bleeding" von Rose Glass spielt Kristen Stewart Lou, die Managerin eines Fitnessstudios, das in einer Kleinstadt in New Mexico liegt. Hier schlägt eines Tages die Bodybuilderin und Waffennärrin Jackie (Katy O'Brian) auf. Die beiden verlieben sich - "oder besser: sie verfallen einander auf diese verrückte und vollkommene Weise, die einem die Sinne gefährlich vernebelt", so Annett Scheffel in der SZ und bald hat Lou alle Hände voll zu tun, die Leichen wegzuräumen, die ihre Geliebte produziert. Der Film ist "ein mitreißender queerer Action-Thriller, wie man ihn noch nicht gesehen hat", schwärmt Scheffel. "Auf eine ganz eigene Art ist 'Love Lies Bleeding' Fetischkino. Die flirrenden Bilder von O'Brians anschwellenden Muskeln, die Kameramann Ben Fordesman in sinnlichen Szenen einfängt wie eine außerirdische Mondlandschaft, hinterfragen gängige Ideale von Weiblichkeit, ohne plattes feministisches Statement zu sein. Und das Begehren der beiden Frauen wird auf eine befreiende Weise intensiv und körperlich inszeniert. Immer angetrieben von Clint Mansells pulsierendem Elektro-Score."

Auch FAZ-Kritikerin Lili Hering kann sich mit dieser Mischung aus Sex und Gewalt anfreunden: "'Love Lies Bleeding' schlägt sich auf die Seite der Körper, deren Existenz stets in Gefahr ist: Normative Frauenkörper gilt es vielleicht zu verteidigen im klassisch-patriarchalen Kino, im Sinne des Machterhalts, wer aber verteidigt queere Körper?" Perlentaucher Michael Kienzl ist eher zwiegespalten, er bewundert zwar, wie Glass "die Verführungskraft von Körpern in Szene setzt. Vor allem Kristen Stewart gelingt es, die Kamera zu verzaubern, indem sie sich in verwegene Butch-Posen wirft, die von ihren feinen Gesichtszügen und sich nach Liebe sehnenden Augen gebrochen werden. Auch Ed Harris besticht durch seine Leinwandpräsenz." Aber es fehlt ihm am Ende an einer stringenten Erzählung.

Weitere Artikel: Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der schwedische Regisseur Levan Akin über seinen Film "Crossing - Auf der Suchen nach Tekla", der eine Georgierin in Istanbul auf der Suche nach ihrer trans Nichte Tekla begleitet. Fabian Tietke annonciert in der taz eine Retro des bengalischen Regisseurs Satyajit Ray im Berliner Arsenal. Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz über Streit um das üppig geförderte neue Berliner Filmfest Dokumentale, das bereits existierende, thematisch ähnlich gelagerte Festivals im Oktober, Dokuarts und das Human Rights Film Fest Berlin (HRFFB) zu verdrängen droht. Ekkehard Knörer schreibt in seiner dvdesk-Kolumne in der taz über das Gangsterfilm-Köln in "Schock" von Daniel Rakete Siegel und Denis Moschitto.

Besprochen werden Thomas Arslans "Verbrannte Erde" (FR) Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (Tsp, FR), Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (Welt, SZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (taz), Blandine Lenoirs Familiendrama zbd "Juliette im Frühling" (FR, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2024 - Film

Mann ohne Eigenschaften in einer Stadt ohne Eigenschaften: "Verbrannte Erde" von Thomas Arslan (PIffl)

14 Jahre nach "Im Schatten" (unsere Berlinale-Kritik) setzt Thomas Arslan mit "Verbrannte Erde" seiner Berliner Gangster-Reihe um den kühl-wortkargen Profi-Einbrecher Trojan (Mišel Matičević) fort - was auch dem Abstand in der erzählten Zeit des Films entspricht. Berlin hat sich seitdem verändert, schreibt Michael Meyns in der taz, nicht ohne Hinweis darauf, dass Arslan seit den Neunzigern auch ein Chronist der räumlichen Gegebenheiten dieser Stadt ist und der Menschen, die sich dadurch bewegen. "Angesichts seiner professionellen, unterkühlten Art könnte man meinen, dass Trojan ideal in das neue, geschäftige Berlin passen würde, eine Stadt, der zunehmend die Ecken und Kanten abhanden kommen, in der Brachen rar werden, in der langweilige Investorenarchitektur vermehrt das Stadtbild prägt." Angesichts der voranschreitenden Uniformität der Metropolen "wirkt es fast schon konsequent, dass auch Berlin, diese ewige Möchtegern-Weltstadt, immer austauschbarer und uniformer wird, dass sich ein Gangster wie Trojan durch eine Stadt ohne Eigenschaften bewegt, keine Spuren hinterlässt und am Ende, mal wieder, verschwindet."

Der erste Teil "war ein Film über eine Stadt, in der eine neue, eiskalt kalkulierende Härte dabei war, mit den Überbleibsel einer älteren, historisch gewachsenen, proletarisch geprägten Alltagskultur aufzuräumen", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. "'Verbrannte Erde' ist ein Film über eine Stadt, in der dieser Prozess abgeschlossen ist." Zu bewundern ist hier "ein Regiestreich eines Genregenies", jubelt Andreas Platthaus in der FAZ, zu erleben "ein Strom von Einstellungen aus einem Berlin, das weder Nostalgiesehnsüchte befriedigt, noch Zukunftshoffnungen bereitstellt, sondern in der Unwirtlichkeit des architektonischen Gegenwartspopanz Hauptstadt eine Kulisse der Kälte bietet, die selbst einen so kühlen Kopf wie Trojan frösteln lässt. Film Noir - das ist die Desillusionierung unserer Erwartungen an eine prästabiliert scheinende Welt."

Besprochen werden außerdem Rose Glass' lesbische Thriller-Romanze "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart ("ein Neo-Noir, aus dessen Schweißporen das Kino der frühen 90er quillt" und der "Stewart und ihren Co-Star Katy O'Brian in den Olymp queerfeministischer Göttinnen katapultiert", schwärmt Valerie Dirk im Standard) und die RTL-Reality-Serie "The Real Housewives of Munich" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2024 - Film

Die löchrige Schönheit des Vergangenen: "Madame Tschaikowksi" von Kirill Serebrennikow

Kirill Serebrennikow fokussiert in seinem neuen Film "Madame Tschaikowski" auf die Ehe von Antonina Miljukowa und Peter Tschaikowski, die de facto nur auf dem Papier geschlossen wurde - und vor der der Komponist aufgrund seiner Homosexualität buchstäblich Reißaus nahm, zum Leid von Miljukowa, die sich offenbar in einer authentischen Liebesbeziehung wähnte. Tschaikowskis Homosexualität ist in Russland bis heute - oder vielleicht: gerade heute wieder - ein Tabu, schreibt Andreas Kilb online nachgereicht in der FAZ: "Das Denkmal, das ihr Serebrennikow setzt, hat ein Doppelgesicht: Es blickt zurück in eine Zeit, in der Homosexualität ebenso verboten war wie weibliche Autonomie, und voraus in eine Zukunft, in der beides selbstverständlich geworden sein wird. Auf der Schwelle zwischen beiden steht Serebrennikows Film. Da er nicht sehen kann, was kommt, hüllt er sich in die Schönheit des Vergangenen. Aber diese Schönheit ist löchrig: Sie lässt den Schrecken durchscheinen, der hinter ihr steckt, und die Sehnsucht danach, die Hüllen und Kostüme endlich fallen zu sehen. So muss es sein."

Weitere Artikel: Das Team von critic.de wirft Schlaglichter auf die schönsten Entdeckungen beim Festival "Il Cinema Ritrovato" in Bologna, dem alljährlichen Sommer-Pilgerort für Filmhistoriker. Mariam Schaghaghi spricht für Frankfurter Allgemeine Quarterly ausführlich mit Sean Penn über dessen jahrelanges Engagement in Krisenregionen von Haiti bis zur Ukraine. Nadine Lange spricht für den Tagesspiegel mit dem Filmemacher Levan Akin über dessen queeren Film "Crossing". Disney begann einst mit Animatiosfilmen und eröffnete dann ein Vergnügungspark-Franchise, der Europa-Park in Rust war zunächst ein Vergnügungspark und will nun dick ins Animationsfilmgeschäft einsteigen, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Besprochen werden Ross Glass' "Love Lies Bleeding" mit Kristen Stewart (Tsp) und Élise Girards "Sidonie in Japan" mit Isabelle Huppert (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2024 - Film

Besprochen werden Blandine Lenoirs "Juliette im Frühling" nach Camille Jourdys Comic "Gespenster kehren im Frühling zurück" (Tsp) und Greg Berlantis RomCom "Fly Me To The Moon" mit Scarlett Johansson (NZZ, unsere Kritik).