Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3647 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 365

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2025 - Film

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer knickt vor den Streamingdiensten ein, lautet der Befund der Analyse von Thomas E. Schmidt und Katja Nicodemus auf Zeit Online. Ein aktuell kursierendes Papier zum Stand der Verhandlungen - sollen Netflix und Co. per Gesetz zur Investition in die deutsche Filmproduktion gezwungen werden oder nicht - lasse keinen anderen Schluss zu. Die hohen Beträge, die dem deutschen Film künftig dennoch zukommen würden, seien "eher Blenderei". Im anvisierten Freiwilligenmodell stellen die Streamer "1,83 Milliarden Euro für fünf Jahre in Aussicht. Das entspricht bloß in etwa dem bisherigen Investitionsaufkommen." Laut Produktionsallianz "sind Weimers Zahlen zudem veraltet (Stand von 2022) und würden das prognostizierte Wachstum der Streamingdienste nicht berücksichtigen".

Barbara Schweizerhof ist sich im Freitag uneins, was sie von der geplanten Übernahme von Warner durch Netflix halten soll. Droht damit wirklich das Ende des Kinos, wie manche bereits rufen? Ein Blick auf die Zahlen: "Zwölf bis 13 Filme bringt Warner jedes Jahr in die Kinos", zumindest in diesem Jahr war "ein Großteil der umsatzstärksten Filme dabei. Was sich in den ersten Antworten von Netflix-Chef Ted Sarandos abzeichnet, scheint die Neuverhandlung der 'Auswertungsfenster', also darüber, ob ein Film zwei, drei oder zehn Wochen nach Kinostart über Streaming erhältlich ist. ... Andererseits ist das Kino ein so wichtiges Standbein von Warner, dass die Übernahme keinen Sinn ergibt, wenn man an diesem Geschäftszweig so gar nicht interessiert ist. Oder macht sich hier tatsächlich der Vampir zum Blutbankverwalter?"

David Steinitz spricht in der SZ mit James Cameron über dessen neuen "Avatar"-Film. Was den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Filmproduktion angeht, zeigt er sich als Pionier der Tricktechnik tiefenentspannt: "Ich glaube, kaum jemand" wird arbeitslos und noch habe die VFX-Branche selbst in der Hand, ihre Jobs zu retten: "Die großen Studios müssen sparen, also machen sie weniger große, effektlastige Filme. Das spüren die Unternehmen schon jetzt brutal. Wenn sie mit KI einen Weg finden, die Sache günstiger hinzubekommen, fliegen sie nicht aus dem Geschäft, sondern kommen dadurch überhaupt erst wieder rein." Denn "um KI fürs Kino zu verwenden, braucht es filmspezifische Lösungen. Das ist den großen KI-Firmen aber, pardon, scheißegal. Die interessieren sich nicht für Hollywood, weil das ein kleiner Markt ist. Die haben die komplette Menschheit als Kunden im Visier."

Weitere Artikel: Tobias Sedlmaier erinnert in der NZZ anlässlich der Literaturnobelpreisverleihung an László Krasznahorkai an das "formstrenge, radikale Kunstkino", das der ungarische Schriftsteller als Drehbuchautor gemeinsam mit Béla Tarr realisiert hat. Fabian Tietke blickt im Filmdienst zurück auf das einjährige Experiment des geschichtsträchtigen Berliner Kino Arsenals, das die Zeit zwischen Verlust der alten und Eröffnung der neuen Spielstätte damit überbrückt hat, Programm in anderen Kinos zu machen. Ausgehend von einer Schreibblockade angesichts eines nichtssagenden Film macht sich Patrick Holzapfel in einem großen Filmdienst-Essay Gedanken über Sprache und Filmkritik. Die Welt hat Hanns-Georg Rodeks Bericht darüber, wie Achim von Borries Wolfgang Beckers letzten, in der taz besprochenen Film "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" vollendet hat, online nachgereicht.

Besprochen werden Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Filmcollage "The Clock" (taz, mehr dazu hier), die Ausstellung "Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum Berlin (SZ, mehr dazu bereits hier) und der NDR-Film "Prange - Man ist ja Nachbar" mit Bjarne Mädel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2025 - Film

Die Auseinandersetzungen um die geplante Warner-Übernahme durch Netflix halten an. Nun wendet sich Paramount direkt an die Warner-Auktionäre und erhöht das Angebot auf 108 Milliarden Dollar, melden die Agenturen. Paramount wurde kürzlich von Larry Ellison übernommen, der Trump sehr nahe steht. Außerdem ist "unter den Geldgebern auch die Investmentfirma Affinity Partners von Jared Kushner, der ein Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump ist." Anders als Netflix möchte Paramount dabei auch den trump-kritischen Nachrichtensender CNN schlucken, der zu Warner zählt. Laut Guardian gab es bereits vor einigen Wochen Gespräche zwischen Ellison und Trump, welche CNN-Moderatoren im Falle einer Übernahme geschasst werden sollen. Netflix hingegen steht den Demokraten sehr nahe. Nina Rehfeld betont aber in der FAZ: "Auf politische Geschmeidigkeit versteht man sich dort ebenfalls. So hatte der Konzern 2018 der Forderung der saudischen Regierung nachgegeben, eine Episode aus Hasan Minajs Comedyshow 'Patriot Act', die die Verschleierung des Mordes an dem Washington-Post-Journalisten und Dissidenten Jamal Kashoggi unterstrich, in Saudi-Arabien aus dem Programm zu nehmen."

Die Filmkritiker sorgen sich derweil ums Kino. Nach Ansicht von Hanns-Georg Rodek (Welt) handelt es sich um "eine zutiefst feindliche Attacke, die ins Herz von allem zielt, was wir seit 130 Jahren als Kino kennen." Mit Warner würde sich Netflix auch den filmischen Zugriff auf die DC-Comicwelten rund um Bat- und Superman sichern und stünde damit direkt dem Disney-Konzern gegenüber, dem wiederum das Superhelden-Portfolio von Marvel gehört. Dietmar Dath fürchtet im FAZ-Kommentar, dass "so ein Rüstungswettlauf eher für die Angleichung von Storyrezepturen und audiovisuelle Presswurstästhetik sorgt. ... Und was dem Weltkulturerbe der Warner-Archive (...) an KI-Bearbeitungsverhunzung droht", mag Dath sich am liebsten gar nicht erst ausdenken.

Philipp Bovermann erinnert in der SZ kenntnisreich und lesenswert an die Wirtschaftsgeschichte Hollywoods. Seit 1948 wurden die Studios von der Politik eingehegt, erst Reagan deregulierte die Industrie, sodass jede Menge branchenfremdes Geld sprudelte, was zu wildesten Konglomeraten und bei Warner alle paar Jahre zu neuen Konzern-Konstellationen führte. Was sich momentan abspielt, "ist im Grunde ein Kampf, den die Streamer mit viel Geld von außerhalb der Filmbranche führen gegen das, was von den Strukturen des alten Hollywood noch übrig ist. Zeitweise hatten auf den Plattformen auch anspruchsvolle, originelle Stoffe Platz, zur Zeit der niedrigen Zinsen nämlich. ... Nun ist die Phase des günstigen Geldes und des Werbens um Kunden vorbei. Netflix hat den Kampf der Streamer untereinander weitgehend gewonnen. Und es scheint auch den Kampf gegen Hollywood zu gewinnen."

Weiteres: Jan Küveler spricht für die Welt mit Stellan Skarsgård. Die SPD erhöht in Sachen Filmförderung den Druck auf Kulturstaatsminister Weimer, berichtet Helmut Hartung in der FAZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2025 - Film

Bei der geplanten Übernahme des Hollywood-Traditionsstudios Warner durch Netflix "geht es um nichts Geringeres als die Zukunft der Entertainmentbranche", schreibt Heike Buchter auf Zeit Online. Schließlich "würde mit dem algorithmisch feinjustierten Streamingdienst das Silicon Valley endgültig über das traditionelle Hollywood triumphieren." Doch "im Weißen Haus zeichnet sich erster Widerstand ab: Man stehe einem Verkauf an Netflix 'äußerst skeptisch' gegenüber, erklärte ein Vertreter der Trump-Regierung in einem Gespräch mit dem Börsensender CNBC. Die zuständigen US-Wettbewerbsbehörden sind zwar eigentlich unabhängig von der Administration, aber während der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten Donald Trump hat sich bereits gezeigt, dass es damit nicht weit her sein muss."

Die Vorbehalte der US-Regierung könnten auch mit Seilschaften hinter den Kulissen zu tun haben, von den auch Buchter schreibt. Die dpa (etwa hier bei heise online) mit Details: "Unterlegener Bieter ist der Hollywood-Rivale Paramount, der erst vor wenigen Monaten von der Familie des als Trump-Unterstützer bekannten Software-Milliardärs Larry Ellison übernommen wurde. Medienberichten zufolge ging Paramount angesichts der guten Beziehungen zum Weißen Haus zuvor davon aus, sich durchsetzen zu können. Paramount wollte - anders als Netflix - den gesamten heutigen Konzern Warner Bros. Discovery kaufen, zu dem auch Fernsehsender wie CNN gehören. Der Nachrichtensender, der oft kritisch über Trump berichtet, ist dem Präsidenten ein Dorn im Auge."

Die SZ konnte Einsicht in den aktuellen Stand der Verhandlungen des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer mit den Streamingdiensten um Verpflichtungen, in deutsche Filme zu investieren, nehmen. Die deutschen Produzentenverbände wünschen sich bekanntlich eine Verpflichtung per Gesetz, Netflix und Co ziehen naturgemäß eine freiwillige Selbstverpflichtung vor. Auf letzteres wird es nun wohl hinauslaufen, schreibt David Steinitz. Mit 15 Milliarden Euro (inkl. der Mittel von ARD und ZDF und der Privaten) könne der deutsche Film in den nächsten fünf Jahren wohl rechnen, doch "das Papier macht keinen Hehl daraus, dass diese zunächst gigantisch klingende Summe niedriger ist, als es wohl die Einnahmen durch eine gesetzliche Lösung sein könnten. Aber das Geld käme nun mal schneller, wenn man nicht erst um ein Gesetz vor Gericht streiten müsse. ... Die Produktionsallianz argumentiert, es handele sich teils um Gelder, die die Streamer ohnehin in Deutschland ausgegeben hätten. ... Die von Weimer präsentierten Lösungen halbierten das Potenzial, das man mit einer gesetzlichen Lösung erreichen könne."

Außerdem: Für den Standard spricht Valerie Dirk mit der nordmazedonischen Regisseurin Teona Strugar Mitevska über deren mit Punk- und Hard-Rock unterlegtes Mutter-Teresa-Biopic "Teresa". Hans-Jürgen Syberberg wird heute 90 Jahre alt: Jürgen Kaube (FAZ) und Fritz Göttler (SZ) führen durch dessen eigensinniges Kino. Auf critic.de empfiehlt Annette Brauerhoch Will Trempers Berlinfilm-Klassiker "Die endlose Nacht", der aktuell in der ARD-Mediathek steht.

Besprochen werden die 3sat-Dokuserie "Der Anschlag" über die Folgen des islamistischen Terroranschlags auf den Berliner Breitscheidplatz vor neun Jahren (Tsp), Amos Guttmans "Amazing Grace" aus dem Jahr 1992, der nun erstmals in Deutschland digital zugänglich ist (FD), Alice Douards "15 Liebesbeweise" über ein französisches lesbisches Paar, das ein Kind adoptieren will (taz, unsere Kritik) und Arne Feldhusens neuer Stromberg-Kinofilm (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2025 - Film

Das ist eine Zäsur, die Filmgeschichte schreiben wird: Sollten die Kartellbehörden dem Vorhaben zustimmen, übernimmt Netflix für 83 Milliarden Dollar das Hollywood-Urgestein Warner - der Deal umfasst TV- und Filmstudios genauso wie einen filmhistorisch gewaltigen Fundus von tausenden Filmen und noch mehr Serien, Teile von HBO sowie die Rechte an zahlreichen, schwergewichtigen Franchises und Marken. In der Branche beobachtet man das Geschehen mit erheblichen Bedenken. Es wird "zu einigen Umwälzungen in Hollywood führen", ist Tobias Sedlmaier in der NZZ überzeugt. "Lange war es ein Teil der Geschäftsstrategie von Netflix, nicht auf die Kinoauswertung zu setzen. ... Bis zum Jahr 2029 ist die Kino-Auswertung von Warner-Produktionen vertraglich auf jeden Fall gesichert. Danach könnten im schlimmsten Fall jedoch künftig noch mehr Filme aus den Kinos abgezügelt werden - und Netflix könnte die ohnehin volatile Kinolandschaft weiter schwächen." In der FR zitiert Adam Arndt aus Pressemitteilungen zum Deal.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Weiteres: Hanns-Georg Rodek erzählt in der WamS die Geschichte, wie der letztes Jahr verstorbene Wolfgang Becker Achim von Borries dazu erkoren hat, seinen letzten Film "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" (nach dem gleichnamigen Roman von Maxim Leo) zu vollenden. Es ist der Film, schreibt Bert Rebhandl in der FAS, auf den nach "'Good Bye Lenin' ... viele gewartet haben - keine Fortsetzung, aber noch einmal ein großer, heiterer Versuch über die Bilder, die von der DDR kursieren". In der FAS wundert sich Lea Streisand darüber, dass die ARD-Animationsserie "Fritzi und Sophie" zwar die Wendezeit aus Perspektive zweier Mädchen in Leipzig erzählt, die Figuren dabei aber "astreines Hochdeutsch" sprechen lässt. Der Filmdienst kürt die besten BluRays des Jahres. Besprochen wird der neue Stromberg-Kinofilm (Welt).
Stichwörter: Netflix, Warner, Hollywood

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.12.2025 - Film

Häufiger im Bild: Claude Lanzmann (Colletion Shoah)

Dietrich Leder führt für den Filmdienst ausführlich durch Guillaume Ribots aktuell bei Arte online stehendem Dokumentarfilm "Ich hatte nur das Nichts", in dem der Filmemacher anhand des von Claude Lanzmann hinterlassenen Konvoluts (hier online beim United States Holocaust Memorial Museum) an Film- und Audioaufnahmen die zwölfjährige Entstehung und Produktion von "Shoah" (aktuell online bei Arte) rekonstruiert. Spannend findet Leder, dass in diesem Film "etwas Drittes, Neues entsteht. ... Nun erkennt man die unterschiedlichen Rollen, die Lanzmann bei den Dreharbeiten einnahm. Mal ist er der lockere Interviewer, der auf Menschen zugeht und sie unvermittelt nach ihren Erinnerungen befragt. Mal wirkt er ... wie ein cooler Halbstarker, der sich nichts sagen oder vorschreiben lässt. Mal versteht er sich als eine Art Detektiv, der nach den Orten sucht, in denen sich die Täter verstecken. Mal unterdrückt er jede Emotion, um die Täter, die er oft mit versteckter Kamera aufnimmt, in Sicherheit zu wiegen. Mehrfach zeigt er hingegen seine Zuneigung zu den Menschen." Deutlich werde aber auch, "dass die Gespräche mit den Tätern erst zustande kamen, als Lanzmann unter falschem Namen und mit der Legende eines staatlich bestallten Historikers auftrat."

Gespenst mit Agenda: Robert Habeck und Lars Jessen in "Jetzt. Wohin". 

Lars Jessens Kinoporträt "Jetzt. Wohin" über Robert Habecks zurückliegenden Wahlkampf und dessen Aufarbeitung nach dem sehr enttäuschenden Ergebnis lässt Lukas Foerster (Filmdienst) eher ratlos zurück. Dass Jessen als dessen Medienberater eng mit Habeck verbandelt ist, tut der Sache von vornherein nicht gut. "Insgesamt stellt sich die Frage nach dem 'Warum' dieses Films. ... Als 'Selbstbefragung' versandet der Film, als womögliche Comeback-Vorbereitung kommt er deutlich zu früh. Die derzeit vehement aufflammende Kritik an den öffentlichen Fördergeldern, mit denen der Film finanziert wurde, sollte man keineswegs als Teil einer - zweifellos real existierenden - rechten, anti-grünen Medienkampagne beiseitewischen." Es ist "ein Werk, das seine parteiisch-parteipolitische Agenda offen vor sich herträgt." In der NZZ stellt Len Sander fest: "Habeck ist zum Gespenst geworden".

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Weiteres: In seiner Filmkolumne für Artechock liest Rüdiger Suchsland unter anderem Georg Seeßlens Buch über Elon Musk, in dem der Film- und Kulturkritiker den Multimilliardär durch die Brille der Superhelden-Popkultur zu deuten versucht. Außerdem denkt Suchsland auf Artechock darüber nach, warum Hannah Arendt im Kino so anhaltend populär ist. Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der nordmazedonischen Filmemacherin Teona Strugar Mitevska, deren Film "Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten" (hier besprochen auf Artechock) diese Woche in die Kinos kommt. 
Außerdem melden die Agenturen, dass Netflix im Bieterkampf um Warner Bros. erhebliche Ambitionen zeigt, das Hollywood-Urgestein zu schlucken.

Besprochen werden Joachim Triers "Sentimental Value" ("Die Umwege, die der Film einschlägt, sind mitunter mehr darum bemüht, ambivalent und kunstsinnig zu erscheinen, als den Film zu bereichern", schreibt Michael Kienzl auf critic.de; Artechock), Felix Möllers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge" über die "Protokolle von Zion" (Artechock), Diego Céspedes' "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" (critic.de), Michael Koflers "Zweiland" (Artechock) und Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Filmcollage "The Clock" (Freitag, mehr dazu hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.12.2025 - Film

Monströse Einstellungen: "Magellan" von Lav Diaz

Ihr Filmverleiher dieses Landes, schnappt Euch Lav Diaz' neuen Film "Magellan" und bringt ihn ins Kino, ruft Jochen Werner im Perlentaucher - zumal das neue Werk des philippinischen Autorenfilmers, dessen Arbeiten gerne auch mal zehn Stunden dauern, mit unter drei Stunden Laufzeit geradezu verblüffend kurz und kinotauglich geraten ist. Zu sehen war der Film vor kurzem beim "Around the World in 14 Films"-Festival, das Ende des Jahres in Berlin ausgesuchte Kostbarkeiten der internationalen Filmfestivals präsentiert. Diaz erzählt die Geschichte des portugiesischen Seefahrers Ferdinand Magellan (gespielt von Arthaus-Liebling Gael García Bernal), im Westen ein heroischer Held auf hoher See aus philippinischer Perspektive und er betont dabei den Schrecken der Kolonialisierung. "Niemand, wirklich niemand im Weltkino kreiert derart monströse Einstellungen wie Diaz. Und verharrt dann in ihnen, bis es kaum noch aushaltbar ist." Doch "es passiert ungemein viel in diesen Filmen, in diesen Einstellungen - tatsächlich ist Lav Diaz der entschiedenste Regisseur des epischen Kinos, den es derzeit im Weltkino gibt. Oft über viele Jahre und Generationen hinweg erzählen seine Filme von der Gewalt und dem Wahnsinn, von den Schrecken der Geschichte und von denjenigen, die ihnen zum Opfer fallen." Und so auch hier, wenn Diaz "die jahrelange Seereise des Eroberers als Expedition in die Grausamkeit und den Wahnsinn kaum zu vergessender Bilder fasst".

Außerdem: Joachim Heinz spricht im Filmdienst mit Christoph Maria Herbst, der fürs Kino erneut in seine "Stromberg"-Rolle schlüpft (hier Kamil Molls unterwältigte Kritik im Filmdienst). Besprochen werden Alice Douards Debütfilm "15 Liebesbeweise" über ein lesbisches Paar, das in Frankreich ein Kind adoptieren möchte (Perlentaucherin Stefanie Diekmann lobt vor allem die Hauptdarstellerin: "Man möchte sich das Kino nicht mehr ohne Ella Rumpf vorstellen", Tsp), Joachim Triers an Bergman orientiertes Familien- und Künstlerdrama "Sentimental Value" (FR, SZ), Felix Moellers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge" über die gefälschten "Prokolle von Zion", einem Kerndokument für den Antisemitismus rechter, linker und muslimischer Ausprägung (FAZ), David Freynes origineller Liebesfilm "Eternity", der für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte in der Tradition von "Und täglich grüßt das Murmeltier oder "Being John Malkovich" steht (FR), Aimee Kuges auf BluRay erschienene feministische Horrorkomödie "Cannibal Mukbang", die den begeisterten taz-Kritiker Ekkehard Knörer nach mehr rufen lässt, Diego Céspedes' "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" (taz), Chris Niemeyers "Love Roulette" (NZZ), Lars Jessens Dokumentarfilm "Jetzt. Wohin. - Meine Reise mit Robert Habeck" (SZ) und die auf MagentaTV gezeigte Serienadaption von Peter Høegs Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.12.2025 - Film

Felix Möllers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge"

Äußerst aufschlussreich ist Felix Moellers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge" über die "Protokolle der Weisen von Zion", findet Chris Schinke in der taz. Moeller rekonstruiert, wie die reichlich obskure Schrift unbekannter Herkunft bis heute Folgen zeitigt. Das in ihr verbreitete Gerücht über eine jüdische Weltverschwörung findet in ganz unterschiedlichen politischen Lagern Anklang - bei der extremen Rechten ebenso wie bei Islamisten. Besonders wichtig ist laut Schinke, dass der "Filmemacher aufzeigt, dass moderner Antisemitismus im Verschwörungsgewand mitnichten eine Domäne Ungebildeter ist. Im Gegenteil, gerade bei einer gut vernetzten, popkulturell aufgeschlossenen Userschaft erfreut sich die Ideologie, die hinter sämtlichen Negativerscheinungen unserer Zeit das finstere Wirken von Zionisten wähnt, großer Beliebtheit. Popgrößen wie Kanye West, der Deutschrapper Kollegah, Xavier Naidoo bedienen sich ihrer ebenso wie Tech-Milliardär Elon Musk. Zionismus und Zionisten erscheinen in diesen Kontexten vielmehr als Codewörter denn als beschreibende Kategorien."

Im Tagesspiegel ist Gunda Bartels mit Teona Strugas unkonventionellem Mutter-Teresa-Biopic "Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten" durchaus zufrieden: "Eine fahrige Handkamera, Close-ups auf die angespannten Züge der Schwedin Noomi Rapace, die eine viel zu schöne Mutter Teresa abgibt, E-Gitarrenriffs und Anleihen an das Genre der Nonnen-Horrorfilme, wenn Teresa von Alpträumen geplagt wird, verleihen Mitevskas Inszenierung einer unerbittlichen Frau Drive und Dringlichkeit. Wenn in einer der Tagtraum-Sequenzen die Nonnen dann zum Song 'Hard Rock Halleluja' von Lordi auf dem Konventsflur headbangen, kommen allerdings kurzfristig Assoziationen an Whoopi Goldberg in 'Sister Act' auf."

Weitere Artikel: Jana Stegemann und Thore Rausch berichten in der SZ über anhaltende Kritik an der ARD-Dokumentation "Being Jérôme Boateng". Wo bleiben neue Weihnachtsfilmklassiker, fragt sich Valerie Dirk im Standard.

Besprochen werden Michael Koflers Südtiroldrama "Zweitland" (critic.de), die ZDF-Serie "Toxic Tom" (SZ), die HBO-Serie "I Love LA" (Zeit Online), Joachim Triers Familiendrama "Sentimental Value" (FAZ), Arne Feldhusens "Stromberg - Wieder alles wie immer" (Tagesspiegel, Zeit Online), die ZDF-Serie "I am the Greatest" (Welt), die SRF-Doku "Inside Gstaad Palace" (NZZ) und die letzte Staffel der Serie "Stranger Things" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.12.2025 - Film

IndieWire meldet unter Rückgriff auf eine Pressemitteilung des Filmjournalisten Mansour Jahani, dass Jafar Panahi, der sich gerade in den USA aufhält, im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis und zwei Jahren Ausreiseverbot verurteilt wurde. Vorgeworfen werden dem international preisgekrönten iranischen Autorenfilmer mal wieder diffuse "Propaganda-Aktivitäten" gegen die politische Führung Irans.

Kirk Morris, ein Körper wie ein Keil: "Sansone contra i Pirati" begeistert auch im Standgas

Das Team von critic.de sendet Notizen vom Karacho-Filmfestival, das in Nürnberg ausgesuchte Preziosen aus dem Fundus des Actionfilms von historischen 35mm-Kopien zeigt. Auch der italienische, "Peplum" genannte Sandalen- und Muskelfilm nach Herkules-Manier wurde dabei in Form von Tanio Boccias (im Genre an sich eher zweit- bis drittklassigem) "Sansone contra i Pirati" gewürdigt, der sich durch Action gerade nicht auszeichnet, wie Tilman Schumacher dennoch ganz bezaubert berichtet: "Unverhofft sehen wir so etwas wie die James-Benning-Variante eines Peplum. ... Das Scopebild steht statisch und gibt einen Waldweg preis. Überaus gemächlich ziehen Figuren von links nach rechts hindurch. ... So einen Einschub von Slow Cinema gibt's nicht nur ein oder zweimal, sondern zigfach zu bestaunen." Auch ansonsten "herrscht Stillstand. Auffällig immer dann, wenn er uns seinen 21-jährigen Jüng-/Schönling Kirk Morris und damit seinen Muckimann in voller Pracht präsentiert. Viel häufiger als in Aktion begriffen, steht er einfach statuenhaft da. Sein öliger Oberkörper gleicht einem Keil. ... Unsubtil (homo-)erotischer Camp, bei dem erstaunt, dass er noch nicht von der Pop- und Undergroundkultur geadelt wurde."

Außerdem: In der taz berichtet Serena Bilanceri von dem palästinensischen Aktivisten Issa Amro, der im Westjordanland ein Kino einrichten will und sich permanent gegen die Angriffe radikaler israelischer Siedler zur Wehr setzen muss. Till Kadritzke und Hannah Pilarczyk sprechen im critic.de-Podcast mit Julian Radlmaier über dessen neuen Film "Sehnsucht in Sangerhausen". Besprochen werden Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Videoinstallation "The Clock" (FAZ, mehr dazu bereits hier), Joachim Triers Familien-Tragikomödie "Sentimental Value" mit Stellan Skarsgård (Tsp), Cédric Jimenez' Actionthriller "Zone 3" (taz), Stéphane Sorlats Dokumentarfilm "Das Geheimnis von Velazquez" über den Maler Diego Velázquez (NZZ) und die auf MagentaTV gezeigte Serienadaption von Peter Hoegs Roman "Smillas Gespür für Schnee" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.12.2025 - Film

Beim nächsten Mal wird alles anders: "I Am The Greatest" (Arte)

Claudia Tieschky schwärmt in der SZ von Mark Waschkes und Katharina Starks auf ZDF und Arte laufender Kurzepisodenserie "I am the Greatest", die einst als No-Budget-Guerilla-Projekt begann, dann aber von den Öffentlich-Rechtlichen unter die Fittiche genommen wurde. Die Serie erzählt von all jenen Alltagsepisoden, nach denen man sich noch lange fragt, wie man eigentlich viel lieber reagiert hätte. "Radikale Filme können wahnsinnig nerven, dieser hier macht überraschend glücklich mit seinem Freestyle zwischen Experimentalfilm-Bedingungslosigkeit, Kostnix-Anmutung und dem ganz, ganz großen Reinkriechen in die Gedanken seiner Heldinnen und Helden - in die geheimsten, widersprüchlichsten, verwirrendsten Empfindungen, die im Kopf parallel zum äußeren Geschehen ablaufen und mit dieser äußeren Realität (das ist die Komik und Tragik der Sache) nur bedingt zu tun haben. Die Szenen wirken locker und improvisiert, aber die als Voice-over eingesprochenen Gedankenwelten sind schreiberisch psychologische Präzisionsarbeit."

Weiteres: Andreas Kilb berichtet in der FAZ sehr beeindruckt von seinem Besuch in der Ausstellung "Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum Berlin, wo sich die Audioaufnahmen jener Gespräche erkunden lassen, die vor und während der Produktion von Lanzmanns (derzeit bei Arte online stehendem) Dokumentarfilm-Epos "Shoah" entstanden sind (mehr zur Ausstellung bereits hier). Der Tagesanzeiger bringt eine Übersetzung eines Gesprächs, das Nicolas Crousse für Le Soir mit Woody Allen geführt hat, der gestern 90 Jahre alt geworden ist. Denis Sasse denkt in einem Filmdienst-Essay über die gesellschaftsanalytischen Aspekte der "Zoomania"-Animationsfilme nach.

Besprochen werden Rian Johnsons dritter Teil seiner nach Vorbild von Agatha Christie konzipierten Krimireihe "Knives Out" (Welt), Derek Cianfrances Tragikomödie "Der Hochstapler" (FAZ) und Dan Farahs auf Amazon Prime gezeigter Dokumentarfilm "Das Zeitalter der Enthüllungen" über UFO-Glaube in den USA (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2025 - Film

Eine von sehr, sehr vielen Uhren in Christian Marclays "The Clock".

Nichts weniger als "vielleicht der beste Film der Welt" ist Christian Marclays "The Clock" laut Tagesspiegel-Autorin Birgit Rieger. Das monumentale, ganze 24 Stunden lange Werk, das sich entlang von Uhrzeiten durch die Filmgeschichte hangelt (oder umgekehrt), findet nun seinen Weg in die Berliner Nationalgalerie. Dort könnte der Andrang groß sein. Denn, so Rieger: "'The Clock' ist ein Publikumsrenner. Das Gefühl, das viele Besucher beschreiben: Sie wollten nur kurz bleiben und sind irgendwie hängen geblieben. Die so kunstvoll aneinander montierten Filmausschnitte, oft nur wenige Sekunden lang, entfaltet einen ungeheuren Sog." Freilich: "'Niemand soll sich verpflichtet fühlen volle 24 Stunden zu bleiben', sagt Marclay, der zur Eröffnung nach Berlin gekommen ist. Das sei ungesund. Alle hätten schließlich auch ein Leben."

Aber wie soll das überhaupt klappen: einen Film schauen, der einen ganzen Tag lang dauert? Bert Rebhandl geht in der FAS näher auf die Präsentation in der Nationalgalerie ein: "Marclay geht es um Konzentration, und er legt großen Wert auf die Sound-Ebene. Deswegen wird ein dunkler Raum in den transparenten Kubus von Mies van der Rohe gebaut, und man sieht eine Single-Channel-Installation, die man während des klassischen Tageseintritts also tagsüber besuchen kann. Zweimal wird es die Möglichkeit geben, einen gesamten Durchlauf des Films zu verfolgen, man kann sich dann über 24 Stunden hinweg einteilen, wie oft man vorbeischauen kann, oder auch ein sehr langes Picknick planen." Für die SZ trifft sich Johanna Adorján mit Marclay.

Einem anderen Mammutwerk der Filmgeschichte, nämlich Claude Lanzmanns "Shoah", widmet das Jüdische Museum Berlin derzeit eine Ausstellung. "Claude Lanzmann - Die Aufzeichnungen" präsentiert nicht den Film selbst, sondern Audio-Aufnahmen vor allem von Interviews, die der Regisseur vorab zu Recherchezwecken angefertigt hatte. FAS-Autor Jonathan Guggenberger ist ziemlich beeindruckt: "Die 26 Zeitzeugengespräche, die aus dem Archivmaterial montiert wurden, hört man im Ausstellungsraum via Audioguide. Auf anthrazitgrau umrandeten Screens laufen parallel dazu die Transkripte. Die Ausstellung ist schlicht gestaltet, was gut ist. In diesem Raum spricht nur die Geschichte. Und zwar in Form von Gespenstern. Losgelassen von Lanzmanns Kassettenbändern, rücken sie unvermittelt nahe und lassen uns in der konzentrierten Atmosphäre der Ausstellungshalle zu Mithörern schmerzhaft privater Gespräche werden."

Rosa Schmidt-Vierthaler in der Presse und Tobias Sedlmaier in der NZZ blicken auf die nun zu Ende gehende Serie "Stranger Things" zurück. David Steinitz spricht in der SZ mit Christoph Maria Herbst über dessen Paraderolle "Stromberg". Valerie Dirk blickt im Standard auf eine Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum Wien, die der schwedischen Regisseurin Mai Zetterling gewidmet ist. Christian Meyer würdigt in der SZ die im Alter von 94 Jahren verstorbene Schauspielerin Ingrid van Bergen. Kira Kramer nimmt sich in der FAZ noch einmal Matthieu Kassovitz' Banlieu-Klassiker "La Haine" vor. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ Woody Allen zum Neunzigsten.

Besprochen werden der neue Frankfurt-Tatort "Licht" (FAZ, FR), der Dokumentarfilm "Politzek - Voices that Defy the Kremlin" von Manon Loizeau, Jekaterina Mamontowa und Sascha Kulajewa (FAZ), ein Dokumentarfilm über den österreichischen Rockstar Wolfgang Ambros (taz), die Netflix-Dokuserie "The Beast in Me" (taz), "Zoomania 2" von Jared Bush und Byron Howard (critic.de), Ivette Löckers Dokumentarfilm "Unsere Zeit wird kommen" (Standard) und Joachim Triers "Sentimental Value" (taz).