In der FRsieht Judith von Sternburg die Aufführung kritischer. So überdreht kommt ihr das Ganze am Anfang daher, dass sie sich fragt, ob es sich nicht um eine "Parodie auf das Regietheater" handelt. Dann wird es aber besser: "Mit einer ernsten Ansprache Banquos wendet sich das Blatt. Es wird weit weniger gekreischt, Lady Macbeth sitzt auch mal still und spricht mit einer 'Puppe', die sie aus ihrem Königinnenmantel geformt hat, Macbeth, Niklas Herzberg, scheint mittlerweile resigniert, ist schon ein geschlagener Mann. Die Tafel, an der die Macbeths feiern wollten, bricht und bröselt wie ein Eisberg, stürzt in Zeitlupe in die Grube."
Außerdem: Im Nachtkritik-Interview mit Michael Wolf, erklärt der Dramatiker Wolfram Lotz seine sehr abstrakte Vision von einem "dialogischen" Theater der Zukunft.
Weitere Artikel: Michaela Schlagenwerth resümiert in der Berliner Zeitung die alarmierende Lage vom HAU Hebbel am Ufer und anderen Tanzhäusern, deren Etat in der gegenwärtigen Version von Claudia Roths Haushaltsentwurf stark gekürzt wurde. Egbert Tholl teilt in der SZ Eindrücke vom Kunstfest Weimar, wo er unter anderem die multimediale Konzertinstallation "The Weird & The Eerie" von Michael von zur Mühlen mit Thomas Köck und Andreas Spechtl von der Band "Ja, Panik" anschaut und -hört. In der FAZ resümiert Salomé Meier das diesjährige "Züricher Theaterspektakel".
Besprochen werden Peter Atanassows Inszenierung von Goethes "Faust" mit dem Gefängnistheater AufBRUCH auf der Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide (taz), die Solo-Performance "The Voice" von Rita Mazza in den Sophiensälen Berlin und und eine Aufführung von Christos Papadopoulos Tanzstück "Mycelium" vom Ballet de l'opera de Lyon, beides im Rahmen von "Tanz im August" (taz).
Sophie Klieeisen unternimmt in der FAZ eine Theaterfahrt durch den Osten. Was, wenn die AfD nach den anstehenden Landtagswahlen in Regierungsverantwortung gerät und ihre kulturpolitischen Vorstellungen umzusetzen beginnt? Besonders in einem Bundesland könnte es problematisch werden: "Anders als in Thüringen, wo Kulturminister Benjamin Hoff die Förderung der Theater in vorauseilender Sorge bis 2030 vertraglich fixiert hat, wird das in Sachsen geltende Kulturraumgesetz, das die Kulturförderung zur kommunalen Pflichtaufgabe erklärt hat, schon 2026 neu evaluiert, zwei Jahre nach einem möglichen Regierungswechsel in Sachsen. Und schon jetzt steht in Paragraph 3 Absatz 5 des sächsischen Kulturraumgesetzes: 'Ein Rechtsanspruch auf Förderung besteht nicht.'" Klieeisen warnt: "Gerade in ostdeutschen Theatern wie Bautzen, Eisenach und Senftenberg bilden Repertoire und Ensemble den gefährdeten Kern nicht mehr nur eines künstlerischen, sondern auch eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Denn was von der Bühne bleibt, wenn sich die Welt um sie herum radikal verändert, ist noch nicht abzusehen."
Rumpel-Pumpel-Theater: Das Hotel Weimar. (C) Candy Welz Passend dazu besucht Christine Dössel für die SZ eine Vorführung des Rumpel-Pumpel-Theaters, das, im Rahmen des Kunstfests Weimar, das Stück "Das Hotel im Karussell" auf die Bühne bringt. Ein Spaß nur für die Kleinen? Keineswegs: "Aber Kindertheater ist das, was Rumpel-Pumpel macht, nicht. Sondern: aberwitziges, unverschämtes, ungestümes Anarcho-Freilichttheater, so niedrigschwellig wie hochtourig, so unterfordernd wie übertrieben. Vordergründig daherkommend und dann doch auch hintersinnig. Hinterfotzig. Die Schaulust bedienend im Sinn von Jahrmarktsspektakel. Typen, Schmiere, Sensationen. Schmissig, pfiffig, ranschmeißerisch. Kurz: ein tolldreister Spaß." Auch Jakob Hayner in der Welt, Vincent Koch auf nachtkritik und Sophia Zessnik in der taz berichten vom Kunstfest Weimar.
Außerdem: Werner M. Grimmel sieht sich für die FAZ auf den Innsbrucker Festwochen um hat viel Freude mit der Oper "Dido".
Besprochen werden Stefan Kaegis Stück "Spiegelneuronen" in der Produktion von Sasha Waltz & Guests (Tagesspiegel), Lola Arias' Inszenierung des Musicals "The Days Out There" im Landestheater Niederösterreich (Standard), Philippe Quesnes Performance-Arbeit "Der Garten der Lüste" am Tangente-Festival St. Pölten (Standard) sowie eine "Faust"-Inszenierung des Berliner Gefängnistheaters "aufBruch" (Tagesspiegel).
Maxie Liebschner schaut sich für die taz die gut vernetzte Tanzszene in Dresden an und spricht mit Choreografin Cindy Hammer darüber, was gerade diese Stadt auszeichnet: Sie "beschreibt die zeitgenössische Tanzszene ihrer Stadt als vital und produktiv. Charakteristisch seien zudem die verschiedenen künstlerischen Handschriften und Organisationsstrukturen. Ihre eigene Truppe, die go plastic company, ist gut mit anderen Tanzstilen, Gruppen und Vereinen vernetzt. Das Besondere an Dresden ist eben die gute Vernetzung in der freischaffenden Szene. Hammer spricht über das 'Tanznetz Dresden'. Es biete Training für Profitänzer:innen, Austauschformate und verschaffe Raum für verschiedene Präsentationsformate an Dresdner Spielorten und in Kunsträumen. Dieses Netzwerk ist in dieser Form deutschlandweit wohl einmalig." Dieser Zusammenhalt sei gerade in Zeiten, in denen die AfD die Finanzierung bedroht, wichtig, betont Liebschner noch.
Weiteres: Der Standardblickt auf die anstehende österreichische Theatersaison.
Besprochen wird: "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" von Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) auf dem Zürcher Theaterspektakel.
Das Dresdner Zentrum der Künste Hellerau ist Teil des Bündnisses Internationale Produktionshäuser, dem laut aktuellem Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 möglicherweise die komplette Finanzierung gestrichen werden soll. Im VAN-Gespräch gibt Intendantin Carena Schlewitt, auch dank einer Petition, die Hoffnung nicht auf, Claudia Roth von der Wichtigkeit der Institution überzeugen zu können. Die Stimmung in der Kulturszene sei auch angesichts des AfD-Erfolgs sorgenvoll, sagt sie: "Es gibt dieses unheimliche Gefühl, dass der Kipp-Punkt unmittelbar bevorstehen könnte."
Für die Zeit führen Christine Lemke-Matwey und Giovanni di Lorenzo ein großes Gespräch mit der Sopranistin Edda Moser über ein Leben auf der Bühne - und Romeo Castelluccis Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen (unser Resümee): "So etwas Verletzendes, Unzumutbares, Schweinisches und Gefälschtes habe ich in meinem ganzen Leben nicht erlebt. … Erstens, auf Deutsch heißt das Stück Don Juan oder Der Steinerne Gast. So ist es von Mozart konzipiert. Es gab aber in dieser Aufführung gar keinen steinernen Gast, sondern der Don Giovanni wälzt sich am Ende in irgendeinem Dreck … Oder in Mehl oder in was, dabei ist er splitterfasernackt und onaniert - und dann geht er ab. ... Der Dirigent war eine Katastrophe. Alles war viel zu schnell! Darüber gingen sämtliche Feinheiten verloren, weil die Sänger schon froh waren, wenn sie die Kurve kriegten."
Weitere Artikel: Die diesjährigen Goethe-Medaillen gehen an die Kulturmanagerin Iskra Geshoska aus Nordmazedonien, die literarische Übersetzerin Claudia Cabrera aus Mexiko sowie an Carmen Romero Quero, Gründerin des chilenischen Theaterfestivals "Teatro a Mil". Ausgezeichnet werden sie, da ihre "Kulturarbeit Vielstimmigkeit fördere und widerständige Netzwerke schaffe", resümiert Michael Hesse in der FR die Rede der Präsidentin des Goethe-Instituts Carola Lentz. "Alle drei hatten in einer Vorstellungsrunde am Dienstag im Weimarer Nationaltheater ihre Sorge über den Zustand der Welt zum Ausdruck gebracht", so Hesse. In der SZ resümiert Till Briegleb die Preisverleihung.
Besprochen wird Lydia Ziemkes Inszenierung "Das gute nackte Leben 2.0" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik).
Weitere Artikel: Nachtkritikerin Barbara Villiger Heilig sendet eine Reportage von ihrer Arbeit als Statistin bei den Salzburger Festspielen. Besprochen wird Marcel Kohlers Inszenierung von Shakespeares "Othello" beim Lausitz-Festival (Welt).
Bernhard Schlink hat mit "20. Juli" sein erstes Theaterstück verfasst, gefragt wird im Setting einer Abiturfeier vor dem Hintergrund des Aufstiegs einer rechtspopulistischen Partei nach der Legitimität von Gewalt im Kampf gegen Rechts. "Arg pädagogisch" findettaz-Kritiker Jens Fischer das Stück, die Inszenierung von Franz-Joseph Dieken an den Hamburger Kammerspielen kann ihn aber mit "kraftvollen Bildern" überzeugen: "'Wer zu spät schießt, den bestraft das Leben', heißt es im Stück. Muss also beispielsweise ein mit Nazi-Parolen um sich werfender AfDler wie Björn Höcke mit einer Pistole mundtot gemacht werden? Auf der Bühne ist ein sprachmächtig smarter Vertreter der jungen gebildeten Rechten Objekt des Hasses. Rudolf Peters wird die zynische AfD-Jargon-Schleuder genannt. Constantin Moll spielt ihn mit gefährlicher Souveränität und darf in knuddeliger Harmlosigkeit auch noch einen Alt-68er darstellen. Eine äußerst fragwürdige Doppelbesetzung, da sie doch eine Gleichsetzung von rechtem Auf- und linkem Ruhestand nahelegt."
Besprochen werden Marcel Kohlers Inszenierung von Shakespeares Othello beim Lausitz-Festival (Tsp), Guillermo Calderóns Inszenierung "Vaca" beim Kunstfest Weimar (nachtkritik) und der Auftakt des Zürcher Theaterspektakels, das dem NZZ-Kritiker Ueli Bernays viel zu wokedaherkommt.
Szene aus "Everything that happenend and would happen." Foto: Konrad Fersterer Mit Heiner Goebbels Theateressay "Everything That Happened and Would Happen" haben die Salzburger Festspiele zu einem würdigen Abschluss gefunden, findet Egbert Tholl in der SZ. "Seltsam wunderschön" ist diese Aufführung, schwärmt der Kritiker, die sowohl Konzert als auch Installation und Lesung ist. Vorgetragen wird aus Patrik Ouředníks Buch "Europeana", das Tholl so passend findet, als wär es "für diese Aufführung geschrieben" worden: "Ouředníks Verwunderung über die Menschheit, die vor allem Unsinn und Grauen produziert, geht einher mit den immerwährenden Bastelarbeiten der emsigen Sisyphusse auf der Bühne. ... Die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren bezieht sich auf Ouředníks diachronische Geschichtsauffassung, zusammen mit dem Zitatenschatz der Musik entsteht ein Assoziationstableau, das man als Zuschauer annehmen oder auch in Teilen verwerfen kann, es bleibt einem selbst überlassen. Heiner Goebbels sieht den Zuschauer grundsätzlich als autonom denkendes und empfindendes Wesen. Am Ende ist auf der Bühne dann ein Ruinenbild entstanden, sind Felsen donnernd herumgepoltert, ein Abflussrohr steht schräg nach oben, qualmt. Wie eine letzte, vergessene Kanone in einer nun unbelebten Welt."
Weitere Artikel: Berthold Seliger blickt für den ND zurück auf zwei Mozart-Opern und diesjährige Highlights in Salzburg: Robert Carsens Inszenierung von "La clemenza di Tito" und Romeo Castelluccis "Don Giovanni" (den Seliger auf eine "ganz in sich ruhende Weise spektakulär" fand). Im Standardziehen Ljubiša Tošić und Margarete Affenzeller Bilanz der Festspiele.
Besprochen werden Alexander Klessingers und Mats Süthoffs Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" und Katharina Stolls Adaption von Katja Lewinas Buch "Bock", beides am Theater an der Ruhr in Mülheim (nachtkritik), Julia Prechsls Adaption von F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Heiner Goebbels' Produktion "Everything that Happened and Would Happen" als Abschluss der Salzburger Festspiele (SZ), Kyle Abrahams Choreografie "Cassette Vol. 1" im Hamburger Kulturcampus Kampnagel (SZ), Marcel Kohlers Shakespeare-Bearbeitung "Othello / Die Fremden" beim Lausitz-Festival (nachtkritik) und Romeo Castelluccis Inszenierung von Jean Racines Stück "Bérénice" bei der Ruhrtriennale (nachtkritik).
Szene aus "Non human dances" von Jérôme Bel und Estelle Zhong Mengual. Bild: Véronique Ellena In der FAZ ist Wiebke Hüster wütend: Die "Funktionalisierung und Bagatellisierung" der Kunst sieht sie besonders im Programmheft der diesjährigen Ausgabe des Berliner Festivals Tanz im August, das ihr Kunst mit "Versteh-Anleitung" zeigt - Stücke die aller Voraussicht nach nicht mehr als zwei Spielzeiten gezeigt werden: "Gewalt, Migration und die 'lebensfeindliche Logik des Kapitalismus' meint man in Berlin zu tanzen, auf dem Skateboard und ohne. (…) Im Prinzip kann man nur zugestehen, dass es einer Berliner Kulturverwaltung und den anderen Subventionsquellen des Festivals reicht, wie es läuft. Dass sie es einfach gut finden, wenn 75 Minuten lang Michelle Mouras vier Frauen mit gebeugten Knien auf der Spielfläche zwischen vier kleinen, nicht voll besetzten Tribünen umherschreiten." Gnädiger urteilen Nachtkritiker Falk Schreiber und Tagesspiegel-Kritikerin Sandra Luzina über die jüngst gezeigten Stücke "Steal you for a moment" von und mit Francisco Camacho und Meg Stuart (trocken und theoretisch, aber auch mit "Witz und Verspieltheit", so Schreiber) und "Non human dances" von Jérôme Bel und Estelle Zhong Mengual (eher eine "Lecture Perfomance", so Luzina).
Am 28. August bekommt Carmen Romero, Gründerin des chilenischen Theaterfestivals "Teatro a Mil" die Goethe-Medaille in Weimar verliehen. Im taz-Gespräch gibt sie Einblicke in die chilenische Theaterszene, die sich aktuell vor allem der Erinnerung widme, und erklärt, was das Besondere an "Teatro a Mil" ist, das als wichtigstes Theaterfestival Lateinamerikas gilt: "Für mich hält das Festival den Geist jener Jahre lebendig, in denen wir die Demokratie zurückerobert haben. Es ist der Versuch, den öffentlichen Raum zu besetzen und den Zugang zu Kunst und Kultur zu öffnen. Auch deswegen findet sehr viel unserer Arbeit auf der Straße statt."
Im Tagesspiegel resümiert Rüdiger Schaper die ersten Tage des Kunstfests Weimar, das unter dem Motto "Wofür wir kämpfen" steht. Die Buchenwald-Gedächtnis-Rede wurde von dem Historiker Norbert Frei gehalten, der sich nicht nur darum sorgte, dass in vielen ländlichen Regionen keine Zeitungen mehr zugestellt werden. Frei sorgt sich insgesamt um die "'Zukunft der Erinnerung": "Er hält den Begriff der Erinnerungskultur für problematisch - es könne zu rituell, zu selbstzufrieden wirken. Es gelinge uns auch recht gut, aus der Realität zu flüchten, der Westen habe den 'Rücksturz in die Vergangenheit' des Kalten Kriegs und der neuen Diktaturen verschlafen. Was nottue: Kämpfen für eine 'aufgeklärte bürgerliche Öffentlichkeit'."
Weitere Artikel: In der tazwirft René Hamann einen Blick auf die kommende Theatersaison. Besprochen wird außerdem Amala Dianors Stück "DUB" bei Tanz im August (nachtkritik).
Jan Brachmann ärgert sich in der FAZ über Claudia Roth, trotz eines gestiegenen Bundesanteils an der Finanzierung. Brachmann sieht in Roths Forderungen nach diverserem Programm und Publikum vor allem Ressentiments: "Vermutlich ist es ein Loyalitätskonflikt gegenüber dem eigenen Milieu, der Roth immer wieder zu anmaßenden und darin gefährlichen Äußerungen über Bayreuth anstachelt. Dieses Milieu, das sich in Form von kulturrevolutionärem Bildungsbürgermobbing auch beim Umkrempeln der Programminhalte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Macht verschafft hat, kultiviert von 'Bayreuth' das Feindbild eines elitären Glamour-Events für galoppierend vergreisende Bestverdiener."
"S wie Schädel." Bild: Thomas Müller.
Zum Auftakt des Kunstfests Weimar lässt sich FAZ-Kritikerin Sandra Kegel vom hinreißenden Spiel der Theaterlegenden Eva Mattes und Roberto Ciulli verzaubern, die in "S wie Schädel" Texte von Navid Kermani auf die Bühne bringen. Es geht um Liebe, Trost und Hoffnung, bisweilen erhaschen die Zuschauer "einen Blick in die geheime Mechanik der Seele." Das Wesen des Theaters komme zum Vorschein und erklärt denn auch den Titel dieses collagenartigen Abends: "Der promovierte Philosoph und Hegel-Kenner Ciulli hat einmal die paradoxe Formel aufgestellt, dass das Leben vom Tod handle, das Theater aber vom Leben. Wenn man dem Altmeister nur dabei zusieht, wie unendlich viel Zeit er sich nimmt, um aus Sand und Wasser kleine, seltsame Figuren zu kneten, bekommt man eine Ahnung davon, was Gelassenheit bedeutet. (...) Die Figürchen etwa, die bald wie Artefakte einen ganzen Tisch bevölkern, sind Gestalt gewordene Reaktion auf eine kurze Binnenerzählung, die ins Jahr 1900 zurückreicht, als in Tansania eine Gruppe Widerstandskämpfer von deutschen Kolonialherren gehängt wurde. Deren Köpfe wurden hernach zu Forschungszwecken ins Kaiserreich verschifft: 'Allein die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verwahrt in ihrem S-Archiv - S wie Schädel - rund 5500 abgetrennte Häupter aus den ehemaligen Kolonien', heißt es bei Kermani."
Nachtkritiker Tobias Prüwer fühlt sich hingegen nicht ganz abgeholt von der Collage an Textsplittern aus Kermanis Oeuvre: "Die auf universalistische Ebene abzielende Inszenierung, die Ciulli in seiner Doppelrolle als Spieler und Regisseur eingerichtet hat, verliert sich im Partikularen, wenn den einzelnen Grausamkeiten schon schwer zu folgen ist, sie aber das Unbegreifbare einen soll. Jedes Einzelschicksal ist zu viel, sicher. Aber statt loser Aufzählung wäre ein bündigerer Abend, der mehr ist als die Summe seiner Teile, wünschenswert gewesen."
Stefan Kaegis "Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" gastiert derzeit am Zürcher Theaterspektakel, Anna Kardos befindet in der NZZ, dass das Geschehen auf der Bühne mehr einlöst als der Titel verspricht: Die Schauspieler "versuchen nun während der Dauer der Vorstellung mit theatralen Mitteln eine Botschaft für Taiwan einzurichten. Ihre persönlichen Erfahrungen mischen sich dabei mit der Tragik ihres Landes, Fakten und Visionen setzen sich mit witzigen Episoden zu einem großartigen Mosaik zusammen. Und bei aller Realität wahrt Stefan Kaegi die künstlerische Distanz, so dass das Stück trotz Intimität nie ins Voyeuristische abdriftet. So entsteht ein sinnlich-theatrales Amalgam, das uns Zuschauende mitnimmt auf eine Spurensuche in ein Land, das bis heute offiziell nicht existieren darf."
Weiteres: Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg ist von "Theater Heute" zum Theater des Jahres gewählt worden, meldet die FR, Lina Beckmann zur Schauspielerin und Dimitrij Schaad zum Schauspieler des Jahres, ergänztSpiegel Online.
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