Efeu - Die Kulturrundschau

Kino ganz ohne Wuschelmähne

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11.08.2021. Nach achtmonatigem Filmstau genießt die SZ den verregneten Sommer wie nie zuvor. Der Freitag liest Climate-Fiction. Die NZZ betrachtet Miriam Cahns verstörende Bilder im idyllischen Palazzo Castelmur. Die FAZ blickt in der Kunsthalle Baden-Baden auf die Vernunft der Natur. Pitchfork zuckt zusammen, wenn Kristin Hayter auf ihrem neuen Album mit appalachischen Instrumenten Gott erklingen lässt. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2021 finden Sie hier

Kunst

Miriam Cahn: "Gefühl beim Schlafen", 2020. Ausstellungsansicht. Foto: Palazzo Castelmur.

Die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn zeigt ihre Werke im Palazzo Castelmur in ihrem Wohnort Stampa, in der NZZ muss Roman Bucheli diese irritierende Begegnung erst einmal verkraften, den "Bild gewordenen Albtraum im Stein gewordenen Traum", wie er schreibt: "Der Palazzo Castelmur hat solche Bilder, wie Miriam Cahn sie in wenigen Stunden aufs Blatt oder auf die großformatige Leinwand wirft, noch nie gesehen. Und vermutlich hatten auch Miriam Cahns Bilder noch nie mit solchen Räumen zu tun. Sie sind anderes gewohnt: nüchterne Museums- oder Atelierwände, wo nichts ablenkt von der nackten Unzweideutigkeit ihrer Darstellungen: Gebärende, die sich ihre Föten aus dem Leib reißen; Menschen auf der Flucht, mit vor Todesangst weit aufgerissenen Augen; brutal explizite Pornografie; schutzlos nackte Frauen; Maschinengewehre; Panzer."

Filmstill aus Cengiz Tekins "Pastoraler Sinfonie. Bild: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Bei allem schamanischen Hippietum entdeckt FAZ-Kritikerin Alexandra Wach auch viel analytische Kraft in der Schau "State and Nature" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, mit Werken von Yael Bartana, Gabriel Rossell Santillán, Cengiz Tekin oder Agnieszka Polska: "Das neue Direktorenduo Çağla Ilk und Misal Adnan Yildiz versucht nun in seiner Premiere herauszufinden, wie ein Staat agieren müsste, um die Unversehrtheit von Ökosystemen nicht zu gefährden. Den Ausstellungstitel haben die beiden dem poetischen Werk 'Devlet ve Tabiat' (State and Nature) von Ece Ayhan entnommen, der den Staat nicht als ordnende Kraft ansah. Eher als eine willkürliche Gewaltquelle, der sich Menschen unterordnen müssen. Natur bekommt in diesem Weltbild die utopische Position der verlorenen Vernunft zugewiesen, weswegen man gleich im großen Oberlichtsaal einem Baum begegnet, der die Aura eines futuristischen Tempels versprüht. Die Iranerin Neda Saeedi hat dieses Natur-Simulacrum aus Metall, Plexiglas und Zweigen erschaffen. Die Blätter des Herbariums entstammen der Lichtentaler Allee, für die im neunzehnten Jahrhundert Baumsorten aus der ganzen Welt importiert wurden."

Besprochen wird außerdem die Schau des belgischen Künstlers Walter Swennen im Kunstmuseum Bonn (SZ).
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Film

So viel Freude am Kino wie in diesem verregneten Sommer konnte man selten haben, meint Alex Rühle in der SZ: Arthouse, Dokus, Blockbuster - alles ausgesucht vom Feinsten. "Sonst ist meist nur alle zwei, drei Wochen was Gutes dabei, jetzt gibt es jeden Donnerstag Fülle und Überfluss. Danke, Corona, danke, achtmonatiger Filmstau, der jetzt bis in den Herbst hinein abfließt. Fühlt sich bisschen an wie Berlin Anfang der Neunzigerjahre, als es in der frisch vereinigten Stadt mehr Programmkinos als Kioske gab." Und die Abstandsregeln samt eingeschränktem Einlass haben auch ihr Gutes: "Kino ganz ohne Wuschelmähne vor, Getuschel neben und modrigen Mundgeruch hinter einem. Und man muss vorher an der Kasse kein präpotentes Gelaber irgendeines Typen ertragen, der den Film nur als Trampolin nutzt für seine hochtourigen Wissenssalti."

Weitere Artikel: Christina Bylow spricht für die FR mit der Filmemacherin Anne Zohra Berrached über deren neuen Film "Die Welt wird eine andere sein". Die Frankfurter Allgemeine Quarterly hat ihr Gespräch mit Viggo Mortensen über sein Regiedebüt "Falling" online nachgereicht. Ein Mortsen-Porträt von Wolfgang Hamdorf findet sich zudem im Filmdienst. Isabella Caldart denkt auf 54books über den anhaltenden Trend von Revivals, Reboots und Reunions bei TV-Serien nach. Lena Schneider wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg. Und das hatten wir übersehen, reichen es aber gerne nach: In einem Longread für epdFilm denkt Gerhard Midding anlässlich des Kinostarts von Dominik Grafs "Fabian" (unsere Kritik) über das Ende der Weimarer Republik im Gegenwartsfilm nach.

Besprochen werden Pamela B. Greens Porträtfilm "Be Natural" über die französische Filmpionierin Alice Guy-Blaché (Artechock, mehr dazu bereits hier), Martin Provosts "Die perfekte Ehefrau" mit Juliette Binoche (Artechock), Stefan Jägers beim Festival von Locarno gezeigter Film "Monte Verità" über eine Gruppe Aussteiger von 1900 (SZ) und die Amazon-Serie "Cruel Summer" (Tages-Anzeiger).
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Literatur

Die literarische Postmoderne wurde 1969 von Leslie Fiedler im Playboy eingefordert (mehr zur Debatte um seinen Aufsatz "Cross the Border - Close the Gap" hier) und 1971 vom polnischen Autor Stanislaw Lem mit "Die vollkommene Leere" eingeläutet, schreibt Ronald Pohl im Standard. Diskutiert wurde sie fortan wie kaum ein zweites Phänomen - nur in den letzten Jahren ist es ziemlich still darum geworden: "Längst schraubt die Kulturindustrie ihre Hervorbringungen zusammen, indem sie den Bastelanleitungen der Avantgarde deren stimmigste Techniken für ihre Zwecke entnimmt. In den Schlüsselwerken der aktuellen Sozialliteratur fristet die Postmoderne nicht einmal mehr ein Mauerblümchendasein. ...Die Postmoderne hatte das Ende der 'großen Erzählungen' ausposaunt. Keine (allein) legitimierende Leitidee sollte es mehr geben, nur noch in fröhlicher Parallelität vor sich hinwuchernde Sprachspiele. Die dazu passende seelische Verfassung: am besten polymorph-divers. Ob das 'Projekt der Moderne' über den Umweg der Postmoderne damit endgültig beendet - oder nicht doch eher achselzuckend fortgesetzt - worden ist: Über solche Fragen wird heute kein Aufhebens mehr gemacht."

Drängender ist da schon die Debatte, wie sich die Literatur zur Klimakrise verhält. Hier kam in jüngsten Jahren sichtlich Bewegung ins Spiel, schreibt Claire Armitstead in einem vom Freitag übersetzten Guardian-Artikel. Insbesondere die dystopische Science-Fiction ist für Climate-Fiction ("Cli-Fi") zuständig: "Cli-Fi basiert häufig auf der bekannten Trope einer albtraumhaften neuen Realität, die durch ein katastrophales Ereignis entstanden ist. In John Lanchesters jüngstem Roman 'Die Mauer' (Klett-Cotta) hat 'der große Wandel' Großbritanniens Strände verschwinden lassen und es zu einem Festungsstaat gemacht, der von jungen Wachen patrouilliert wird, die den Befehl haben, jedes sich nähernde Boot zu zerstören. Kate Sawyers im Juni erschienener Debütroman 'The Stranding' beginnt mit dem eindrucksvollen Bild zweier Fremder, die sich im Maul eines gestrandeten Wals vor einer tödlichen Strahlung retten."

Weitere Artikel: Die Welt dokumentiert Frank-Walter Steinmeiers Laudatio auf den Schriftsteller Christoph Ransmayr zur Auszeichnung mit dem Ludwig-Börne-Preis. Ransmayrs Dankesrede hat die FAZ online nachgereicht. Andreas Busche erinnert im Tagesspiegel an den Schriftsteller Alex Haley, der vor 100 Jahren geboren wurde und Klassiker der afro-amerikanischen Literatur geschrieben hat.

Besprochen werden unter anderem Moritz Baßlers und Heinz Drüghs "Gegenwartsästhetik" (Tagesspiegel), Peter Buwaldas "Otmars Söhne" (taz), Ulrich Woelks "Für ein Leben" (FR), Jan Bachmanns Comic "Der Kaiser im Exil" (taz), Mia Coutos "Asche und Sand" (Tagesspiegel), Matthias Nawrats "Reise nach Maine" (online nachgereicht von der Welt), Ferdinand Schmalz' "Mein Lieblingstier heißt Winter" (NZZ), Gert Loschützs "Besichtigung eines Unglücks" (SZ) und Zeruya Shalevs "Schicksal" (FAZ).
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Architektur

In der Architektur herrscht mittlerweile ein recht ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, kann Gerhard Matzig in der SZ feststellen, nicht aber bei den Preisen und auch nicht am Bau: "Der Männerberuf des Maurers ist erst eine Erfindung der Biologie - und danach ein Skandal sozial konstruierter Geschlechterklischees. Allerdings beantwortet das nicht die Frage, warum es jetzt, da der Bau nicht mehr von der Hubkraft lebt, wenige Frauen im Baugewerbe gibt. Und warum es auf dem Terrain der Architektur so einen großen Unterschied beim Gehalt gibt. Frauen, so die Auswertung der BAK, erhalten im Schnitt ein Viertel weniger für ihre Arbeit im Planungsbüro."
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Bühne

FAZ-Kritikerin Gina Thomas genoss in Glyndebourne den englischen Opernsommer. Besprochen wird eine Ausstellung mit den Bühnenarbeiten von Rosalie im Richard-Wagner-Museum in Bayreuth (FAZ).
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Stichwörter: Wagner, Richard

Musik

Ziemlich beeindruckt bespricht die englischsprachige Popkritik "Sinner Get Ready", das neue, im Lockdown entstandene Album der Musikerin Kristin Hayter, das sie unter ihrem Projektnamen Lingua Ignota veröffentlicht hat. Eingespielt wurde es zum Teil auf appalachischen Instrumenten und wie vorangegangene Alben handelt es von einem manifesten Unbehagen, schreibt Madison Bloom auf Pitchfork. Diesmal geht es um Religiosität und blinden Glauben: "Anders als auf ihrem vorangegangenen Album ruft Hayter auf 'Sinner Get Ready' zwar nicht Satan an, doch ihre Darstellung von Gott ist gnadenlos. Wie Jehovah im Alten Testament oder die Götter im antiken Griechenland ist er hier eine rachlüstige, gewalttätige Präsenz. ... Und doch stellt Hayters tiefer Respekt vor andächtiger Musik, wie zu hören in 'The Solitary Brethren of Ephrata' ihre strenge Darstellung der Frömmigkeit in einen neuen Kontext: diese prachtvolle Hymne in Dur ist eine Ode ans gefundene Paradies. Hayters Stimme steigt über geflochteten Holzinstrumenten und gezupften Mandolinen auf und versucht sich darin, die Schmerzen des irdischen Daseins zu transzendieren. Sie singt von einem Irrglauben, aber einem lieblichen." Eine weitere aktuelle Besprechung finden wir bei The Quietus. Hier ein aktuelles Musikvideo:



Weitere Artikel: Alexander Menden berichtet in der SZ von den Darmstädter Ferienkursen, die wegen Corona in diesem Jahr erstmals in einem ungeraden Jahr stattfanden.

Britische Musiker protestieren auch weiterhin gegen die erheblichen Widrigkeiten, mit denen sie nun nach dem Brexit zu tun haben, wenn sie in der EU touren wollen, berichtet Sebastian Borger im Tagesspiegel. In der Welt verneigt sich Manuel Brug vor dem Gambenspieler und Ensemblegründer Jordi Savall. Stephanie Grimm berichtet in der taz vom Festival "21 Sunsets" in Berlin. Besprochen werden außerdem neue Popveröffentlichungen, darunter "King's Disease 2" von Nas, das SZ-Popkolumnist Jakob Biazza ziemlich umhaut: "Großes, aber auch irre entspanntes Technikschaulaufen. Famoses Storytelling. Absoluter Fokus auf Texte und Flow". Wir hören rein:

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