Efeu - Die Kulturrundschau

Geschwindigkeit, Eleganz und Kohärenz

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31.10.2019. In der SZ warnt Jagoda Marinić vor Peter Handkes scheinbarer Naivität. Die taz feiert die sinnliche Reflexion der Blickwechsel in Céline Sciammas Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen". Cargo fragt, warum das DOK.Leipzig-Filmfestival von einem Westdeutschen geleitet werden muss. Die SZ bewundert Charlotte Perriands Chaise longue B 306. Die FAZ lässt sich von Intendant Matthias Schulz versichern, dass die Musiker der Berliner Staatsoper nach Einrichtung von Konfliktberatern, Ombudsstelle und Personalrat wieder gern zur Arbeit kommen. Die Jungle World hört den traurigsten und lustigsten Rocksong des Jahres.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2019 finden Sie hier

Film

Hingabe jenseits von Macht: Céline Sciammas "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Die Filmkritik feiert Céline Sciammas "Porträt einer jungen Frau in Flammen": In diesem Film "entwickelt und behauptet die Kunst ihr Eigenleben", schreibt Anke Leweke in der taz. Es geht um eine Künstlerin im 18. Jahrhundert, die das Bild einer Adelstochter malen soll, und um das Verhältnis, das sich zwischen beiden entwickelt. Der Film "wird zur sinnlichen Reflexion der Blickwechsel. ... Das Begehren sucht sich seinen Ausdruck. Es ist ein ergreifender und auch ein utopischer Augenblick. Für die Liebe zweier Frauen gibt es im 18. Jahrhundert keine Vorbilder, keine Semantik und keine Codierung: Zwei junge Frauen finden zu sich und erfinden sich und ihr Begehren neu. Die kalten Gemächer fühlen sich nicht mehr kalt an, die leeren Wände nicht mehr leer." Für FAZ-Kritikerin Verena Lueken wird in diesem Film die Frage, ob es einen spezifisch weiblichen Blick gibt, einmal sehr unmissverständlich mit "Ja" beantwortet: "Weil in jedem Bild, in jedem Augenblick der Stille, jedem gesprochenen Satz, jedem Blick eine Aufmerksamkeit liegt, die weiblich ist insofern, als sie in Filmen von Männern nicht zu finden ist. Ein Abtasten von Körpern mit der Kamera, das keine Spur von Voyeurismus zeigt. Eine Hingabe von Liebenden jenseits von Macht. Eine Erzählhaltung, die auf den Pfeilern der genauen Wahrnehmung davon steht, in welcher natürlichen Position Frauen sich zur Welt befinden - in der Position der Kämpfenden nämlich, notgedrungen und täglich." Weitere Kritiken in SZ und FR.

Schwierig findet es Matthias Dell im Festivalbericht auf Cargo, dass die Leitung des renommierten DOK.Leipzig-Festivals nach einem Beschluss eines westdeutsch und schweizerisch zusammengesetzten Beratergremiums an Christoph Terhechte, einen weiteren Westdeutschen, geht. Dabei wäre dieses Festival gerade vor dem Hintergrund sich zuspitzender gesellschaftlicher Spaltungen 30 Jahre nach dem Mauerfall "ein prominenter Ort, an dem eine differente Lebenserfahrung aus der Einheit etwas anderes machen könnte als die Anpassung an westliche Standards. Denn wenn es womöglich heißt, es habe keinen geeigneten Bewerber aus dem Osten gegeben, dann ist ein Problem, wie sich durch die Entscheidung für Terhechte zeigt, dass sich eine solche Eignung schlecht entwickeln kann, wenn sie keinen Platz zur Entfaltung bekommt, weil der vom westdeutschem Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht besetzt ist (das 'Qualitäts'-Argument, das in jeder Quotierungsdebatte keinen Bock auf Diversität hat)."

Weiteres: Tilman Baumgärtel empfiehlt in der taz eine Reihe mit den Filmen des kambodschanische Regisseur Rithy Panh im Berliner Kino Arsenal. Besprochen werden Gavin Hoods Whistleblower-Drama "Official Secrets" mit Keira Knightley (NZZ), Mati Diops "Atlantique" (NZZ, mehr dazu hier), Christoph Röhls Dokumentarfilm "Verteidiger des Glaubens" über den früheren Papst Joseph Ratzinger (taz, SZ), Diego Pascal Panarellos Maultrommel-Dokumentarfilm "Der seltsame Klang des Glücks" (FR) und Bora Dagtekins "Das perfekte Geheimnis" (Tagesspiegel, FAZ, Welt).
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Architektur

Sabine von Fischer unterhält sich für die NZZ mit dem Architekten Franz Füeg, einem Pionier des standardisierten Bauens, der lernen musste, dass man Qualität "nicht einfach organisatorisch schaffen. Schnelligkeit kann man organisieren, Langsamkeit auch. Aber nicht Qualität, das ist eine andere Kategorie in unserer Realität."
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Design

Selbst- und stilbewusst: Charlotte Perriand (Foto: Le Corbusier, P. Jeanneret, C. Perriand, F.L.C, /ADAGP)

Joseph Hanimann freut sich in der SZ über die große, Charlotte Perriand gewidmete Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris. Zu lange stand Perriand im Schatten von Le Corbusier, bei dem sie mit viel Eigensinn arbeitete: "Dass Frauen nicht ebenso gut wie Männer die Beine hochlagern können sollten, wollte der Designerin nicht in den Kopf. Herauskam dann die berühmte 'Chaise longue B 306', in der Perriand sich 1928 selbstbewusst fotografieren ließ und die heute in allen einschlägigen Museen steht. ... Das charakteristisch ovale Stahlrohrprofil ihrer Stuhl- und Tischbeine hatte sie von den stromlinienförmigen Konstrukten aus dem Flugzeugbau übernommen. Geschwindigkeit, Eleganz und Kohärenz zwischen allen Lebensbereichen sollten fortan den Alltag der Menschen bestimmen."

Kurz besprochen wird außerdem eine Schau mit Keramik der Wiener Werkstätten in der Galerie Albertina (Standard).
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Literatur

Die Handke-Debatte findet weiterhin eher im Internet statt (womit dessen Nützlichkeit mal wieder bewiesen wäre), begleitet vom beredten Schweigen der Alpha-Medien.

Handke sei ja wegen seiner literarischen Qualität zu würdigen, hatte etwa FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube postuliert, der darum ein Abwinken im Politischen empfahl. Um so schärfer liest sich Sieglinde Geisels "Seite 99"-Test bei Tell über die literarischen Stilmittel in Handkes "Obstdiebin". Sie kreidet ihm sprachliche Redundanzen und Manierismen an, beklagt aber vor allem auch, dass Handke geradezu vorführe, "wie man möglichst viele Worte um möglichst wenig Stoff" drapiert: "Fangen wir mit einem der kürzeren Sätze an: 'Es war, auch das wie immer, ein, jedenfalls am späten Morgen, sonniger, aber noch nicht heißer Tag Anfang August, mit einem beständigen Blauen, hoch und immer höher, im Himmel.' Dieser sonnige Tag Anfang August stottert hier geradezu über die Zeilen, immer wieder aufgehalten von Kommas. Dieser Tag war, zumindest am späten Morgen, noch nicht heiß, also ganz so, wie man es erwarten würde, und auch dass der Himmel an einem sonnigen Tag blau ist, versteht sich von selbst. Ungewöhnlich ist hier nur die Formulierung: Handke redet von einem 'beständigen Blauen', einem Blauen 'im Himmel' (wo sonst?), und zwar 'hoch und immer höher' (ein Echo auf 'noch und noch'?)" Geisels Resümee: "Es ist ein durch und durch apolitisches Schreiben. Es blendet aus, dass es etwas jenseits dieses unablässig um seine eigene Wahrnehmung kreisenden Selbsts gibt, das überhaupt erzählenswert, sagenswert wäre."

Auf dem Literaturblog Glanz und Elend publiziert Lars Hartmann eine Replik auf Alida Bremers Perlentaucher-Essay: Hartmann wirft Bremer vor, Handke-Zitate "bewusst dekontextualisiert" zu haben: "Nach dieser Methode wäre auch Thomas Mann mit seinem Text 'Bruder Hitler' ein Nationalsozialist par excellence. Unter dem Nazi, unter dem Faschismus und Breivik macht es Bremer nicht. Suggestiv der gesamte Text und wenn man die Methode Bremer auf sie selbst einmal selbst anwendete, dann käme womöglich heraus, daß durch dieses Überdehnen des Nazi-Begriffes dieser entleert und damit zugleich verharmlost und relativiert wird, und wo der Nazi oder der Rechtsextreme beliebig als Spielmarke eingesetzt wird, um andere zu diskreditieren, ist am Ende jeder oder eben niemand mehr ein Nazi bzw. ein Rechter. Den echten Nazis kommt das gut zupasse." FAZ-Korrespondent Matthias Wyssuwa fasst derweil die Diskussion in Schweden zusammen.

Die Schriftstellerin Jagoda Marinić warnt - nicht etwa im Feuilleton der SZ, sondern im Meinungsteil - davor, Peter Handkes nur scheinbar naiven Fragen auf den Leim zu gehen, wie es mancher Apologet in den Feuilletons vorgezogen hat: "Wer Handkes 'Fragen' als Naivität abtut, verharmlost die konsequenten Relativierungen der 'ethnischen Säuberungen' an Tausenden muslimischen Bosniern zwischen 1992 und 1995 in Handkes Texten. ... Zweifel zu säen ist ein strategisches Mittel, um Genozide zu leugnen."

Weiteres: Florian Ngimbis berichtet in der NZZ von dem Stationendrama, dem man sich ausliefert, sobald man als kamerunischer Schriftsteller etwa als geladenes Jurymitglied nach Berlin reisen will. Felix Philipp Ingold trauert in der NZZ den Zeiten nach, als Schriftsteller noch für die Ewigkeit und nicht für die schnöde Gegenwart schrieben. Ronald Pohl blättert für den Standard durch die Jubiläumsausgabe der Literaturzeitschrift Wespennest, die ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Für die SZ hat Timo Feldhaus in Berlin den derzeit international gefeierten Schriftsteller Ocean Vuong zum Gespräch getroffen. Thomas Steinfeld macht sich zu Halloween in der SZ Gedanken über Geister und Zombies.

Besprochen werden Rainer Georg Grübels Biografie über Wassili Rosanow (NZZ), Tina Brenneisens und Veronica Solomons Comic-Erzählung "Bergstraße 68" (Tagesspiegel) und Olga Tokarczuks "Die Jakobsbücher" (FAZ).

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Bühne

Im Gespräch mit der FAZ erklärt Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden Berlin, was die Berliner Staatsoper nach Beschwerden über Daniel Barenboims Führungsstil unternommen hat, um die Musiker zu besänftigen: "Schon im Herbst 2018 wurde an unserem Haus eine 'Psychologische Gefährdungsbeurteilung' durchgeführt, bei der wir mittels eines Fragebogens sehr umfassend auf die Mitarbeiter zugegangen sind, um die Arbeitsbedingungen und das Verhältnis zu den Vorgesetzten zu untersuchen." Außerdem wurden "in der gesamten Stiftung 'Oper in Berlin' Konfliktberater eingeführt und ein wertebasierter Verhaltenskodex verabredet worden. Alle Abteilungsleiter wurden sensibilisiert, für solche Themen ansprechbar zu sein und selbst Umsicht walten zu lassen. Zudem gab es, auf Wunsch des Kultursenators, eine externe Ombudsstelle, bei der man sich über alles beschweren konnte, was einen störte. Und natürlich gibt es am Haus einen Personalrat, mit dem man solche Dinge auch besprechen kann." Kurz: alles steht zum besten, und auch die Musiker sind zufrieden.

Besprochen werden Paul Georg Dietrichs Inszenierung von Beethovens "Fidelio" in Darmstadt (nmz), Johannes Pölzgutters Inszenierung von Vivaldis "La fida ninfa" am Theater Regensburg (nmz), Claudio Monteverdis "L'Orfeo" am Grand Théâtre de Genève (NZZ) und Lotte de Beers Inszenierung von Verdis "Don Carlos" in Stuttgart (SZ).
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Kunst

Bernhard Schulz rollt im Tagesspiegel noch einmal den Streit um die explodierenden Kosten für das geplante Museum der Moderne in Berlin auf. Huy Van Jonny Diep unterhält sich für den Standard mit der Künstlerin Alison Jackson über deren Ausstellung "Fake Truth" im Wiener Westlicht und über die Sensationsgier der Medien. In der SZ gratuliert Christine Dössel der Fotografin Herlinde Koelbl zum Achtzigsten, in der FAZ gratuliert Andreas Kilb.

Besprochen werden eine Wilhelm-Leibl-Ausstellung im Zürcher Kunsthaus (wie "aus der Zeit gefallen" kommen die Bilder NZZ-Kritikerin Maria Becker vor), die Ausstellung "Inside Rembrandt" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ("Rembrandt spricht einen heutigen Betrachter noch ganz direkt an", staunt Christoph Driessen in der Welt), die Ausstellung "Inspiration Afrika", die im Kunsthaus Dahlem rassistischen Stereotypen aus der Kolonialzeit nachspürt (Tagesspiegel), die Ausstellung "Vom Leben in Industrielandschaften - eine fotografische Bestandsaufnahme" im Leopold-Hoesch-Museum in Düren (monopol), die Ausstellung "Fotografien der Verfolgung von Juden. Die Niederlande 1940-1945" in der Topographie des Terrors in Berlin (taz), die Ausstellung " Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol" im Bucerius Kunst Forum in Hamburg (FAZ).
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Stichwörter: Museum der Moderne, Disney

Musik

"Der traurigste und dabei doch lustigste Rocksong dieses Jahres stammt von Richard Dawson und heißt 'Jogging'", erklärt Maik Bierwirth in der Jungle World und kann das dazugehörige Album "2020" nicht nur wegen des "virtuosen Gitarrenspiels", sondern auch wegen des "scharf vorgebrachten Sozialrealismus" zumindest Freunden experimenteller, Konventionen hinter sich lassender Gitarrenmusik nur wärmstens empfehlen. Wir hören rein:



Weiteres: Ziemlich lachhaft findet Johannes Schneider im ZeitOnline-Kommentar die richterliche Entscheidung, dass Bushidos Album "Sonny Black" auch weiterhin auf dem Index für jugendgefährdende Medien bleibt: "Was überm Tresen verboten ist, wird unterm Tresen umso eifriger gehandelt." Steffen Greiner (taz) und Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) geben Empfehlungen zum Jazzfest Berlin, das heute beginnt. Robert Mießner spricht in der taz mit Michael Wertmüller, dem Veranstalter des Berliner Festivals "Three Nights of Music". In der Welt singt Peter Praschl ein Loblied auf King Crimsons Album "In the Court of the Crimson King", das vor 50 Jahren erschienen ist.

Besprochen werden das neue Album von Kanye West (Standard, mehr dazu hier), Wolfram Knauers Buch über die Geschichte des Jazz in Deutschland (FR) und ein Auftritt von Seeed (Standard).
Archiv: Musik