Efeu - Die Kulturrundschau

Die falsche Frage nach dem Warum

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06.07.2018. "Shoah" war auch ein Film über ein Bilderverbot und prägte doch unser Bild vom Holocaust - die Feuilletons würdigen den großen Dokumentarfilmer Claude Lanzmann, der gestern gestorben ist. Der FAZ geht das Zeitgenossentum in Klagenfurt auf die Nerven. Die Bühnenbilder Bert Neumanns wollen ins Museum, meldet die SZ. Wo sind die Kunstinstitutionen? Die NZZ sucht die Extreme der Existenz im Metal.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2018 finden Sie hier

Film

Claude Lanzmann im Mai 2011 (Bild: Iñigo Royo, CC BY-SA 2.0)

Mit dem Tod des französischen Dokumentarfilmers Claude Lanzmann geht auch ein Stück des 20. Jahrhunderts endgültig zu Ende. Er "wird eine beträchtliche Lücke in der französischen Intellektuellenlandschaft hinterlassen", schreibt Anna Magdalena Elsner in der NZZ. "Nicht nur, weil er als Regisseur des neuneinhalbstündigen Monumentalwerks 'Shoah' (1985) ein Zeugnis geschaffen hat, das nach wie vor als unerreichter Referenzpunkt für die filmische Auseinandersetzung mit dem Holocaust gilt, sondern auch, weil er als einstiger Gesprächspartner Sartres, Mitherausgeber von dessen Zeitschrift Les Temps Modernes und Geliebter von Simone de Beauvoir ein unsterbliches Symbol der Nachkriegszeit in Frankreich war."

In der taz würdigt Gertrud Koch Lanzmanns vielstündigen, 1985 fertiggestellten Dokumentarfilm "Shoah" als "reflexives Monument des 20. Jahrhunderts" und umkreist die Selbstpositionierung Lanzmanns als "mittendrin und außerhalb" - dies "ist nicht nur die Selbstdefinition eines Juden, der sich nicht mehr in eine Tradition gestellt sieht, die für ihn und in der er spricht, sondern sich eine eigene Stimme, einen eigenen Text in der Auseinandersetzung mit der Faktizität der Geschichte machen muss. Es ist auch die Position, die viele europäische Juden des 20. Jahrhunderts eingenommen haben."

Auch im Standard geht Bert Rebhandl auf "Shoah" ein, der in seinem Verzicht auf Archivmaterial auch "ein Film über ein Bilderverbot" darstellt, "zugleich aber eine große Recherche ist, wobei ein Mann im Mittelpunkt steht: Claude Lanzmann selbst. ... Dass sich der enorme Objektivitätsanspruch des Films 'Shoah' in dieser schillernden Figur Lanzmann nicht bricht, sondern daran sogar noch zu wachsen scheint - das hat etwas mit der beinahe prophetischen Autorität zu tun, die er sich anmaßte, die er aber auch überzeugend verkörperte."


Lanzmanns Vorgehensweise, den Mord an den Juden nicht über entsprechendes Material darzustellen, sondern in Form nachhakend sachlicher Gespräche, ist in den Augen Arno Widmanns "auch eine Frage der Moral. Die Massenvernichtung ist kein Gemetzel", schreibt er in der FR. "Sie kann nicht durch ein Splattermovie dargestellt werden. Die Massenvernichtung, das sind die Gasöfen und der Transport zu ihnen. Massenvernichtung ist Bürokratie."

Für die Berliner Zeitung hat Christina Bylows aus Lanzmanns Essay "Hier ist kein Warum" ein Zitat darüber herausgesucht, "weshalb gerade die Frage nach dem Grund für die Ermordung der europäischen Juden von so großer Perfidie ist: 'Tatsächlich liegt in dem Versuch, verstehen zu wollen, eine unglaubliche Obszönität. (…) Um dem Schrecken ins Gesicht sehen zu können, muss man jeder Form von Zerstreuung, jeder Ausflucht abschwören und vor allem und zuallererst der so zentralen, aber falschen Frage nach dem Warum mit all den endlosen, akademischen Frivolitäten und schäbigen Kunstgriffen, die sie mit sich bringt.'"

Weitere Nachrufe schreiben Hannes Stein (Welt), Gerhard Midding (ZeitOnline), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Fritz Göttler (SZ) und Jürg Altwegg (FAZ). Die Radio-Nachrufe und -Gespräche über Lanzmann finden sich hier. Außerdem hier unsere Kritik zu Lanzmanns letztem Film "Der Letzte der Ungerechten" und mehr zu Lanzmann in unseren Presseschauen. Der französische Radiosender France Culture präsentiert eine Serie von zehn einstündigen Gesprächen, die Laure Adler im Jahr 2005 mit Lanzmann geführt hat. Sehr zu empfehlen auch Lanzmanns Erinnerungsbuch "Der patagonische Hase".

Weitere Artikel: Emma Rosa Simons und Robert Bohrers "Liebesfilm" gehört zu den großen Entdeckungen des diesjährigen Filmfests München, schreibt David Pfeifer in der SZ. Harry Nutt schreibt in der FR einen Nachruf auf den Kameramann Robby Müller, dem Wim Wenders in der FAZ einen kurzen Abschiedsbrief widmet: "Ich war sehr beeindruckt von Dir, diesem supercoolen Typen, der mit einer Hand Schärfe ziehen und mit der anderen in seiner Hosentasche eine Zigarette drehen konnte. ... Du hast durch Deine Arbeit das Handwerk und die Kunst der Kameraführung und des Lichtsetzens erneuert und vorangetrieben."

Besprochen werden das von den Perlentaucher-Filmkritikern Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky herausgegebene Buch "The Real Eighties - Amerikanisches Kino der Achtzigerjahre" (Tagesspiegel), Susanna Whites "Die Frau, die vorausgeht" (Standard, Tagesspiegel) und Karim Aïnouz' Dokumentarfilm "Zentralflughafen THF" (Berliner Zeitung).

Literatur

In Klagenfurt wurden gestern die ersten Texte gelesen. Andrea Diener von der FAZ hatte allerdings wenig Freude an diesem Tag - lediglich Raphaela Edelbauers Text fand sie auch nur gerade so passabel, ansonsten herrschte viel Gram vor. Vor allem bei den Jury-Reaktionen auf Joshua Groß' "Flexen in Miami" musste sie mit den Augen drehen: "Es gibt immer wieder diese Klagenfurt-Texte, die sich mit Zeitgenossentum möblieren, die mit Aktualitäts-Buzzwords um sich feuern, bei denen einzelne Juroren jubelnd von Welthaltigkeit schwadronieren und davon, wie heutig das sei, wenn da Drogen und Mobiltelefone vorkommen. Man möchte solche Juroren dann immer gern an die Hand nehmen und behutsam in die blinkende, bunte Welt des gegenwärtigen Internetzeitalters führen." Auch Gerrit Bartels berichtet im Tagesspiegel von einem matten Auftakt: "Kein Text springt auf Anhieb an, überzeugt gar." Alles "ganz ordentlich, aber kein Siegertext." Im Standard fasst Michael Wurmitzer die ersten Beiträge und Jury-Reaktionen zusammen. Videos gibt es beim ORF.

Besprochen werden Bodo Kirchhoffs "Dämmer und Aufruhr" (NZZ), Monika Sznajdermans "Die Pfefferfälscher. Geschichte einer Familie" (SZ), Richard Russos "Immergleiche Wege" (Tagesspiegel) und der von 3sat online gestellte Dokumentarfilm "Stefan George - Das geheime Deutschland" (taz).

Bühne

Die Erben Bert Neumanns suchen händeringend Lagermöglichkeiten für die Großinstallationen des verstorbenen Bühnenbildners der Volksbühne, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. "Bisher fühlt sich keine Institution für den Nachlass verantwortlich. Die Berliner Akademie der Künste etwa, die das Archiv der Volksbühne übernommen hat, sieht sich aus ganz praktischen Gründen nicht in der Lage, die raumgreifenden Bühnenbilder zu bewahren. Für Institutionen der bildenden Kunst ist Neumann, aller viel beschworenen Medien- und Genre-Konvergenz zum Trotz, als Theaterkünstler, dessen Werke nicht am Kunstmarkt gehandelt werden, bisher offenbar nicht interessant. 'Natürlich wünschen wir uns, dass Bert Neumanns 'Rollende Road Show' in der Nationalgalerie ausgestellt wird'", sagt Neumanns Witwe Lenore Blievernicht der SZ.

An Pina Bauchs Tanztheater Wuppertal zeichnet sich ein Skandal ab, warnt in der FAZ Wiebke Hüster. Die seit einem Jahr die Compagnie leitende Adolphe Binder hat offenbar "trotz mehrfacher Aufforderungen bis heute keinen Spielplan 2018/19 vorgelegt. Es ist Juli. Zum Vergleich: Die anderen Sparten der Bühnen der Stadt Wuppertal haben am 2. Juli mit ihrem Vorverkauf für die nächste Spielzeit begonnen."

Besprochen wird Stefan Herheims Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Opernfestspielen in Glyndebourne (FAZ).
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Musik

Thomas Engelbrock verabschiedet sich von der Elbphilharmonie und dessen NDR-Orchester. In der Zeit bringt Florian Zinnecker etwas Licht in die diffusen Debatten und Kontroversen um diesen Ausschied, der nicht so völlig friedlich und aufgrund seiner eigenen Initiative verlaufen sein dürfte, wie der Dirigent dies jetzt mitunter darstellt. Denn nachdem das Orchester im eigenen Haus nicht den guten Klang erzielte, denn dort andere Orchester erreichten "wollten auch die Musiker und der NDR nicht mit ihm weitermachen. ... Zur Wahrheit gehört, dass Hengelbrock in Hamburg nicht komplett gescheitert ist. Die Elbphilharmonie und der NDR verdanken ihm viel. Er war es, der den Anspruch formuliert hat, das Haus auf Weltniveau zu bringen. Nur ist er es auch, der in den Augen der Verantwortlichen diesen Anspruch in letzter Konsequenz nicht erfüllen konnte."

Metal - mehr als grölende Bierplautzen-Männer, versichert Jörg Scheller in der NZZ in seinem Versuch, die Kunstform vor voreiliger Kritik zu retten. Das Genre "indoktriniert seine Anhänger nicht, abgesehen von ein paar sektiererischen Subgenres. Er konfrontiert sie stattdessen mit den Extremen der Existenz, vor allem den abgründigen, und ermutigt sie dazu, sich selbst ein Bild zu machen. ... Diese Ambiguität macht Metal anschlussfähig an diverse globale Strömungen. Wie die moderne Kunst schafft er offene, irritierende Räume der Erkenntnis, nicht des Bekenntnisses - außer zum Metal selbst, natürlich. Moderne Kunst, so Arnold Gehlens berühmter Satz, sei kommentarbedürftig, also: verkopft. Ist es ein Zufall, dass im Metal Headbanging praktiziert wird?"

Weitere Artikel: Für The Quietus erinnert sich David Sylvain an die Zusammenarbeit mit Holger Czukay, die in zwei gerade wiederveröffentlichte Alben resultierte. Christoph Dieckmann sprach für ZeitOnline mit King Crimson. Regine Müller berichtet im Tagesspiegel vom Grazer Festival "Styriarte". Besprochen werden das Debütalbum der Techno-Produzentin La Fraîcheur (Tagesspiegel), ein Auftritt von Pearl Jam (Berliner Zeitung) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Comeback-Album von Jazzanova (ZeitOnline).

Kunst

Liu Xiaodong, Out of Beichuan, 2010, © Liu Xiaodong


Die Düsseldorfer Kunsthalle zeigt die erste Retrospektive des chinesischen Künstlers Liu Xiaodong. Neben den Gemälden in der Kunsthalle gibt es einen zweiten Ausstellungsteil im NRW-Forum, die Fotos, Tagebuchnotizen und Filmdokumentationen des Malers und Filmemachers zeigt, berichtet in der FAZ Kerstin Holm, die nicht unbeeindruckt aus der Schau kommt: "Indem er die metaphysiklose Fragilität der Gegenwart beschwört, ohne Klage, aber auch ohne Ironie, knüpft Liu Xiaodong an die Klassiker des französischen Realismus an, freilich unter verstärktem Einsatz von schmutzig bunten Müllfarben. Nach dem Erdbeben in der Provinz Sichuan vor zehn Jahren porträtierte er eine Gruppe Mädchen mit vor Trauer schiefen Gesichtern vor dem Hintergrund ihrer von einer Lawine verschütteten Stadt. Dass die Häuserkästen auf dem mit nervösem Pinsel hingeworfenen Bild nicht durch kubistisch optisches Theater, sondern real durcheinandergewürfelt wurden, darin liegt sein naturalistisches Pathos." (Eine weitere Besprechung schreibt Bertram Müller auf RP online.)

Besprochen werden außerdem zwei den Bauhauskünstlern Anni und Josef Albers gewidmete Ausstellungen - in der Villa Hügel in Essen und in den Kunstsammlungen NRW in Düsseldorf (SZ) und eine Ausstellung von Loredana Nemes' Fotoserien in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel).