Efeu - Die Kulturrundschau

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08.05.2018. Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes - ohne Selfies auf dem Roten Teppich, ohne Harvey Weinstein und ohne Netflix. FAZ und Tagesspiegel ahnen die Falle, in die das Festival tappt. Der Standard diskutiert über Michael Köhlmeiers Brandrede im Wiener Parlament. Im Freitag erklärt Hannes Bajohr seine digital konzeptuelle Lyrik. Die FAZ weiß, warum die Franzosen so viel Undank in Belgien für ihr Museumsgeschenk ernten. Geschenke. Fashion is over, erkennt die taz, kein Mensch will heute mehr so aussehen wie die anderen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2018 finden Sie hier

Film



Heute beginnen die Filmfestspiele in Cannes. Selten war das Filmfestival im Vorfeld von so vielen Debatten überschattet, schreibt Verena Lueken in der FAZ: Selfies am Roten Teppich sind ab jetzt verboten, die Wettbewerbsfilme werden der Presse erst zeitgleich zur Gala-Premiere gezeigt, Lars von Trier kehrt als verlorener Sohn zurück, Jafar Panahi darf den Iran weiterhin nicht verlassen, dann ist dies das erste Jahr ohne Harvey Weinstein, der zu Cannes' umhätschelten Lieblingen zählte, überhaupt gibt es auch in diesem Jahr wieder nur drei Filme von Frauen im Wettbewerb, ob Terry Gilliams viele Jahre unter einem schlechten Mond stehende "Don Quijote"-Verfilmung tatsächlich das Festival abschließen wird, ist noch unklar, und, ach ja, das Thema Netflix gibt es ja auch noch: Festivalleiter Thierry Frémaux hat die Online-Videothek vom Wettbewerb ausgeschlossen, weshalb Netflix sich nun kurzerhand beleidigt zum Totalboykott des Festivals entschieden hat und also auch sehnlichst erwartete Filme wie die Rekonstruktion, bzw. Fertigstellung von Orson Welles unvollendet gebliebenem "The Other Side of the Wind" (mehr dazu hier) nicht an der Croisette zeigen wird. "Muskeln zeigen scheint die Parole auf beiden Seiten", meint Lueken dazu, "wobei das Kino vermutlich nicht den Sieg davontragen wird. ... Möglicherweise ist das Filmfestival dabei, die Bedeutung zu verlieren, die es so stur zu verteidigen sucht, indem es sich mit Ausschluss und Verboten gegen die Medienwirklichkeit unserer Tage abschirmt. Möglicherweise ist das die einzige Chance des Kinos auf ein Leben nach dem Tod."

Andreas Busche deutet im Tagesspiegel das Armdrücken zwischen Festival und Online-Streamer als Hinweis auf eine "Legitimationskrise": "Noch pilgern Hollywoods Größen an die Côte d'Azur (...), aber für die Studios ist Cannes längst kein Pflichttermin mehr. Die Festivals in Toronto und Venedig sind für die Oscar-Saison inzwischen wichtiger. So bleibt Cannes eigentlich nur noch der Mittelbau des US-Kinos; dummerweise wandern dessen Regisseure aber gerade massenweise zu Netflix und Amazon ab." Auch Tobias Kniebe (SZ) und Susanne Ostwald (NZZ) fassen die Debattenlage zusammen.

Außerdem: Mit der Entscheidung, keine Vorab-Pressevorführungen mehr zu zeigen, "hat sich das Festival geschadet, noch bevor Jurypräsidentin Cate Blanchett überhaupt ihres Amtes walten kann", kommentiert Daniel Kothenschulte in der Berliner Zeitung. Offenbar wolle das Festival "die Berichterstattung kanalisieren. Ob es etwa daran liegen kann, dass man sich bei der Qualität diesmal nicht ganz so sicher ist?" Das Kino ist "eine erwachsene Kunst", unterstreicht Thierry Frémaux im Gespräch mit Frédéric Jaeger mit der Berliner Zeitung. David Steinitz erinnert daran, wie Jean-Luc Godard und François Truffaut vor 50 Jahren mit ihrem politischen Protest die Filmfestspiele zum Abbruch zwangen.

Jenseits von Cannes: Für die taz spricht Stefan Reinecke mit der Filmemacherin Alice Agneskirchner über deren Dokumentarfilm "Auf der Jagd: Wem gehört die Natur?". Marisa Buovolo schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Regisseur Ermanno Olmi.

Besprochen werden Eric Friedlers vom Ersten (zeitweise) online gesteller Dokumentarfilm "Von Siegern und Verlierern" über die "Eis am Stiel"-Filmreihe (FR), die vierte Staffel der Serie "Weißensee" (taz), Sonia Kronlunds Dokumentarfilm "Meister der Träume" über den afghanischen Filmstar Salim Shaheen (Tagesspiegel) und Sergei Loznitsas "Die Sanfte" (SZ, unsere Kritik hier).

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Design


Auf dem Flohmarkt zusammengekauft? Selbst geschneider? Herbst-Kollektionen von Y/Project und Vetements

"Fashion is over" annonciert Katrin Kruse, nie um eine originelle Sichtweise verlegen, in der taz. Die Grenzen zwischen Design und Trageweise, Konstruktion und Styling, Designer und Träger heben sich auf: "Würde es 'die Mode' noch geben, müsste man das sehen können. Genauer: Man müsste sehen können, dass 2018 ist. In der U-Bahn, in Konferenzräumen, auf Redaktionen und Wochenmärkten. Man sieht es aber nicht. Hinweise gibt es, Sprengsel. Es gibt noch Trends, meist in Form von Trageweisen oder Stylingthemen, die eher lokal sichtbar sind. Aber 'die Mode', dieses große 'Trägt man das jetzt so?' gibt es nicht mehr. Was einerseits am Tempo liegt. ... Zugleich sind die 'neuen Kollektionen' nicht anders genug, um wirklich neu zu sein. Vor allem aber ist es so: 'Die Mode' setzt die Lust voraus, etwas mit den anderen gemeinsam zu haben - das ist die Idee vom Zeitgeist, vom Capter l'air du temps. Nur: Man will heute nicht mehr so aussehen wie die anderen. Der Mode sind quasi ihre Bedingungen abhandengekommen."

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Stichwörter: Fashion, Mode, Tempers

Kunst

Jürg Altwegg berichtet in der FAZ, wie undankbar die Belgier auf das Musée Kanal reagieren, das ihnen die Franzosen als Zweigstelle des Centre Pompidou in einer alten Citroen-Fabrik im Brüsseler Molenbeek errichtet haben. Dirk Snauwaert, Direktor des Musée Wiels, erklärte kürzlich im Interview mit der SZ (unser Resümee), warum dies für ihn nur ein weiteres "Projekt einer weltumspannenden Kulturindustrie" ist und hier nur "Ramsch in Außenstellen" gezeigt werde. Für Altwegg grenzt das "an Verleumdung. Natürlich ist Brüssel im Vergleich zu Abu Dhabi und der nordfranzösischen Stadt Lens, in denen der Louvre Zweigstellen eröffnet hat, keine kulturelle Wüste. Aber manchmal hat man doch den Eindruck, dass Brüssel etwas Unterstützung durchaus guttun könnte."

Besprochen werden die Schau, die das New Yorker Whitney Museum Grant Wood widmet, dem Maler des ikonischen "American Gothic" (FAZ) eine Ausstellung der Fotografin Amélie Losier im Berliner Haus am Kleistpark, die Frauen in Ägypten porträtiert (taz), eine Schau dänischer Malerei im Pommersche Landesmuseum Greifswald (Tagesspiegel), eine Ausstellung des ghanaischen Künstlers Ibrahim Mahama in der Berliner DAAD-Galerie (Tagesspiegel).

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Archiv: Kunst

Bühne

Dorion Weickmann meldet in der SZ, dass sich das Wolfsburger Tanzfestival Moviementos eine neue Heimat suchen muss, da das alte VW-Kraftwerk umgebaut werden muss. Katrin Bettina Müller berichtet in der taz vom Berliner Theatertreffen, wo sich Frank Castorf von seinen Anhängern umjebeln ließ und Karin Henkel den Theaterpreis erhielt. In der Nachtkritik schreibt als Gastautorin Katja Berlin vom Theatertreffen über Karin Henkels Zürcher Inszenierung "Beute Frauen Krieg".

Besprochen werden die Digitalisierungskomödie "Die Mitwisser" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), die Reihe "Stimmen der Stadt" mit Wilhelm Genazino, Olga Grjasnowa und Teresa Präauer am Schauspiel Frankfurt (FR) und Ibsens "Nora" in Wiesbaden (FR).
Archiv: Bühne

Musik

Sehr sympathisch findet taz-ler Julian Weber das Festival Femua an der Côte d'Ivoire: Der Zugang ist gratis, über die Live-TV-Übertragung auf zahlreichen Kanälen sind Millionen von Menschen beim Event dabei. Womit sich auch die soziale Komponente des Festivals zeigt: "Jedes Jahr wird mit dem Erlös aus der TV-Übertragung eine neue Schule in Anoumabo errichtet. 'Un Femua, une école': Neun Einrichtungen gibt es bereits. ... 'Éducation' heißt nicht zufällig auch ein Song der ivorischen Künstlerin Dobet Gnahoré, die als Headlinerin spielt. Gnahoré lebt seit Langem in Frankreich. In Europa wird sie als 'Afro-Pop-Sensation' vermarktet, sich selbst sieht Gnahoré als ivorische Künstlerin. 'Kostenloser Schulbesuch muss für Kinder eine Priorität sein', sagt Gnahoré auf der Bühne und spielt den Rahmen einer Floor-Tom, bevor sie mit ihren Backgroundsängerinnen in ein raffiniertes Call-&-Response-Schema fällt." Hier Gnahorés Auftritt:



Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck berichtet in der SZ von einer von Michael Krüger geleiteten Münchner Diskussion zwischen Helmut Lachenmann und Beat Furrer, über deren Äußerungen Brembeck sich sehr ärgert: Lachenmann habe peinlich doziert, während Furrers negative Äußerungen über Beckett-Vertonungen "unverschämt" gewesen seien. Andreas Müller porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Schlagzeuger Oliver Steidle. Besprochen werden Brian Enos neues Album "Music for Installations" (Pitchfork) und ein Konzert von Daniel Behle (Standard).
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Literatur

Die Geschichte ist ein wenig an uns vorbei gegangen: Im Standard diskutieren Ronald Pohl (Pro) und Stefan Gmünder (Contra), ob sich der Schriftsteller Michael Köhlmeier mit seiner gepfefferten Rede am Freitag vor dem Wiener Parlament in die historische Reihe österreichischer Polemiker eingeschrieben hat. Köhlmeier hatte vor allem die FPÖ scharf attackiert und vor allem ihr instrumentelles Verhältnis zum Judentum: "Es sei unglaubwürdig von der FPÖ, wenn sie sich als Beschützerin und Verteidigerin der Juden aufspiele und gleichzeitig die rechtsextreme 'Aula' unterstütze, in der befreite Häftlinge des Konzentrationslagers als 'Landplage' bezeichnet wurden. 'Wer das glaubt, ist ein Idiot, oder er tut so, als ob, dann ist er ein Zyniker', so Köhlmeier."

Hannes Bajohr
nimmt das mit der Digitalisierung der Literatur beim Wort: In seinem neuen Buch "Halbzeug" fragmentiert er unter anderem Klassiker der Literatur mittels Computeranweisungen. Dabei geht es ihm um "digital konzeptuelle Lyrik", sagt er im Freitag-Gespräch mit Jan C. Behmann. Er möchte den Realismus des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert endlich überwinden: "Meine Frage war: Gibt es Literatur, die das Digitale auch auf der Darstellungsebene reflektieren kann? 'Halbzeug' wäre mein Versuch, diese andere Darstellungsweise zu finden. Und das eben durch die digitalen Werkzeuge und die konzeptuelle Sensibilität, das heißt ein Bewusstsein für die Allverfügbarkeit von Text und ein zum Coding analoges Verständnis von Literatur. ... Dazu gehört, dass die großen Authentizitätsgesten, der Blickwinkel des Selbsterlebthabens zurückgestellt wird zugunsten einer Arbeitsweise, die sich die Texte anderer aneignet und sie bearbeitet, oder sie eben den Computer generieren lässt. Dass damit der Autor weder tot noch verschwunden ist, sollte trotzdem klar sein: Ich konstruiere immer noch die Konzepte, die den Texten zugrundeliegen, und wähle aus, was ich veröffentliche oder nicht."

Auf Tell zeigt sich Michael Braun von solchen Experimenten weder begeistert, noch überzeugt: "Der Vergnügungswert dieser simplen Collagetechniken ist denkbar gering. In dieser tristen neuen Welt der digitalen Literatur ist die Phantasie überflüssig geworden. Wenn diese algorithmengestützte Literatur mit ihren mauen Wörterlisten und blassen Collagen Schule macht, dürfen wir uns auf ein Zeitalter der Ödnis einstellen."

Weitere Artikel: In der NZZ stellt Manuel Müller den Schriftsteller Hernán Ronsino vor, der als "Writer in residence" Zürich besucht. Der Standard erinnert an streitbare Reden berühmter Schriftsteller. Dietmar Dath schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schriftsteller Günter Herburger, Anja Röhl schreibt in der Jungen Welt. Thomas Steinfeld (SZ) und Ulrich Rüdenauer (ZeitOnline) schreiben zum Tod des Schriftstellers Ludwig Harig.

Besprochen werden unter anderem Joan Didions "Süden und Westen. Notizen" (Tagesspiegel), Liao Yuwas "Meine lange Flucht aus China" (FR), David Schalkos "Schwere Knochen" (Tagesspiegel), Antonia Kühns "Lichtung" (Tagesspiegel), Kathrin Schmidts Gedichtband "waschplatz der kühlen dinge" (NZZ), Frank Schätzings "Die Tyrannei des Schmetterlings" (Zeit), Ralf Rothmanns "Der Gott jenes Sommers" (SZ) und John Steinbecks "Logbuch des Lebens" (FAZ).

Archiv: Literatur

Architektur


Riken Yamamotos Entwurf des Circle am Flughafen Zürich.

Ulf Meyer interviewt in der NZZ den japanischen Architekten Riken Yamamoto, der am Flughafen Zürich einen riesigen Komplex aus Büros, Hotels und Konferenzzentren baut. Ziemlich unbeeindruckt zeigt sich Yamamoto von Kritik, etwa von Rem Koolhaas, der nicht wusste, wie Meyer zitiert, welche Vorstellung furchterregender sei: dass das Projekt funktioniere oder dass es nicht funktioniere: "Wie in den alten Städten der Schweiz sollen auch hier die Räume flexibel nutzbar sein. Wir wollen eine Altstadt mit neuer Technik auf mehr als 270 000 Quadratmetern Fläche schaffen. Die Dichte ist beim 'Circle' sehr hoch, kann aber Geborgenheit vermitteln. 'The Circle' ähnelt einer japanischen Metropole: Die große Form entsteht aus lauter kleinen Elementen."

Besprochen wird die aus Frankfurt übernommene Ausstellung "SOS Brutalismus" im Architekturzentrum Wien (Standard).

Archiv: Architektur