Efeu - Die Kulturrundschau

Gestaltungsanspruch röhrender Hirschen

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25.08.2017. Erschütternd finden taz und nachtkritik Dorotheé Munyanezas Stück über den Genozid in Ruanda beim Berliner Tanz im August. Die SZ schaut hoffungsvoll zu, wie sich Theater und Virtual Reality annähern. Der Tagesspiegel sinniert über Blasphemie in Pop und Rock. Die Kritiker loben Vielfalt und politsche Relevanz beim Berliner Pop-Kultur. Das art-magazin staunt, wie Charles Pollock nach dem Tod des berühmten Bruders aufblühte. Und NZZ und SZ ärgern sich über Bausünden in Wien und Fürholzen.

Bühne


Bild: Szene aus "Unwanted" Foto: Christophe Raynaud de Lage


Erschüttert kommt Nachtkritikerin Elena Philipp aus Dorotheé Munyanezas Stück "Unwanted" beim Berliner Tanz im August, das die Vergewaltigungen während des ruandischen Genozids thematisiert. Wenn vom Tonband überlebende Tutsi- und Hutufrauen von den erlebten Massenvergewaltigungen erzählen, Munyaneza dazu tanzt und singt, erlebt Philipp jene Dringlichkeit, die sie in der Co-Performance der Sängerin, Klarinettistin und Vokalkünstlerin Holland Andrews vermisst: "Wenn Andrews Opernartiges anstimmt und den Ton gurgelnd in der Kehle erstickt, wenn sie den Sound einer E-Gitarre schrill verzerrt oder sanfte Klarinettenklänge mit einem dräuenden Bass unterlegt, wirkt das manchmal plakativ. Ist es nicht eine Form einfühlender Vereinnahmung, wenn europäisch Klingendes auf die brutalen Schilderungen aus Afrika trifft - vor allem, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass es die deutschen und belgischen Kolonialmächte waren, die mit ihren herrschaftstaktischen rassistischen Ethnologien die extreme Feindschaft von Hutu und Tutsi überhaupt erst begründeten?"

"Mehr lässt sich kaum aushalten", meint auch Astrid Kaminski in der taz: "Die kurzen, ruhigen Berichte der Frauen, werden sparsam eingesetzt und gerade darum ist es umso unerträglicher, dass jeder Bericht eine neue Facette der Gewalt beinhaltet. Ein 15-jähriges Mädchen, vor dessen Augen die ganze Familie ermordet, deren Mutter lebend in Brand gesteckt und gleichzeitig durchschossen wurde, muss das Kind des Täters austragen - ein anderes Mädchen wurde zu oft vergewaltigt, um den Vater auszumachen - eines, das, selbst vergewaltigt, ansehen musste, wie Frauen und deren kleine Töchter gleichzeitig den Grausamkeiten ausgesetzt waren."

Die Annäherung zwischen Theater und der Technik der Virtual Reality hat noch ordentlich Luft nach oben, stellt SZ-Kritiker Philipp Bovermann fest, aber erste, vielversprechende Anfänge sind gemacht. Etwa beim von Brando Janack gemeinsam mit den "CyberRäubern" inszenierten Stück "Der Geisterseher" von Friedrich Schiller beim Kunstfest Weimar: "Es ist ein Bruch mit heiligen Kühen des Theaters, den die 'CyberRäuber' inszenieren: Gegen die Einmaligkeit von Aufführungen setzen sie gespenstische Räume außerhalb der Wirklichkeit, die man auf einem USB-Stick mitnehmen kann; gegen das öffentliche Happening die private Erfahrung hinter der VR-Brille. Aber es (öffnen) sich auch Möglichkeiten des Fortschreibens und Erweiterns von Aufführungen, anstatt diese zu ersetzen."

Weitere Artikel: Wenig erhellend findet Jens Fischer in der Nachtkritik Peter Heilers Oldenburger Inszenierung von Edoardo Erbas Stück "Utøya", das nicht weniger will, als den Fall Anders Breivik aus der Perspektive der Opfer zu erzählen und die Frage stellt: Wieviel Breivik steckt in uns allen? Aber: "Die Terror- und Rechtsradikalismusdebatte verkommt zur spannungsfördernden Folie der verbalen Pärchen-Balgerei." Nach einer gelungenen Jedermann-Inszenierung durch Bettina Hering in Salzburg - "ganz ohne weihrauchduftende Frömmelei" ist die Neuregelung der Jedermann-Frage für Ronald Pohl im Standard noch nicht beantwortet: "Warum nicht nach Paris wallfahrten (Handke) oder nach Wien-Hütteldorf (Jelinek)? Die Statur des Schauspiels in Salzburg wird man letztlich daran messen, ob man die richtigen Fragen - wie die nach der Macht - nicht auch anders stellen kann." In der FAZ gratuliert Simon Strauss dem Bühnenkünstler und Kostümbildner Jürgen Rose zum Achtzigsten.

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Musik

Bei der Berliner Pop-Kultur ist die israelische Musikerin Riff Cohen aufgetreten, deren mit 500 Euro von der israelischen Regierung bezuschusste Reise nach Deutschland der BDS-Boykott-Kampagne viel Wind wert gewesen ist. SZ-Kritikerin Juliane Liebert hatte ihre Freude an dem Konzert: Sie "kommt auf die Bühne in Jeans und schwarzem T-Shirt, über dem sie einen Glitzer-BH trägt. Ein lustiger Kompromiss aus leger und sexy. Sie verliert kein Wort zur Debatte, schüttelt ihren Bob, als würde er brennen, und spielt mit einer Freude, die sagt: Dann tret' ich halt für die anderen mit auf." Dass das Festival durch die, auch laut Jens Balzer im Deutschlandfunk Kultur "im Kern antisemitische", Boykottkampagne einen Imageschaden davon tragen könnte, glaubt Gerrit Bartels im Tagesspiegel nicht: "so vielfältig ist es, so sehr bemüht es sich mit seinen Gesprächsrunden nicht zuletzt um politische Relevanz und lässt zum Beispiel den Zusammenhang von Kunst und Globalisierung diskutieren." Ein Panel zum Thema "BDS" fände er allerdings wünschenswert. Für die Berliner Zeitung flaniert Tobi Müller über das Festivalgelände in der Kulturbrauerei. Kristof Schreuf war für die taz bei Shirley Collins' Konzert. Sarah Pepin empfiehlt in der Berliner Zeitung die flankierende Ausstellung von Roland Owsnitzkis Pop-Fotos.

Bei der "Queen Sonja International Music Competition" gewann der Tenor Seungju Bahg, berichtet Jürgen Kesting in der FAZ. Der "lyrische Tenor mit einer schlanken, leicht bläserhaften Stimme, machte großen Eindruck, als er in der Arie 'Salut, demeure chaste et pure' aus dem 'Faust' von Charles Gounod die Phrase 'Où se devine la présence' nicht nur auf einem Atem bildete, sondern die Zielnote, das hohe C, zu einem prächtigen Pianissimo diminuierte."

Nach dem zum Glück vereitelten Anschlag religiöser Spinner auf das Rotterdamer Konzert der Band The Allah-Las führt Christian Schröder im Tagesspiegel durch eine kurze Kulturgeschichte der Blasphemie in Pop und Rock: "Ketzerisch ist der Rock 'n' Roll schon deshalb, weil es sich bei ihm um eine polytheistische Religion handelt. Seit Jimi Hendrix bietet sein Himmel Platz für viele Gitarrengötter." In dieser Playlist kann man nachvollziehen, wie zum Gotterbarmen harmlos (aber auch sehr schön) der Neo-60s-Sound der Band ist, der Islamisten zum Äußersten treibt:



Weiteres: In London besuchte Max Nyffeler für die NZZ eine Tagung darüber, wie sich Orchester fit fürs digitale Zeitalter machen wollen. Stefan Müller erinnert in der taz die Radioshow "BBBC", die vor 25 Jahren in Deutschland gestartet ist (auf Mixcloud werden nach und nach alte Radioshows aus dem Programm hochgeladen). Ab heute überträgt das Berliner Datscha-Radio fünf Tage lang Kleingarten-Klangkunst, berichtet Rebecca Barth in der taz. In der taz würdigt Klaus Walter James Brown, dem James McBride eine neue Biografie gewidmet hat. Mixcloud bietet dazu den passenden Soundtrack:



Besprochen werden drei von Sir John Eliot Gardiner dirigierte Monteverdi-Opern beim Lucerne Festival (NZZ), das neue Album von Grizzly Bear (Tagesspiegel), EMAs Album "Exile in the Outer Ring" (Standard), das Comeback-Album "20 Songs for 20 Years" von Arab Strap (taz) und neue Popalben, darunter das neue Album von Iron & Wine  (ZeitOnline). Das aktuelle Video daraus:

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Literatur

Für die SZ-Sommerreihe über die Land- und Sommerhäuser berühmter Schriftsteller hat Joseph Hanimann Jean Cocteaus Landsitz besucht. Die FAZ hat Hannes Hintermeiers Artikel über die Abwicklung des A1-Verlags in München online nachgereicht. Judith von Sternburg staunt in der FR beim Durchblättern alter Taschenbuchausgaben, zu was für ganzen Sätzen Werbung in früheren Jahrzehnten noch befähigt war.

Besprochen werden Michael Roes "Zeithain" (SZ), Christoph Höhtkers "Das Jahr der Frauen" (NZZ), Joseph Andras' "Die Wunden unserer Brüder" (FR) und Leonhard F. Seidls Kriminalroman "Fronten" (Welt).

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Architektur


Donau City mit DC Tower 1. Bild: Robert F. Tobler, Wikimedia Commons, unter CC-BY-SA 4.0-Lizenz

Auch Wien hat mit dem neuen Stadtzentrum Donau City sein Baudesaster, berichtet Reinhard Seiss in der NZZ. Leerstände in Hans Holleins Saturn Tower, architektonische Willkür auch bei Dominique Perraults überproportional hohem DC Tower 1, dessen kleinerer Zwilling bis heute nicht fertig gestellt ist: "Unbestreitbar ist aus der Donau City ein Exempel geworden, nämlich für das Unvermögen des Immobilienmarkts, sich selbst zu regulieren, sowie seinen Unwillen, auch nur ansatzweise so etwas wie Stadt zu schaffen. Auch der DC Tower wird seiner Rolle als Landmark gerecht: im Sinn eines Monuments einer haltungslosen, verantwortungslosen Planungspolitik. So gesehen ist es gar nicht schlecht, dass der Turm weithin wahrnehmbar ist."

"Fast alles wie gestern, nur größer", meint SZ-Kritiker Gerhard Matzig enttäuscht nach einem Besuch bei der "Tankstelle der Zukunft" in Fürholzen: "Der Flächenverbrauch ist so grotesk umweltschädlich, dass die paar Photovoltaikelemente auf dem Dach der nach außen hin elegant wirkenden Anlage wie Hohn wirken. Im Inneren übrigens wurden die Planungen der Architekten übergangen. Zu sehen ist nun der übliche Verhau aus dem Baumarkt-Fundus. Tankstellen sind schon lange Fastfood-Betriebe und Shoppingmalls. In diesem Fall mit dem lichttechnischen Gestaltungsanspruch röhrender Hirschen."
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Kunst


Bild: Charles Pollock, Untitled [Post-Rome] blue green black, 1964, Öl auf Leinwand, 152,5 x 152,5 cm, Charles Pollock Archives, Paris. Foto: Charles Pollock Archives


Im art-magazin freut sich Markus Clauer, dass die Ausstellung "Pollock der Ältere" in Kaiserslautern als erste deutsche Schau die "vergrübelten kalligrafische Werke und vibrierenden Farbfelder" des zehn Jahre älteren Pollock-Bruders Charles  zeigt. Etwa die Serie "Black und Grey", die nach dem tragischen Unfall von Jackson Pollock entstand und deren "Farbpalette von Trauer wie verdüstert" scheint: "Langsam erst gewinnt die Farbe dann das Übergewicht.  Aber auf einmal leuchtet es wie bei Matisse auf Charles Pollocks großformatigen Gemälden und zeichnerischen Capriccios, die im während seines Rom- und Europa-Aufenthaltes in den Sinn und auf die Leinwand kommen. Die Formen treten zurück. Wie befreit scheint der Maler zu sein. Auch von der Last des berühmten Bruders?"

Im Tagesspiegel schaut Susanne Güsten neugierig bei den Vorbereitungen zur 15. Istanbul Biennale zu, die von dem Künstlerduo Elmgreen und Dragset kuratiert wird. Nach einigen Gesprächen habe man sich entschlossen, das Mandat trotz des Putschversuchs anzunehmen, so die Kuratoren: "'Natürlich ist es nicht ideal, dass es hier nicht die westliche Auffassung von Meinungsfreiheit gibt', sagt Elmgreen. 'Aber wenn Kunst nur in Demokratien westeuropäischen Standards möglich wäre, könnte sie nur in wenigen Ländern stattfinden.'"

Dem Museum on the Seam in Jerusalem droht die Einstellung der Zuschüsse durch die Verlegerfamilie Holtzbrinck, meldet Susanne Knaul in der taz, man wolle nun verstärkt in den Jugendaustausch investieren. Schade um das Haus, das es wagte, arabische Künstler zu zeigen, meint Knaul, auch mit Blick auf die aktuelle Ausstellung "Though Shalt Not", die sie sich gemeinsam mit Museumsdirektor Raphie Etgar angesehen hat: "Etgar ist sichtbar stolz auf die aktuelle Sammlung, die 'viele Feministinnen' aus dem ultraorthodoxen Sektor zeigt und sogar Künstler aus dem benachbarten Viertel Mea Schearim, wo die Frömmsten der Frommen im Land leben. Parallel sind weltliche und erklärtermaßen antireligiöse Künstler zu sehen, die Szenen aus dem Alten Testament zum Thema machen. 'Teilen' ist Etgars Zauberwort für das friedliche Miteinander zwischen Juden und Arabern, Frommen und Weltlichen."


Bild: Anton Vidokle, Immortality and Resurrection for All!, 2017. Filmstill


Weiteres: Für den Tagesspiegel hat sich Simone Reber mit dem Künstler Anton Vidokle getroffen, dessen Filmtrilogie über den russischen Kosmismus demnächst im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist.

Besprochen werden die Wiener Ausstellung "Tidalectics" der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, die sich mit unserer Beziehung zum Meer beschäftigt - ziemlich "seicht", meint Roman Gerold im Standard, eine Zürcher Ausstellung zu indischen Frauenbildern aus vier Jahrhundert - ein "kleines Juwel", meint Maria Becker in der NZZ und die Baden-Badener Ausstellung "Lightboxes" des kanadischen Fotokünstlers Rodney Graham (FAZ).
Archiv: Kunst

Film


Diane Kruger in Fatih Akins "Aus dem Nichts"

Zum Glück keine Nazis und keine DDR, atmet Hanns-Georg Rodek in der Welt auf: Mit seinem Terroristendrama "Aus dem Nichts" (das dann aber doch lose mit den NSU-Morden zusammenhängt) geht Fatih Akin ins Rennen um eine Nominierung für den Auslands-Oscar (hier unser Pressespiegel zur Cannes-Premiere des Films). Marius Nobach verneigt sich im Filmdienst vor dem rumänischen Schauspieler Vlad Ivanov. Die FAZ hat Juliane Lorenz' Plädoyer für mehr Produzentenförderung in Sachen Filmrestaurierung online nachgereicht.

Besprochen werden Călin Peters auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnetes Beziehungsdrama "Ana, mon amour" (Tagesspiegel, Welt), Valeska Grisebachs "Western" (FR, Welt, Zeit, unsere Kritik hier), Lucas Belvaux' Satire "Das ist unser Land!" über den Front National (Tagesspiegel), das Historiendrama "Tulpenfieber" mit Christoph Waltz und Alicia Vikander (SZ, Welt, Tagesspiegel, Standard) und die Agentenfilmsause "Atomic Blonde" mit Charlize Theron (Berliner Zeitung, Welt).
Archiv: Film
Stichwörter: Fatih Akin, Satire, Nsu-Morde